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"Für mich war er in Dortmund ein besserer Spieler"

"Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi.“

Diese Worte flüsterte Bundestrainer Joachim Löw seinem Schützling Mario Götze vor seiner Einwechslung im WM-Finale 2014 ins Ohr. Der Rest ist Geschichte. Dessen Tor in der 113. Minute besorgte Deutschland den heiß ersehnten vierten Stern.

Dem Goldjungen sollte eine rosige Zukunft bevorstehen. Götze sollte diese Spielzeit endgültig in neue Sphären vorstoßen, seinem Ruf als deutsches Jahrhunderttalent gerecht werden.

Monate später ist davon nicht mehr viel zu sehen und hören.

Der 22-Jährige ist noch immer weit davon entfernt, dem Spiel bei Bayern seinen Stempel aufzudrücken. Dem nicht genug, steht er zudem vermehrt im Kreuzfeuer der Kritik.

„Es wird Zeit, dass er langsam erwachsen wird", verlor „Kaiser“ Franz Beckenbauer nach der 0:3-Pleite im Champions-League-Semifinal-Hinspiel (Rückspiel heute, 20:45 im LAOLA1-LIVE-Ticker) die Geduld.

Strauchelt der einstige Goldjunge in der vielleicht wichtigsten Phase seiner Karriere? So schnell sein kometenhafter Aufstieg vonstattenging, so schnell besteht nun die Gefahr, zum ewigen Mitläufer zu mutieren.

Kometenhafter Aufstieg

Nach seinem Debüt 2009 etablierte sich Götze in der Saison 2010/2011 innerhalb kürzester Zeit zum Stammspieler bei Borussia Dortmund. Am Ende des Jahres folgte die Auszeichnung mit dem renommierten „Golden Boy“ der italienischen Zeitung „Tuttosport“ als bester U21-Spieler Europas.

Halb Europa jagte ihn, letztlich wechselte er im Sommer 2013 innerhalb Deutschlands zum verhassten Erzrivalen aus München. Bayerns Vorstand Matthias Sammer hatte ihn zuvor als „Jahrhunderttalent“ geadelt.

Götze selbst hatte ein klares Ziel vor Augen: "Ich wollte das so - aus Überzeugung. Ich will beim FC Bayern den nächsten Schritt in meiner Karriere machen.“ Vor allem die Aussicht auf eine Zusammenarbeit mit Startrainer Pep Guardiola galt als eines seiner Hauptmotive.

Zweite Wahl

Dieser sollte den Diamanten schleifen, ähnlich wie Messi in Barcelona. Doch beidseitig schien diese Wertschätzung nie zu sein.

Noch während der Saison kam heraus, dass der Katalane lieber Neymar geholt hätte.

Nicht für, sondern gegen Bayern: Neymar

Uli Hoeneß erklärte die Ausgangslage: „Guardiola hatte gewisse Vorstellungen, einen jungen brasilianischen Spieler zu kaufen. Aber wir waren in der Vergangenheit nicht so gut gelegen mit jungen Brasilianern. Wenn du dann einen holst, der 20 oder 30 Millionen Euro oder mehr kostet, dann ist es extrem schwierig. Wir haben es im Fall Breno erlebt.“ Ein ähnlicher Spielertyp musste aber her: „Dann sind wir auf Mario Götze gekommen.“

Guardiola bekam also nicht Wunschspieler Neymar, sondern musste mit dem ihm von den Bayern-Verantwortlichen ans Herz gelegten Götze vorliebnehmen.

Dieser spielte zwar eine solide Debüt-Saison, er kam auf 20 Startelfeinsätze in der Bundesliga, doch in den entscheidenden Spielen, wie in beiden CL-Semifinal-Spielen gegen Real Madrid, saß er zunächst nur auf der Bank. Nach dem Transfer schien er auch auf dem Spielfeld nur Guardiolas zweite Wahl zu sein.

WM-Run hält nicht lange an

Die WM sollte dies ändern. Hinweggesehen wurde darüber, dass Götze bis zur besagten 113. Minute im Turnierverlauf kaum in Erscheinung trat: Wer sein Land zum WM-Titel schießt, dem ist die Heldenrolle sicher.

Götze schießt Deutschland zum WM-Titel

Der Goldjunge sollte zu neuen Ufern aufbrechen. Und es schien tatsächlich zu klappen.

Götzes Saisonstart verlief hervorragend. Er traf in den ersten 12 Bundesliga-Spielen stolze sieben Mal und war nicht mehr aus der hochkarätigen Startelf wegzudenken. Der lang ersehnte Durchbruch schien zu gelingen. Doch es sollte wieder nur - wie davor - bei guten Ansätzen bleiben.

Ende Oktober folgte der Einbruch des 22-Jährigen, er konnte die beeindruckenden Leistungen zu Saisonbeginn kaum noch bestätigen.

Da bot sich zu Beginn der Rückrunde eine neue Chance. Franck Ribery fiel aufgrund einer Muskelverletzung aus, wenig später folgte sein kongenialer Flügelzangenpartner Arjen Robben.

Alles andere als ungünstige Rahmenbedingungen für einen der übrig gebliebenen Kreativgeister.

Der Ton wird rauer

Götze konnte jedoch auch diese Chancen nicht nutzen und brachte alles andere als überzeugende Leistungen.

Wurde ihm die solide, für einen 37-Millionen-Mann und einen der Großverdiener (kolportiert werden ca. 9-10 Mio. Euro/Jahr) aber alles andere als überragende Debüt-Saison noch in dubio pro Eingewöhnungszeit nachgesehen, scheint die Zeit des Welpenschutzes für den 22-Jährigen nun vorbei zu sein.

Der Ex-Dortmunder Jürgen Kohler attestierte im „kicker“: „Ich muss ganz offen sagen: Mario Götze gefällt mir in München gar nicht. Seine Torquote mag stimmen, aber mir fehlt seine Spielfreude, mir fehlen die herausragenden Aktionen. Für mich war er in Dortmund ein besserer Spieler.“

Braucht Götze mehr Streicheleinheiten?

"In Dortmund haben sie ihn umarmt, gestreichelt und geküsst. Diese Art von Wärme gibt es bei Pep Guardiola aber nicht", so der deutsche Rekordnationalspieler, der anschließend ein vernichtendes Urteil fällt: „Nach fast zwei Jahren in München muss man sagen: Der Wechsel zum FC Bayern kam für Götze zu früh.“

Prompt machten einen Monat später erste Rückkehr-Gerüchte die Runde, denen BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke aber in der „WAZ“ schnell eine klare Absage erteilte: „Das ist völlig unrealistisch. Schauen Sie sich das Gehaltsniveau von Bayern und von Dortmund an. Ein Blick - und Sie kennen die Antwort."

Kann Götze die Erwartungshaltung erfüllen?

Immerhin stellt sich in dieser schwierigen Lage der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge vor den Youngster: „Es ist unsere Verpflichtung, diesen Jungen jetzt in einer nicht einfachen oder schwierigen Situation zu unterstützen. Das tun wir.“

Ein Rückhalt, den Götze gut gebrauchen kann, steht er wohl am Scheideweg seiner Karriere. Das Jahrhunderttalent muss endlich seinem Namen gerecht werden.

Möglichkeit dazu könnte er ausgerechnet im heutigen CL-Semifinal-Rückspiel gegen den FC Barcelona bekommen (20.45 im LAOLA1-LIVE-Ticker).

Robben und Ribery verletzt, drei Tore im Rückstand – eine Götze-Gala wäre da dringend benötigt.

Jedoch lässt sich Coach Guardiola nicht in die Karten blicken, bringt aber zumindest lobende Worte über seinen Schützling hervor: „Ich kann mich über seine Leistung nicht beklagen. Er ist ein junger Spieler, sein Potential ist groß. Ich bin zufrieden, sein Trainer zu sein.“

Ganz überzeugt klingt das aber nicht. Es scheint eine gewisse Portion Zweifel mitzuschwingen, die Götze wohl nur mit den von ihm erwarteten Höchstleistungen beseitigen kann.

Am besten gleich gegen Barcelona.

 

Andreas Gstaltmeyr

Einen Monat später folgte besagte Beckenbauer-Kritik bei „sky“: „Manchmal kommt er mir in seinen Bewegungen wie ein Jugendspieler vor, der Zweikämpfe verliert und stehen bleibt. Das passt natürlich nicht zum FC Bayern. Es wird Zeit, dass er langsam erwachsen wird.“

Selbstinszenierung nicht gerade förderlich

Sowohl auf als auch abseits des Platzes. Denn gerade Letzteres steht vermehrt in der Kritik. Instagram, twitter, facebook – überall ist Götze vertreten. Er liebt die Selbstvermarktung und -inszenierung (Ironischerweise wie der damals abgelehnte Neymar).

Das mag in erfolgreichen Zeiten gut ankommen, doch läuft es wie momentan schlecht, sieht das manch Verantwortlicher und Fan alles andere als positiv. Kein Wunder, dass dann ganz schnell eine an und für sich harmlose Unterhaltung mit seinem Freund Marc-Andre ter Stegen nach Spielende gegen Barcelona als mangelnde Einstellung ausgelegt wird.

Zu sehr steht sein sportliches Tief im Vordergrund. Er solle sich mehr auf seine sportlichen Leistungen konzentrieren, lautet der Grundtenor.

Lothar Matthäus fasste in der „Bild“ zusammen: "Dem großen Talent scheint oft seine Persönlichkeit im Weg zu stehen."

Der sensible Götze

Zudem dürfte der sensible Götze die familiäre Atmosphäre bei Stammklub Dortmund vermissen.

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