Di Matteo: Vom Fleischhauer zum CL-Sieger?

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Bei Roberto di Matteo deutete relativ wenig auf eine große Fußballer-Karriere hin.

Eigentlich gar nichts.

Vor allem nicht im Jahr 1986, als der damals 16-Jährige eine ganz andere Laufbahn einschlagen wollte.

Kurzes Gastspiel als Fleischhauer

„Ich habe das noch nie jemanden gesagt, aber ich fing eine Lehre als Fleischhauer an“, erklärte der gebürtige Schweizer erst kürzlich im Magazin „FourFourTwo“.

Funktioniert hat das „Experiment“ aber gerade einmal drei Wochen.

Dann kam in di Matteo das Gefühl hoch, dass er das nicht sein ganzes Leben lang machen könne.

Geschweige denn wolle.

Spätzünder

Was er wollte, war Fußball spielen. Fußball leben. Jeden Tag gegen das runde Leder treten.

Mit 18 biss er sich letztlich in der Kampfmannschaft des FC Schaffhausen fest.

Auch, weil er den Anderen schon in jungen Jahren einiges voraushatte, wie sich sein Jugendtrainer René Ott erinnert.

„Schon damals war seine herausragende Spielintelligenz zu sehen. Aber er war ein bescheidener, scheuer Junge.“

Erst mit Anfang 20 wurde der Spätzünder selbstbewusster, erklärte mit voller Überzeugung, dass er einmal für die italienische Nationalelf auflaufen würde.

Für Abramovich wäre der CL-Titel der größte Traum

Milton Keynes als Sprungbrett

2008 holte ihn Milton Keynes aus der Versenkung und gab ihm die Möglichkeit, erstmals als Cheftrainer zu arbeiten.

Zwar verpassten die Dons knapp den Aufstieg in die zweite Liga, West Bromwich wurde aber auf di Matteo aufmerksam.

Mit dem Klub von Paul Scharner stieg der Italiener schon im ersten Jahr in die Premier League auf und sorgte auch dort anfangs für Überraschungen.

„Er ist ein sehr angenehmer Mensch“, erinnert sich Scharner zurück, „bei ihm liegt in der Ruhe die Kraft.“

AVB holt RDM

Allerdings musste di Matteo Birmingham nach zehn Spielen ohne Sieg im Februar 2011 verlassen – im Nachhinein eine glückliche Fügung des Schicksals.

Di Matteo wurde nämlich im Sommer von Neo-Chelsea-Coach Andre Villas-Boas gefragt, ob er nicht im Trainerteam mitarbeiten wolle.

Und der einstige „Blues“-Star musste nicht lange überlegen.

Er war wieder zurück bei seinem Herzensklub, bei jenem Verein, wo er am meisten gefeiert und verehrt wurde. Sogar in Chelseas Jahrhundertelf wurde er gewählt.

Italien statt Schweiz

Und das, obwohl „Röbi“, wie er in der Schweiz genannt wird, immer noch für den Zweitligisten Schaffhausen kickte.

Aber er bahnte sich schnell den Weg in die große Fußballwelt.

Über den FC Zürich und den FC Aarau schaffte es di Matteo 1993 schließlich nach Italien, das Heimatland seiner Eltern.

Für das wollte er auch immer auflaufen, für die „Squadra Azzurra“ schlug sein Herz.

Der Schweizer Verband bemühte sich zwar redlich um di Matteo, letztlich aber vergebens. Selbst die Überredungsversuche seines Onkels brachten nichts.

„Die unterkühlte Schweizer Mentalität konnte ich nie verdauen“, sagte di Matteo einmal.

Wechsel zu Chelsea

Nur ein Jahr nach seinem Wechsel zu Lazio Rom feierte der Mittelfeldakteur sein Debüt für Italien, 1996 stand er dann im EM-Kader.

Nach der Endrunde in England blieb der 26-Jährige auch gleich auf der Insel, denn Chelsea lotste den Italiener nach London.

Was di Matteo damals nicht wissen konnte: Es sollte seine letzte Profistation werden.

Schwere Verletzung beendet Karriere

Im Jahr 2000 zog er sich ausgerechnet gegen den Schweizer Klub St. Gallen eine komplizierte Unterschenkelfraktur sowie einen zweifachen Wadenbeinbruch zu.

Sein Bein war zertrümmert, die Nerven wollten nicht richtig zusammenwachsen.

Di Matteo hatte sogar Glück, dass die Ärzte eine Amputation verhindern konnten.

Eineinhalb Jahre nach der verheerenden Verletzung kapitulierte di Matteo, brach alle Comeback-Versuche ab und beendete im Februar 2002 schließlich seine Karriere.

Depressionen

„Für die meisten Spieler ist es hart, zu akzeptieren, dass sie ihre Karriere beendet haben und danach etwas anderes machen müssen. Aber die Art, wie es mir passiert ist, so plötzlich – ich wurde depressiv und musste damit umgehen, etwas, das mir in meinem Leben noch nie passiert war“, erzählte er später.

Di Matteo fiel in ein tiefes Loch, brauchte Jahre, um die Sache hinter sich zu lassen.

Er jobbte als TV-Experte, absolvierte mehrere Trainerkurse, machte ein BWL-Diplom in der Schweiz und einen 14-monatigen Betriebswirtschaftskurs an der European School of Economics in London.

Sein eigentliches Ziel war aber die Rückkehr ins Fußball-Geschäft. Jenes Geschäft, das er so liebte und für das er lebte.

FA-Cup-Sieg und CL-Finale

Dass er nur wenige Monate später „AVB“ als Interimstrainer ablösen sollte, konnte damals noch keiner ahnen.

Und schon gar nicht, dass sich di Matteo derart bewährt, dass aus ihm vielleicht sogar eine Dauerlösung werden könnte.

Der 41-Jährige führte Chelsea nicht nur zum FA-Cup-Sieg, sondern auch ins Finale der Champions League.

Der langgehegte Traum von Mäzen Roman Abramovich könnte also ausgerechnet unter „Notlösung“ di Matteo in Erfüllung gehen.

Di Matteo als Dauerlösung?

„Ich kann ihn gar nicht hoch genug für das loben, was er bis jetzt gemacht hat. Die Spieler waren schon hier, aber es war unglaublich, wie er sie zusammengebracht und Ergebnisse wie in Barcelona erreicht hat“, spricht sich Routinier Frank Lampard für den Italiener aus.

Aber Abramovich hätte Gerüchten zufolge lieber einen prominenteren Trainer, sähe lieber seinen Favoriten Pep Guardiola an der Seitenlinie.

Di Matteo nimmt solche Dinge gelassen hin, sagt in seiner zurückhaltenden Art lediglich, er würde natürlich gerne weiter machen.

Er weiß aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie schnell sich im Leben alles ändern kann.

Sonst wäre er jetzt vermutlich Fleischhauer in Schaffhausen.

Kurt Vierthaler

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