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Pulverfass Fenerbahce

Wer in die Champions League will, muss Top-Teams schlagen.

Das ist kein Geheimnis, das ist die Regel. Vor allem, wenn ein Klub als Vizemeister aus Österreich in die Qualifikation startet. So bekommt es Red Bull Salzburg am Mittwoch im Hinspiel der dritten Runde mit Fenerbahce Istanbul (ab 20:30 Uhr bei LAOLA1 im LIVE-TICKER) zu tun.

Der Klub aus der türkischen Metropole ist ganz Fußball-Europa ein Begriff. Als 18-facher Meister der Süper Lig, als Europa-League-Halbfinalist der vergangenen Saison, als Verein mit fanatischen Fans.

Heimmacht Fenerbahce

„Salzburg muss zu Hause vorlegen“, sagt deswegen Fatih Demireli. Der Redakteur des deutschen Online-Sportportals „spox“ weiß, wovon er spricht. Schließlich ist er ausgewiesener Türkei-Experte und mit dem Fußball am Bosporus bestens vertraut.

„Fenerbahce ist eine unfassbare Heimmacht. Ich kann mich an die Europa-League-Spiele erinnern, da war man eigentlich spielerisch mausetot, aber die Fans haben die Spieler wie wild nach vorne gepeitscht. Da sind auch die Schiedsrichter oft einmal beeindruckt“, erläutert Demireli.

Nichtsdestoweniger riecht Salzburg Lunte. Die Mozartstädter sind bereits eingespielt, befinden sich im Meisterschaftsmodus und haben mit Roger Schmidt einen Coach, der seit 2012 das Team betreut.

Überraschender Trainerwechsel

Bei den Türken gab es im Sommer einen Trainerwechsel. Ersun Yanal trat die Nachfolge von Aykut Kocaman an, der zwei Wochen nach dem Ende der abgelaufenen Spielzeit seinen Rücktritt erklärte.

Die genauen Hintergründe für diesen Schritt sind unklar, sollen aber mit dem Manipulationsskandal der Saison 2010/11 in Zusammenhang stehen. Die UEFA sprach eine Sperre aus,  der Internationale Sportgerichtshof (CAS) hob die dreijährige Verbannung aus der Champions League auf.

Allerdings nur vorrübergehend. Das endgültige CAS-Urteil wird am 28. August gefällt, am letzten Tag der Rückspiele im Playoff, also der 4. Runde wohlgemerkt. Sollte die UEFA-Sperre bestätigt werden und Fenerbahce noch im Bewerb sein, ist das Chaos perfekt. Und für Fener die Katastrophe.

„Wenn das Urteil bestätigt wird, dann könnte das fatale Folgen für Fenerbahce haben. Man achtet sehr, was die anderen Klubs wie etwa Galatasaray machen. Die haben extrem aufgeholt, haben viele Stars geholt. Sollte Fenerbahce dann länger nicht an der CL teilnehmen und Gala den ganzen Topf bekommen, würden sie enteilen“, schildert Demireli die schlimmsten Befürchtungen Fenerbahces.

Mächtiger Klub-Boss vor Abwahl?

Das könnte freilich auch für den mächtigen Klub-Boss Aziz Yildirim Konsequenzen haben. Neuwahlen sind bereits anberaumt und die früher fehlenden Gegenkandidaten haben nun sogar Chancen, zu reüssieren. Bei einer Abwahl würde eine 15-jährige Ära zu Ende gehen.

„Er ist an jeder Kleinigkeit beteiligt, das geht bis zur Besetzung der Putzfrau runter. Er ist ein totaler Machtmensch, der diese über die Jahre mit den Erfolgen zementiert hat. Nicht nur auf sportlicher Ebene, auch auf finanzieller: Er hat Fenerbahce auf ein hohes Niveau gebracht und ein schönes Stadion wie Trainingsgelände bauen lassen. Sie verkaufen in der Türkei die meisten Trikots, haben das beste Merchandising, das macht schon Eindruck“, gibt Demireli Einblick.

Unabhängig vom Urteil am grünen Tisch geht es aber auch am grünen Rasen für die „Kanarienvögel“ bunt zu. Vergangene Saison verloren die Türken das Playoff-Duell mit Spartak Moskau (Gesamt: 2:3), 2010/11 war die Hürde Young Boys Bern eine zu große (Gesamt: 2:3).

Die Angst geht um

In Istanbul geht die Angst um, dass es dieses Jahr wieder nicht klappt. Umso wichtiger wäre es aus Salzburger-Sicht, für noch mehr Unruhe zu sorgen. Ein gutes Ergebnis in der ausverkauften Red-Bull-Arena würde den Druck für das Rückspiel erhöhen.

Trabzonspor-Legionär Marc Janko ließ gegenüber der APA wissen: „Es herrscht extrem viel Unruhe im Verein, das stößt vielen Spielern sauer auf. Viele wollen weg.“

Dabei beginnt die Saison für Fenerbahce am Mittwoch erst so richtig. Denn die Süper Lig hat ihren Auftakt Mitte August. „Man weiß selbst noch nicht, wo man steht“, ortet Demireli einen Vorteil für Salzburg, das nach dem 5:1 am Samstag gegen Meister Austria Wien selbstbewusst ist.

„Wir werden mit breiter Brust einlaufen und alles in die Waagschale werfen, was wir uns in der Vorbereitung für dieses Spiel hart erarbeitet haben“, verspricht RBS-Trainer Roger Schmidt.

Das wird es auch brauchen, schließlich ist trotz aller Unruhe immer noch eine Klasse-Mannschaft am Feld der Gegner. „Es ist eine sehr kampfbetonte Truppe mit sehr guten Einzelkönnern, die jederzeit das Ergebnis verändern können“, skizziert Demireli.

Offensiv, aber auch vorsichtig

Der neue Trainer Yanal steht zwar für offensiven Fußball, ist aber nach seinem wenig erfolgreichen Engagement als türkischer Teamchef vorsichtiger geworden. Salzburg darf sich auf einen aggressiven Gegner einstellen. Für die Defensive wurden im Sommer Bruno Alves und Michal Kadlec geholt.

Großer Pluspunkt der Türken ist die viel größere Erfahrung.

„In solchen K.O.-Spielen kann das schon eine entscheidende Rolle spielen“, erklärt Veli Kavlak gegenüber den „Salzburger Nachrichten“. Der Besiktas-Legionär hat schon sechs Derbys hinter sich.

Routine hat etwa Dirk Kuyt, der 2010 mit den Niederlanden das WM-Finale gegen Spanien verlor und 33 Jahre auf dem Buckel hat. „Aber er rennt nach wie vor 90 Minuten in hohem Tempo auf der rechten Seite die Linie rauf und runter“, weiß Kavlak.

Viele Stars

Weitere Stars in der Offensive sind Pierre Webo und Moussa Sow. Der Senegalese Sow könnte im Hinspiel fehlen, da der in Istanbul als linker Außenspieler agierende Muslime aufgrund des Ramadan zwischen Sonnenaufgang und 21 Uhr nichts isst und trinkt.

Ein Ausfall, der Salzburg entgegenkommen würde, wie jener des 34-fachen Teamspielers und Rechtsverteidigers Gökhan Gönül. „Er ist die Antreiber-Maschine, der setzt bei Ballgewinn die Mitspieler in Szene, wäre der Mann, der den Gegenschlag ausholt“, schildert Demireli, der im zentralen Mittelfeld  Neuzugang Alper Potuk (22) oder Cristian (30) als kreativen Kopf sieht.

„Ob Potuk gleich in die Fußstapfen von Alex (Vertragsauflösung Herbst 2012, Anm.) treten kann, ist die Frage. Er ist mehr Box-to-Box-Player. Cristian ist bei weitem nicht so kreativ wie Alex, trotzdem muss man auf ihn aufpassen. Bei wichtigen Spielen war er immer der Überraschungsmann“, so Demireli, der den Linksaußen Miroslav Stoch als Gewinner der Vorbereitung ausmacht.

Der Slowake, der bislang nicht die Erwartungen erfüllen konnte, spielte in allen Testspielen, auch zuletzt bei der 0:2-Niederlage gegen PSV Eindhoven, die wiederum die Stimmung etwas drückte.

Vorlegen für Istanbul

„Die gesamte Fenerbahce-Welt ist sehr explosiv und erwartet schon, dass es gleich auch in Testspielen funktioniert. Das hat schon ein wenig für Unruhe gesorgt. Der Druck auf den Trainer, der nicht von jedem die Unterstützung erhält, ist vor den Salzburg-Spielen da.“

Für Janko ist klar: „Wenn es bei Fener rund läuft, sind sie über Salzburg zu stellen.“ Schmidt sagt: „Manchmal ist nicht die individuell höhere Qualität das, was die Mannschaft besser macht.“

Und Kavlak denkt an das Rückspiel im Hexenkessel namens Sükrü Saracoglu Stadi: „Beim ersten Mal ist es mir kalt über den Rücken gelaufen.“

Umso wichtiger wäre aus Salzburger Sicht ein gutes Hinspiel-Ergebnis. Um die Explosionsgefahr in der Fenerbahce-Welt zu erhöhen.

 

Bernhard Kastler

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