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Zwischen „Echter Liebe“ und VIP-Logen

„Wir sind kein Verein, wir sind eine Fußball-Firma.“

So beschrieb Marken-Botschafter und Klub-Legende Paul Breitner den FC Bayern im LAOLA1-Interview.

„Wir sind Fußball-Puristen“, scheint die Eigendefinition von Carsten Cramer, Direktor für Vertrieb und Marketing bei Borussia Dortmund, da wie die passende Antwort.

Der 44-Jährige erwies sich im von der Tourismusregion Kitzbüheler Alpen organisierten Pressegespräch als idealer Gesprächspartner, um vor dem Champions-League-Finale das „Faszinosum BVB“ und seine Entwicklung ein wenig zu beleuchten.

„Wir inszenieren nichts“

„Wir haben in den letzten Jahren versucht, daran zu arbeiten, unser Profil zu schärfen und unsere Stärken etwas offener und selbstbewusster ins Schaufenster zu stellen“, erinnert Cramer und betont zugleich die Authentizität: „Wir erzählen keine Geschichte. Wir inszenieren oder konstruieren nichts.“

Echte Liebe. Unter diesem Motto steht der schwarz-gelbe Klub seit einiger Zeit. Ein Slogan, der sich unter den Fans nicht ungeteilter Beliebtheit erfreut, der aber die Ursprünge betont, die aus einer 1909 von Mitgliedern der katholischen Dreifaltigkeitsgemeinde im Gasthaus „Zum Wildschütz“ gegründeten Sportvereinigung einen Magneten für Millionen Fans und Woche für Woche 80.000 Zuseher im Stadion machten.

In den bald 104 Jahren des Bestehens machte der nach einer Brauerei benannte Verein einen Wandel durch, der seines Gleichen sucht. Auf die Meisterschaftsgewinne in den Jahren vor Gründung der Bundesliga, 1956, 1957 und 1963, und den Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1966 folgten 23 Jahre der Titellosigkeit.

Aufstieg und harter Fall

In den 90er Jahren dann der Aufschwung: Vizemeister 1992, UEFA-Cup-Finale 1993, Meister 1995 und 1996 und als Krönung der Champions-League-Triumph 1997. Während die Bergbauregion mit einer enormen Strukturkrise, die allein in der 600.000-Einwohner-Stadt Dortmund 80.000 Arbeitsplätze kostete, zu kämpfen hatte, war Borussia Dortmund plötzlich an der Spitze Europas angekommen.

Dieses Ziel war jedoch auf Millionen-Investitionen aufgebaut und forderte – wenn auch erst Jahre später – seine Opfer. Gab es 2002 unter dem jetzigen Bayern-Sportdirektor Matthias Sammer mit UEFA-Cup-Finale und Meistertitel Nummer sechs noch einmal ein sportliches Hoch, so brach das auf Pump basierende System 2005 endgültig zusammen.

Fünf Jahre nach dem verheißungsvollen Gang an die Börse hatte der BVB über 100 Millionen Euro Schulden angehäuft, der finanzielle und sportliche Überlebenskampf stand plötzlich an der Tagesordnung.

Zwischen Stehplätzen und Logen

Dieses Herzblut wird nirgends sichtbarer als in der Heimstätte der Borussia, die mit über 80.000 Zusehern den höchsten Zuschauerschnitt Europas vorweisen kann.

„Unser Stadion bildet die Besonderheit Borussia Dortmunds idealtypisch ab. Wir sprechen immer vom Massenphänomen, wir sprechen von der Nähe zu den Menschen. Kein Stadion hat 28.000 Stehplätze, wir haben es“, verweist Cramer auf die berühmte „Gelbe Wand“.

Trotz der Beibehaltung der Südtribüne zeigt etwa der Verkauf der Namensrechte des nunmehrigen Signal Iduna Parks, dass auf den Kompromiss zwischen Tradition und marktwirtschaftlichen Regeln Wert gelegt werden muss. Der Arbeiterverein kann sich Millioneneinnahmen durch Marketing nicht verschließen.

„Auf der einen Seite haben wir die Ultra-Bewegung, auf der anderen Seite der Aktionäre“, weist der 44-Jährige auf die Spannbreite hin und erklärt: „Wir sprechen von der Wichtigkeit von Sponsoren und Partnern. Auch das sehen sie bei uns, aber in einem sehr dezenten Maße durch nur 18 Logen.“

Im abschließenden Nachsatz kann sich Cramer einen Seitenhieb nicht verkneifen. „Im Vergleich zu über 100 in einer Allianz Arena.“

Dort spielt bekanntlich der FC Bayern und der ist ja eine „Fußball-Firma“.

 

Christian Eberle

Fans als Entscheidungsträger

Die Konsequenz war ein Wechsel im Vorstand. Manager Michael Meier und Präsident Gerd Niebaum hatten ausgedient. An ihre Stelle traten mit Reinhard Rauball als Präsident und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke jene Entscheidungsträger, die auch heute die Geschicke des Klubs leiten.

„Die handelnden Personen sind letztendlich auch Fans des Vereins und entstammen dieser Klientel. Reinhard Rauball ist seit Jahrzehnten in Dortmund ansässig. ‚Aki’ Watzke stand früher selbst auf der Südtribüne. Das sind Menschen, die ein Gespür dafür haben“, sieht Cramer in der Verbundenheit zur Basis einen Grund für den Erfolg.

Gemeinsam mit dem „Ur-Dortmunder“ Michael Zorc, dem längstdienenden Sportdirektor der Vereinshistorie, bestritt diese Führung einen Erfolgsweg, der nach zwei Meistertiteln (2011,2012) und einem DFB-Pokal (2012) 16 Jahre nach dem Triumph von München über Juventus Turin wieder in ein Champions-League-Finale führte.

Aus dem insolvenzbedrohten Schuldenklub wurde eine starke Konstante in der Bundesliga, die dem FC Bayern sein Abonnement als Nummer eins streitig machte und am kommenden Samstag auf europäischer Bühne macht. Wenngleich man trotz eines Umsatzes von knapp 250 Millionen Euro und 34 Mio. Gewinn im letzten Jahr nicht müde wird, zu betonen, mit dem Finanzkrösus nicht mithalten zu können.

Krisenjahre machen demütig

„Man hat viele Jahre erlebt, in denen wir auch auf deutlich niedrigere Transfererlöse angewiesen waren, um Budgets auszugleichen. Jetzt sind wir in der komfortablen Situation, in der wir nicht viel Geld haben, aber auch keines brauchen“, denkt Zorc an die Vergangenheit zurück.

Diese Erfahrungen beeinflussen die BVB-Verantwortlichen in ihren heutigen Entscheidungen merklich, wie auch Cramer bestätigt: „Wir können verantwortungsvoll mit dem umgehen, was Borussia Dortmund auszeichnet. Ich glaube, wir alle haben die entsprechende Demut vor unserer Tätigkeit.“

Dass selbige auch bei Fans unliebsame Aktionen, wie einen 20-prozentigen Preisaufschlag vor Champions-League-Spielen, beinhaltet, ist klar, führt aber dazu, dass das Motto „Echte Liebe“ intern hinterfragt wird.

„Das ist ein sehr schmaler Grat, den wir da beschreiten. Wir müssen uns aber immer auch weiterentwickeln und darauf achten, dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit sich so entwickelt, dass Michael Zorc Marco Reus verpflichten kann. Am Ende sind wir ein Fußballverein und wollen erfolgreich Fußball spielen“, betont der Münsteraner Marketing-Chef, der glaubt, „ein verträgliches Maß von wirtschaftlichen Interessen und emotionalem Herzblut gefunden zu haben.“

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