Rapids Vorsicht ist besser als Nachsicht

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„Wir haben gezeigt, dass wir ein unangenehmer Gegner sein können, wenn alles passt“, war Trainer Zoran Barisic sichtlich stolz auf die Leistung seiner Truppe.

Die 0:1-Heimniederlage Rapids gegen Shakhtar Donetsk trübte zwar die Feierstimmung ein wenig, trotzdem gibt man die Hoffnung bei den Grün-Weißen noch nicht auf.

Einige Dinge funktionierten gegen den ukrainischen Top-Klub bereits gut, andere wiederum müssen im Rückspiel des Champions-League-Playoffs verbessert werden.

Alles in allem lieferte der Auftritt Rapids einige Erkenntnisse, welche die Hütteldorfer doch noch vom ganz großen Coup Gruppenphase träumen lassen:

  • Die Chancen sind intakt

„Natürlich ist Shakhtar noch immer Favorit, sie haben eine noch bessere Ausgangslage. Unsere Chancen sind minimal. Ein 1:1 wäre vielleicht optisch besser, die Situation aber gleich schwer gewesen“, meinte Barisic. Das Hinspiel-Ergebnis hätte weitaus positiver sein können, trotzdem konnte das Duell gegen den favorisierten CL-Dauergast offen gehalten werden, nun sind alle Beteiligten heiß auf das Rückspiel. „Einfach wird es nicht. Wir werden trotzdem alles geben, um das Unmögliche möglich zu machen. Wir wissen jetzt alle, dass wir die auch ausspielen können. Das muss uns Mut geben, mit dem Selbstvertrauen müssen wir hinfahren. Wir dürfen nicht verzagen, müssen die Köpfe hochnehmen und werden in Lemberg alles rausfetzen“, gab Abwehrchef Mario Sonnleitner die Marschroute vor. In den Hinterköpfen könnte sich ein spezielles Erlebnis als mentaler Vorteil herausstellen. „Das Ajax-Rückspiel gibt uns ein bisschen Hoffnung“, stellte Louis Schaub diesbezüglich klar. Aufgegeben wird nur ein Brief, so die Devise im grün-weißen Lager. „Wir geben überhaupt nicht auf. Das Ergebnis ist nicht viel schlechter als gegen Ajax. Es wäre schlimm, wenn wir nach Lviv fliegen, uns auf das Spiel freuen, nur um Europa League zu spielen. Nein, wir werden alles dafür geben, in die CL zu kommen. Mit dem unbändigen Willen, den wir zuletzt immer gezeigt haben, werden wir auch in dieses Spiel gehen“, kündigte Kapitän Steffen Hofmann an.

  • Rapid war auf Vorsicht bedacht

Es war nicht das Offensiv-Feuerwerk, welches man von den Grün-Weißen aus der Bundesliga gewohnt ist. Statt überraschenden Wechselpässen, überfallsartigen Gegenstößen und rasches Umschaltverhalten waren die Hausherren darauf bedacht, das Spiel zu beruhigen, den Ball in den eigenen Reihen zu halten und nicht zu viel Risiko zu gehen. „Erstens hat der Gegner dieses schnelle Spiel unterbunden, zweitens haben wir gewusst, dass wir uns unnötige Ballverluste gegen diese Mannschaft nicht leisten dürfen, weil sie im Umschaltspiel wirklich unglaublich stark sind. Das haben wir großteils vermieden“, erklärte Hofmann, warum man die gewohnte Taktik dem Gegner anpasste. Dies bestätigte auch Sonnleitner: „Die geben uns halt auch nicht so viele Räume, haben gute Verteidiger und die Sechser arbeiten gut zurück. Die spielen jedes Jahr auf internationalem Niveau, die wissen, was zu tun ist. Da ist es nicht immer einfach, gleich direkt nach vorne zu spielen und umzuschalten. Wir haben sehr viel Kontrolle gehabt und uns durchspielen können.“ Allerdings war teilweise die fehlende Bindung zwischen den Mannschaftsteilen zu erkennen. Die zentralen Mittelfeldspieler Thanos Petsos und Srdjan Grahovac ließen sich beide sehr weit zurückfallen, einer davon fehlte somit als Verbindungsglied zum offensiven Mittelfeld. Dementsprechend wiesen die beiden die meisten Ballkontakte auf (Grahovac 94, Petsos 89), weil sie die Bälle in die Breite spielten und zu selten Anspielstationen in der Offensive fanden. Trainer Barisic hätte sich noch mehr Ballzirkulation gewünscht, was nur phasenweise in Hälfte zwei gut gelang. „Es fehlte im letzten Drittel die Durchschlagskraft, die Kreativität und der entscheidende Moment“, so der Chefbetreuer.

 

  • Späte Wechsel ohne zündenden Effekt

Für eines war Rapid, speziell im Jahr 2015, bekannt: Von der Bank aus für neuen Schwung und entscheidende Akzente zu sorgen. Dies war gegen die Ukrainer überhaupt nicht der Fall, im Gegenteil. Keiner der „Joker“ stach, keiner war so richtig ins Spiel eingebunden, was die Statistik beweist. Sowohl Philipp Schobesberger als auch Deni Alar und Philipp Prosenik enttäuschten mit einer Passquote von jeweils null Prozent. Prosenik spielte gar keinen, Schobesberger scheiterte bei zwei, Alar bei vier Versuchen. Zu deren Verteidigung muss angemerkt werden, dass diese auch Opfer der vorsichtigen Herangehensweise wurden. Denn selten zuvor wechselte Barisic so spät. Schobesberger kam in Minute 80, Alar in der 84. und Prosenik gar erst in der 89. Die positionstreuen Wechsel erweckten fast den Anschein, man wäre mit dem 0:1 zufrieden. Andererseits schien es eine Frage der Kompaktheit zu sein, da Schobesberger zuletzt defensiv immer wieder Schwächen offenbarte und Alar Hofmann nicht 1:1 ersetzen kann. Resümierend kann man davon auch ableiten, dass Rapids hochgelobter Kader in der Breite derzeit vielleicht qualitativ doch noch nicht so gut besetzt ist, wie gewünscht.

  • Auers neue Positionierung als Chance für Rapid

David Alaba und Philipp Lahm haben es vorgemacht. Unter Pep Guardiola waren die beiden Bayern-Profis plötzlich keine klassischen Außenverteidiger mehr. Anstatt auf der Linie nach vorne zu ziehen, rückten sie im Offensiv-Spiel ins Zentrum und halfen dort, Überzahl herzustellen. In Person von Stephan Auer will Rapid nun auf eine ähnliche taktische Finte zurückgreifen. Das kündigte Rapid-Coach Barisic bereits vor dem Shakhtar-Spiel gegenüber LAOLA1 an: „Er kann mit dem stärkeren Fuß nach innen ziehen, einkippen und das Spiel als verkappter Sechser führen.“ Aus der Not, den Ausfällen von Thomas Schrammel und Stefan Stangl, soll also eine Tugend gemacht werden.  In einigen Situationen, vor allem zu Beginn des Spiels, bewies Auer, diese anspruchsvolle Aufgabe erfüllen zu können. Zog er nach innen, öffneten sich für Kainz an der Seitenlinie Räume. Mit Fortdauer der Partie agierte der 24-Jährige aber immer mehr wie ein konventioneller Außenverteidiger. Das ist schade, hätte doch gerade sein Einrücken die fehlende Bindung zwischen defensivem und offensivem Mittelfeld herstellen können. Nichtsdestotrotz bieten sich durch Auers Positionierung neue spielerische Überraschungsmomente für Rapid. Dieses Potenzial sag auch der Spieler selbst: „Es ist schon ein bisschen ein Handicap mit dem schwachen Fuß. Aber das stört mich nicht. Prinzipiell kann man andere Situationen kreieren, wenn man nach innen geht.“


Alexander Karper / Jakob Faber

  • Shakhtars fehlender Nachdruck

Einige sahen bei den Ukrainern eine angezogene Handbremse. Möglicherweise, da Donetsk von Rapids Spielweise überrascht, möglicherweise auch, weil im Auswärtsspiel nicht mehr nötig war. Auf intensives Pressing wurde großteils verzichtet, auch offensiv fehlte der letzte Nachdruck. „Shakthar ist schon eine sehr gute Mannschaft, die vor allem defensiv sehr gut gearbeitet und die Erfahrung von vielen internationalen Spielen hat. Die wissen, was sie machen“, sagte Robert Beric, der selbst einen schweren Stand hatte. Auch die Gäste setzten auf Kontrolle, nützten eine der wenigen Torchancen zur Führung und ließen vor allem gegen Ende der Partie nichts mehr anbrennen. „In den letzten zehn bis 15 Minuten haben sie es uns sehr schwer gemacht, indem sie den Ball gut gehalten haben“, konstatierte Torhüter Jan Novota. Im Stile einer europäischen Klassemannschaft, auch wenn das gewohnte Spiel doch mehr Spektakel, vor allem in der Offensive, vorsieht.

  • Donetsk setzt auf andere Waffen

Was wurde vor dem Spiel nicht von Shakhtars brasilianischen Offensiv-Künstlern geschwärmt. Auf die meisten Torschüsse bei den Gästen kam letztlich aber ein Ukrainer: Innenverteidiger Yaroslav Rakitsky. Der Defensiv-Koloss avancierte zum Schlüsselspieler für das Lucescu-Team. Nicht nur seine Weitschüsse brachten Novota einige Male in Verlegenheit, auch die Vorstöße des Abwehrspielers waren brandgefährlich. Einer davon führte zum 1:0, als Rakitskys Flanke vom Brasilianer Marlos verwertet wurde. Im entscheidenden Moment war einer der Samba-Stars also doch zur Stelle. Ansonsten hatte Rapid die Offensive rund um Spielmacher Alex Teixeira aber gut im Griff. „Wir wollten die Passwege zustellen, das Eins-gegen-eins verhindern und die Offensiv-Spieler doppeln. Das hat gut geklappt“, zeigte sich Barisic angesichts der überschaubaren Anzahl der Gäste-Chancen zufrieden. Die meisten der gefürchteten Shakhtar-Konter konnte Rapid bereits im Keim ersticken. Zudem profitierten die Grün-Weißen von ihrem hohen Ballbesitzanteil, den vor allem die beiden tief positionierten Sechser Grahovac und Petsos vorantrieben. Durch ihr Abkippen bekam Shakhtar im Forechecking keinen Zugriff.

Rapid

Shakhtar

Ballbesitz

50,5%

49,5%

Zweikämpfe

43,4%

56,6%

Torschüsse

10

9

Torschüsse außerhalb des Strafraums

6

4

Torschüsse innerhalb des Strafraums

4

5

Kopfballchancen

1

0

Eckbälle

7

4

Flanken

5

7

Abseits

2

1

Fouls

15

9

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