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"Das sind Spiele, in denen Helden geboren werden"

Lars Ricken weiß wie es ist, wenn man über Nacht zum Helden wird.

1997 wurde der damals 20-Jährige zu einem, als er im Champions-League-Finale gegen Juventus zehn Sekunden nach seiner Einwechslung das entscheidende 3:1 markierte.

"Ich werde natürlich oft auf dieses Tor und den anschließenden Titel reduziert. Aber es gibt Schlimmeres, als wenn so ein Tor den Menschen positiv in Erinnerung bleibt", schmunzelt der heute 36-Jährige.

Für Borussia Dortmund war es so wie für Ricken der erste und bislang einzige Triumph in der "Königsklasse". Und bei Ricken wird ziemlich sicher keiner mehr dazukommen.

Auf den BVB würden heuer wahrscheinlich auch nicht viele setzen, aber der deutsche Meister ist drauf und dran, wieder einmal für Furore zu sorgen.

Die Klopp-Truppe führt die "Hammer-Gruppe" D überraschend vor Real Madrid an, Manchester City ist sogar Letzter.

Im LAOLA1-Interview spricht Ricken, der heute ab 20:15 Uhr bei Puls 4 als Experte für die Partie Real gegen Dortmund zu Gast ist, über die Faszination Champions League, den "Torfall" von Madrid und den traurigen Feiersinger.

LAOLA1: Herr Ricken, heute ist wieder Champions League angesagt - unter anderem Real Madrid gegen Borussia Dortmund. Sind das die Spiele, warum man Fußballer wird?

Lars Ricken: Ja, das kann man schon so sagen. Bundesliga ist doch ein Stück weit Alltag. Die Champions-League-Spiele sind dann einfach Festtage. Es herrscht eine besondere Atmosphäre in den Stadien, das Medien-Interesse ist größer, dazu sind mehr Zuschauer vor den TV-Geräten.

LAOLA1: Und ein Spiel gegen Real ist dann noch zusätzlich ein Highlight?

Ricken: Natürlich. Real ist vielleicht der namentlich größte Verein der Welt. Außerdem haben sie die teuersten Spieler im Kader. Für mich und Borussia waren es leider nicht so erfolgreiche Duelle. Ich habe vier Mal gegen Real gespielt und nicht ein Mal gewonnen. Zum Glück hat Dortmund diesen Trend vor kurzem gedreht.

LAOLA1: Welche Erinnerungen haben Sie ans Bernabeu?

Ricken: Was natürlich hängen geblieben ist, ist der „Torfall“ von 1998. Vor Spielbeginn ist ja das Tor zusammengekracht, weil die Real-Fans zu sehr daran gerüttelt und gezogen haben. Es ist natürlich besonders in Erinnerung geblieben, weil es das Halbfinale der Champions League war. Wir saßen damals 76 Minuten in der Kabine. Das waren schon irreguläre Bedingungen.

LAOLA1: Was haben Sie damals als Spieler gedacht?

Ricken: Wir konnten das gar nicht so überblicken. Wir dachten: "Gut, ist ein Tor umgefallen, stellt man es eben wieder auf." Auf einmal hieß es aber, dass wir in die Kabine gehen sollen. Wir dachten, dass es in ein paar Minuten wieder weitergehen würde. Letztlich zog es sich jedoch über eine Stunde. Für die Zuschauer vor dem Fernseher war es vielleicht lustig, wir Spieler waren dagegen reichlich genervt.

LAOLA1: Ist man als Spieler in der Champions League grundsätzlich etwas motivierter, weil es doch die ganz große Bühne ist?

Ricken: Das würde ich so nicht sagen. Es zieht aber natürlich ein größeres mediales Interesse nach sich, wenn man sich gegen Ronaldo behauptet oder gegen Casillas ein Tor schießt. Das sind tatsächlich Spiele, in denen Helden geboren werden. Gegen Greuther Fürth passiert dir das eher selten. Vielleicht ist man deswegen in der Champions League fokussierter.

LAOLA1: Sie haben es am eigenen Leib erlebt, wie es ist, wenn man über Nacht zum Helden wird. War Ihr Tor 1997 im Finale gegen Juventus das wichtigste Ihrer Karriere?

Ricken (schmunzelt): Ich werde natürlich oft auf dieses Tor und den anschließenden Titel reduziert. Aber es gibt Schlimmeres, als wenn so ein Tor den Menschen positiv in Erinnerung bleibt.

LAOLA1: Für einen Österreicher war dieser Abend ein eher bitterer. Wie sehr haben Sie damals mit Wolfgang Feiersinger mitgelitten?

Ricken: Für Wolfgang war das schon dramatisch. Er hat in beiden Halbfinal-Spielen Matthias Sammer als Libero vertreten und gerade in Manchester eine überragende Partie gemacht. Im Finale war er dann nicht einmal auf der Bank. Das zeigt auch, wie hoch die Qualität der Mannschaft war. Es standen nur Nationalspieler im Kader. Für Wolfgang war das damals sehr bitter, aber am Ende hatte auch er den Titel auf der Autogrammkarte stehen.

LAOLA1: Kann man da als Mitspieler überhaupt etwas machen?

Ricken: Wolfgang war, wie wir im Ruhrgebiet sagen, eine „fröhliche Typen“. Er hat den Titel wie alle anderen ausgelassen gefeiert. Er war auch in Dortmund sehr beliebt und wurde beim Autokorso von den Fans extrem gefeiert. Ich denke, das hat ihm darüber hinweg geholfen.

LAOLA1: Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Ricken: Nein. Aber ich habe gehört, dass er in der Nähe von Kitzbühel eine Hütte betreibt. Ich bin hier oft in der Gegend zum Snowboardfahren und werde mich mal erkundigen, wo die Hütte genau ist. Dann werde ich dort mal einkehren.

Das Interview führte Kurt Vierthaler

LAOLA1: Viele Profis träumen ja von einem Engagement bei Real oder Barcelona. Hatten Sie ähnliche Träume?

Ricken: Nein. Ich bin ja Dortmunder und wenn man dort geboren wird, wird man auch irgendwie mit der Liebe zur Borussia großgezogen. Mein Ziel war nie, in Mailand oder Madrid aufzulaufen, sondern ein Mal im Dortmunder Stadion zu spielen. Das habe ich erreicht und den Traum noch weiter gelebt.

LAOLA1: Gab es auch später nie den Wunsch, einmal etwas anderes zu erleben?

Ricken: Ach, wenn es Angebote gegeben hätte, dann vielleicht schon. Aber ich muss auch ehrlich sagen, dass ich von solchen Mannschaften nie ein Angebot bekommen habe. Ich kam zu selten in der Nationalmannschaft zum Einsatz. Solche Möglichkeiten bekommst du nur, wenn du regelmäßig in der Nationalmannschaft spielst.

LAOLA1: Am Dienstag muss Dortmund bei Real antreten. Was trauen Sie dem BVB zu?

Ricken: Am Wochenende haben wir 0:0 gegen Stuttgart gespielt, das fühlt sich wie eine Niederlage an. Ein 0:0 gegen Real würde sich dagegen wie ein Sieg anfühlen. Dortmund hat jetzt gegen jeden Gruppengegner ein Mal gespielt und ist Erster. Das ist in dieser Gruppe schon mal extrem bemerkenswert. Mit einem Unentschieden wäre man immer noch Erster. Wer weiß, vielleicht ist auch ein kleines Wunder möglich, und Dortmund gewinnt in Madrid.

LAOLA1: Sind Sie überrascht, dass Dortmund diese schwere Gruppe anführt?

Ricken: Das konnte man so nicht erwarten. Aber die Spieler hat das geärgert, dass sie in der vergangenen Saison so sang- und klanglos ausgeschieden sind. Die Jungs waren jetzt heiß auf die Champions League. Vielleicht spiegelt sich das auch ein bisschen in der Bundesliga wider, wo man ein paar Prozent vermissen lässt.

LAOLA1: In der Bundesliga liegt Dortmund dagegen schon elf Punkte hinter den Bayern. Geht der CL-Erfolg auf Kosten der Liga?

Ricken: Es ist ja nicht so, dass für die Champions League extra Spieler geschont werden. Aber unterbewusst gibt vielleicht jeder Spieler in der Bundesliga fünf bis zehn Prozent weniger. Und damit schaffst du es dann nicht, die Spiele zu gewinnen. Aber das geht ja nicht nur Dortmund so. Die Bayern marschieren in der Liga vorne weg, liegen aber in ihrer CL-Gruppe nur auf Rang drei. Wenn sie gegen Lille nicht gewinnen, kann das noch richtig dramatisch werden. In allen Bewerben gleich stark zu sein, schaffen nur die richtig qualitativ hochwertigen Mannschaften.

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