Mascherano und Tevez, die zwei Amigos

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Vor über zwölf Jahren, am 22. April 2003, standen sich der FC Barcelona und Juventus Turin zuletzt gegenüber. Es war im Viertelfinale der Champions League, Juve hatte mit 2:1 nach Verlängerung das bessere Ende für sich.

Mit Xavi und Gianluigi Buffon stehen im Endspiel der Königsklasse am Samstag lediglich zwei Akteure in den Kadern der beiden Klubs, die bereits damals auf dem Platz standen.

Tradition auf Spieler-Ebene

Von einem Traditions-Duell kann – gerade in einem Bewerb wie der Champions League, wo sich manche Spiele mit einer gewissen Regelmäßigkeit fast zwangsläufig wiederholen – also nicht die Rede sein.

Mit Javier Mascherano und Carlos Tevez stehen sich allerdings zwei Spieler gegenüber, die auf eine langjährige gemeinsame Geschichte, quasi eine eigene kleine Tradition, zurückblicken können.

Dabei begannen die beiden ihre Karrieren als Rivalen. Während Tevez nämlich seit seiner Jugend bei den Boca Juniors spielte, gab Mascherano sein Profi-Debüt ausgerechnet für den Erzfeind River Plate.

Aus Rivalität wurde Freundschaft

Die Rivalität wandelte sich  aufgrund gegenseitigen Respekts aber schnell zu einer Freundschaft, weswegen Tevez bei seinem Wechsel zum brasilianischen Spitzenverein Corinthians Sao Paulo seinem Berater, dem iranisch-britischen Geschäftsmann Kia Joorabchian, empfahl, auch Mascherano unter Vertrag zu nehmen.

„Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als er bei uns unterschrieben hat. Er fing sofort an, von diesem Typen von River Plate zu schwärmen und hat uns dazu gedrängt, ihn ebenfalls zu verpflichten“, so Joorabchian.

Er hörte auf den Rat seines Schützlings und Mascherano folgte Tevez nach Brasilien.

Seit 2010 spielt Mascherano für Barcelona

Vom Mittelfeldspieler zum Innenverteidiger

2010 folgte dann der Wechsel zum FC Barcelona, wo ihn Pep Guardiola aufgrund der übermächtigen Konkurrenz im Mittelfeld zum Innenverteidiger umfunktionierte. Daran hat sich bis heute nichts geändert, Mascherano reifte trotz einer Größe von nur 1,74 Metern zu einem der Besten auf dieser Position und gewann mit den „Blaugrana“ 2011 den wichtigsten Titel im Vereinsfußball.

„Er war der beste Transfer seit vier Jahren und hat einen unschätzbaren Wert für uns. Ich würde ihn nie verkaufen“, sagte Guardiola damals über seinen Schützling, dem die Erfahrung als Mittelfeldspieler in der Abwehr zu Gute kommt. Mascherano punktet mit Übersicht, Ruhe sowie perfektem Timing bei Tacklings.

Bei der WM 2014 war er einer der Hauptgründe für den Finaleinzug Argentiniens und wurde für seine Leistungen von Fans und Kritikern gleichsam bejubelt, dennoch bleibt der Defensiv-Spezialist bescheiden.

„Mit Sicherheit werde ich nie die Qualität eines Sergio Busquets, eines Xavi oder von Andres Iniesta erreichen. Doch mit dieser Situation, die mich früher gestört hätte, kann ich inzwischen umgehen", so Mascherano, der zugibt, dass er in Barcelona anfangs mit Problemen zu kämpfen hatte: „Es war in den ersten Monaten sehr schwierig, doch ich habe immer geglaubt, dass das Trainieren mit den großen Spielern mich selbst besser macht. Und das hat es am Ende auch."

Gemeinsamer Wechsel nach Europa

Dies sollte nicht der einzige gemeinsame Vereinswechsel der beiden bleiben. Neun Jahre ist es her, seit Tevez, der aufgrund seiner Kindheit in der Hochhaussiedlung „Fuerte Apache“ der Apache genannt wird, und Mascherano am Deadline Day von den Corinthians zum englischen Abstiegskandidaten West Ham United wechselten.

Der Transfer überraschte damals jeden, galten die beiden zu der Zeit 22-jährigen Argentinier doch schon 2006 als kommende Weltklasse-Spieler, an denen unter anderem auch Arsenal und Milan interessiert waren.

Der Wechsel stand später in der Kritik, da die Rechte an den Spielern bei Joorabchian, beziehungsweise bei dessen Sportvermarktungsfirmen verblieben, was als Einmischung einer dritten Partei gilt und in England verboten war. West Ham wurde dafür mit einer Geldstrafe belegt, der Karriere der beiden aufstrebenden Stars tat dies jedoch keinen Abbruch.

Zunächst im Gleichschritt

Während Tevez schon bei West Ham durchstartete und mit sieben Toren in den letzten zehn Spielen maßgeblichen Anteil am Klassenerhalt der Londoner hatte, musste Mascherano zunächst mit der Ersatzbank vorlieb nehmen.

Beide verließen die „Hammers“ jedoch nach einer Saison, Tevez ging zu Manchester United und formte mit Cristiano Ronaldo und Wayne Rooney ein gefürchtetes Sturmtrio, Mascheranos nächste Station war Liverpool.

Dort bildete er mit Xabi Alonso und Steven Gerrard eine kongeniale Mittelfeld-Achse und stand am Ende der Saison sogar im Champions-League-Finale, das allerdings mit 1:2 gegen Milan verloren wurde.

Unrühmlicher Abschied aus Manchester

Nur ein Jahr nach Mascheranos CL-Final-Niederlage mit Liverpool stand auch Tevez im Endspiel der Königsklasse und er sollte mehr Glück haben als sein Landsmann. Die „Red Devils“ setzten sich 2008 in Moskau gegen Chelsea 6:5 nach Elfmeterschießen durch. Der Stürmer trat selbst zum ersten Elfmeter an und verwandelte.

„Carlos hat eine unglaubliche Siegermentalität. Er liebt solche Spiele und lebt für die Momente, wenn die Partie auf Messers Schneide steht“, war dies für Mascherano nicht überraschend.

Danach sollte es für den Apachen nicht mehr so rund laufen, nach seinem Wechsel zum Lokalrivalen Manchester City fiel er immer öfter durch Querelen abseits des Platzes auf, welche in seiner Suspendierung gipfelten. Nachdem er eine Einwechslung gegen Bayern München verweigerte, war das Tischtuch zwischen ihm und Coach Roberto Mancini endgültig zerschnitten.

Karriereende stand im Raum

Der Angreifer mit den markanten Gesichtszügen liebäugelte daraufhin mit einer Rückkehr nach Südamerika, mit dem englischen Wetter wurde Tevez nämlich nie warm, zahlreiche in Eigenregie verlängerte Heimaturlaube in den Saisonpausen zeugen davon. Sogar von einem möglichen Karriereende mit nur 29 Jahren war die Rede. „Als ich mit Mancini gestritten habe, dachte ich ans Aufhören. Es war keine einfache Zeit“, so der heute 31-Jährige.

Nicht nur die Meinungsverschiedenheit mit Mancini bereitete Tevez Sorgen, sein Heimatverein Boca hatte nicht genug Geld, um ihn zurückzuholen und in Europa schien kein Spitzenklub am „Problemkind“ interessiert zu sein.

Auch in der Nationalmannschaft verlief es für den Stürmer im Gegensatz zu Mascherano nicht nach Wunsch. Nachdem Alejandro Sabella 2011 das Traineramt übernommen hatte, wurde Tevez nicht mehr einberufen. Medien dichteten ihm daraufhin einen Zwist mit Lionel Messi an und behaupteten, der Superstar würde vehement gegen eine Einberufung des Exzentrikers votieren.

„Messi würde nie einem Coach vorschreiben, wen er einberufen oder aufstellen soll. Ich glaube, er hat einerseits gar nicht die Macht dazu, aber ich bin mir auch sicher, dass er so etwas gar nicht machen würde, so ein Mensch ist er nicht“, verwies Tevez diese Gerüchte jedoch ins Reich der Fabeln.

Bei Juvenuts fand Tevez zu alter Stärke zurück

Zweiter Frühling dank Juventus

Doch dann kam Juventus und schlagartig änderte sich alles. Die „Alte Dame“ wirkte wie eine Initialzündung für die stockende Karriere des Stürmers. Tevez traf in seiner ersten Saison in Italien in allen Bewerben 21 Mal und legte mit bislang 29 Toren in seiner zweiten Spielzeit noch einen drauf.

„Ich bin jetzt reifer. Nicht nur abseits des Platzes, ich spiele auch anders. Früher habe ich mir einfach den Ball geschnappt und gespielt wie auf den Bolzplätzen meiner Kindheit. Manchmal kommt diese Mentalität immer noch durch. Das Tor gegen Parma war zum Beispiel ein klassisches Bolzplatz-Tor“, so Tevez.

Tatsächlich erinnerte der Treffer am 9. November 2014 eher an das legendäre Solo von Diego Maradona bei der Weltmeisterschaft 1986 gegen England, als an ein Tor eines Nachwuchsspielers. Der dreifache Familienvater spielte mit seiner Aussage aber wohl vielmehr auf den jugendlichen Eigensinn an, den man braucht, um so ein Solo überhaupt zu starten.

Tradition wird fortgesetzt

Dieses kreativ-spielerische Element wird auch am Samstag gegen Barcelona vonnöten sein, sind es doch die Genie-Blitze von Tevez, die das ansonsten oft pragmatisch anmutende Spiel der Italiener unberechenbar machen. „Deswegen ist er für Juventus so wichtig“, so Mascherano. „Tevez ist einer der besten Spieler, mit dem ich je auf dem Platz stand. Er hat überall, wo er gespielt hat, Ausrufezeichen gesetzt.“

Mascherano weiß, wovon er spricht, schließlich hat er schon so manche Duelle mit dem Apachen ausgefochten. Ausgerechnet im Champions League Finale wird er seinem Freund aber erstmals als Innenverteidiger direkt gegenüberstehen. „Wenn man ihn als Gegenspieler hat, muss man sehr vorsichtig agieren“, warnt Mascherano.

Das Duell zwischen dem hin und wieder immer noch aufbrausenden und eigensinnigen Tevez auf Seiten der mit Bedacht agierenden Italiener und dem abgeklärten Mascherano in den Reihen der meist spektakulär aufspielenden Katalanen wird nicht umsonst als eines der Schlüsselduelle des Champions League Finales angesehen.

Treffender könnte die Geschichte - oder die Tradition - zwischen diesen beiden wohl kaum fortgesetzt werden. Egal, wer am Ende den Pokal in den Berliner Nachthimmel stemmen wird.

 

Fabian Santner

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