Aufmacherbild

"Bayern ziehen ins Finale ein und gewinnen dort"

Bayern 0, Barcelona 4. Das war 2009.

Bayern 4, Barcelona 0. So sieht es 2013 aus.

Vier Jahre nach einer der größten Champions-League-Blamagen feierte der deutsche Rekordmeister am vergangenen Dienstag eine Sternstunde.

"Die Bayern haben es einfach gut gemacht, weil sie Barca nicht ins Spiel finden haben lassen", kommentiert Christian Lell die Leistung in der Allianz Arena.

Exil-Münchner als Experte

Der gebürtige Münchner stand insgesamt zwölf Jahre bei seinem Heimatverein unter Vertrag und war Teil jener "legendären 0:4-Truppe", ehe er nach zwei Jahren in Berlin 2012 nach Spanien wechselte.

Seitdem schnürt er für den UD Levante die Schuhe und verfolgt die Geschehnisse der Heynckes-Elf aus der Entfernung.

Vor dem Rückspiel am Mittwoch (ab 20:30 Uhr LIVE im Ticker) bat LAOLA1 den Legionär zum Interview.

Darin spricht Lell über Vergleiche mit dem damaligen Team, die verbleibenden Chancen der Katalanen und über den besten Außenverteidiger.

Darüber hinaus lässt er seine erste Saison in Valencia kurz Revue passieren und räumt mit einem Gerücht auf.


LAOLA1: Du warst ein gefragter Mann die letzten Tage. Ist das angenehm, zu wissen, dass man fernab der Heimat nicht vergessen wird, oder war es schon etwas zu viel?

Christian Lell: Ich würde sagen weder noch. Es war mir nicht zu viel, aber ich mache deshalb auch keine Luftsprünge. Das ist in Ordnung. Wenn Leute meine Meinung wissen wollen, dann sage ich die auch.

LAOLA1: Vor dem Hinspiel Bayern gegen Barca, das ein Hauptgrund für das hohe Interesse war, hast du auf ein Weiterkommen der Bayern ohne Gegentor getippt. Damit bist du bislang klar bestätigt worden, nur im Ergebnis – 1:0 – hast du dich etwas vertan.

Lell: Ja. Dass das Spiel in der Art und Weise ausgeht, damit haben sicher die wenigsten gerechnet, vielleicht sogar gar keiner. Aber ich war mir sicher, dass die Bayern kein Tor kassieren und dass sie so ins Finale einziehen werden. Das soll heißen, dass sie auch im Rückspiel kein Tor kassieren werden. Da bleibe ich weiter bei dieser Meinung.

LAOLA1: Wie ordnest du dieses 4:0 ein? Waren es sehr starke Münchner oder eben auch ein schwaches Barca?

LAOLA1: Auf den Punkt da sein könnte am Mittwoch auch Messi, dessen fehlende Fitness auch einer der Mitgründe für die Leistung beim 0:4 war. Am Wochenende hat er wieder ein sehr schönes Tor geschossen. Glaubst du, dass er den Unterschied ausmachen kann, dass die Null bei den Bayern nicht steht?

Lell: Es kann sein, dass er den Unterschied macht. In Barcelona kann alles passieren, wenn ein schnelles Tor, oder sogar zwei Tore fallen. Bayern hat aber den Vorteil, dass das Erlebnis mit Arsenal (0:2 im CL-Achtelfinal-Rückspiel, Anm.) noch nicht so lange her ist. Es liegt noch in den Köpfen, dass sie so einen Vorsprung in der Champions League auch schnell verspielen können. Deswegen wird ihnen das kein zweites Mal passieren.

LAOLA1: Der Aufstieg ist also für dich beschlossen?

Lell: Ja! Ich gehe fest davon aus, dass die Bayern ins Finale einziehen und dort auch gegen Dortmund gewinnen werden. Wenn sie dann gegen den VfB Stuttgart im DFB-Pokal-Finale gewinnen, werden sie ihre Saison perfekt abrunden. Ich gönne es ihnen absolut. Wer in drei Jahren zwei Mal im Champions-League-Finale steht, der gehört dort hin. Und der verdient es auch, die Trophäe hochzuhalten.

LAOLA1: Bei Bayern-Barca kommt es zum Aufeinandertreffen von vier sehr starken Außenverteidigern. Wie würde dein persönliches Ranking von Jordi Alba, Dani Alves, David Alaba und Philipp Lahm aussehen? Wer ist der Beste?

Lell: Ein schwaches Barcelona gibt es nicht. Die Bayern haben es einfach gut gemacht, weil sie Barca nicht ins Spiel finden haben lassen. Es kommt natürlich hinzu, dass Lionel Messi meiner Meinung nach nicht hundertprozentig fit war. Dann bekommt das Spiel auch noch so einen Verlauf. Vielleicht war es ein Foul von Dante vor dem ersten Tor, Thomas Müller blockt seinen Gegenspieler weg, andererseits gab es zwei Handspiele im Strafraum von Barcelona. Es kam einiges zusammen. Trotzdem haben die Bayern einfach nicht zugelassen, dass sich Barca entfaltet.

LAOLA1: Siehst du eigentlich noch irgendwo Parallelen zu dem FC Bayern, der mit deinem Zutun vor vier Jahren gegen Barca 0:4 verloren hat?

Lell: Das kann man nicht vergleichen, das sind zwei völlig unterschiedliche Mannschaften. Das 0:4 vor vier Jahren hat die Vorstände dazu bewegt, umzudenken. Sie haben in den letzten Jahren die richtigen Entscheidungen getroffen und jetzt eine Mannschaft geformt, die ihres Gleichen sucht. Auch vor dem Hintergrund der damaligen Unruhen im Team – Trainer, Torwart-Wechsel, die zusammengewürfelte Mannschaft – kann man das nicht vergleichen.

LAOLA1: Mit Levante bist du Barca einmal gegenübergestanden, beim 0:4 in der Hinrunde. Beim 0:1 vor eineinhalb Wochen musstest du verletzungsbedingt passen. In beiden Spielen habt ihr lange gut mitgehalten und erst in der zweiten Halbzeit Tore kassiert. Kann man auch aus diesen Spielen die Lehren ziehen, dass Barca manchmal trotz Ballbesitz zu wenig Durchschlagskraft hat?

Lell: Da muss man beide Partien gesondert betrachten. Im ersten Spiel hat Barcelona in der Bestbesetzung gespielt und es ging deutlich aus, obwohl wir, wie du richtig sagst, sehr gut dagegengehalten haben. Im Rückspiel wurden viele Spieler geschont. Da hat sich Barca gegen eine tief stehende Mannschaft schon schwer getan, Chancen herauszuspielen. Aber auch hier hat man die Qualität gesehen, die sich letzten Endes durchgesetzt hat. Wenn man auf die Tabelle der Liga schaut, kann man ihnen nicht vorwerfen, dass sie zu wenig machen. Sie dominieren klar und sind, wenn sie wollen, auf den Punkt da.

"Lahm steht ganz oben"

Lell: Die spektakuläre Spielweise mag von Dani Alves sein, aber ganz oben steht Philipp Lahm. Der spielt immer konstant auf einem Level. Ich kann das sagen, weil ich ja viele Jahre mit ihm gemeinsam gespielt habe. Da gibt es kaum einen Ausschlag nach unten. Das ist schon fast eine Kunst. Diese Qualität gibt es in der Weltspitze nicht oft. David Alaba hat eine ähnliche Spielanlage wie Alves, mit Schnelligkeit und sehr viel Zug nach vorne. Er ist noch viel jünger, kann daher nicht über Jahre schon seinen Level unter Beweis stellen. Aber das wird er noch tun. Ich sehe Lahm ganz oben und alle drei anderen auf Platz zwei.

LAOLA1: Kommen wir zu dir persönlich. Du bist gegen Barca wegen einer Verletzung nicht im Kader gestanden, am Wochenende wieder auf der Bank. Wie ist der aktuelle Zustand? Wie geht es dir?

Lell: Noch nicht so gut. Ich muss erst schauen, wie es diese Woche weiter verheilt. Ich will jetzt gegen Ende der Saison auch kein unnötiges Risiko eingehen, eventuell mehrere Wochen auszufallen. Wir sind mehr oder weniger gesichert, brauchen noch zwei, drei Punkte und werden die auch noch holen.

LAOLA1: Aktuell seid ihr 13. in der Tabelle. Nach vorne fehlen 13 Punkte auf einen europäischen Startplatz, nach hinten habt ihr zehn Punkte Vorsprung. War in dieser Saison schon relativ früh die Luft heraußen?

Lell: Ja, das muss man offen und ehrlich sagen. Wir haben uns vor drei, vier Wochen schon vorgenommen, mit Siegen den Kampf um die internationalen Plätze zumindest noch einmal spannend zu machen. Aber irgendwo haben wir es schon geahnt. Der April war auf dem Papier ein schwieriger Monat und hat sich auch auf dem Platz so dargestellt. Mit Real, Barca und Teams, die gegen den Abstieg spielen – der April hat uns die Luft herausgenommen. Jetzt haben wir noch fünf Spiele, um die nötigen Punkte zu holen. Das ist auch schade, weil wir es fahrlässig aus der Hand gegeben haben und schon den einen oder anderen Sieg verdient gehabt hätten.

LAOLA1: Im Rückblick auf die Spielzeit mit der erstmaligen Teilnahme und den Erfolgen in der Europa League kann man aber dennoch zufrieden sein, oder?

Lell: Auf jeden Fall. Wenn uns jemand gesagt hätte, dass wir bis ins Achtelfinale kommen, hätten wir das sicher alle unterschrieben. Im Verein wird diese historische Saison noch lange verankert bleiben. Das Ziel in der Liga war der Klassenerhalt, also ist es in dieser Spielzeit, vor allem in der Hinrunde, sehr gut gelaufen.

LAOLA1: Wie kann man die Leistungen von Levante, einem Verein mit einem der geringsten Budgets der Liga, über die letzten Jahre erklären?

Lell: Man kann es nicht an einer Sache ausmachen. Fürth und Frankfurt sind etwa aufgestiegen. Fürth steigt wieder ab und Frankfurt spielt um die internationalen Plätze. Es gibt immer wieder spezielle Momente im Fußball. Erfolg auf Dauer hängt natürlich immer ein wenig mit dem Budget zusammen. In der Momentaufnahme kann man aber auch mit wenig Geld Hervorragendes leisten. Levante spielt im nächsten Jahr die vierte Saison in Folge in der ersten Liga. Das ist ein Verdienst der Verantwortlichen und natürlich auch des Trainers. Ich tu mir da schwer, einen Aspekt herauszupicken. Es ist nicht einfach. Wenn ich sehe, dass Levante 20 Millionen TV-Einnahmen und Barca und Real etwa 150 Millionen erhalten, weiß ich, wie der Hase läuft. Levante macht es einfach sehr gut.

LAOLA1: Sehr viele Spanier sind in letzter Zeit ins Ausland gewechselt und bringen in den europäischen Ligen gute Leistungen. Du bist als Deutscher gegen den aktuellen Trend nach Spanien gewechselt. Was hat letztendlich für Spanien gesprochen?

Lells Abgang von der Hertha war von Turbulenzen begleitet

Lell: Zum einen wollte ich immer schon ins Ausland gehen. Meine Vertragsverlängerung in Berlin über fünf Jahre wurde ja durch den Abstieg nicht wirksam. Das war für mich so ein Stück weit ein Zeichen: „Da kann es nicht weitergehen. Jetzt mach das, was du dir schon immer gewünscht hast!“ Mit Levante kam ein Angebot von einem kleineren Verein, der aber Chancen auf den Europacup hatte. Da habe ich gesagt: „Mensch, das machen wir.“ Ich wollte seit jeher in Spanien spielen. Die Umstände, ablösefrei zu sein und mit Levante international spielen zu können, haben gepasst.

LAOLA1: Dennoch liest man in spanischen Medien, dass dein Auslands-Abenteuer vor dem Ende steht und du um eine Vertragsauflösung aus privaten Gründen gebeten hast.

Lell: Das stimmt nicht. Da ist auch kein einziges Zitat von mir zu lesen. Da müsste man nachforschen, wer diesen Schmarrn in die Welt gesetzt hat. Ich habe noch ein Jahr Vertrag und der Verein ist sehr zufrieden mit mir und möchte verlängern. Ich habe nie von einer Vertragsauflösung gesprochen. Wenn man ein Jahr Vertrag hat, spricht man über seine Zukunft, auch mit dem einen oder anderen Verein aus Deutschland. Da ist in allen Richtungen noch alles offen.

LAOLA1: Das Gerücht wirkte umso interessanter, weil etwa zeitgleich auch die Hertha ihren Aufstieg fixiert hat. Ist eine Rückkehr nach Berlin Thema?

Lell: (lacht) Nein. Das Kapitel ist abgeschlossen, zumindest im Moment. Die Hertha ist nicht auf mich zugekommen und ich nicht auf sie. Für Leute, die das genau betrachten, mag das ein lustiger Zufall sein. Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

LAOLA1: Du spielst bei einem Mittelständler der spanischen Liga und kennst die deutsche Bundesliga sehr gut. Jetzt taucht natürlich immer wieder die Frage auf, welche Liga stärker ist. Wie siehst du das Thema?

Lell: Die Bundesliga ist schon sehr stark. Ich tu mir mit diesen Vergleichen immer sehr schwer. In der Bundesliga wird physischer und schneller gespielt, in Spanien dafür technischer und taktischer. Wobei in Deutschland auf die Taktik natürlich auch viel Wert gelegt wird. Ich würde dennoch sagen, dass die deutsche Liga in der Breite mittlerweile stärker ist.

LAOLA1: In der Breite stärker, an der Spitze aber auch, wie die Champions Leage lehrt. Oder ist das nur eine Momentaufnahme?

Lell: Es ist eine Momentaufnahme. Da wird auch nur die Champions League betrachtet. Man muss auch auf die Europa League schauen, wo die deutschen Teams nicht so gut abgeschnitten haben. Da muss man schon vorsichtig sein und die nächsten Jahre abwarten.

Das Gespräch führte Christian Eberle

Mehr zum Thema Zum Seitenanfang»