Der Mann im Hintergrund beim FC Basel

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Im Jänner 2001 fiel eine Entscheidung, die den FC Basel nachhaltig verändern sollte.

Ruedi Zbinden, bis dahin Assistent vom damaligen Coach Christian Gross, wurde zum Chef-Scout ernannt.

„Der Präsident hat sich bis dahin um alle Transfers selbst gekümmert. Gross und ich haben gesagt, es muss sich etwas ändern. Wir müssen das Scouting so aufziehen, wie es in Deutschland, Italien oder England schon lange funktioniert. Deswegen habe ich meine Rolle gewechselt, vom Co-Trainer zum Spielerbeobachter“, erzählt Zbinden im Gespräch mit LAOLA1.

Seitdem avancierte der 55-Jährige zum Mann hinter den Erfolgen des Schweizer Serienmeisters. Top-Transfers wie Aleksandar Dragovic oder Mohamed Salah gehen auf sein Konto. Sie brachten dem FC Basel nicht nur sportlichen Erfolg, sondern ließen bei ihren Abgängen auch die Klub-Kassen laut klingeln.

Alle zwei bis drei Tage ein Stadionbesuch

Aus Österreich gehen viele neidvolle Blicke über die Vorarlberger Grenze. Während sich die heimischen Vereine mittlerweile aus dem Europacup verabschiedeten, kämpft der FCB am Dienstag gegen Porto (20:45 Uhr, LIVE-Ticker) um den Aufstieg in das Champions-League-Viertelfinale.

Das Erfolgsrezept, bestehend aus der Förderung des eigenen Nachwuchses sowie klugen Neuzugängen, machte aus dem ehemaligen Schweizer Mittelständler innerhalb der letzten 15 Jahre einen internationalen Vorzeige-Klub.

„Das Scouting war schon sehr wichtig für die positive Entwicklung“, gibt Zbinden zu. Der ehemalige Stürmer, der zwischen 1989 und 1993 auch als Spieler in Basel aktiv war, schaut sich alle zwei bis drei Tage ein Fußballmatch in einem Stadion an. Lange Zeit kümmerte er sich ganz alleine um die Spielerbeobachtung. „Seit letztem Sommer habe ich aber drei Scouts, die Teilzeit beim Verein angestellt sind. Wenn eine positive Rückmeldung von einem Spieler kommt, dann schaue ich ihn mir selbst an.“

Die Datenbank als Herzstück der Arbeit

Momentan suchen die Baseler an zwei Positionen nach einer Verstärkung. Dafür hat Zbinden 20 bis 25 Spieler zur intensiveren Beobachtung aus seiner Kartei ausgewählt. Diese Datenbank ist das Herzstück seiner Arbeit. Fällt ihm auf seinen Reisen ein Kicker positiv auf, dann werden Notizen und Angaben zur Person digital gespeichert.

„In den letzten Jahren haben wir sehr viele Aufzeichnungen zusammengetragen“, erklärt der Chef-Scout. Auf diese Weise sei man immer vorbereitet, wenn plötzlich auf einer Position Handlungsbedarf bestehe. „Man braucht immer ein paar Spieler in der Hinterhand. Ansonsten leistet man sich in der Hektik einen Fehleinkauf.“

Bei der Suche nach möglichen Neuzugängen konzentriert sich Zbinden vor allem auf Spieler im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. „Sie müssen hungrig sein. Ein 20-Jähriger, der über uns den Sprung zu einem Top-Klub schaffen will, ist ideal. Er muss aber auch das Potenzial mitbringen, in mindestens einem halben Jahr besser zu sein, als derjenige, der aktuell auf seiner Position spielt.“

Anmerkung: Alle Geldwerte in Euro; Quelle: Transfermarkt.at

Das Beispiel Salah

Ein gutes Beispiel dafür, wie es von der Beobachtung zur Verpflichtung eines Spielers kommen kann, ist der schon angesprochene Salah. „Er ist mir bei der U20-WM 2011 in Kolumbien aufgefallen. Deswegen hatten wir ihn schon in unserer Datenbank. Ich war überrascht, dass er nicht schon nach diesem Turnier von einem Top-Klub verpflichtet wurde.“

Nur ein Jahr später wurden dem FCB von einem Agenten zwei Spieler aus Ägypten angeboten. Zbinden wurde hellhörig. „Da kam plötzlich der Name Salah in Spiel. Er hat ein Probetraining absolviert und zunächst überhaupt nicht überzeugt. Am letzten Tag hat er endlich seine Qualitäten gezeigt, dann haben wir ihn verpflichtet.“

2,5 Millionen Euro gaben die Schweizer für den Flügelflitzer aus, an Chelsea wurde er zwei Jahre später um mehr als 13 Millionen Euro weiterverkauft. Mittlerweile spielt der 22-Jährige bei seinem Leih-Klub Fiorentina groß auf.

„Ich beobachte jede Geste“

Nachwuchsturniere wie die U20-WM würden eine gute Möglichkeit bieten, um junge Spieler zu entdecken. „Wir besetzen sie mittlerweile regelmäßig. Dort fallen einem Talente auf. Man muss sie nicht gleich danach holen, aber sie sind dann auf der Liste und man kann sie in den nächsten Jahren beobachten.“

Als Scout schwört Zbinden auf den Besuch im Stadion. Videos würden sich zwar zur Voranalyse eignen, aber nur vor Ort könne man wirklich in Erfahrung bringen, ob ein Spieler die nötigen Fähigkeiten mitbringe.

„Nur so kann man sehen, um was für einen Typ es sich handelt. Ich beobachte jede Geste. Das fängt an beim Einlauf ins Stadion über den Umgang mit den Gegenspielern und das Verhalten gegenüber dem Schiedsrichter. Da lernt man schon viel über den Charakter eines Spielers.“

Mögliche Transferflops lassen sich aber auch mit dem besten Scouting nicht immer verhindern. „Natürlich haben auch wir schon Fehler gemacht. Bestimmte Spieler haben sich nicht so entwickelt, wie wir uns das vorgestellt haben, obwohl unser Klub ein tolles Umfeld hat. Da kann man jeden Spieler fragen. Wenn sie einmal bei uns waren, kommen sie immer gerne wieder zurück.“

Name

Gekommen von

Ablöse

Verkauft an

Jahr

Ablöse

Mohamed Salah

Arab Contractors (2012)

2,5 Mio.

FC Chelsea

2014

13,27 Mio.

Xherdan Shaqiri

Eigener Nachwuchs

-

FC Bayern

2012

11,8 Mio.

Aleksandar Dragovic

Austria Wien (2011)

1 Mio.

Dynamo Kiev

2013

9 Mio.

Granit Xhaka

Eigener Nachwuchs

-

Mönchengladbach

2012

8,5 Mio.

Yann Sommer

Eigener Nachwuchs

-

Mönchengladbach

2014

8 Mio.

Felipe Caicedo

Rocafuerte (2006)

330 Tsd.

Manchester City

2008

7 Mio.

Matias Delgado

Chacarita (2003)

1,3 Mio.

Besiktas Istanbul

2006

5,5 Mio.

Samuel Inkoom

Asante Kotoko (2009)

540 Tsd.

Dnipropetrovsk

2011

5,3 Mio.

Ivan Rakitic

Eigener Nachwuchs

-

FC Schalke 04

2007

5 Mio.

Thimothee Atouba

Neuchatel (2002)

400 Tsd.

Tottenham

2004

4,5 Mio.

"Agenten machen einen fast verrückt"

Die Integration der Neuzugänge sei natürlich umso leichter, wenn schon andere Spieler aus demselben Land oder mit derselben Sprache in Basel sind. Auf eine bestimmte Region, in der verstärktes Scouting betrieben wird, verzichtet Zbinden dennoch.

„Wir sind da sehr offen und beobachten Spieler aus allen möglichen Erdteilen. Aber natürlich ist es immer von Vorteil, gleich mehrere Leute aus demselben Land im Kader zu haben. Das spielt schone eine Rolle bei der Auswahl der Neuzugänge.“

Neben den Talenten, die den FCB-Scouts selbst auffallen, versuchen auch diverse Manager ihre Schützlinge dem Klub näher zu bringen. Auch auf ÖFB-Nationalspieler Dragovic wurden die Schweizer über diesen Weg aufmerksam. „Man bekommt so viele Spieler angeboten, dass es einen schon fast verrückt macht“, meint Zbinden. „Darum kümmert sich aber mittlerweile Sportdirektor Georg Heitz. Über die interessanten Leute informiert er mich, damit ich sie beobachte.“

Heitz ist es auch, der die Transfers schlussendlich zum Abschluss bringt. Dafür müssen sie aber aus einer Kommission, bestehend aus Trainer, Sportdirektor, Chef-Scout, Präsident und Vize-Präsident abgesegnet werden.

Finanziell schaut einiges dabei heraus

Nicht nur sportlich, auch finanziell macht sich das Scouting bezahlt. Jedes Jahr verkauft der Schweizer Serienmeister zahlreiche Spieler teuer weiter, die wenige Jahre zuvor billig zum Verein gestoßen sind. Für Dragovic überwies man beispielsweise eine Million Euro an die Austria. Bei seinem Abgang zu Dynamo Kiew kassierte Basel acht Millionen mehr. 

Laut Zbinden sind die Transfer-Millionen ein willkommener finanzieller Polster - vor allem, wenn die Einnahmen aus dem internationalen Geschäft einmal ausbleiben würden.

„Aber wir wollen nicht nur kaufen und verkaufen. Wichtig ist in erster Linie, dass wir gute Spieler im Kader haben. Aber wenn ein Angebot kommt, wie bei Salah oder Dragovic, dann kannst du nicht nein sagen.“

Als seinen wichtigsten Transfer bezeichnet Zbinden die Verpflichtung von Marco Streller. Den jetzigen Kapitän, der seine Karriere im Sommer mit dem Gewinn seines achten Meistertitels beenden will, entdeckte er Ende der 1990er-Jahre beim unterklassigen FC Arlesheim, noch bevor er zum Chef-Scout bestellt wurde.

Schon damals zeichnete sich Zbindens zukünftige Karriere ab. Gemeinsam mit seinem Schützling Streller sollte er die erfolgreichste Ära der Baseler Klub-Geschichte prägen.

Und diese ist noch lange nicht zu Ende.

 

Jakob Faber

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