Aufmacherbild

Parallelen und Unterschiede

Sie waren noch nicht einmal Teenager, als sie zum ersten Mal das violette Trikot überstreiften.

Aleksandar Dragovic war sechs Jahre alt, David Alaba, der zuvor beim SV Aspern gekickt hat, neun.

Austrias Nachwuchs-Leiter Ralf Muhr erinnert sich noch gut an die Anfänge der beiden: „Viele Trainer, die mit ihnen gearbeitet haben, haben gesagt: ‚Wenn der keiner wird, wer soll dann einer werden?‘“

Vor allem der Basel-Legionär ist ihm in lebhafter Erinnerung geblieben: „Er hatte früher immer sehr lange Haare. Viele haben sich gedacht: „Was spielt da für ein Mädl?“ Dann haben sie sich gedacht: „Wahnsinn, wie gut das Mädl spielen kann.“ In Wahrheit hat sich Drago dahinter versteckt. Mit 13, 14 Jahren hat er sich dann die Haare abgeschnitten.“

Von der Akademie zu den Profis

Mit kurzen Haaren und jeder Menge Talent besuchte das Duo die Frank-Stronach-Akademie in Hollabrunn. Und machte dort mit starken Leistungen auf sich aufmerksam. So stark, dass die Austria im Winter 2007/08 beschloss, beide ins Profi-Trainingslager mitzunehmen.

PARALLELEN:

Schulisches

„Beide waren nicht unbedingt unterrichtsresistent, aber sie waren sicher keine Vorzeigeschüler a la Markus Suttner. Sie waren lernbereit“, berichtet Muhr. Schon bald sei klar gewesen, dass sie es höchstwahrscheinlich als Profi-Fußballer schaffen würden. „Das schulische Interesse der beiden ist dann in den Hintergrund getreten. Berechtigterweise, weil sie schon sehr jung in den Profi-Bereich vorgestoßen sind. Die Verbindung zu schaffen, war dann schwierig.“

Fußballerisches

Beide bringen das technische Rüstzeug mit, um bei absoluten Top-Vereinen bestehen zu können. Beide zeichnet trotz ihres geringen Alters eine unglaubliche Kaltschnäuzigkeit aus. Nervosität vor wichtigen Spielen? Möglich, aber nie bemerkbar. Dragovic absolvierte sein Länderspiel-Debüt vor fast 52.000 Zusehern in Belgrad und agierte eiskalt, Alaba lief bei seinem ersten Einsatz im Teamdress vor 78.000 Menschen in Paris auf und leistet sich bei diversen wichtigen Spielen im Bayern-Trikot fast keine Fehler. Zudem sind beide flexible Spieler. Dragovic spielt seit geraumer Zeit zwar nur noch in der Innenverteidigung, doch Muhr sagt: „Ich sehe Dragovic auch in der Sechser-Position sehr gut. Er ist technisch überragend, hat eine hohe Zuspiel-Qualität, ist kopfballstark und kann aus der Etappe kommend sehr torgefährlich werden. In der Akademie hat er viele Tore aus dem Mittelfeld erzielt.“ Alaba kann im Mittelfeld praktisch jede Position einnehmen und hat auch schon als Linksverteidiger gespielt.

„Ich habe es ihnen persönlich mitteilen dürfen, dass sie mit den Profis auf Trainingslager fahren. Wir haben sie bei einem Turnier in Deutschland auf die Seite geholt. Das war eine Initialzündung. Sie haben bei diesem Turnier überragend gespielt“, erzählt Muhr.

Einen Tag vor dem Abflug nach Spanien liefen Dragovic und Alaba zum ersten Mal in der Kampfmannschaft auf. Am 18. Jänner 2008 stand im Horr-Stadion ein Testspiel gegen den FAC auf dem Programm. In der 81. Minute schickte Trainer Georg Zellhofer das Duo aufs Feld. Eine Minute später lieferte Alaba einen Assist.

Begeisterte Trainer und Mitspieler

Im Trainingslager wussten die Nesthäkchen restlos zu überzeugen. „Ich kann mich an das Feedback des Trainerteams und der Verantwortlichen gut erinnern: Sie waren ob der spielerischen Fähigkeiten begeistert. Sie haben sofort mithalten können, auch taktisch und körperlich“, so Muhr.

„Diese beiden sind unglaublich stark“, meinte Parits nach der Rückkehr nach Wien. Zellhofer zeigte sich „äußerst positiv überrascht“ und so mancher Profi kam richtig ins Schwärmen. „Unglaublich, wie weit die sind“, streute ihnen etwa Andi Lasnik Blumen.

Die ersten Erfahrungen bei den Profis sind bei weitem nicht das einzige, das die zwei Wiener gemeinsam haben. Es gibt zahlreiche Parallelen, aber auch einige Unterschiede.

Mediales

Einsilbig. Dieses Wort beschreibt den medialen Umgang der beiden wohl am besten. Handfeste Kampfansagen sind von den beiden nicht zu hören. „Es ist ein Charakterzug, der die beiden auszeichnet. Wenn ich die beiden heute treffe, stelle ich fest, dass sie sich nicht verändert haben. Sie sind, was die Kommunikation betrifft, eher auf der sparsamen Seite. Aber so sind sie einfach, das ist authentisch“, meint Muhr.

Deutschsprachiges

Beide haben sich als erste Station im Ausland eine deutschsprachige Stadt ausgesucht. Eingewöhnungszeit benötigten sie fast gar keine. Da hat man bei so manchem Talent schon anderes erlebt. Muhr findet: „Als junger Spieler muss man sich sehr gut überlegen, in welches Umfeld man sich begibt, wenn man ins Ausland wechselt. Wenn man die Sprache schon beherrscht, tut man sich im Alltag natürlich leichter – von der schulischen Ausbildung ganz abgesehen. Es war ein sehr kluger Schachzug der beiden.“

UNTERSCHIEDE:

Die Leader-Rolle

Er spiele schon sehr erwachsen, war über Alaba bereits vor Jahren zu hören. Dabei ist der Wiener aktuell erst 19 Jahre alt. Er sei auf jeden Fall ein echter Leader-Typ, findet Muhr. Tatsächlich reißt der Bayern-Legionär das Spiel an sich, wann immer er kann. Im Nationalteam ist er stets treibende Kraft, nie Mitläufer. Bei Dragovic verhält sich das laut Muhr ein wenig anders: „Ihn hat man immer ein bisschen dazu drängen müssen, dass er eine Leader-Rolle einnimmt. Als er in die Akademie gekommen ist, war ich in der U15 sein Trainer. Damals ist er Kapitän geworden.“ Doch der Abwehrspieler ist gereift, übernimmt mittlerweile auch schon mal das Kommando.

Der Weg

Der eine hat noch im Nachwuchs den Weg ins Ausland gesucht, der andere hat sich zuerst in der heimischen Bundesliga einen Namen gemacht. „Egal, welcher Weg eingeschlagen wird, Qualität setzt sich durch. Und diese beiden haben enorme Qualität“, so Muhr. Die Möglichkeit, bei einem europäischen Top-Klub unterzukommen, hatten beide schon früh. Der FAK-Nachwuchschef berichtet: „Bei Alaba war es schon im Bereich der U15 so. Wir waren damals im Weltfinale des Nike-Cups, sind am Präsentierteller der internationalen Scouts gewesen. Manchester United und Arsenal hatten Interesse. Dragovic wollten vor allem Vereine aus Italien.“

ZUKUNFT:

Wie geht es mit den beiden weiter? Immerhin zählen sie zweifellos zu den größten Hoffnungsträgern des österreichischen Fußballs.

Muhr über Alaba: „Er ist jetzt schon bei einem der besten Klubs in Europa. Und das wird sich so fortsetzen. Ich glaube, dass er noch länger bei den Bayern bleiben wird und sich dort auch durchsetzt. Vielleicht wird er dann zu einem noch größeren Verein, wo er prägend sein kann, kommen. Im Nationalteam wird er über das nächste Jahrzehnt sicher eine Größe werden.“

Muhr über Dragovic: „Ich denke, dass er nach Basel zu einem großen Verein in der deutschen Bundesliga, der Serie A oder der Premier League wechseln wird. Dort wird er sich auch durchsetzen.“


Harald Prantl

Mehr zum Thema Zum Seitenanfang»