"Mit elf A-Junioren gewinnst du keine Titel"

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Zlatan Ibrahimovic: Torschützenkönig der Serie A 2009 und 2012, der Ligue 1 2013 und 2014.

Luis Suarez: Torschützenkönig der Premier League 2014.

Klaas-Jan Huntelaar: Torschützenkönig der Deutschen Bundesliga 2012.

Alle drei Torjäger in einem Team zu vereinen, ist höchstens in der Fantasie manches FIFA-Spielers möglich. Was die drei Vollblutstürmer aber sehr wohl eint, ist die Station, bei der ihre Weltkarriere begonnen hat: Ajax Amsterdam.

Der niederländische Hauptstadtklub ist berühmt-berüchtigt für die Ausbildung zahlreicher Topstars. Im letzten Jahrzehnt geriet dieser Motor jedoch zusehends ins Stocken.

Als die kleineren Ligen vermehrt den Anschluss an Europas Spitze verloren, geriet auch die eigene Transferpolitik aus dem Ruder. Mittelklassige Spieler wurden planlos eingekauft und der eigenen Jugend vor die Nase gesetzt. Trauriger Höhepunkt: Die bis heute höchste Ablöse der Vereinsgeschichte, 16,25 Millionen Euro für Miralem Sulejmani, der diese Summe nie rechtfertigen können sollte. Gepaart mit fehlenden, aber eingeplanten Champions League-Einnahmen führte dies den Klub in finanzielle Schieflage.

Bis Frank de Boer auf der Trainerbank Platz nahm.

LAOLA1 erklärt, wie der 112-fache Nationalspieler mithilfe der „Cruyff`schen Revolution“ dem Verein seine Identität sowie den Erfolg zurückbrachte, aber mit Sportdirektor Marc Overmars trotzdem in der Kritik steht.

Der erlösende dritte Stern

Dezember 2010. Nach einem enttäuschenden 1:1-Heimremis gegen Nachzügler NEC Nijmegen erklärt Martin Jol seinen Rücktritt. Der frühere HSV-Coach ist der siebente Übungsleiter in nur fünf Jahren, der auf der Amsterdamer Trainerbank scheitert.

Zur Meisterschaftshalbzeit nach 17 Runden liegt Ajax auf dem enttäuschenden Rang vier, fünf Punkte hinter Erzrivale PSV Eindhoven. Als im Winter Aushängeschild Luis Suarez den Verein verlässt, scheint zum siebenten Mal in Folge die Chance auf die Meisterschaft vergeben. Für den niederländischen Rekordmeister traurige Bestmarke der Vereinsgeschichte.

In dieser prekären Lage übernimmt der bisherige Jugendcoach interimistisch bis zur Winterpause: Frank de Boer. Mit einem Traumdebüt, einem 2:0-Auswärtssieg in der Champions League beim AC Milan, und zwei 1:0-Siegen in Beker und Meisterschaft erarbeitet sich der frühere Innenverteidiger von Weltformat seine Vertragsverlängerung, für die er seinen Nebenjob als Co-Trainer der niederländischen Nationalmannschaft aufgab. Die Entscheidung sollte sich auszahlen.

Hauptfiguren Bergkamp und Cruyff

Mit einem 3:1-Heimsieg am letzten Spieltag im direkten Duell gegen Titelverteidiger Twente Enschede (mit Marc Janko) kürt sich Ajax zum Kampioen. Ausgerechnet am 15. Mai, dem 41.Geburtstag von Frank de Boer, sichert sich der Klub für die dreißigste Meisterschaft den lang ersehnten dritten Stern. „Ich hätte mir kein besseres Geschenk vorstellen können“, so der Erfolgscoach zu "uefa.com".

„Cruyff ist Gott bei Ajax“

Mindestens genauso wichtig wie der Erfolg gilt die parallele Umstrukturierung auf Funktionärsebene. Vereinsikone Johan Crujff hatte die Fehlentwicklungen im Klub betreffend vernachlässigter Jugend und überteuerter Transfers scharf kritisiert. "Das ist nicht mehr Ajax", titelte seine Kolumne im "De Telegraaf" im September 2010. Der Grundsteinleger für die Barcelona-Jugendakademie „La Masia“ forderte die Neustrukturierung der Akademie sowie personelle Änderungen auf Managementebene.

Letztere wurden kompromisslos durchgezogen. CEO Rik van den Boog trat ebenso wie Präsident Uri Coronel aufgrund Differenzen mit dem Altmeister zurück: "Johan ließ uns keine Wahl. Es hieß: Entweder schlucken oder gehen. Sonst gibt es eine große Schlägerei. Cruyff ist Gott bei Ajax", lautete die Begründung auf der Pressekonferenz.

Die Cruyffsche Revolution nahm seinen Anfang.

Zu neuen Hochsprüngen?

Das Konzept sah die Implementierung zahlreicher ehemaliger Vereinsikonen vor. Dennis Bergkamp übernahm im Sommer 2011 das Amt des Co-Trainers. Im Februar 2012 warf Sportdirektor Danny Blind seinen Hut, ihm folgte der ehemalige Flügelflitzer Marc Overmars nach. Im November desselben Jahres wurde Oranje-Rekordnationalspieler Edwin van der Sar Marketingdirektor. Wim Jonk wurde Nachwuchskoordinator.

Vertonghen und Eriksen bei Tottenham vereint

Nicht Schock genug, dass der Däne am vorletzten Tag der Transferfrist verkauft wurde, erschienen angesichts der Klasse des Spielers und des Zeitpunktes 13,5 Millionen Euro zu wenig. Noch dazu von einem Klub der Premier-League, die bekanntlich ohnehin im Geld schwimmt und insbesondere Tottenham, das 100 Millionen Euro durch den Bale-Transfer zu Real Madrid einnehmen sollte und händeringend nach offensiven Verstärkungen suchte.

Zusätzlich gestaltete sich die Nachfolgersuche als unglücklich. Die Billiglösung (aufgrund seiner Sparsamkeit trägt Overmars den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Netto-Marc“) Lerin Duarte wechselte für drei Millionen Euro von Heracles Almelo in die Hauptstadt, sollte sich aber nie durchsetzen. Teurere und in der Qualität unbestrittene Ersatzleute wie die niederländischen Nationalspieler Adam Maher und Marco van Ginkel wurden gar nicht erst ins Auge gefasst.

Linksaußen-Posse

Die Transferaktivitäten auf Linksaußen, einer länger bekannten Problemposition, verdeutlichten die Problematik. Anstatt über fünf Millionen Euro in den heutigen Nationalspieler Luciano Narsingh zu investieren, wurden gleich drei Spieler geholt, von denen letztlich niemand weiterhalf.

Mit den ehemaligen Vereinskollegen an der Seite sollte Frank de Boer die Revolution auf sportlicher Ebene umsetzen. Kernpunkt sei die hauseigene Akademie „De Toekomst“, die Zukunft.

„Wir wollen Spieler in rascherem Tempo auf ein höheres Level führen, damit die Umgewöhnungszeit auf die Ehrendivision kürzer dauert. Vom Alter zwischen sieben und 14 Jahren steht Teamtraining im Vordergrund, danach fokussieren wir uns auf das Individuum. Der eine benötigt mehr mentale Stärke, ein anderer muss körperlich zulegen oder an der ersten Ballberührung arbeiten. Wenn ein Spieler Kopfweh hat, muss nicht das ganze Team Kopfwehtabletten nehmen", erklärt der Erfolgscoach im "Algemeen Dagblad".

Dahinter steckt eine große Vision: „Jahrelang sprang jeder Hochspringer bäuchlings über die Latte. Doch eines Tages führte Fosbury den Sprung rücklings aus. Der ist doch verrückt, urteilten die Leute, aber zwei Jahre später nützte jeder diese Technik.
Das Gleiche geschah bei Ajax. Alle kopierten die Akademie. Nun wollen wir etwas Neues kreieren. Und in zehn Jahren wird jeder danach handeln. Und dann werden wir uns wieder etwas Neues einfallen lassen!“

„Back to the roots“

Als Grundvoraussetzung für das Konzept wurde wieder konsequent auf die eigene Jugend gesetzt. Namhafte Abgänge wurden intern bzw. durch Schnäppchen ersetzt. Größere Transfers sollten unter De Boer/Overmars erstmals ausbleiben, vier Millionen Euro lautete die Schmerzgrenze - sicherlich kein Zufall, dass Rekordtransfer Sulejmani ausgerechnet unter de Boer aussortiert wurde.

Akademiespieler Ricardo van Rhijn beerbte Rechtsverteidiger Gregory van der Wiel (2012 für 6 Millionen Euro zu Paris St. Germain). Schaltfigur Vurnon Anita (für 8,5 Mio. Euro zu Newcastle) wurde durch den ablösefreien Routinier Christian Poulsen ersetzt. Statt der Innenverteidigung Jan Vertonghen (Tottenham, 12,5 Mio. Euro) und Toby Alderweireld (Atletico Madrid, 7 Mio. Euro) liefen alsbald Niklas Moisander (4 Mio. Euro) und Joel Veltman (Akademie) auf.

In vier Jahren wurden somit 60 Millionen Euro am Transfermarkt erwirtschaftet, in Kombination mit regelmäßigen Champions-League-Teilnahmen verwandelten sich die zuvor roten Zahlen in ein Festgeldkonto mit der stolzen Summe von 100 Millionen Euro.

Auch sportlich lief das Werk’l: In diesen kommenden drei Jahren sollten drei weitere Meisterschalen folgen. Auf die längste Durststrecke folgte somit die längste Erfolgsserie der Vereinsgeschichte, als erster Trainer der Ehrendivision wurde De Boer viermal in Folge Kampioen.

Doch auf lange Sicht täuschte der Erfolg.

Kritik am Sparkurs und Sportdirektor Marc Overmars

Konnten in den ersten beiden Jahren noch die namhaften Defensiv-Abgänge durch diese Kaufpolitik aufgefangen werden, folgte spätestens im Sommer 2013 ein gravierender Einschnitt. Spielmacher Christian Eriksen schloss sich Tottenham an. Ein Transfer, der nicht nur die Gemüter der Ajax-Fans erhitzte, sondern auch die Schwächen der Transferpolitik unter Sportdirektor Marc Overmars schonungslos aufzeigte.

Sana verschlug es zu RBS-Gegner Malmö

Das schwedische Schnäppchen Tobias Sana (320.000 Euro von Göteborg) bestach nur in den ersten Spielen und verlor danach komplett den Anschluss an das Team. Das ewige Talent Bojan Krkic wusste mehr als Mittelstürmer als am Flügel zu überzeugen. Die zweite Barca-Leihe Isaac Cuenca war öfters verletzt als am Platz.

Zwar schaffte Ajax 2013/2014 den vierten Titel in Folge, was aber mehr der schwächelnden Konkurrenz als eigener Dominanz zu verdanken war. Doch erstmals war über die gesamte Saison ein merkbarer Bruch im Spiel der Amsterdamer zu erkennen. Der Klub war an einem Punkt angelangt, wo die Klasse der Abgänge nicht mehr durch die eigene Akademie oder Schnäppchen kompensiert werden konnte.

Das Manko des viel zu langsamen Spielaufbaus sollte vor allem gegen Red Bull Salzburg zum Verhängnis werden.

Kartenhaus bricht zusammen

Im Sommer 2014 wiederholte sich das Treiben. Die letzte übrig gebliebene Stütze der Vorsaison, Daley Blind, wechselte, erneut am letzten Transfertag, in die Premier League. Auch diesmal nahm der Klub kein Geld in die Hand, um in sofort helfende Qualität zu investieren.

„Wir können 10 oder auch gerne 30 Millionen für Spieler ausgeben, das ist nicht das Problem. Aber ein Spieler, der so viel wert ist, kommt nicht zu Ajax“, rechtfertigte De Boer gegenüber "ad.nl" die Leihe vom 30-jährigen Niki Zimling, der bei Mainz zwischen Ersatzbank und Feld pendelte.

Folge: In der Saison 2014/2015 brach das Konstrukt endgültig zusammen. Ajax quälte sich durch die Meisterschaft, spielerisch überzeugende Leistungen hatten Seltenheitswert. Die Meisterschaft ging mit 17 Punkten Vorsprung an PSV Eindhoven - mit Maher und Narsingh.

Philosophiestreit mit Kurswechsel?

Die letzte Spielzeit kann somit als verlorene Saison abgehakt werden, in der das zweifelsohne vorhandene Talent (Joel Veltman, Riechedly Bazoer, Davy Klaassen, Anwar El Ghazi) aufgrund der Umstände nie dauerhaft abgerufen werden konnte.

Seither befindet sich die Cruyffsche Revolution auf dem Scheideweg, der sich im Klub widerspiegelt: Auf der einen Seite die Vertreter der Jugendakademie, die dazu stehen, nur auf die eigene Jugend zu setzen.

Den Gegenpol bilden Bergkamp und De Boer, die mehr und mehr die gesunde Mischung präferieren. „Wir können 11 A-Junioren aufstellen. Das ist schön. Aber Titel gewinnst du letztlich nicht mit ihnen“, scheint der Trainer im "1900 Magazine" die Lehren aus den letzten beiden Jahren gezogen zu haben. Noch immer soll zwar voll auf die eigene Akadamie gesetzt werden, bei Bedarf aber auch in Qualität von außerhalb investiert werden. Diese Qualität bzw. Erfahrung soll dann dem Gerüst an Talenten die nötige Stabilität geben bzw. die in diesem Alter übliche Inkonstanz in deren Leistungen auffangen.

Erste Schritte in diese Richtung wurden mit den Verpflichtungen von Daley Sinkgraven vom SC Heerenveen und Nemanja Gudelj von AZ Alkmaar für sechs bzw. sieben Millionen Euro bereits unternommen. Die Rückkehr von Oud-Ajacied Johnny Heitinga (Hertha BSC), der bis 2008 215 Spiele für Ajax bestritten hatte, soll die nötige Routine bringen.

Gegenüber "Voetbal International" formuliert Frank de Boer die klare Marschroute: „Wir müssen wieder ansehnlicher spielen. Ich muss gestehen, dass das die letzten Jahre zu wenig war. Über letzte Saison war jeder unzufrieden, ich auch. Wir wollen wieder mehr Druck nach vorne aufbauen, unserem Spiel mehr Tiefe geben.“

Ob dies bereits gegen Rapid gelingt?

 

Andreas Gstaltmeyr

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