Das braucht es für ein Rapid-Wunder in Amsterdam

Aufmacherbild
 

Ein Wunder ist es, dass der SK Rapid Wien nach 0:2-Rückstand und Unterzahl im Hinspiel gegen Ajax Amsterdam überhaupt noch eine theoretische Chance auf den Einzug ins Champions-League-Playoff hat.

Und es bräuchte ein weiteres Wunder, um nach dem 2:2 daheim den Aufstieg in den Niederlanden perfekt zu machen.

Aber zum Glück gibt es Wunder immer wieder. Schon mehrmals gelang international die Sensation, deshalb könnte der Glaube daran, von unschätzbarem Wert sein.

„Deswegen treten wir mit viel Selbstvertrauen in Amsterdam an, aber nicht mit Übermut“, kündigt Kapitän Steffen Hofmann im Vorfeld an.

Internationale Bewährungsprobe

Der Saisonstart ist mit dem Cup-Aufstieg, dem Sieg gegen Ried, dem Heimremis gegen den CL-Sieger von 1995 sowie dem Auswärtssieg bei Meister RB Salzburg sichtlich geglückt.

Die Tabellenführung ist national der Lohn dafür, international kann man sich darum nichts kaufen. Auf dieser Bühne stehen für die Grün-Weißen andere Tugenden an erster Stelle.

„Wir sind gut gestartet, aber die Meisterschaft ist anders als international. Wir haben gesehen, dass Ajax sehr viel Qualität hat, aber auch, dass wir mithalten können. Es wird sicher ein offenes Spiel, aber auch ein hartes Stück Arbeit“, weiß Mario Sonnleitner.

Doch was braucht es, um das große Kaliber Ajax Amsterdam im Rückspiel der 3. Quali-Runde zur Champions League tatsächlich auszuschalten:

PERSONELLES:

Die Langzeitverletzten Thomas Schrammel und Andreas Kuen stehen ebenso wenig zur Verfügung wie der im Aufbautraining befindliche Mario Pavelic. Besonders schmerzt die Sperre von Stefan Schwab, der nach seinem Horrorfoul gegen Jairo Riedewald in Wien erst nach dem Rückspiel seine gerechte Strafe von Seiten der UEFA bekommt. Welche große Lücke der Mittelfeldmotor hinterlässt, stellte er nicht nur mit seinem Tor in Salzburg unter Beweis. Hier gilt es für Trainer Zoran Barisic den Hebel anzusetzen und einen Ersatzmann auszuerkoren. Die Wahl dürfte auf Srdjan Grahovac fallen, der schon im Hinspiel nach der Roten Karte ins kalte Wasser geworfen wurde und mit körperbetontem Spiel den Spielaufbau der Gäste unterbrach. Die Alternative Stefan Nutz bekam hingegen noch kaum eine Chance und wird somit auch gegen Ajax warten müssen.



Jan Novota hat spätestens mit seinen Paraden gegen Ajax und in Salzburg bewiesen, dass er derzeit nicht zu verdrängen ist. In der Viererkette sind Mario Sonnleitner, Stefan Stangl und auch Stephan Auer, der viel Lehrgeld zahlen musste, gesetzt. Der zweite Platz in der Innenverteidigung wird zwischen Maximilian Hofmann, der sich gegen die Amsterdamer nichts ankreiden ließ, und Christopher Dibon, der gegen Salzburg überzeugte, vergeben. Ersterer darf sich aufgrund der konstanteren Leistungen und dynamischeren Auftritten jedoch in der Pole Position wähnen. Im Mittelfeld könnte es Louis Schaub neben Kapitän Steffen Hofmann und Florian Kainz erneut in die Startelf schaffen, da Philipp Schobesberger in der noch jungen Saison bisher blass blieb. An vorderster Front ist ohnehin Robert Beric erste Wahl. „Wir wissen, dass wir eine gute Mannschaft sind, jederzeit viel Qualität von der Bank bringen können. Wir wissen aber auch, dass Ajax eine richtig geile Mannschaft hat, die uns in der ersten Halbzeit in Wien gezeigt hat, wie stark sie wirklich sind“, warnt Rapid-Captain Hofmann, der gegen die Bullen geschont wurde und frisch in die Partie geht. Beric und Schobesberger wurden nur eingewechselt. Prinzipiell ist Trainer Zoran Barisic trotz des engen Terminplans und der kurzen Regenerationszeit guter Dinge. „Es wird, und es muss reichen.“

TAKTISCHES:

In dieser Hinsicht rauchten die Köpfe in der vergangenen Woche. Denn eine ähnliche Leistung wie in der katastrophalen ersten Halbzeit des Hinspiels will man sich nicht mehr leisten. Was war passiert? „Wir haben uns sehr schlecht verhalten. Was die Defensivarbeit betrifft, waren wir nicht geschlossen genug, haben sehr viele leichtfertige Fehler im Spiel mit dem Ball produziert. Das sind die Dinge, die wir abstellen müssen und die uns auf so einem Niveau nicht passieren dürfen, weil jeder Fehler bestraft wird. Es ist ganz wichtig, kompakt zu sein, sowohl in der Defensive als auch in der Offensive“, analysiert Barisic. Vor allem wurde es verabsäumt, körperlich dagegenzuhalten. Auch weil Ajax den direkten Duellen in den ersten 45 Minuten gekonnt auswich. „Ajax legt das Spiel so an, dass man schwer in die Zweikämpfe kommt. Sie haben ein überragendes Passspiel, spielen sehr viel über den Tormann, wenn sie in Bedrängnis geraten. Da kommt man sehr schwer in die Zweikämpfe. Aber wir müssen uns als Mannschaft dann so verhalten, wie wir das in der zweiten Halbzeit getan haben“, weiß Hofmann. Da gelang es, die Räume eng zu halten, Ajax früh zu stören, bei Ballgewinn schnell umzuschalten und das Heil in der Offensive zu suchen. In puncto Effizienz durfte man sich an jenem Abend ohnedies nicht beschweren. Die Devise, genauso aufzutreten wie zwischen der 45. und 90. Minute in Wien, klingt zwar gut, lässt die Sache aber einfacher erscheinen, als sie ist. Denn Ajax hat die spielerischen Fähigkeiten, Rapids Spiel komplett auszuhebeln. „Ajax bringt eine Qualität mit, die man nicht 90 Minuten von seinem Tor fernhalten kann. Sie werden zu Chancen kommen, aber ich bin auch überzeugt, dass wir zu Chancen kommen werden“, so Hofmann weiter. Dass die Hausherren ihr Konzept umstellen, ist trotzdem nicht zu erwarten. „Sie werden zu Hause sehr offensiv auftreten, wir müssen die ersten 15 bis 20 Minuten gut überstehen, lange ein 0:0 halten oder selbst das Tor machen. Dann wird auch Ajax nervös“, prophezeit Sonnleitner. Die Offensive der Grün-Weißen wird geduldig sein müssen. Das gewohnte Spiel über die schnellen Außenspieler mit Doppelungen, ähnlich wie bei Ajax, wird entscheidend sein, um Beric in gute Positionen zu bringen oder anderweitig zu Abschlüssen zu kommen. Gleichzeitig müssen die Offensivakteure die erste Verteidigungsinstanz bilden, um die Außenverteidiger nicht im Stich und die Flanken nicht verwaist zu lassen. Alles in allem gilt es, spielerisch für Entlastungen zu sorgen, um sich nicht aussichtslos einzuigeln und Ajax in die Karten zu spielen.

EMOTIONALES:

Es steht viel auf dem Spiel, das ist allen bewusst. Auch wenn im Falle des Weiterkommens auf dem Weg in die CL-Gruppenphase eine noch größere Hürde warten würde. Vielmehr geht es um Prestige und die Tatsache, dass ein Überstehen der Runde zur direkten Teilnahme an der Europa-League-Gruppenphase berechtigen würde. Für viele der neuen bzw. international noch unerfahrenen Spieler ist es ein neues Gefühl. Ihnen gilt es die Ehrfurcht zu nehmen, wenn mehr Zuschauer als im Happel-Stadion in der eindrucksvollen Amsterdam-Arena für Gänsehaut-Stimmung sorgen werden. „Es würde uns als Verein und Mannschaft alles bedeuten. Das wäre etwas unbeschreiblich Schönes. Das ist ein Ziel, wofür es alles, was in uns steckt, zu geben gilt“, meint selbst der oft emotionslos wirkende Chefbetreuer der Grün-Weißen. Emotionen werden zweifelsohne eine große Rolle spielen. Von dieser dürfe man sich jedoch nicht leiten, sondern lediglich positiv inspirieren lassen.

„Hundert Prozent werden wir auf jeden Fall geben müssen, sonst werden wir das Ziel nicht erreichen. Wir müssen über unsere Grenzen hinauswachsen, weil Ajax die Favoritenstellung einnimmt und wir der Außenseiter sind“, merkt Sonnleitner an. Das ist nichts Neues, nur die Ausgangslage hat sich durch die zwei Auswärtstore noch einmal verschlechtert. Die Stimmung anheizen werden auch die rund 2.500 mitgereisten Fans, die mit sieben Flugzeugen und Bussen in die niederländische Hauptstadt reisen und ihr Team bestmöglich unterstützen werden. Für Louis Schaub alles andere als eine Selbstverständlichkeit: „Das ist richtig geil.“ Noch geiler wäre der Aufstieg, der wohl alle Dämme brechen lassen würde. „Ajax ist Favorit, ein großer Verein. Aber unser Wunsch ist es, weiterzukommen. Es wird sehr schwer, aber schauen wir mal, was passiert“, hat Beric die Hoffnung, dass es klappt. Wie man dies bewerkstelligen will, ist nebensächlich. Ein Sieg muss her, oder aber ein Remis ab einem 2:2. „Ich habe nichts gegen die Entscheidung in der 93. Minute, aber auch nicht gegen die erste Minute. Ich glaube nicht, dass es ein 0:0 geben wird, ich wäre mit einem 3:3 zufrieden“, kündigt Hofmann an.

HISTORISCHES:

Auch wenn es oft keine Aussagekraft für die bevorstehende Partie hat, werden die Geschichtsbücher gewälzt und nach einem guten Omen gesucht. In diesem Fall liegt eine Parallele klar auf der Hand. Genau vor zehn Jahren trat der SK Rapid nach einem 1:1 im Heimspiel auswärts bei Lok Moskau an und schaffte dank des Kopftores von Jozef Valachovic, beim Heimspiel gegen Ajax anwesend, den bisher letzten Einzug der Grün-Weißen in die Gruppenphase der Königsklasse. Die Konstellation war ähnlich, allerdings würde Rapid dieses Jahr noch ein weiterer Aufstieg fehlen, um am Millionengeschäft teilzunehmen. Der einzige, der bei der damaligen Sternstunde schon dabei war, ist Kapitän Hofmann. „Natürlich hat man diese Spiele noch im Kopf und wird sie sein Leben lang nicht vergessen. Wir freuen uns auf die Aufgabe und hoffen, dass es so ausgeht wie damals.“ Auch wenn Abwehrchef Sonnleitner meint: „Da sind nicht mehr viele Spieler dabei, das bringt uns jetzt nicht weiter. Wir wissen natürlich, dass Rapid schon in der Gruppenphase war.“ Noch besser in Erinnerung ist der zweimalige Aufstieg in den Hauptbewerb der Europa League gegen Aston Villa. Während das erste Duell 2009 daheim entschieden wurde, gelang 2010 die Sensation im Villa-Park. Angereist unter dem Motto „Your nightmare returns“ wurde nach einem 1:1 im Hinspiel das Märchen mit einem 3:2-Auswärtssieg zu Ende geschrieben. Zweimaliger Rückstand, gehaltener Elfmeter vom jetzigen Tormann-Trainer Raimund Hedl und Sonnleitner, neben Atdhe Nuhiu und Rene Gartler, als Torschütze – Dramatik pur. Die Feierlichkeiten mit Hunderten von Fans bei der Ankunft der Mannschaft am Schwechater Flughafen sind unvergessen. Ebenso erinnerungswürdig war Rapids Aufstieg gegen Rubin Kasan im UEFA-Cup 2004 mit einem 3:0-Auswärtssieg nach 0:2-Heimpleite. Siegtorschütze damals: Kapitän Hofmann, mit einem direkt verwandelten Freistoß. Ähnliche Erlebnisse liegen schon länger zurück, zeigen jedoch, dass Sensationen keine Eintagsfliege sind. Historisch wäre der Aufstieg allemal, denn noch nie standen sich Rapid und Ajax im Europacup gegenüber. Dementsprechend will Barisic alles daran setzen, das Unmögliche möglich zu machen: „Wir wollen das Wunder unbedingt schaffen.“


Alexander Karper



Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen