Winter-Check 2015: FK Austria Wien

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Es war ein violetter Herbst in Grau.

Ins Laufen ist die Austria nie gekommen. Einem Stotterstart mit sieben sieglosen Spielen zu Saisonbeginn folgte die ständige Suche nach Konstanz - mehr als zwei Siege in Folge waren in die Bundesliga nicht drinnen.

Für Trainer Gerald Baumgartner war es ein ständiger Tanz auf der Rasierklinge. Dass ihn die Klub-Bosse nicht über selbige springen ließen, ist in der Nachbetrachtung wohl vor allem der Besonnenheit von AG-Vorstand Markus Kraetschmer zu verdanken.

Und auch am Nebenschauplatz "Parits-Nachfolger-Suche" machten die Veilchen keine allzu gute Figur. Die wichtige Entscheidung wurde verschleppt und als sie letztendlich getroffen wurde, war sie sehr umstritten.

Die wichtigsten Baustellen sind mit Jahresbeginn aber geschlossen worden. Franz Wohlfahrt ist neuer Sportdirektor, die Mannschaft wurde doch recht maßgeblich verändert. Und zumindest in so manchem Zwischenton wird die Saison als das, was sie in Wahrheit ist, bezeichnet - ein Jahr des Umbruchs. Eine Definition, deren Aussprache zu einem früheren Zeitpunkt für mehr Ruhe hätte sorgen können.

Doch Ruhe scheint in Wien-Favoriten seit jeher ein vernachlässigbarer Faktor zu sein. In diesem Winter wurde sie jedoch nicht zuletzt auch von außen hineingetragen. Das Buhlen der Leipziger um Omer Damari zog sich gefühlt über die halbe Transferzeit. Letztendlich gaben die Wiener dem Werben Red Bulls nach - nicht zuletzt auf den Wunsch des Israelis.

So nebenbei wurden mit Roman Kienast und Ola Kamara auch noch zwei weitere Stürmer abgegeben. Philipp Zulechner und Ronivaldo sind die neuen Angreifer der Violetten.

Zudem wurden mit Raphael Holzhauser und Patrizio Stronati zwei weitere Hoffnungsträger verpflichtet.

Das Potenzial, um das von Coach Baumgartner favorisierte Pressing nun tatsächlich umzusetzen, scheint durch die Transfers eher vorhanden zu sein, als noch im Herbst.

"Heutzutage sind es ja schon Basics, bei Ballverlust schnell umzuschalten, den Ball schnell zurückzuerobern und schnell in den Angriffsmodus zu schalten. Dieser Spielstil wird auch an der Austria nicht vorbei gehen", sagt der Coach.

Funktionieren soll das alles mit einer Viererkette in der Abwehr, einem Sechser, einem Achter und einem Zehner in der Zentrale, zwei Flügelspielern und einer echten Spitze.

TOR:

Seit 6. November 2011 hat Heinz Lindner in der Bundesliga keine Spielminute mehr verpasst. Doch die Ära des Linzers im Tor der Veilchen scheint zu Ende zu gehen - im Sommer will sich der 24-Jährige seinen Traum vom Ausland endlich erfüllen. Als ablösefreies Mitglied des Nationalteams stehen die Chancen darauf sehr gut. Um bei einem anständigen Verein unterzukommen, muss der Keeper im Vergleich zum Herbst aber seine Leistung steigern. Mit nur 64,1 Prozent gehaltenen Bällen hat er eine seiner schwächsten Halbsaisonen hingelegt, seine Patzer im letzten Derby des Jahres 2014 waren die negativen Höhepunkte. Nicht unerwähnt sollte aber bleiben, dass Lindner auf der Linie weiterhin der stärkste Tormann der Liga ist. Die Nummer zwei ist Osman Hadzikic. Dem hochveranlagten 18-Jährigen gehört die Zukunft im Tor der Veilchen. Mit Tino Casali (19) gibt es ein weiteres Talent, das im Herbst einen Schritt nach vorne gemacht hat, aber vor allem körperlich noch zulegen muss.

LAOLA1-Bewertung: Dass Lindner vom Potenzial her einer der besten Goalies der Liga ist, ist unbestritten. Doch er muss seine Abwanderungsgedanken beiseite schieben, um sein Leistungsvermögen auch voll ausschöpfen zu können. Dahinter wartet viel Talent, aber wenig Erfahrung.

ABWEHR:

Die zunächst ein wenig unverständliche Rückhol-Aktion von Lukas Rotpuller hat sich als Goldgriff erwiesen - der 23-Jährige war im Herbst eines der wenigen stabilen Veilchen. Nicht so recht überzeugen konnte hingegen Neuzugang Vance Shikov, der vor allem ob seiner mangelnden Schnelligkeit für eine hoch stehende Defensive so überhaupt nicht geeignet ist. Deswegen wird sich alsbald die tschechische Neuerwerbung Patrizio Stronati auf der Innenverteidiger-Position festspielen. Christian Ramsebner und Manuel Ortlechner, der im Winter sein Kapitänsamt zurückgelegt hat, werden wohl ihr letztes Frühjahr als FAK-Profis erleben. Philipp Koblischek (22) kommt nur im äußersten Notfall zum Einsatz. Neuer Kapitän ist Markus Suttner, der in der Linksverteidigung während seinem verletzungsbedingten Ausfall im Herbst schmerzlich vermisst wurde und auf dieser Position unumstritten ist. Nicht zuletzt, weil sich Thomas Salamon nicht als ernsthafte Alternative aufdrängen konnte. Ein wenig spannender wird der Zweikampf in der Rechtsverteidigung. Sommer-Verpflichtung Jens Stryger Larsen blieb im Herbst vor allem im Offensivspiel einiges schuldig, hat sich in der Vorbereitung diesbezüglich aber verbessert. Doch auch Fabian Koch wird seine Chancen bekommen. Mit Petar Gluhakovic (18), im Herbst in St. Pölten, gibt es noch ein Außenverteidiger-Talent mit Potenzial.

LAOLA1-Bewertung: Stronati könnte der Schlüssel zum erfolgreichen Pressing sein - fügt er sich gut ein, kann das Team insgesamt höher stehen und Baumgartners Vorgabe effektiver umsetzen. Der erste Anzug ist stark, die Alternativen fallen qualitativ aber teilweise ab.

ZUGÄNGE ABGÄNGE
Raphael Holzhauser (VfB Stuttgart) Omer Damari (RB Leipzig)
Philipp Zulechner (SC Freiburg, Leihe) Roman Kienast (SK Sturm Graz)
Ronivaldo (Kapfenberger SV) Ola Kamara (Molde FK)
Patrizio Stronati (Banik Ostrava) Sebastian Wimmer (SC Wr. Neustadt, Leihe)
Bernhard Luxbacher (SKN St. Pölten, Leih-Ende) Martin Harrer (LASK, Leihe)
Petar Gluhakovic (SKN St. Pölten, Leih-Ende)

  MITTELFELD:

Die Doppel-Sechs dürfte mit der Verpflichtung von Raphael Holzhauser endgültig Geschichte sein. Dem Ex-Stuttgarter ist die Rolle des Achters angedacht, wo nicht zuletzt seine spielerischen Akzente gefragt sind. Dementsprechend schwer wird es Florian Mader im Frühjahr haben. Auf der defensivsten Mittelfeld-Position ist James Holland die erste Option. Der 20-jährige Herbst-Aufsteiger Tarkan Serbest und Mario Leitgeb, von dem im Herbst zu wenig gekommen ist, sind die Alternativen. Hinter der Solo-Spitze ist Alexander Grünwald weiterhin ziemlich konkurrenzlos. Auf den Flügeln haben Daniel Royer und Alexander Gorgon, der in fittem Zustand unverzichtbar für das Offensivspiel der Veilchen ist, die Nasen vor ihren Konkurrenten - dabei handelt es sich in erster Linie um Marco Meilinger und Neuzugang Ronivaldo, über den Baumgartner folgendes sagt: "Er kann alle drei Positionen in der Offensive spielen. Mit seiner Dynamik, seiner Schnelligkeit und seinem Torriecher kann er uns weiterhelfen." Rückkehrer Bernhard Luxbacher sollte sich nicht allzu große Hoffnungen auf viele Einsatzminuten am Flügel machen. Ebenso David de Paula, der auch zentral spielen kann. Sascha Horvath spielt in den Plänen der Klub-Führung sowieso keine Rolle mehr. Gut möglich hingegen, dass Dominik Prokop (17) - ein ähnlicher Typ wie Horvath - sein Bundesliga-Debüt gibt.

LAOLA1-Bewertung: Die Flügel sind sehr gut besetzt, die Zentrale hat mit Holzhauser an Kreativität gewonnen. Unverständlich ist jedoch, dass kein Konkurrent für Grünwald geholt wurde. Dieses Mittelfeld strahl jedenfalls viel Torgefahr aus.

ANGRIFF:

Der Angriff der Veilchen wurde im Winter - teils freiwillig, teils unfreiwillig - komplett umgekrempelt. Roman Kienast und Ola Kamara konnten Trainer Baumgartner nicht überzeugen und mussten gehen, Omer Damari überzeugte das Leipziger Angebot dermaßen, dass man ihn ziehen lassen musste. Der Abgang des Israeli, der im Herbst für acht Tore und drei Assists gesorgt hatte, schmerzt. In erster Linie soll ihn Philipp Zulechner ersetzen. Der Wiener passt perfekt zum Spiel, das Baumgartner praktizieren lassen will, hat aber kaum Spielpraxis in den Beinen. Ebenfalls neu ist Ronivaldo, der in Kapfenberg bewiesen hat, dass er genau weiß, wo das Tor steht. Auf den 18-jährigen Marko Kvasina halten die FAK-Verantwortlichen große Stücke - er wird im Frühjahr immer wieder zum Einsatz kommen. Und die Variante mit Alexander Gorgon an vorderster Front hat sich gegen Ende der Herbstsaison durchaus bewährt.

LAOLA1-Bewertung: Zumindest einer der Stürmer braucht einen Lauf, um den Abgang Damaris kompensieren zu können. Allzu unwahrscheinlich ist das jedoch nicht, wenngleich hinter jeder Personalie durchaus ein Fragezeichen steht.

TRAINER:

Gerald Baumgartner hat einen schwierigen, gewiss aber auch lehrreichen Herbst hinter sich gebracht. Nicht nur einmal war der Salzburger ob der ausbleibenden Erfolge angezählt, in den Partien, in denen es vermeintlich um seinen Job ging, konnte die Mannschaft aber stets die Kohlen aus dem Feuer holen. Mitunter wirkte der 50-Jährige allerdings ratlos, warum die Leistungen nicht nach Wunsch erbracht werden konnte. Baumgartner wäre im Nachhinein betrachtet vermutlich gut beraten gewesen, das Ziel Pressingspiel a la Dortmund nicht zu offensiv zu kommunizieren und zunächst sicherzugehen, ob seine Mannschaft den gewünschten Stil auch praktizieren kann. Im Winter wurden die gewünschten Kaderschrauben gedreht, im Frühjahr muss Baumgartner liefern.

LAOLA1-Bewertung: Baumgartner muss im Frühjahr beweisen, dass er auch der Herausforderung, die die Arbeit bei einem Bundesliga-Großklub mit sich bringt, gewachsen ist. Zumindest im ÖFB-Cup läuft alles nach Plan.


Anmerkung: Als Bewertungsgrundlage gibt es 1 bis 10 Bälle, wobei 10 das Maximum darstellt.

MANAGER-SCHNÄPPCHEN:

Nur 4,76 Millionen muss man investieren, um Markus Suttner in seinen Reihen zu haben. Der Niederösterreicher ist weiterhin die klare Nummer eins auf der Linksverteidiger-Position der Veilchen. Defensiv stark, offensiv gefährlich - es gibt eigentlich keinen Grund, nicht auf den ÖFB-Teamspieler zu setzen.

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FÜNF FRAGEN:

Ist Omer Damaris Abgang zu verkraften?

"Wenn man genauer hinsieht, weiß man schon, welche Qualität er hat. Am Ende des Tages geht es immer um den Preis. Wenn ein Spieler weg will, kann man es nicht wirklich verhindern", so kommentiert Baumgartner den Abgang, bei dem immer noch nicht ganz geklärt ist, wieviel Geld er tatsächlich in die violetten Kassen gespült hat. Fakt ist, dass weder Zulechner, noch Ronivaldo die Qualität des Israelis haben. Ob das aber überhaupt nötig ist, steht auf einem anderen Blatt Papier. Wenn nämlich das Mittelfeld besser arbeitet, ist sowohl Zulechner, als auch Ronivaldo zuzutrauen, eine Torquote wie Damari zu erzielen. Zudem besteht immer noch die Möglichkeit, die Last des Toreschießens auf mehrere Schultern zu verteilen. Im Herbst hat beispielsweise kein einziger Abwehrspieler nach einer Standardsituation getroffen.

Was ist von Franz Wohlfahrt zu erwarten?

Dass der Kärntner mehr Praktiker denn Theoretiker ist, hat sich in den ersten Tagen seiner Amtszeit rasch herausgestellt. Mit seiner hemdsärmeligen Art bringt der neue Sportdirektor frischen Wind rein und könnte genau das sein, was die Austria in der aktuellen Situation benötigt. Man darf sich von dem 50-Jährigen auf jeden Fall erwarten, dass er wesentlich mehr sportliches Sprachrohr des Vereins sein wird als sein Vorgänger Thomas Parits, der im Spätherbst seiner Ära nur ungern vor Mikrofone trat. Das sollte nicht zuletzt Markus Kraetschmer, der ja eigentlich nicht fürs Sportliche, sondern fürs Wirtschaftliche zuständig ist, entlasten. Spannend wird zu beobachten sein, wie viel Geduld Wohlfahrt aufzubringen gewillt ist, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt.

Welche Talente haben gute Chancen?

Vorneweg: Sascha Horvath hat quasi keine, sofern er seinen auslaufenden Vertrag nicht doch noch verlängert, was überaus unwahrscheinlich ist. Sehr gute Karten hat Marko Kvasina, der bei allen Entscheidungsträgern großes Vertrauen genießt. Zudem wird Dominik Prokop - ein kleiner, technisch sehr starker, quirliger, in der Offensive universell einsetzbarer Spieler - zunehmend forciert. Auf den Außenverteidiger-Positionen gibt es mit Petar Gluhakovic und Emre Kilka, der im Herbst bei den Amateuren einen ordentlichen Entwicklungsschritt gemacht hat, zwei Teenager, für die das Frühjahr aber wohl noch zu früh kommt. Und da wäre freilich noch Osman Hadzikic, der sich spätestens im Sommer gute Chancen auf die Nummer eins im Tor ausrechnen darf. Spannend zu beobachten wird auch sein, wie sich Arnel Jakupovic (16) entwickelt. Der U17-Internationale führt mit elf Toren aus elf Spielen die Torschützenliste der U18-Meisterschaft an und wird im Frühjahr bei den Amateuren eingebaut - bis zu einem Einsatz bei den Profis ist es aber freilich noch ein weiter Weg.

Wie entwickelt sich die Fan-Szene?

Diese Frage stellen sich auch die dafür im Verein Verantwortlichen. Der harte Kern der Anhängerschaft hat sich in den vergangenen Jahren und Monaten mehr und mehr zur Wundertüte entwickelt. Das Nazi-Problem scheint der FAK zwar in den Griff bekommen zu haben, die aktive Szene ist jedoch nur noch ein Schatten ihrer selbst. Von ausgezeichneter Stimmung konnte über weite Strecken der Herbstsaison keine Rede sein, was nicht nur an der sportlichen Tristesse gelegen hat. Die "Viola Fanatics", die sich zuletzt als führender Fanklub etabliert hatten, sind mehr oder weniger führungslos, da alle wichtigen Personen mit langfristigen Stadionverboten belegt sind. Eine andere Gruppe, die das Ruder an rich reißen könnte, ist weit und breit nicht in Sicht. Viele alteingesessene Fanklubs sind mittlerweile auf die Sitzplätze der Nordtribüne abgewandert. Es ist nicht auszuschließen, dass es noch einmal zum großen Knall und danach zu einem völligen Neustart kommt.

Kehrt im Frühjahr am Verteilerkreis Ruhe ein?

Gegenfrage: Ist so etwas wie Ruhe bei einem Verein wie der Wiener Austria überhaupt möglich? Es hat nicht den Anschein. Zumal es zu viele Fragezeichen in Wien-Favoriten gibt. Trainer Baumgartner wird bei der ersten sportlichen Krise wieder angezählt sein. Die offene Zukunft so manches Spielers wird auch nicht unbedingt zu einem ruhigen Frühjahr beitragen. Nichtsdestoweniger kann man die Prognose wagen, dass es zumindest ein bisschen weniger laut werden wird - denn mit der Sportdirektor-Personalie wurde eine Frage, die den Verein monatelang beschäftigt hat, geklärt.

DIE TIPPS DER LAOLA1-BUNDESLIGA-REDAKTION:

DAS LAOLA1-FAZIT:

Der Umbruch im Verein und in der Mannschaft wurde im Winter vorangetrieben. Die Früchte dieser Arbeit müssen aber bald geerntet werden, denn ein weiteres Jahr ohne Europacup-Platz wäre für einen Klub dieses Formats schlichtweg inakzeptabel. Dafür müssen sich die Violetten aber in fast allen Bereichen steigern. Dass das Potenzial dafür vorhanden ist, steht außer Zweifel. Irgendwie scheint in diesem Frühjahr alles möglich - von einem Erfolgslauf, der im Cup-Titel und dem zweiten Platz hinter den "Bullen" gipfelt, bis zu einer Fortsetzung der schwachen Vorstellungen aus dem Herbst.


Harald Prantl

Redakteur Prognose SCWN
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