"Die Art und Weise tut weh"

Aufmacherbild
 

Standfest: "Die Art und Weise tut wirklich weh"

Aufmacherbild
 

Tag der Abschiede in Graz-Liebenau.

Bevor in Bälde endgültig „Sturm Neu“ im Rampenlicht steht, trat beim 3:1-Erfolg gegen die Austria noch einmal „Sturm Alt“ vor den Vorhang.

Der abwesende Ex-Trainer Franco Foda erhielt Standing Ovations, der einstige Publikumsliebling Samir Muratovic ließ sich ein letztes Mal feiern, mit dem scheidenden Busfahrer Ernst Ortner erhielt auch ein Mann aus dem Hintergrund sein verdientes Dankeschön.

Bitterer Beigeschmack für Standfest

Die Liste der Verabschiedeten ist lang und verdeutlicht, welch einen Umbruch der entthronte Meister auf und abseits des Rasens vollzieht.

Sie reicht von Interimstrainer Thomas Kristl, Sportkoordinator Hans Lang über die ehemalige Geschäftsführerin Karin Hambrusch zu den Spielern Silvije Cavlina, Thomas Burgstaller, George Popkhadze, Sandro Foda, Dean Maric und Carlos Eduardo. Auch die im Winter verpflichteten Stürmer Rubin Okotie und Srdjan Pavlov werden nicht mehr im Sturm-Dress zu sehen sein.

Genau wie Joachim Standfest.

In den vergangenen beiden Jahren war der 31-Jährige Stammspieler auf der Position des Rechtsverteidigers, das Match gegen die Veilchen war sein letzter Auftritt im Sturm-Dress.

Ein Abgang mit bitterem Beigeschmack. Der 34-fache ÖFB-Teamspieler ist verärgert – und zwar weniger aufgrund der Tatsache, dass man auf seine Dienste keinen Wert mehr legt, sondern vielmehr über die Begleitumstände.

„Die Art und Weise tut wirklich weh“

„Es ist ganz normal, dass man mit einem weinenden Auge geht. Es waren zwei wunderschöne Jahre, ich hätte gerne verlängert, aber ich kann akzeptieren, wenn der Verein sich anders entscheidet, überhaupt kein Problem. Ich bin lange genug Profi, solche Dinge gehören im Fußball dazu, da muss man drüberstehen“, betont Standfest ausdrücklich, moniert jedoch gleichzeitig:

„Was wirklich weh tut, ist die Art und Weise, wie das Ganze von statten gegangen ist.“

Ziel der Kritik: Geschäftsführer Sport Paul Gludovatz. Denn dieser vermochte es offenbar nicht, dem Routinier zu kommunizieren, dass man aus sportlichen Überlegungen nicht mehr mit ihm plant, sondern schob andere Gründe vor:

„Am Montag habe ich die Mitteilung gekriegt, dass mein Vertrag aus finanziellen Gründen nicht verlängert wird, wobei das ein bisschen eine komische Geschichte ist, denn wenn man mit einem Spieler nicht einmal redet, kann man nicht sagen, dass man sich finanziell nicht geeinigt hat.“

„Eine 30-Sekunden-Mitteilung“

Vertragsverhandlungen habe es zuvor bis zu diesem Montags-Termin nämlich keine gegeben, und auch dieses „Meeting“ sei ein denkbar kurzes gewesen:

„Es war eine 30-Sekunden-Mitteilung in seinem Büro. Er hat vorher ausdrücklich gesagt, er will kein Gespräch.“

Standfest, der 2010 aus familiären Gründen der Austria den Rücken kehrte und eine Heimkehr nach Graz forcierte, versichert, dass er zu Gehaltseinbußen bereit gewesen wäre – alleine schon deshalb, weil er seine Situation realistisch einschätzt:

„Ich bin unter anderen Voraussetzungen zu Sturm gekommen, bin inzwischen doch zwei Jahre älter. Ich habe zwar fast alle Spiele gemacht, aber es ist ja ganz normal, dass man dann neu redet.“

„Hochmotiviert für neue Aufgabe“

Wenn man redet, denn: „Es hat schon damit angefangen, dass am 30. April meine Option ausgelaufen ist, wo ich dann selbst ins Büro gehen musste, um nachzufragen, ob die Option gezogen wird oder nicht. Da wurde mir gesagt, dass sie nicht gezogen wird. Das ist auch verständlich, darauf war ich vorbereitet. In den vergangen drei Wochen habe ich auf ein Gespräch gewartet, ob man noch mit mir plant.“

Keine Frage, man kann wohl freundschaftlicher auseinander gehen. Ein Unterfangen, das schon bei Meistertrainer Foda nicht geglückt ist.

Standfest, der am 30. Mai seinen 32. Geburtstag feiert, wird sich nun im Urlaub auf Vereinssuche begeben: „Ich bin jetzt in einem Alter, wo man noch zwei, vielleicht drei Jahre auf einem hohen Level spielen kann. Wenn eine schöne Aufgabe auf mich zukommt, bin ich natürlich hochmotiviert, diese anzunehmen – jetzt vielleicht noch motivierter, um noch einmal zu beweisen, dass ich es kann. Es muss aber wirklich passen.“

Der neue Arbeitgeber müsse nicht zwingend in der Steiermark beheimatet sein, das sei mit der Familie so abgesprochen.

„Versöhnlicher Abschluss wichtig“

Der enttäuschte Routinier sorgte für die einzigen Misstöne an einem ansonsten aus Grazer Sicht stimmigen Fußball-Nachmittag, an dem man einerseits die Europacup-Teilnahme der Wiener Austria verhindert, und andererseits für eine verkorkste Spielzeit als Titelverteidiger entschädigte.

„Die Saison war nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben, deswegen war es uns wichtig, dass uns ein versöhnlicher Abschluss gelingt“, betonte Martin Ehrenreich.

Der Torschütze zum 3:1-Endstand ist derzeit der Favorit auf das Erbe von Standfest als Rechtsverteidiger. Mit seinem dritten Saisontreffer gelang ihm auch Werbung in eigener Sache: „Mit einem Auge hat man auch schon auf den neuen Trainer geschaut, da wollte man sich gut präsentieren.“

Peter Hyballa wird sicher auch die Performance von Darko Bodul registriert haben. Der Joker mutierte nach seiner Einwechslung in Minute 54 mit einem Doppelpack zum Man of the Match, wobei vor allem der Ausgleich zum 1:1 per Fallrückzieher in die Kategorie Traumtor fiel.

 „Das schönste Tor meiner Karriere“, strahlte der 23-Jährige, „ich habe den Ball wegen der Sonne erst spät gesehen und mir gedacht: ‚Versuch’s einmal, schadet ja nix.‘ Er ist wirklich schön reingegangen.“

Im Urlaub wird Bodul seinen bisherigen Grazer Nachbar Popkhadze in dessen Heimat Georgien besuchen. Gemeinsam könnten die beiden theoretisch turbulente zwölf Monate in schwarz-weiß reflektieren, die für einen gehörigen und wohl auch notwendigen Umbruch bei den „Blackies“ sorgten.

Sturm rüstet sich gerade mit modernen Strukturen für die Zukunft. Bei aller Vorfreude stand an diesem Spieltag jedoch die Wehmut im Vordergrund:

„Es war eine sehr, sehr lange Saison mit vielen Emotionen. Im Fußball-Geschäft ist es ganz normal, dass Spieler kommen und gehen, aber bei uns sind es sehr viele. Das ist schade für unsere Mannschaft, denn wir hatten eine sehr gute Gemeinschaft“, fand Kapitän Manuel Weber.

„Das soll uns erst einmal einer nachmachen“

Gut möglich, dass man dem einen oder anderen Abgang in Zukunft als Kontrahent gegenübersteht – auch auf Trainerebene. Für Kristl ist es „sicher eine Option“, wieder an der Seite von Foda zu arbeiten, und der soll bekanntlich bei der Austria ein Thema sein.

Beim Ausstand gegen die Veilchen hatte der Deutsche die Botschaft „Danke Franco“ auf seinem Rücken platziert:

„Ich wollte einfach, dass das nicht ganz vergessen wird – eine Geste, die mir am Herzen lag. Meine drei Jahre hier waren sehr erfolgreich, das soll uns erst einmal einer nachmachen…“

Das wird wiederum die Aufgabe von „Sturm Neu“.

Peter Altmann/Martin Wechtl

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen