Austrias "sportliche Katastrophe"

Aufmacherbild
 

Auch wenn es noch niemand offiziell bestätigen will: Die Tage von Ivica Vastic als Austria-Coach sind gezählt.

Allerspätestens nach der 1:3-Niederlage beim SK Sturm und dem damit verbundenen Verpassen des Europacups dürfte auch dem Letzten klar sein, warum das Experiment mit dem einstigen Star-Spieler auf der Betreuerbank gescheitert ist.

Kurzum: Der 42-Jährige hat das „Endspiel“ der Veilchen um einen Europa-League-Startplatz vercoacht – und zwar auf mehreren Ebenen.

„Wenn man sich nur hinten reinstellt…“

Das Grundübel:  Gegen eine über weite Strecken alles andere als in Bestform agierende Grazer Mannschaft verabsäumte es der violette Coach, nach dem verdienten 1:0 mehr Risiko zu nehmen, auf das 2:0 zu spielen, somit frühzeitig den Sack zuzumachen und im Fernduell mit der Admira die Südstädter in Salzburg unter Zugzwang zu setzen. Stattdessen agierte man passiv wie eh und je, wofür man hart bestraft wurde.

„Wenn man sich nur hinten reinstellt, bekommt der Gegner irgendwann Torchancen“, monierte Torschütze Roland Linz.

Sturm erzielte durch den traumhaften Fallrückzieher von Darko Bodul in Minute 67 folgerichtig das 1:1, nachdem die „Blackies“ schon in der Phase davor Lunte rochen und gegen den zu tief stehenden Gegner ambitionierter nach vorne spielten.

Bereits in Minute 65 nahm Vastic den ersten unglücklichen Wechsel an diesem Nachmittag vor, als er Michael Liendl durch den später ausgeschlossenen Marin Leovac ersetzte. Liendl war bis dahin ein spielbestimmender Faktor, hatte mit 68 Ballkontakten zum Zeitpunkt seiner Auswechslung die mit Abstand meisten aller Feldspieler.

„Systemumstellung voll in die Hose gegangen“

Endgültig für Konfusion sorgte dann der zweite Austausch, als Innenverteidiger Kaja Rogulj in Minute 77 Florian Mader ersetzte, womit das Mittelfeldzentrum endgültig entscheidend geschwächt wurde und sich für die Hausherren zusätzliche Räume öffneten.

„Ich habe mich überhaupt nicht ausgekannt, habe nur mitbekommen, dass es ein 3-4-3-System gewesen sein soll“, meinte ein ratloser Marko Stankovic.

Vielleicht hätte es das werden sollen, aber relativ zeitgleich ging Salzburg gegen die Admira in Führung und das zwischenzeitliche 1:1 reichte der Austria zu diesem Zeitpunkt für Rang drei. Also dürfte Vastic wieder der Mut verlassen haben, obwohl er nicht mehr das richtige Personal auf dem Feld hatte.

„Wir wollten eigentlich auf ein anderes System umstellen – volle Offensive hieß die Devise. Dann kam die Info über die Führung der Bullen, wir haben wieder auf ein anderes System umgestellt, nur das ist voll in die Hose gegangen“, rekapitulierte Florian Klein.

Und wie! Erst gerieten die Wiener durch einen glücklichen Treffer von Bodul in Rückstand, in der Nachspielzeit stellte schließlich Martin Ehrenreich den Endstand her.

Vastic trauert Chancen nach

„Hättiwaris“ würden wohl zurecht monieren, dass das Spiel trotzdem anders ausgehen hätte können, wenn Tomas Jun unmittelbar vor dem Führungstreffer der Grazer bei seiner Großchance die Nerven bewahrt oder Georg Margreitter noch beim Stand von 1:0 seine Möglichkeit verwertet hätte.

Vastic schlug in diese Kerbe: „Wir hatten alles in der eigenen Hand. Bei 1:0 hatten wir eine hundertprozentige Chance, um den Sack zuzumachen. Auch danach hatte Tomas Jun zwei große Möglichkeiten. Zuerst ist er auf der Linie ausgerutscht, dann schießt er alleine vor dem Tor drüber. Das zweite Gegentor haben wir uns selber gemacht. Heute hat einfach sehr viel gegen uns gespielt.“

Dass die Grazer durch Bodul auch einen Lattentreffer verzeichneten, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.

Nachsatz: „Wenn erstmals seit zehn Jahren der Europacup-Startplatz verfehlt wird, verbessert das die Ausgangsposition nicht. Ich werde jetzt aber definitiv nicht sagen: ‚Vastic ist nicht mehr Trainer oder Vastic bleibt Trainer‘. Das ist Aufgabe der Analysen. Dennoch müssen wir schnell entscheiden, denn am 11. Juni geht es weiter.“

Mit einer Entscheidung sei am Montag zu rechnen. Als heißester Anwärter auf die etwaige Vastic-Nachfolge gilt Sturms Meistermacher Franco Foda. Kraetschmer lehnt es naturgemäß ab, sich an diesen Spekulationen zu beteiligen:

„Es amüsiert mich, wenn ich lese, wer sich mit wem wann und wo getroffen hat. Doch das gehört zum Geschäft dazu.“

„Die Austria-Familie ist so stark“

Vastic selbst war bezüglich seiner Zukunft kurz angebunden: „Im Moment bin ich nur enttäuscht, dass wir unser Ziel verfehlt haben. Wie es weitergeht, werden wir in ein paar Tagen wissen.“

„Wir Spieler sind Arbeitnehmer und nicht Arbeitgeber“, verkniff sich Linz einen Kommentar zur Situation des Trainer.

Der Goalgetter ist jedoch sicher: „Die Austria-Familie ist so stark, dass wir auch aus diesem Tief wieder rauskommen. Nächste Saison werden wir wieder angreifen.“

Allerdings ohne „Familienmitglied“ Vastic…

Peter Altmann/Martin Wechtl

Unterm Strich steht für die Austria Rang vier, weshalb am Verteilerkreis naturgemäß die Tristesse regiert – noch dazu, wo Salzburg durch den 2:0-Sieg gegen die Admira Schützenhilfe geleistet hat und ein Remis gereicht hätte.

„Eine sportliche Katastrophe“

„Für den Verein, die Fans und uns Spieler ist es eine sportliche Katastrophe“, ärgerte sich Linz. „Ein Wahnsinn“, stöhnte Klein, „denn wir wissen, wie geil es in der Europa League ist. Wir waren in den vergangenen drei Jahren zwei Mal in der Gruppenphase. Es ist bitter, wir sind alle sehr enttäuscht.“

Dabei wurde mit der Europacup-Teilnahme nur das Minimalziel verfehlt. Laut Stankovic müsste die Latte ohnehin höher liegen:

„Mit unserer Qualität kann nicht ein internationaler Bewerb der Anspruch sein, sondern der Meistertitel. Ich hätte nie und nimmer damit gerechnet, das heute so etwas passiert.“

Letztlich ist es aber wohl die gerechte Strafe für eine holprige Saison im Allgemeinen, und ein verkorkstes Auftreten im Frühjahr im Speziellen. „Wir haben unsere Chancen nicht heute, sondern in den ersten zehn Runden des Frühjahrs verspielt. Da haben wir sehr schlecht gespielt. Auf die letzte Runde zu hoffen, ist immer eine 50:50-Chance“, fand Linz, der bekanntlich zu Frühjahrs-Beginn von Vastic kaltgestellt wurde.

„Sage nicht: ‚Vastic ist nicht mehr Trainer oder bleibt Trainer‘“

Die Zeit des viel kritisierten Coaches wäre in Wien-Favoriten wohl auch im Falle einer Europacup-Qualifikation abgelaufen. Dass die Austria den Vertrag mit Vastic nach diesem Tiefschlag verlängert, darf getrost ausgeschlossen werden, auch wenn Vorstand Markus Kraetschmer nach dem Schlusspfiff in Graz betonte, dass es besser sei, eine Nacht darüber zu schlafen und am Freitag mit den Analysen zu beginnen.

Ivica Vastic hatte einen Vertrag bis Saisonende, der sich beim Erreichen eines internationalen Bewerbs automatisch verlängert hätte. Das wurde nicht geschafft, also endet der Kontrakt. Es gibt eine Option der Austria, diesen Vertrag um ein Jahr zu verlängern. Es ist nun unsere Aufgabe, die Fehler zu analysieren. Ich möchte aber betonen, dass es zu einfach wäre, nur zu sagen, der Trainer ist schuld“, so Kraetschmer.

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen