Grazer Ratlosigkeit

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"Es ist nicht das Glück, wenn es jedes Mal passiert"

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„Keine Ahnung. Und keine Ahnung heißt, dass man keine Ahnung hat.“

Diesmal hat es selbst dem ansonsten durchaus redseligen Donis Avdijaj die Sprache verschlagen. Zumindest am Beginn seiner Analyse.

„Was soll man dazu auch sagen?“, fragte sich der 19-Jährige geknickt. Symbolisch für die schwarz-weiße Ratlosigkeit nach der erneuten Pleite.

Es war symptomatisch für die derzeitige Situation bei Sturm Graz, dieses 2:3 gegen Red Bull Salzburg.

Im Gegenzug war der Sieg ganz und gar nicht symptomatisch für die Lage beim Double-Gewinner. Und damit ist gar nicht einmal nur das bittere Erlebnis mit dem Europacup-Out unter der Woche im Elfmeterschießen gegen Dinamo Minsk gemeint.

„Das war nicht unsere Absicht“

Auch die Art und Weise war durchaus ungewöhnlich für den bisherigen Saisonverlauf. Erstens stellten die Mozartstädter eine bemerkenswerte Effizienz unter Beweis, die sie bislang meist vermissen ließen.

Zweitens agierten sie von der Spielanlage her anders, standen etwas tiefer, attackierten später und überließen den Hausherren weitestgehend das Spiel – gerade einmal 38,4 Prozent Ballbesitz sprachen Bände.

Eine gute Marschroute, wenn es reine Absicht gewesen wäre – böse Zungen würden nach den bisherigen Erkenntnissen dieser Spielzeit meinen, dass man gegen Sturm genauso spielen muss. Letztlich war es jedoch eher der drückenden Hitze, den Strapazen der Europa-League-Qualifikation und der Spielweise des Gegners geschuldet, wie Trainer Peter Zeidler eingestand:

„Die Temperaturen haben für unsere Marschroute sicherlich eine große Rolle gespielt. Wir haben in dieser Saison zwölf Spiele absolviert und diesmal war es das erste Mal der Fall, dass der Gegner mehr Ballbesitz als wir hatte und wir von der Chancenanzahl unterlegen waren. Das war noch nie der Fall, in keinem Spiel, auch nicht in Europa. Wir wollten dann ein bisschen tiefer stehen, haben aber trotzdem zu viele Chancen zugelassen. Das war überhaupt nicht unsere Absicht. Das lag an einem Gegner, der uns mit weiten Wechselpässen gut aufgerissen hat, vor allem am linken Flügel – das haben wir nicht richtig in den Griff bekommen, wenn die Nummer 77 Avdijaj da reingedribbelt ist. Das haben wir taktisch nicht gut gemacht und zu viel zugelassen.“

Zeidler freut das „Glück des Tüchtigen“

Auf besagte Nummer 77 verwies der Deutsche mehr als einmal, Avdijaj hatte es ihm sichtlich angetan. Aber auch abseits des Edeltechnikers hätte man das spielerische Potenzial der Grazer nicht unter Kontrolle bekommen. Wobei der RBS-Coach argumentierte, dass man in allen Analysen das Negativerlebnis vom Donnerstag im Hinterkopf haben müsse:

„Deshalb gilt es nicht nur über das Fußballerische zu reden – da war der Gegner in vielen Phasen überlegen, sondern über das Mentale, das Leidenschaftliche, das Kämpferische. Deshalb bleibe ich auch dabei, dass der Sieg nicht unverdient war.“

Zeidlers emotionale Reaktion beim Abpfiff zeigte nicht nur seinen Stolz, dass seine Schützlinge teilweise über die Schmerzgrenze gegangen waren, sondern auch die Erleichterung über diesen eminent wichtigen Auswärtssieg. Nach den zahlreichen Rückschlägen in dieser Saison verschaffen diese drei Punkte den zuletzt arg in der Kritik stehenden „Bullen“ und ihrem Betreuer eine Atempause.

In solch einer Situation kommt auch ein womöglich etwas glücklicher Sieg gelegen. Zeidler: „Zum Schluss ist es noch einmal eng geworden, das 3:3 lag förmlich in der heißen Luft. Da haben wir, wie noch nicht oft in dieser Saison, auch einmal das Glück des Tüchtigen benötigt, um in Graz siegreich zu sein.“

Der rote Grazer Faden

Franco Foda lauschte den Worten seines Gegenübers und hatte eine naheliegenden Wunsch parat: „Mir wäre lieber gewesen, wenn ihr die Effizienz am Donnerstag gezeigt hättet. Das wäre für uns alle gut gewesen.“

Auch der Sturm-Coach wusste wohl, dass man gegen körperlich und personell derart geschwächte Salzburger mehr mitnehmen hätte müssen. Die Steirer ließen auch diese Gelegenheit verstreichen, da sie – nicht zum ersten Mal in dieser Saison – vor allem an sich selbst scheiterten. Und zwar an Mängeln, die sich inzwischen bereits wie ein roter Faden durch die bislang alles andere als zufriedenstellende Spielzeit ziehen.

„Wenn du hinten gegen so eine Mannschaft zu einfache Fehler begehst und aus den Chancen zu wenig Tore machst, kommt am Ende des Tages so ein Ergebnis zustande. Sehr bitter. Die Mannschaft hat gut gespielt, aber irgendetwas fehlt uns auch, um solche Spiele zu gewinnen. Es war ja nicht das erste Mal. Es war ja schon gegen Rapid der Fall, wo wir eine 2:0-Führung aus der Hand gegeben haben, in Ried haben wir zweite Hälfte gut gespielt und verloren“, resümierte Foda.

Mehr vom Spiel gehabt, aber vorne nicht kaltschnäuzig und hinten nicht konzentriert genug – kommt einem alles bekannt vor. Genau wie der Ärger, als aktivere Mannschaft nicht belohnt worden zu sein.

„Das lasse ich nicht zu, dass jemand sagt, dass wir schlecht waren“

„Ich finde, wie waren über 90 Minuten gut. Daran gibt es nichts zu rütteln. Das lasse ich nicht zu, dass jemand sagt, dass wir schlecht waren. Ich bin stolz auf die Mannschaft, das war eine sehr gute Leistung von der 1. bis zur 90. Minute, für die wir uns mindestens einen Punkt verdient hätten“, meinte Anel Hadzic, der mit einem herrlichen Weitschuss auf 1:3 verkürzte.

Dies bedeutet jedoch, dass man zwischenzeitlich 0:3 im Rückstand lag. Das erste und dritte Gegentor schoss man sich im Prinzip selbst, das erste durch ein Eigentor von Lukas Spendlhofer tatsächlich, jenes von Takumi Minamino resultierte aus einem schlechten Zuspiel von Goalie Michael Esser samt folgender Fehlerkette.

Und wenn man sich durchkombiniert, muss man treffen, wie auch der rechte Mittelfeldspieler hervorstrich: „Ich glaube, wir sind von den Torschüssen her die Nummer eins der Liga, aber wir machen einfach viel zu wenig daraus.“

Diesmal auch Avdijaj. Die Schalke-Leihgabe vermittelte bisweilen den Eindruck, der Alleinunterhalter in der schwarz-weißen Offensive zu sein, setzte zahlreiche Akzente. Seine Chancen nutzte jedoch auch er nicht – vor allem jene in der 95. Minute, die den Ausgleich bedeutet hätte.

Avdijaj: „Irgendetwas stimmt nicht“

Avdijaj fand schließlich in seiner Analyse doch noch die Worte, allerdings nicht den Grund allen Übels. „In der Länderspiel-Pause haben wir genug Zeit zu gucken, was das Problem ist.“

Eines konnte der ratlose Deutsche definitiv ausschließen: fehlendes Glück: „Nein, es ist kein Quäntchen Glück, wenn es jedes Mal passiert, immer und immer wieder. Irgendetwas stimmt nicht. Wir müssen nur herausfinden, was nicht stimmt.“

Klingt nach aufwändigerer Fehlersuche. Eines steht indessen fest: Avdijaj, und vermutlich nicht nur er, sehnt nach den bisherigen Saison-Eindrücken bereits das Spiel herbei, in dem man den Spieß umdreht und als unterlegene Mannschaft voll punktet:

„Wir sind im professionellen Fußball. Da kann man nicht mit einer Leistung zufrieden sein, wenn man am Ende nichts holt. Man kann so gut spielen, wie man will, wenn man am Ende die Punkte nicht macht – mittlerweile sage ich ja auch: Wenn wir scheiße spielen und gewinnen, ist mir das lieber als so wie jetzt.“

Peter Altmann

Sturm Salzburg
Ballbesitz 61,6% 38,4%
Zweikämpfe 51,5% 48,5%
Eckbälle 8 1
Torschüsse 17 10
Torschüsse außerhalb Strafraum 6 6
Torschüsse innerhalb Strafraum 11 5
Kopfballchancen 1 1
Abseits 4 3
Fouls 13 19

Individuelle Fehler, die bitter bestraft wurden. „Wir müssen einfach konzentrierter sein. In jeder Minute kann etwas passieren und manchmal haut man so ein Spiel weg“, ärgerte sich Spendlhofer.

Doch auch vorne mangelte es an Konzentration. „Wir müssen einfach eiskalt werden vor dem Tor. Die Kaltschnäuzigkeit im Sechszehner fehlt uns zurzeit“, monierte Hadzic. Roman Kienast ergänzte: „Wir müssen wieder den Killerinstinkt entwickeln, dass wir vorne unbedingt ein Tor machen wollen. Wir sind eine gute Truppe, aber uns fehlt teilweise die Konsequenz.“

„Es ist nach jedem Spiel das Gleiche“

Freilich ließ man zu viele Chancen liegen – vor allem bei 0:1, als ein Ausgleich einen anderen Spielverlauf ermöglicht hätte. Dennoch kann man auch nicht über den phasenweisen Leerlauf im Spiel hinwegsehen, als man relativ wenig aus den höheren Spielanteilen machte, die passive Salzburger gewährten.

„Wenn uns der Gegner attackiert und wir Räume nach vorne haben, tun wir uns leichter. Admira, Grödig und jetzt auch Red Bull – die kommen her, stellen sich an der Mittellinie auf und warten. Dieses Standing haben wir uns in der letzten Saison erarbeitet, damit müssen wir klarkommen, dass uns die Mannschaften nicht vorne anpressen. Es ist nach jedem Spiel das Gleiche: Da müssen wir viel, viel bessere Lösungen finden, dass wir das ausspielen“, gestand Thorsten Schick.

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