Ein "Maibaum" im März

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Ein "Maibaum" und andere Sturm-Personalien

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Vor dem Spiel sprach Franco Foda von „zwei angeschlagenen Boxern“.

Auch nach dem Schlusspfiff drängte sich in den Katakomben der UPC-Arena der sportartenübergreifende Vergleich auf. Sturm Graz gelang mit dem Last-Minute-Treffer zum 2:1 gegen Austria Wien quasi der „Lucky Punch“ in der  „12. Runde“ dieses Fights.

„Für uns war es ein richtiger Befreiungsschlag, diesen Lucky Punch in der Nachspielzeit zu setzen. Irgendwann kommt das Glück, das wir zuvor vielleicht nicht hatten, auch einmal zurück“, atmete Lukas Spendlhofer auf.

Auch der 21-Jährige schrieb eine der Geschichten dieses Sieges, war er doch die Antwort auf die mit Spannung erwartete Frage, wer den gesperrten Martin Ehrenreich als Rechtsverteidiger ersetzen würde – nicht die einzige interessante Personalie in schwarz-weiß an diesem Abend.

Für das Happy End sorgte jedoch Simon Piesinger, weswegen das erste Kapitel dem unerwarteten Matchwinner gehört:

Piesinger durfte sich feiern lassen

SIMON PIESINGER:

Als Foda bereits in Minute 67 seinen letzten Joker zog und dieser auf den Namen Piesinger hörte, musste man nicht unbedingt vermuten, dass er einen Doppelpack-Schützen einwechseln würde. Andererseits kann der gebürtige Oberösterreicher einen gewissen Torriecher nicht mehr verleugnen. Inzwischen hält er bei vier Saisontoren – mehr als jeder andere Kaderspieler. Klar überflügelt wird Piesinger nur vom nunmehrigen Salzburg-Stürmer Marco Djuricin, der im Herbst elf Mal netzte. Wieder einmal setzte der 1,92-Meter-Hüne bei zwei Standards seinen Körper gekonnt ein, wenngleich der Siegtreffer in Minute 95 aufgrund einer Abseitsstellung von Roman Kienast nicht hätte anerkannt werden dürfen. „Da brauchma den Piesi“, lachte Anel Hadzic, „ein super Kerl, ein super Spieler, er hat sich das verdient.“ „Wir nennen ihn nicht umsonst Maibaum“, hatte auch Spendlhofer seinen Spaß mit dem angehenden Goalgetter. Dass sich Piesinger bei Standards in Szene setzen muss, liegt aber ohnehin auf der Hand. „Wenn du so groß bist wie er, musst du das ausnutzen, und er hat das in dieser Saison schon vier Mal getan. Er ist super ins Spiel gekommen und hat frischen Wind gebracht“, gratulierte Marko Stankovic.

RECHTSVERTEIDIGER SPENDLHOFER:

Während die Öffentlichkeit munter spekulierte, war für Foda früh klar, dass nach den Sperren von Ehrenreich und Thorsten Schick der etatmäßige Innenverteidiger Lukas Spendlhofer rechts in der Viererkette aushelfen wird: „Ich habe nach dem Spiel gegen Rapid Wien kurz mit ihm gesprochen. Er hat unter Darko Milanic schon mal rechts hinten gespielt, auch in der U21 und in Italien in der Primavera. Nach unserem kurzen Gespräch war es für mich schon am nächsten Tag klar.“ Der Coach stellte seiner Aushilfskraft auch ein gutes Zeugnis aus: „Man hat aber natürlich gemerkt, dass es etwas anderes ist als Innenverteidiger, vor allem die Laufwege sind ganz andere. Aber er hat seine Sache sehr gut gemacht, ich bin sehr zufrieden. Er hat die Seite zugemacht und auch Aktionen nach vorne gestartet.“ 71 Ballkontakte standen für Spendlhofer letztlich zu Buche, neun seiner 13 Zweikämpfe entschied er für sich – bezüglich defensiver Kompaktheit war er so gesehen ein Gewinn. Über seine offensive Effizienz lässt sich bei allen Bemühungen und erweitertem Aktionsradius (siehe Heatmap) indes streiten, lediglich 58,14 Prozent seiner Pässe fanden ihren Weg zu einem Mitspieler. Wobei die Inter-Leihgabe selbst es in der ungewohnten Rolle nicht darauf anlegte, im Spiel nach vorne für Glanzlichter zu sorgen: „Es war nicht leicht. Wichtig war, hinten zuzumachen. Dass ich nicht zehn Mal auf und ab gehe, war klar. Ich glaube, das ist nicht so schlecht gelungen.“ Bislang rückte er stets als Notnagel nach außen, und dabei soll es auch bleiben, denn in der Mitte würde er sich deutlich wohler fühlen. „Es ist schon schwer da draußen. Ich habe immer geglaubt, es ist eine leichte Position, aber so ist es überhaupt nicht. Es ist schon einiges zu tun“, schnaufte Spendlhofer und muss nun erst mal durchatmen: „Regeneration ist jetzt ganz wichtig für mich, ich hatte ungewohnt viele Läufe.“

Kamavuaka legte ein gutes Debüt hin

PERSONALROCHADEN:

Die Austria-Partie verdeutlichte, dass Sturms Kader in der Winterpause an Tiefe gewonnen hat. Mit Wilson Kamavuaka legte einer der Winter-Neuzugänge bis zu seiner verletzungsbedingten Auswechslung ein gelungenes Debüt hin, Schalke-Leihgabe Donis Avdijaj stellte sich mit einigen guten spielerischen Elementen erstmals von Anfang an dem Grazer Publikum vor, und auch Roman Kienast wurde erstmals nach seiner Rückkehr in die Startelf rotiert. Insgesamt änderte Foda seine Startformation im Vergleich zum Rapid-Spiel an fünf Positionen, erzwungen war lediglich der Verzicht auf Ehrenreich und Schick. „Man sieht, dass uns überhaupt nicht angst und bange sein muss, wenn einer ausfällt“, verdeutlichte Stankovic, „diesmal hat die komplette rechte Seite gefehlt und man hat gesehen, was wir in der Hinterhand haben.“ Für Kamavuaka war es nicht nur das Sturm-Debüt, sondern überhaupt sein erstes Pflichtspiel in der Saison 2014/15. „Wilson ist ein sehr robuster Spieler. Er hat natürlich seine Zeit gebraucht, bis er bei uns angekommen ist, aber er hat eine souveräne Leistung abgeliefert“, lobte Kienast. Auch Stankovic  glaubt, dass der Rückstand inzwischen aufgeholt ist: „Wilson hat sich vom ersten Tag, als er zu uns gekommen ist, bis heute extrem gesteigert. Er ist wirklich immer besser geworden und hat das wirklich sehr gut gemacht.“ Angesichts der angestrebten Saisonziele, ist eine verbesserte Personaldecke auch vonnöten. Kienast: „Wir haben das Ziel, international zu spielen. Da braucht man einen Kader mit gewisser Qualität, und den haben wir absolut.“

„Hört sich gut an“, konnte sich der defensive Mittelfeldspieler mit den Synonymen wie „Goalgetter“ oder „Doppelpack-Piesinger“ anfreunden. Dass er das Rampenlicht restlos genießt, nimmt man dem eher zurückhaltenden Blondschopf jedoch nicht wirklich ab. „Ich freue mich natürlich für mich, aber noch wichtiger ist es für die Mannschaft, dass wir endlich einen Sieg feiern konnten“, sagte er artig, was fast jeder in seiner Situation sagen würde. Damit, dass es nach seiner Einwechslung so perfekt für ihn laufen würde, hätte er nicht gerechnet, ist aber auch dem im Vergleich zu seiner Anfangszeit bei Sturm spürbar gestiegenen Selbstvertrauen auf dem Platz geschuldet. Wurde er zu Beginn mehrheitlich überkritisch beäugt, hat sich Piesinger inzwischen seine Rolle bei Sturm gesichert. Foda gewährt ihm regelmäßige Spielzeit, der Oberösterreicher stand in jeder einzelnen Liga-Partie unter Anleitung des Trainer-Rückkehrers auf dem Feld. Und auch der Respekt der Kollegen ist dem „Maibaum“ sicher. Kienast: „Er schaut in eine gute Zukunft. Er ist ein Spieler mit Potenzial, der sicher noch seinen Weg machen wird.“

BEFREIUNGSSCHLAG:

Man kennt die Mechanismen des Geschäfts. Spätestens nach dem dritten sieglosen Spiel in Folge wäre Sturm wohl aus der in den vergangenen Wochen aufgebauten Komfortzone gerissen worden. Stankovic gibt zu: „Das Gegentor war extrem bitter. Das war dann schon so, dass du dir denkst: ‚Oh oh, Fehlstart!‘ Aber wir haben das Spiel mit Herz und Leidenschaft gedreht. Zwar war es spielerisch nicht mehr das Gelbe vom Ei, aber dafür das, was die Zuschauer sehen wollen: Dass wir uns am Platz zerreißen. Das haben wir fantastisch geschafft.“ Bei einem Punkteverlust wäre zumindest der Rückstand auf den zweiten CL-Quali-Platz wohl schon ein beträchtlicher gewesen. Umso wichtiger diese Big Points. Stankovic erinnert an die unnötige Niederlage in Altach in der letzten Herbst-Runde bzw. das ebenso unnötige Remis gegen Wiener Neustadt: „Das sind fünf Punkte weniger, als wir geplant hatten. Deswegen waren wir unter Zugzwang, denn wir wollten unbedingt oben dran bleiben und gleichzeitig die Austria auf Distanz halten. Deshalb ist eine sehr große Last von uns gefallen. Am Samstag heißt es halt nachlegen.“ Wen Foda im Heimspiel gegen Wolfsberg in die Startelf nominiert, dürfte durchaus spannend werden. Die eine oder andere Alternative hat er ja gewonnen…

Peter Altmann/Harald Prantl

Sturm Austria
Ballbesitz 48,5% 51,5%
Zweikämpfe 49,5% 50,5%
Eckbälle 4 1
Torschüsse 15 9
Torschüsse außerhalb Strafraum 5 4
Torschüsse innerhalb Strafraum 10 5
Kopfballchancen 3 2
Abseits 3 2
Fouls 19 12
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