"Spiel massiv durch Fehlentscheidung beeinflusst"

Aufmacherbild
 

Nach etwas mehr als zwei Minuten war klar, dass der traditionsreiche Schlager zwischen Rapid und Sturm um ein weiteres denkwürdiges Kapitel ergänzt werden würde.

Wieder entwickelte sich der Wien-Graz-Gipfel zu keinem normalen Fußballspiel, sondern zu einem, das durch die Hand des Unparteiischen in andere Bahnen gelenkt wurde. Zum vierten Mal in den letzten fünf-Liga-Duellen musste ein Spieler vorzeitig unter die Dusche.

Der Ausschluss von Rechtsverteidiger Martin Ehrenreich in Minute drei war beim 1:0-Erfolg Rapids nicht nur der Knackpunkt, sondern auch das heiß diskutierte Thema.

Was auf den ersten Blick als klarer Torraub erschien, spaltete in der Nachbetrachtung die Lager – selbst in der eigenen Mannschaft.

Trainer und Kapitän nicht einer Meinung

„Es war eine Balleroberung von Rapid, ein guter Pass von Schwab und ein guter Laufweg von Kainz. Ehrenreich ist, glaube ich, den Schritt zu spät gekommen. Das war dann eine berechtigte Rote Karte“, musste Sturm-Kapitän Michael Madl gegenüber LAOLA1 schweren Herzens zugeben.

Diese Rechnung hatte er jedoch ohne den Trainer gemacht. Während sich die Reklamationen nach dem Ausschluss in Grenzen hielten, schob Franco Foda im Nachhinein Schiedsrichter Dieter Muckenhammer den Schwarzen Peter zu.

Jener Mann, der Mario Sonnleitner in der 14. Runde dieser Saison beim 0:2 in Altach nach zwei Minuten mit Rot vom Platz schickte, stand auch diesmal früh im Mittelpunkt.

„Das Spiel wurde massiv durch diese Fehlentscheidung beeinflusst. Ich finde das schade, mit elf gegen elf wäre es ein richtig gutes Spiel geworden“, beharrte der Chefbetreuer auf seinem Standpunkt.

„Rot alles andere als gerechtfertigt“

Nach einem guten Pass von Stefan Schwab in die Schnittstelle soll Ehrenreich Gegenspieler Kainz gar nicht gesehen haben, für Foda nach mehrmaligem Studium der Szene ein ganz normaler Zweikampf.

„Ich habe im ersten Moment sogar geglaubt, er pfeift Foul an uns“, verstand der Ex-Profi die Welt nicht mehr und widersprach somit seinem verlängerten Arm auf dem Feld.

Unterstützung bekam er wenig überraschend vom Übeltäter selbst. „Wenn ich mir das Foul im Nachhinein anschaue, ist Rot alles andere als gerechtfertigt. Kainz ist eher mir reingelaufen als umgekehrt. Ich verstehe es nicht.“

Als letzter Mann eine durchaus brenzlige Aktion. Der Kontakt war definitiv vorhanden, aus Madls und Rapids Sicht gab es auch keine Diskussionen über die Entscheidung.

Schiedsrichter steht zu Entscheidung

„Ein klares Foul! Er war der letzte Mann, insofern eine Rote Karte“, beschrieb der gefoulte Kainz die Situation aus seiner Sicht.

Auch für Trainer Zoran Barisic handelte es sich um die Vereitelung einer hundertprozentigen Torchance: „Für mich ist die Entscheidung in Ordnung.“

Schiedsrichter Muckenhammer hätte die Entscheidung auch nach mehrmaligem Videostudium so getätigt und ist sich keiner Schuld bewusst.

„Ich glaube, ich habe richtig entschieden. Kainz hätte den Ball unter Kontrolle gehabt, deshalb war es die Verhinderung einer Torchance.“

Schaub-Aktion machte Kainz „heiß“

Während der Schock bei Sturm tief saß und der Matchplan nach wenigen Augenblicken über den Haufen geworfen werden musste, machte Rapid das Beste daraus.

In der druckvollen Anfangsphase wollte Rapid das Tor erzwingen. Dass es in Minute sieben nicht schon zur Vorentscheidung reichte, lag ganz alleine an Louis Schaub.

Der ebenso wie Rückkehrer Jan Novota und Mario Pavelic wieder in die Mannschaft rotierte Youngster, übersah bei einem Konter mit zwei Mann gegen Gratzei Mitspieler Florian Kainz. Eine vergebene Riesen-Chance!

„In der Situation war ich natürlich heiß, das ist klar. Aber jeder macht einmal einen Fehler, die Geschichte ist abgehakt. Wir haben das Spiel gewonnen, deshalb ist es nicht so schlimm. Sonst hätte es mich wahrscheinlich mehr geärgert“, erklärte der Übersehene.

Zu zögerlich im Überzahlspiel

Rapid ließ mehrere gute Chancen aus, ehe Torgarant Robert Beric mit seinem 16. Saisontreffer quasi mit dem Pausenpfiff einmal mehr zum Man of the Match avancierte – für Foda der zweite Knackpunkt in dieser Partie.

In weiterer Folge fing sich Sturm, stellte auf Dreierkette um und machte es Rapid schwerer. Die Barisic-Elf gab zwar die Kontrolle nicht ab, ließ aber wie schon mit einem bzw. zwei Mann mehr gegen Ried den letzten Nachdruck vermissen.

„Das Ziel war ganz klar, das zweite Tor zu machen. Wenn der Ball nicht reingeht, können wir nichts machen. Ich hoffe, das kommt mit der Zeit“, war der Gold-Torschütze mit dem Überzahl-Spiel seiner Mannschaft nicht ganz zufrieden.

Kainz konnte ihm nur zustimmen: „Wir haben sehr viel Ballbesitz, aber eher im hinteren und mittleren Drittel. Ganz vorne müssten wir uns noch viel mehr Torchancen herausspielen. Wir haben aber trotzdem genug gehabt.“

„Mies trifft es eher“

Den Sack zuzumachen, ist aktuell nicht die Stärke Rapids. So hätten die letzten Versuche der aufopfernd kämpfenden Grazer beinahe noch das Spiel auf den Kopf gestellt.

Ein Vorwurf, den man sich im grün-weißen Lager weiterhin gefallen lassen muss.

Einerseits das Agieren mit einem Mann mehr, andererseits die eklatante Chancenverwertung, die selbst Barisic immer mehr graue Haare beschert.

„Mäßige Chancenverwertung wäre noch positiv ausgedrückt. Mies trifft es eher. Die Mannschaft hat heute wieder dafür gesorgt, dass ich fast einen Herzkasperl kriege.“

Auf der Suche nach dem Flow

Eine Lösung, wie er seiner Mannschaft die Entschlossenheit vor dem Tor einimpfen kann, hat er weiterhin nicht. Für den 44-jährigen Wiener sei dies nur eine Frage der Zeit.

„Wichtig ist, dass wir die Chancen kreieren, dann wird der Knopf irgendwann aufgehen und wir kommen in einen Flow rein.“

Bis dahin wird ihn dieses Thema wohl noch schlaflose Nächte kosten. Ebenso wie die Tatsache, dass Robert Beric nach einer „dummen“ gelben Karte wegen Ballwegspitzelns gegen Altach gesperrt ist. Das soll intern noch ein Nachspiel haben.

Kein Nachspiel wird der umstrittene Ausschluss von Ehrenreich haben, heiß diskutiert bleibt er aber trotzdem.


Alexander Karper / Andreas Terler

Rapid Sturm
Ballbesitz 69,7% 30,3%
Zweikämpfe 51,5% 48,5%
Eckbälle 9 6
Torschüsse 19 10
Torschüsse außerhalb Strafraum 6 6
Torschüsse innerhalb Strafraum 13 4
Kopfballchancen 4 1
Abseits 7 1
Fouls 14 17
Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen