"Es ist ein extrem geiles Gefühl"

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Es ist der jährliche Höhe-Punkt der Bundesliga-Saison.

Am 35. oder 36. Spieltag darf der Kapitän einer Fußball-Mannschaft das machen, was er am liebsten macht: Den Teller für die Meisterschaft euphorisch in die Höhe strecken.

Diesen Sonntag wurde Jonatan Soriano diese Ehre zuteil, der als Spielführer von Meister Red Bull Salzburg den Teller von Bundesliga-Präsident Hans Rinner in die Hände bekam – und der zuvor als BL-Spieler der Saison ausgezeichnete Torschützenkönig in spe gab ihn de facto nicht mehr her.

Soriano und die Liebe zum Teller

„Jonny hat ihn zu 90 Prozent in den Händen, ich hatte ihn nur ganz kurz“, sollte Roger Schmidt nachher auf der Bühne vor dem Stadion bei der Meisterparty scherzen. Auf eine weitere Feier in der Stadt verzichteten die „Bullen“, die bereits seit dem 28. Spieltag als Meister feststanden.

So konnte ein Teil der 18.400 Zuschauer in der Red-Bull-Arena das Team gleich weiterfeiern.

Vorab wurde aber auch noch Fußball gespielt und die SV Ried in meisterlicher Form 4:0 besiegt. Die Innviertler überreichten zuvor ihren jeweiligen Pendants aus Salzburg Geschenkkörbe mit Innviertler Wurstspezialitäten samt Rieder Bier. Auch danach zeigten sie sich als freundliche Gäste.

Zurück zur Meisterform gefunden

Schließlich überfuhr der Meister die Oberösterreicher, bei denen dem scheidenden Trainer Michael Angerschmid nur ein Sieg für eine automatische Vertragsverlängerung (sprich ein Jahresgehalt abseits des Innviertels) geholfen hätte, mit 4:0.

„So ist eben der Fußball“, drückte Angerschmid, ein Rieder Urgestein, mit der Gewissheit des Endes seines Engagements nicht auf die Tränendrüse.

„Es hätte nicht so hoch ausfallen müssen, aber wir waren schon ohne Chance“, musste sich indes Manager Stefan Reiter nach der klaren Pleite in Salzburg eingestehen. Diese hohe Niederlage war in erster Linie der Salzburger Rückkehr zur meisterlichen Form geschuldet.

„Es ist schön, dass wir das noch einmal so hingekriegt haben, es war seit des Feststehens des Meistertitels unser bestes Spiel“, freute sich Schmidt bei seinem letzten Heimspiel als Salzburg-Trainer, ehe der 47-Jährige zur kommenden Spielzeit zu Bayer Leverkusen wechselt.

Gustafsson: „Habe es echt genossen“

So war es von Anfang bis Ende eines Meisters würdig. Auch nicht selbstverständlich, hatte Salzburg  in der Vergangenheit vor einer Tellerübergabe doch schon ebenso 1:4 gegen Altach verloren.

Würdig war auch der Rahmen für Eddie Gustafsson, der nach fünfeinhalb Jahren in Salzburg seine aktive Karriere beendete. In der 78. Minute gab es Standing Ovations für den Fan-Liebling. „Durch deine Taten wurdest du zur Legende“, lautete die Botschaft der Anhänger. „Es war wunderschön, ich habe es echt genossen“, so der 37-Jährige, der feuchte Augen beim Abgang vom Rasen hatte.

Der Keeper wurde vor Spielbeginn von Sportchef Ralf Rangnick wie Marco Meilinger (Austria) und Florian Klein mit einer Umarmung verabschiedet. Letzterer lässt es seinem neuen Verein über, die Verpflichtung zu verkünden. „Aber ich werde in die Deutsche Bundesliga gehen“, so der Linzer. Stuttgart hatte am Samstag den Klassenerhalt fixiert. In der deutschen Bundesliga wird Klein, der wie alle anderen Abgänge auch einen Red-Bull-Kühlschrank inklusive Gravur des eigenen Namens erhält, auf seinen Trainer Schmidt treffen.

Würdiger Abschied für Schmidt

Der Deutsche verabschiedete sich fast von jedem Fan persönlich und durfte zuvor, wenn auch nur kurz, selbst zum ersten Mal einen Meisterteller in Händen halten. „Dieser Moment ist der Lohn für die Arbeit, nur eine Mannschaft bekommt den Teller und das ist eine Auszeichnung."

Seine Mannschaft sorgte für einen weiteren Meilenstein und übertraf in Schmidts zwei Saisonen nun die 200-Tore-Marke in der Liga. „Das war noch ein persönliches Ziel von mir, das habe ich der Mannschaft auch gesagt. Das ist bemerkenswert und nicht selbstverständlich – auch in Österreich nicht“, freute sich der Deutsche, dessen Team Austrias Punkterekord (82) noch brechen kann.

Nach Spielende wurde mit Bierduschen und den Fans im Stadion gefeiert, danach wurde geduscht und per kleinem Auto-Korso von Tiefgarage bis Stadion-Vorplatz auf der Bühne gejubelt.

Meisterfeier gleich vor dem Stadion

Der Klassiker „We are the Champions“ durfte ebenso nicht fehlen, wie eine Abschiedsrede von Schmidt, der zum einen seine Spieler („Ihr werdet immer in meinem Herzen bleiben“) sowie die Fans („Ich bin auch wegen euch vergangenes Jahr geblieben, wegen eurer Zustimmung, die ich immer erfahren habe“) würdigte. „Es waren zwei großartige Jahre“, hielt Schmidt fest.

„Es ist natürlich auf der einen Seite traurig, denn man geht ungerne, wenn es so läuft. Auf der anderen Seite: Besser kann man nicht aufhören, das bleibt hängen“, so der in Salzburg geliebte Chefcoach, dessen Team noch das Double mit dem Cup-Sieg fixieren will.

Diesem Bewerb ist auch geschuldet, dass die Party am Sonntag in Maßen abgehalten wurde, spielt man doch schon am Mittwoch in Horn um den Final-Einzug. „Wir haben das vorab geklärt“, bestätigte Schmidt. Seine Spieler betonten dies ebenso: „Wir können heute den Vogel nicht abschießen, weil wir am Mittwoch wieder spielen und das ein sehr wichtiges Spiel für uns ist.“

Für Kevin Kampl war es aber auch so „ein extrem geiles Gefühl, so einen Teller endlich einmal in Händen zu halten. Sonst sieht man das immer nur im Fernsehen. Es ist mein erster Titel, es ist unbeschreiblich und das freut mich sehr.“ Dafür war auch seine Familie aus Deutschland angereist.

„So einen Tag vergisst man in seinem Leben nie“, wusste der 23-Jährige, der auch die Austria nicht vergaß, nämlich wie sie vergangene Saison den Titel in Salzburg zelebrierte.

„Ich habe letztes Jahr im Frust gesagt, dass sie sich jetzt ruhig freuen sollen, wir aber nächste Saison mit 20 Punkten Vorsprung Meister werden. Ich dachte dann, ich hatte da eine etwas zu große Klappe, aber dass es dann wirklich so gekommen ist, ist einfach unglaublich.“

Es war eine unglaubliche Saison der Salzburger, die mit der Tellerübergabe ihren Höhe-Punkt erfuhr. Den Teller gibt es jedes Jahr, so eine Saison wohl aber nicht mehr so schnell.


Bernhard Kastler

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