Janeschitz: "Angriffspressing zeigt Schwächen auf"

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Er ist der oberste Fußball-Lehrer Österreichs.

Thomas Janeschitz leitet seit fünf Jahren die ÖFB-Trainerausbildung. Nebenbei fungiert der studierte Mathematiker als Co-Trainer von Teamchef Marcel Koller.

Vor dem Länderspiel-Doppel gegen Island und Tschechien lässt Janeschitz gemeinsam mit LAOLA1 die Bundesliga-Saison Revue passieren.

Der 47-Jährige erklärt die Gegenmaßnahmen für das Salzburger Angriffspressing und zeigt taktische Schwächen der österreichischen Teams auf. Zudem spricht er über die neue Kultur der „gegenseitigen Wertschätzung“ innerhalb Österreichs Trainerschaft.

 

LAOLA1: Herr Janeschitz, wie fällt ihr taktisches Fazit nach dem Ende der Saison aus?

Thomas Janeschitz: Eine Entwicklung ist auf jeden Fall erkennbar, vor allem im Defensiv-Spiel. Das Angriffs-Pressing und das Gegenpressing haben sich in der Liga etabliert. Natürlich nahm Salzburg hier eine Vorreiter-Rolle ein, alleine aufgrund der Spielphilosophie von Ralf Rangnick und Roger Schmidt. Bemerkenswert war, dass auch andere diese Ideen angewandt haben. Grödig war mit frühem Attackieren sehr erfolgreich, teilweise haben es auch die Austria, Rapid und Wiener Neustadt übernommen. Mit der Zeit haben sich die Gegner darauf aber eingestellt. Das beste Beispiel dafür ist Basel. Sie haben sich etwas überlegt und dieses Konzept durchgesetzt. Auch die Austria hat wenig später gezeigt, wie man gegen Salzburg erfolgreich spielen kann. Es gibt immer Maßnahmen und Gegenmaßnahmen.

LAOLA1: Wie hat die Austria diese Gegenmaßnahmen konkret umgesetzt?

Janeschitz: Zunächst haben sie das System auf ein 3-5-2 geändert, das in der Defensive ein 5-4-1 wurde. Das Zentrum wurde auf diese Weise dicht gemacht. In eigenem Ballbesitz braucht es technisch gut ausgebildete Spieler, um den Gegner auszuspielen. Man kann sich natürlich auch über Einzelaktionen aus dem Pressing lösen oder destruktiv über Rückpässe und Abschläge. Wenn beim Forechecking nicht alles glatt läuft, dann kann es sehr schnell gehen. Zwangsweise gibt es auf der einen Seite sehr viel Platz, wenn das Spielfeld auf der anderen so eng gemacht wird. Für die nächste Saison erwarte ich mir, dass sich die Gegner von Salzburg besser auf deren Spielweise einstellen.

Hütter (r.) als positives Beispiel für die ÖFB-Trainerausbildung

LAOLA1: Das Nationalteam spielt mit frühem Forechecking. Salzburg hat auf die gleiche Weise international für Furore gesorgt. Hat sich das Angriffspressing mittlerweile als Kennzeichen einer dezidiert österreichischen Spielphilosophie etabliert?

Janeschitz: Das würde ich nicht sagen. Natürlich haben wir für die ÖFB-Auswahlen diese Philosophie entwickelt, die mittlerweile auch flächendeckend umgesetzt wird. Ich denke aber nicht, dass man den österreichischen Fußball auf diese einzige Komponente reduzieren kann.

LAOLA1: Welche Rolle spielt die Trainerausbildung bei diesem Trend hin zum Angriffspressing?

Janeschitz: Die Spielphilosophie des Verbandes ist Teil der Trainerausbildung. Also sind die Coaches angehalten, einen mutigen Fußball spielen zu lassen. Insgesamt sehe ich uns hier auf einem guten Weg. Acht von zehn Bundesliga-Teams wurden in der letzten Saison von einem Österreicher trainiert. Unsere Trainer werden innerhalb des Landes wieder mehr geschätzt. Sie haben nicht nur eine hohe Fachkompetenz, sondern auch eine hohe Sozialkompetenz im Bereich der Menschenführung und der Persönlichkeitsentwicklung. Das macht im modernen Fußball enorm viel aus.

LAOLA1: Wo sehen Sie noch Verbesserungsbedarf?

Janeschitz: Der Erfolg des Angriffspressings zeigt natürlich auch die Schwächen unserer Liga auf. Im Spielaufbau unter Druck haben die meisten Mannschaften ihre Probleme. Da muss die technische Qualität in solchen Situationen gesteigert werden. Das ist der klarste Unterschied zu den Top-Nationen.

LAOLA1: Kann man das Aufbauspiel nicht auch durch gruppentaktische Maßnahmen verbessern? Ich denke hierbei zum Beispiel an den defensiven Mittelfeldspieler, der sich zwischen die Innenverteidiger fallen lässt.

Janeschitz: Das ist Geschmackssache. Es gibt auch Möglichkeiten, dass sich die Sechser hinter der ersten Linie des Gegners anbieten. Einfach deswegen, weil man dann schon gegnerische Spieler ausgespielt hat. Aber man kann den defensiven Mittelfeldspieler natürlich auch zurückziehen. Thanos Petsos bei Rapid ist ein klassischer Vertreter dieser Zunft. Aber letztlich ändert das aus meiner Sicht nicht allzu viel. Das Angriffspressing kann einem immer Probleme bereiten.

LAOLA1: In Salzburg hat ein global denkendes Unternehmen wie Red Bull mit Adi Hütter einen Österreicher zum neuen Chef-Coach bestellt. Ist das ein Kompliment für die ÖFB-Trainerausbildung?

Janeschitz: Es ist vor allem eine Wertschätzung ihm gegenüber. Aber natürlich ist das ein gutes Zeichen für unsere Arbeit. Auch die Erfolge von Peter Stöger sind enorm positiv. Als ich angetreten bin, war es meine Vision, den Stellenwert der österreichischen Trainer nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb des Landes zu verbessern. Die Spieler haben es früher geschafft, sich einen Namen zu machen. Jetzt ist der nächste Schritt, dass auch österreichische Trainer international mehr geschätzt werden.

LAOLA1: Was hat sich in den letzten Jahren innerhalb der österreichischen Trainerschaft sonst noch verändert?

Janeschitz: Die Kultur untereinander hat sich verbessert und ist gekennzeichnet durch gegenseitige Wertschätzung für die Arbeit des anderen. Früher war das nicht der Fall. Das hat auch unser Teamchef erlebt. Er hat anfangs selbst nicht diesen Respekt bekommen. Jetzt gehen die Kollegen seriöser miteinander um, sie respektieren sich gegenseitig. Es wird immer wieder Differenzen geben, aber der Umgang innerhalb des Berufsstandes Trainer ist besser geworden.

LAOLA1: Herzlichen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Jakob Faber

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