Esser: "Irgendwann lernt man zu warten"

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Dass "Problembär Bruno" einen Einfluss auf sein Leben haben würde, konnte Michael Esser nicht ahnen, als sich der Braunbär vor rund einem Jahrzehnt in den bayrischen Wäldern herumtrieb.

In Bochum erkannte ein Mannschaftskollege eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Raubtier und dem 1,98 Meter großen Torhüter. Der Spitzname "Bruno" ist ihm bis heute geblieben.

Ansonsten hat sich der 27-jährige über die Jahre durchaus verändert. Dass es vor seinem Wechsel nach Bochum 2008 Zeiten gab, in denen er 118 Kilo wog, kann man aus heutiger Sicht kaum mehr glauben.

Bei Sturm Graz ist der Deutsche nun der neue Konkurrent von Christian Gratzei. Im LAOLA1-Interview spricht Esser über seinen Weg als Spätstarter, sein Vorbild Oliver Kahn und seine "Österreich-Erfahrung" mit Michael Gregoritsch.


LAOLA1:
Du warst beim VfL Bochum auf einem guten Weg, hast dir den Status der Nummer eins erarbeitet. Trotzdem hast du dich entschlossen, den Verein zu verlassen und zu Sturm Graz zu wechseln. Was waren die Beweggründe?

Michael Esser: Zum einen, dass man hier international spielen kann, zum anderen, dass ich hier noch sieben Jahren Bochum noch einmal etwas anderes sehe – andere Leute, ich lerne andere Trainingsmethoden kennen und kann mich vielleicht noch einmal weiterentwickeln.

LAOLA1: Welches Image hatte Sturm für dich vor dem Wechsel? Oder fliegt die österreichische Bundesliga in Deutschland unter dem Radar?

Esser: Nein. Man guckt mittlerweile auch Sky Austria, da kann man die Spiele gut mitverfolgen. Sturm ist ein Traditionsverein, der öfter international gespielt hat. Für mich ist das ein guter Klub.

LAOLA1: Würdest du den Begriff Spätstarter durchgehen lassen, wenn man sich deine Vita anschaut?

Esser: Ja, absolut. Ich bin erst mit 20 nach Bochum gekommen. Wenn man sieht, wie jung die Spieler mittlerweile schon hochkommen, dann bin ich auf jeden Fall ein Spätstarter.

LAOLA1: Gibt es einen Grund für den Spätstart? In Normalfall werden Spieler heutzutage in Akademien ausgebildet und an den Profifußball herangeführt. Du bist vom Provinzverein SV Sodingen zu Bochum gestoßen. Das ist ein durchaus ungewöhnlicher Weg.

Esser: Ich glaube einfach, dass sich jeder unterschiedlich entwickelt. Bei mir kam es halt später, dass es im Kopf Klick gemacht hat. So gesehen hatte ich natürlich auch Glück, dass ich es dann noch geschafft habe – keine Frage.

LAOLA1: Hand aufs Herz: Hatte der 19-jährige Michael Esser den Profifußball noch im Hinterkopf?

Esser: Ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass ich es noch so hoch schaffe. Aber ich wollte schon immer gerne so hoch wie möglich spielen. Also bin ich natürlich froh, jetzt hier zu sein.

LAOLA1: Du warst schon in der C-Jugend beim VfL Bochum – vermutlich mit dem Ziel, Fußball-Profi zu werden. Wo bist du als Jugendlicher in die falsche Richtung abgebogen?

Esser: Gerade als Jugendlicher kommen viele Sachen dazu – die Pubertät, und und und. Aber irgendwann musst dann wieder der Sport im Mittelpunkt stehen.

LAOLA1: Das Niveau, auf dem Deutschland Torhüter ausbildet, ist extrem hoch. Das bekommen andere Länder nicht so gut hin. Haben Keeper in deiner Heimat einen speziellen Stellenwert?

Esser: Ich denke, dass sie einfach schon im frühen Alter gut geschult werden. Das sind die Lorbeeren harter Arbeit. Wir haben in Deutschland das Glück, dass wir viele gute Torhüter haben.

LAOLA1: Wer sticht deiner Meinung nach von dieser jungen Riege hinter Manuel Neuer am meisten heraus?

Esser: Für mich mittlerweile Marc-Andre ter Stegen, der jetzt auch die Champions League gewonnen hat mit dem FC Barcelona. Fußballerisch ist er meiner Meinung nach fast auf Augenhöhe. Ich denke, der wird es machen.

LAOLA1: Wie würdest du deine eigenen Stärken beschreiben?

Esser: Wenn es auf den Platz geht, habe ich klare Ansprachen. Im eins gegen eins passt es auch ganz gut, in der Strafraumbeherrschung ebenso. Meine Größe hilft auch in jedem Fall. Also im Durchschnitt schaut es ganz gut aus (schmunzelt).

LAOLA1: In Bochum musstest du jahrelang auf deinen Durchbruch warten. Lag es ausschließlich daran, dass mit Andreas Luthe ein Urgestein und der Kapitän die Nummer eins war und du dich hinten anstellen musstest?

Esser: Mit Sicherheit musste ich Geduld haben. Ich denke, in der Jugend hätte ich diese Geduld nicht gehabt, da habe ich öfters schon früher das Handtuch geschmissen. Aber irgendwann lernt man zu warten.

LAOLA1: Ein Jahr vor deinem Wechsel nach Bochum hat dich der SV Sodingen mit der Bedingung vom Bezirksligisten SV Obercastrop verpflichtet, dass du 20 Kilogramm abnimmst. Damals sollst du 118 Kilo gehabt haben. Stimmt das?

Esser: Das hat mein Trainer damals gesagt. Er meinte: „Mit 118 Kilo spielst du bei mir nicht!“ Dann habe ich halt abgenommen. Seitdem geht es steil bergauf. Und man achtet inzwischen klarerweise auf die Ernährung.

LAOLA1: Wer hat dir eigentlich den Spitznamen „Bruno“ verpasst?

Esser: Das war Rouven Schröder bei den Amateuren des VfL Bochum. Wir haben gerade eine Passübung gemacht und er ruft aus Spaß: „Bruno“! Seitdem ist es so drinnen. Damals lief gerade der Problembär Bruno in Bayern herum. Das haben sie aufgeschnappt, weil ich in der ersten Zeit in Bochum auch recht ruhig war. Und groß bin ich ja auch.

LAOLA1: Gibt es Torhüter, denen du in der Jugend nachgeeifert hast?

Esser: Bei mir war es immer Oliver Kahn, weil er auf dem Platz ein Typ war – und auch neben dem Platz. Ich glaube, da haben viele Kinder genauer hingeschaut, weil er eben eine eigene Persönlichkeit war. Das fand ich immer ganz gut.

LAOLA1: „Österreich-Erfahrung“ konntest du in Bochum mit Michael Gregoritsch sammeln. Dem steht ein Karrieresprung bevor. Ist er schon reif für die deutsche Bundesliga?

Esser: Ich denke schon. Wenn man so ein Angebot vom Hamburger SV und von Bayer Leverkusen hat, hat man es sich verdient. Ich wünsche ihm alles Gute!

LAOLA1: Welche Insidertipps hat er dir über Sturm und Graz mit auf den Weg gegeben?

Esser: Wir haben über den Trainer gesprochen, das Interne des Vereins. Er will in Zukunft auch öfter Spiele gucken kommen... (grinst). Außerdem hat er mir eine schöne Stadt und eine super Landschaft versprochen – so wie ich es jetzt auch kennengelernt habe. Ein bisschen etwas habe ich schon gesehen, den Schwarzlsee zum Beispiel. Die Innenstadt kenne ich noch nicht ganz, weil die Zeit einfach noch nicht da war. Das hole ich nach der Vorbereitung nach.

LAOLA1: Gregoritsch wird dir vermutlich auch die Entwicklung Sturms in der jüngeren Vergangenheit eingeordnet haben. Der Verein will in der kommenden Saison weiter vorne anklopfen. Ist das von deinen ersten Eindrücken her mit dieser Mannschaft drinnen?

Esser: Ich denke, wir sollten erst einmal die Vorbereitung abwarten, bevor wir irgendwelche Zielsetzungen machen. Wir sind auf einem ganz guten Weg, um oben anzukopfen. Aber vorerst sollten wir einmal ein bisschen die Ruhe bewahren.


Das Gespräch führte Peter Altmann

LAOLA1: Oder hättest du mehr die Ellbogen ausfahren müssen? Das Verhältnis zwischen dir uns Luthe galt als sehr kollegial.

Esser: Wir kamen halt gut miteinander aus und haben uns respektiert. Ich glaube nicht, dass man mit Ellbogenausfahren weiter kommt. Der Trainer entscheidet, der bessere Torwart spielt.

LAOLA1: Erfüllt es dich mit Stolz, dass du nach all den Jahren in der vergangenen Saison doch noch die Nummer eins wurdest?

Esser: Absolut! Als Torwart will man spielen.

LAOLA1: Bei Sturm kommst du in eine ähnliche Situation mit einem Konkurrenten, der ebenfalls schon sehr lange beim Verein ist. Auch hier kann nur einer spielen. Wie hast du die ersten Tage mit Christian Gratzei erlebt? Glaubst du an eine konstruktive Zusammenarbeit?

Esser: So wie ich ihn kennengelernt habe, ist er ein super Typ. Ich werde gut mit ihm auskommen, wir arbeiten gut zusammen. Wie gesagt: Der Trainer wird hinterher entscheiden, wer spielt.

LAOLA1: Dein Anspruch liegt vermutlich auf der Hand, diese Frage erübrigt sich wohl.

Esser: Es ist ja normal, dass man spielen will. Die wenigsten setzen sich freiwillig auf die Bank.

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