"Irgendwann haben sich die Leute satt gesehen"

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Aufstehen, hinfallen. Fliegen, liegen.

Sturm Graz und Christian Gratzei haben viel zusammen erlebt.

In zwölf Jahren des gemeinsamen Weges schlitterte der Verein in den Konkurs, schüttelte Altlasten ab und krönte sich zum Cup-Sieger und Meister, ehe mit einem gescheiterten Umstrukturierungs-Versuch wieder sportlicher Leerlauf einher ging.

Der zweimal zum besten Torhüter der Liga ausgezeichnete Leobener schien zwischendurch fast nicht mehr in die Spur zurück zu finden. Als Kapitän widmete er sich mehreren kleineren Problemfeldern, anstatt sich auf seine Leistung zu konzentrieren. Mehrfache Verbannungen auf die Ersatzbank waren die Folge.

Seit er die Binde im vergangenen Sommer an Michael Madl abgegeben hat und Franco Foda als Trainer zurück ist, geht es für den zehnfachen ÖFB-Teamkeeper wieder aufwärts. Das macht sich auch gegenüber den Medien bemerkbar.

Warum das so ist, wie seine Pläne für die Zukunft aussehen und noch viel mehr erklärt Gratzei im LAOLA1-Interview:

LAOLA1: Der Gipfel ist mit dem Meistertitel 2011 noch nicht so lange her. Hättest du gedacht, dass es danach so schwierig wird?

Gratzei: Nein, ehrlich gesagt nicht. Aber ich habe auch nicht damit gerechnet, dass nach dem Meistertitel so viele Spieler weggehen. Ich kenne das zwar von Sturm, dass immer fünf bis acht Spieler gewechselt wurden, aber das war immer im Rahmen eines gewissen Konzepts, wo man sich schnell wieder zurechtgefunden hat. Nach dem Meistertitel hatten wir einen großen Umbruch, wollten verschiedene Sachen ändern – vom System her, vom ganzen Umfeld her. Wenn man viel verändert, viele Spieler weggibt und neue holt, ist es natürlich schwierig. Letztendlich will man erfolgreich bleiben, wir sind gerade wieder am besten Weg dazu!

LAOLA1: Verfügt man nun von der Basis her wieder über eine Mannschaft, mit der man an alte Zeiten anschließen kann?

Gratzei: Was heißt „alte Zeiten“?

LAOLA1: In der Meisterschaft konstant vorne mitspielen, vielleicht in Richtung Cupsieg schielen. Eine Meister-Ansage fällt angesichts von Salzburg wohl eher schwer.

Gratzei: Das meinte ich vorher. Wir wurden erst Cupsieger, dann Meister. Ich habe einen Vertrag unterschrieben und gedacht, wir sind eine super zusammengespielte Truppe, wirklich ein toller Haufen. Ich sage einmal, den einen oder anderen Titel hätte ich uns für die nächsten Jahre schon noch zugetraut – natürlich vorwiegend im Cup, denn in der Liga muss man immer mit Salzburg rechnen.

LAOLA1: Glaubst du, dass der Verein aus den Fehlern der jüngeren Vergangenheit gelernt hat?

Gratzei: Ich denke schon. Oder ich hoffe es zumindest. Jeder macht Fehler, das ist ja ganz normal. Ich mache genauso Fehler. Fakt ist: Man muss zu den Fehlern stehen und sie korrigieren. Wenn das passiert und die Leute erkennen, dass gut gearbeitet wird, kriegt man sie wieder ins Stadion.

LAOLA1: Auch für dich war es nach dem Meistertitel nicht einfach. Man darf natürlich keine Ausreden suchen, aber inwiefern waren die äußeren Begleitumstände mitausschlaggebend, dass du deinen Level nicht halten konntest? Von außen hatte man das Gefühl, du versuchst diverse Baustellen zu bearbeiten und hast die Konzentration auf die eigene Leistung vergessen…

Gratzei: Das ist mir ganz sicher passiert, das kann ich offen und ehrlich zugeben. Wenn viele routinierte Spieler weggehen, probiert man natürlich mehr Verantwortung zu übernehmen. Das ist mir leider nicht so gelungen, wie ich mir das vorgestellt habe und es sich viele andere vorgestellt haben. Aber auch das sind Fehler, die man korrigieren muss.

LAOLA1: Kannst du ein Beispiel dafür nennen, wo du dich zu sehr hast ablenken lassen?

Gratzei: Nach dem großen Umbruch habe ich schon gewusst, dass es ein verdammt hartes Jahr für uns wird. Von der Spielerqualität her waren wir nicht schlecht aufgestellt. Aber es dauert immer seine Zeit, bis das System greift und jeder auf den anderen eingespielt ist. In dieser Phase habe ich probiert, dass wir viel gemeinsam machen. Ich habe meinen Fokus sehr stark auf das Teamgefüge gerichtet. Die eigene Leistung ist dabei leider ein bisschen auf der Strecke geblieben.

LAOLA1: Welche Konsequenzen hast du daraus gezogen?

Gratzei: Dass ich mich vorwiegend wieder auf mich selbst konzentrieren muss. Das heißt, zu schauen, dass ich meine Stärken wieder forciere, dass man mit dem modernen Spiel Schritt hält, denn der Fußball entwickelt sich ständig weiter. Du hast ja nie ausgelernt, musst dich immer verbessern.

LAOLA1: Es scheint, als wäre bei Sturm wieder Ruhe drinnen.

Christian Gratzei: Das sehe ich nicht so dramatisch! Richtig ist, dass es In den letzten beiden Jahren auch immer wieder negative Begleiterscheinungen gab. Mit Franco Foda ist jetzt endgültig wieder Ruhe eingekehrt. Die Leute sehen wieder vieles positiver, alle sind wieder erfolgshungrig.

LAOLA1: Führst du das alleine auf die Person Franco Foda zurück, da man ein gewisses Grundvertrauen in ihn setzt? Oder hat sich grundsätzlich etwas geändert?

Gratzei: Im Sommer 2012, nach seinem Abschied, wollte der Verein einen großen Umbruch machen. Verschiedene Sachen wurden neu gestaltet. Es hat einfach eine Zeit gedauert, bis gewisse Sachen gegriffen haben – ein paar gingen schneller, andere haben länger gebraucht. Tatsache ist: Mit Umstrukturierungen kannst du die Fans nicht begeistern, sondern nur mit Erfolg und Leistung. Da haben wir uns in den letzten zwei Jahren schwer getan. Bei Franco Foda haben gewisse Rädchen, an denen er gedreht hat, gegriffen. Mit seiner Rückkehr haben wir wieder besser und erfolgreicher gespielt. Da springen die Leute natürlich auf, das bringt die Begeisterung zurück ins Stadion. Die Stimmung ist viel positiver.

Gratzei (hier mit seinem Sohn) denkt bereits an die Karriere nach der Karriere

LAOLA1: Bis wann soll die Entscheidung über eine Vertragsverlängerung fallen?

Gratzei: Wenn es nicht passiert, werde ich mir irgendwann einmal Gedanken machen. Mir irgendeinen Stress zu machen, ist nicht mein Plan.

LAOLA1: Für einen Plan B ist es also noch zu früh?

Gratzei: Einen Plan B muss man als Fußballprofi in Österreich trotzdem immer in der Schublade haben. Es ist ja so: Wenn es aus ist, muss du heutzutage bereit sein. 
Plan B ist eher die Vorbereitung auf die Zeit danach. Aber Plan A ist einmal, bei Sturm Graz die Karriere zu beenden.

LAOLA1: Was schwebt dir nach dem Karriereende vor?

Gratzei: Mit einer kleinen Gruppe an Fußballern habe ich bei der Akademie für Sport & Management in Salzburg einen Diplomlehrgang für Sportmanagement und Innovationsmanagement gemacht.

LAOLA1: Kommen wir zurück zur Steigerung im Herbst. Man kennt Fodas Spielstil. Ihr steht inzwischen auch kompakter. Wie sehr hilft dir das?

Gratzei: Sehr. Auch beim Titelgewinn hat uns ausgezeichnet, dass wir extrem gut gestanden sind und schnell umgeschaltet haben. Damals haben wir viele Spiele zu null gewonnen. Unter Darko Milanic waren die Ansprüche rundherum viel größer: Schönes Spiel, Ballbesitz – fast schon wie das Extrembeispiel Barcelona auf Österreich reduziert. Das wollte jeder sehen.

LAOLA1: Außerdem ist es ein offenes Geheimnis, dass du dich in der Öffentlichkeit zurückgenommen hast. Interviews oder Statements nach einem Spiel sind selten geworden. War das auch eine Konsequenz daraus?

Gratzei: Wie gesagt: Es sind viele Sachen passiert. Es war aber nicht immer alles schlecht, was passiert ist – es sind genauso gute Sachen passiert. Ich habe irgendwo gelesen, dass wir im Jahr 2014 die drittbeste Mannschaft waren, aber medial habe ich geglaubt, wir sind abgestiegen. Bei diesem ständigen Schlechtreden und alles und jeden Schlechtmachen wollte ich einfach nicht mitmachen!

LAOLA1: Inwiefern hat sich die Rückbesinnung auf dich selbst bezahlt gemacht?

Gratzei: Fakt ist, dass wir alle zusammen uns jetzt wieder viel besser gefunden haben. Wenn das Werkl läuft, kann ich mich auf die Verteidigung verlassen und sie wissen, sie können sich auf mich verlassen. Machst du einmal einen Fehler, fängst du das viel besser ab, als wenn du komplett auf dich alleine gestellt bist und auf einer eher unsicheren Welle schwimmst. Aber so ist das Geschäft, so ist der Fußball.

LAOLA1: Ob Meistertitel oder Konkurs: Du hast in zwölf Jahren Sturm alles miterlebt. Wie lange hält diese Ehe noch? Dein Vertrag läuft im Sommer aus.

Gratzei: Das weiß ich nicht. Schauen wir einmal. Wenn man so lange da ist, ist es nicht so, dass man alles übers Knie brechen muss. Wir tauschen uns ab und zu aus. Aber es macht mir nach wie vor großen Spaß bei Sturm tätig zu sein.

LAOLA1: Ist es dein Ziel zu bleiben, oder willst du noch einmal etwas Neues erleben?

Gratzei: Mein Ziel ist, dass ich gerne hier in Graz mit dem Fußballspielen aufhören möchte, wenn ich schon so lange hier bin. Ich habe gute Zeiten erlebt, ich habe schlechte Zeiten erlebt, vor allem die letzten zwei Jahre waren ein bisschen schlechter. Vielleicht kommen jetzt wieder zwei bessere Jahre.

LAOLA1: Es ist heutzutage selten geworden, mehr oder weniger die komplette Profikarriere bei einem Verein zu verbringen. Hat das einen Reiz für dich?

Gratzei: Früher war der Reiz, dass ich als Steirer einmal bei Sturm Graz spiele. Sturm ist Sturm, das kann man in der Steiermark mit nichts vergleichen, in Österreich wahrscheinlich auch nicht. Insofern hat sich die Frage selten gestellt. Und wenn sie sich gestellt hat, war die Antwort nie besser als Sturm Graz.

LAOLA1: Du hattest zahlreiche Konkurrenten, beinahe jeder von ihnen hat seine Chance bekommen. Bei vielen Torhütern ist es egal, wen man als Nummer zwei verpflichtet, sie spielen trotzdem immer. Nervt es, dass du so oft nicht das letzte Vertrauen bekommen hast? Oder ziehst du Stärke daraus, dass du dich am Ende gegen jeden durchgesetzt hast?

Gratzei: Auf alle Fälle ziehe ich Stärke daraus. Natürlich ist es nervig, wenn man zwischenzeitlich nicht spielt. Das ist ganz normal, jeder will spielen. Man wird ja Fußballer, um Erfolg zu haben und die Spiele zu bestreiten. Ich könnte jetzt natürlich jammern und sagen: Ich war nicht immer die unumstrittene Nummer eins. Oder ich sage einfach: Ich habe mich aber auch immer durchgesetzt. Hier gewinnt ganz klar der zweite Weg.

LAOLA1: Wenn jemand so lange die Nummer eins ist, sollte es jedoch normalerweise keine Diskussionen geben.

Gratzei: Im Fußball ist es halt oft so, wenn du lange bei einem Verein bist. Dann haben die Leute alles von dir gesehen. Du hast ein außergewöhnliches Jahr wie zum Beispiel im Meisterjahr, dann wollen die Leute jedes Jahr das Meisterjahr. Das ist der Anspruch. Das ist auch ganz normal und berechtigt. Das ist ja auch mein Anspruch. Die Wahrheit ist aber: Es läuft nicht immer so wie im Meisterjahr. Du machst vielleicht das Gleiche, aber es funktioniert nicht gleich. Irgendwann kennen dich die Leute, sie haben sich satt gesehen und haben Lust auf etwas Neues!

LAOLA1: Glaubst du wirklich, dass sich die Leute satt gesehen haben? Normalerweise hofft man bei solchen Integrationsfiguren, dass man sie so lange wie möglich im Verein sieht.

Gratzei: Ich habe immer mein Bestes gegeben, wollte immer die Mannschaft und den Verein unterstützen. Das gelingt mal besser mal schlechter. Aber ich denke, dass das vom Publikum unabhängig von der Leistung immer honoriert worden ist.

LAOLA1: Auf welchem Level siehst du dich selbst gerade?

Gratzei: Vom Feeling glaube ich, dass ich im Herbst gut gespielt habe, wir haben allgemein gut gespielt. Ich glaube jedoch schon, dass ich noch Steigerungspotenzial habe und ich das auch abrufen kann.

LAOLA1: Wie beurteilst du den aktuellen Stand im Konkurrenzkampf mit Benedikt Pliquett?

Gratzei:  Ich gehe davon aus, dass wir beide wieder bei null starten. Aber natürlich glaube ich, dass ich wieder spielen werde. Das ist ganz normal!

LAOLA1: Welchen Faktor hat die Kommunikation gespielt? Bei Milanic hatte man immer das Gefühl: Man weiß, was er vermitteln will, aber er bringt es nicht immer rüber.

Gratzei: Nein, das stimmt nicht. Ich finde, er konnte der Mannschaft ganz genau vermitteln, was er wollte. Ich finde auch, dass er ein hervorragender Trainer ist, auch wenn ich zeitenweise nicht gespielt habe – menschlich sowieso. Aber er hat ja selbst gesagt: Franco Foda ist der richtige Trainer für Sturm Graz. Ich glaube, alleine wegen Franco Foda sind gleich einmal 4000 bis 5000 Leute mehr ins Stadion gekommen. Er ist als Spieler und Trainer mit Sturm Meister und Cupsieger geworden. Wenn so eine Person kommt und die Leute verbinden Erfolg mit dieser Person, kommen sie automatisch. Denn der Fan will Erfolg. Ich will auch Erfolg!

LAOLA1: Wie hoffnungsvoll ist der aktuelle Kader für etwaige Erfolge? Die Altersstruktur wurde verändert, es ist eine ziemlich junge Mannschaft. Mit dem einen oder anderen wurden auch Transfererlöse erzielt.

Gratzei: Diese jungen Spieler haben auch alle Qualität und die Berechtigung, dass sie bei uns sind. Aber nichtsdestotrotz wird es auch wichtig sein, wenn wir alle zusammen konstante Leistung abrufen können, dass wir diese Spieler dann auch behalten. Das ist ein ganz wichtiger Faktor. Das ist der Gradmesser für den Verein, aber in Österreich eben schwierig in Einklang zu bringen.

LAOLA1: Transfers sind der einfachste Weg für einen Verein, um Geld zu verdienen.

Gratzei: Ich verstehe das absolut. Als ich damals unterschrieben habe, konnte ich mich auch damit identifizieren, was der Verein macht. Vielleicht nicht mit allen Sachen – dass man nach dem Meisterjahr einen so radikalen Schnitt macht, habe ich nicht ganz verstanden. Aber ich lenke den Verein nicht und kenne die Zahlen nicht. Das machen Leute, die sich damit auskennen, und denen muss ich vertrauen. Meine Aufgabe ist, mich Woche für Woche im Training reinzuhauen und Wochenende für Wochenende die beste Leistung abzurufen.

LAOLA1: Michael Madl hat gemeint, dass er je nach Entwicklung in Salzburg schon damit spekuliert, dass Sturm wieder einmal Meister werden kann. Siehst du dich hin und wieder ein zweites Mal bei einer Meisterfeier am Hauptplatz?

Gratzei: Sicher sehe ich mich da wieder (lacht)! Es ist halt leider kein Wunschkonzert. Damals sind wir sechs Runden vor Schluss auf Platz eins gespült worden und hatten die unglaubliche Qualität, das durchzuziehen. Flow ist gar kein Ausdruck dafür, was sich damals abgespielt hat. Das kannst du nicht erklären, da waren wir im Tunnel, du hast links und rechts nichts gesehen. Training, wieder nach Hause, gleich ins Bett und ja nicht müde sein! Immer schön spritzig bleiben. Das war ganz extrem und sehr schön. Es war der Wahnsinn!

 

Das Gespräch führten Peter Altmann und Andreas Terler

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