"Erst das Team, dann ich"

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Gulacsi: "Es geht um das Team"

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Die Generalprobe ist geglückt.

Am Donnerstagabend besiegte Red Bull Salzburg im Saisoneröffnungsspiel den FC Schalke 04 mit 3:1. Das war eine der zwei guten Nachrichten aus Sicht von Peter Gulacsi. Die andere lautete: Der 23-jährige Neo-„Bulle“ stand 90 Minuten im Tor. Die schlechte: Der Ungar verschuldete das 1:1.

Inwieweit das seine Chancen, die Saison als Nummer 1 zu bestreiten, mindert, wird sich zeigen.

Über kurz oder lang will sich der Neuzugang aus Liverpool aber als diese durchbeißen. Sechs Jahre lang war der Konkurrent von Alexander Walke und Eddie Gustafsson bei den „Reds“ an der Anfield Road.

Dort lernte der mehrfache Nachwuchs-Nationalspieler vor allem beim spanischen Nationalteam-Goalie Pepe Reina, der als Marotte vor jedem Spiel sein Auto volltankt.

Am Montag traf LAOLA1 Gulacsi („cs“ wie „tsch“, Anm.) in der „Bullen“-Arena zum Interview und sprach mit dem 1,92-Keeper über seinen Wechsel und das erste Kennenlernen mit Steven Gerrard.

LAOLA1: Du trägst ein „Rocky“-T-Shirt. Ist das dein Lieblingsfilm?

Peter Gulacsi: Ich würde nicht sagen, dass es mein liebster ist, aber ich habe alle gesehen und sie sind gut. Mein Lieblingsfilm ist eigentlich „Gladiator“.

LAOLA1: Was beide Protagonisten in diesen Filmen mit dir verbindet: Sie müssen kämpfen, um an ihr Ziel zu kommen. Sind es Vorbilder?

Gulacsi: Die Situation ist ziemlich ähnlich. Bei mir ist es so: Wenn du auf einem guten Level spielen willst, dann hast du von Haus aus gute Konkurrenz und Momente, in denen du dafür kämpfen musst. Damit habe ich aber kein Problem und es war einer der Gründe herzukommen, denn hier habe ich eine realistische Chance zu spielen. Wenn ich gut genug bin, dann muss ich diese Chance nützen.

LAOLA1: Hat dir Ralf Rangnick im Vorfeld des Transfers etwas in Aussicht gestellt?

Gulacsi: Wir hatten über meinen Agenten einige Gespräche und die Kernaussage war, dass ich eben die Chance habe, hier Nummer eins zu sein. Aber es garantiert dir keiner, du musst dafür kämpfen. Es gibt mit Alexander Walke, Eddie Gustafsson und Thomas Dähne drei andere sehr gute Torhüter. Mir wurde auch nie versprochen, Nummer eins zu sein. Nur die Möglichkeit wurde mir in Aussicht gestellt und da gehört der Wettkampf dazu. Das ist normal und nichts Schlechtes dran.

LAOLA1: Du warst sechs Jahre in Liverpool. Wie würdest du deine Zeit bei den „Reds“ beschreiben?

Gulacsi: Es war eine tolle Erfahrung. Ich war sechs Jahre dort und kam als 17-Jähriger nach Liverpool. Ich wurde einige Male verliehen und kam so über die Jahre auch zu Profi-Einsätzen. Leider habe ich nie für die Kampfmannschaft spielen dürfen außer in Freundschaftsspielen. Ich war mehr als 50 Mal auf der Bank, einen Schritt vom Spielen entfernt. Aber ich habe es sehr genossen. Zumal ich früh von zu Hause wegging, früh erwachsen wurde und im Ausland eine neue Kultur sah. Im Fußball habe ich auch viel lernen können, habe mit bekannten Trainern und Weltklasse-Spielern zusammenarbeiten dürfen. Das war schon sehr speziell. Aber in meinem Alter musst du auch schauen, wie der nächste Schritt aussieht. Nämlich jede Woche zu spielen. Ich habe mich dann für einen Wechsel entschieden.

LAOLA1: Wie hart war es, Liverpool ohne Kampfmannschafts-Einsatz zu verlassen?

Gulacsi: Es war sicherlich frustrierend, aber man muss auch realistisch bleiben. Da waren Pepe Reina und andere internationale Top-Keeper da, die Konkurrenz war sehr groß, vor allem für einen jungen Keeper. Ich habe die Situation nachvollziehen können, auch wenn ich natürlich mehr wollte.

LAOLA1: Wie groß war der Einfluss von Pepe Reina auf dich?

Gulacsi: Sehr groß. Wir sind nicht nur Teamkollegen gewesen sondernm auch wirklich gute Freunde abseits des Platzes. Ihn jeden Tag zu sehen, das alleine lehrt einem schon viel. Natürlich in erster Linie hinsichtlich Techniken, aber auch was die Persönlichkeit und das Mentale betrifft. Nämlich ständig jede Woche auf einem hohen Level zu spielen. Das verlangt eine starke Mentalität und einen starken Charakter. Er hat das und das war eines der wichtigsten Dinge, die ich von ihm gelernt habe.

LAOLA1: Was braucht es, jede Woche starke Leistungen zu bringen?

Gulacsi: Als Tormann musst du von dir überzeugt sein. Das Team muss von dir überzeugt sein, aber auch vor allem du von dir. Das musst du ausstrahlen, denn dann kann auch die Mannschaft profitieren. Du kannst nicht alles perfekt machen und wenn einmal ein Fehler passiert, dann darfst du das nicht an dich ranlassen. Denn es geht gleich weiter mit der nächsten Situation. So etwas kannst du lernen von diesen tollen Spielern.

LAOLA1: Hast du vor deiner Entscheidung recherchiert, was denn die Konkurrenten drauf haben?

Gulacsi: Ja, ich habe im Internet ein wenig nachgeschaut und mir Highlights angesehen. Aber nicht nur, was Alex und Eddie betrifft, sondern überhaupt das ganze Team. Ich wollte einfach sehen, welcher Fußball hier gespielt wird. Aber das gehört dazu. Keiner unterschreibt bei einem Verein, ohne vorher nichts zu wissen. Ich hatte aber auch die Möglichkeit, hier auf Probe zu sein. Ich war drei Tage hier und war auch wirklich beeindruckt, wie professionell der Klub aufgebaut ist, sowie gearbeitet wird. Sie wollten mich kennenlernen und das gab mir auch das Gefühl, dass sie einen Grund haben, warum sie mich unter Vertrag nehmen würden. Deswegen wollte ich unbedingt her, denn sie wollten nicht nur einfach einen weiteren Torhüter, weil sie es sich vielleicht leisten können.

LAOLA1: Wer wird die Nummer 1?

Gulacsi: Eine gute Frage. Wir haben alle 100 Prozent gegeben, es ist ein offener Wettkampf und am Ende liegt es wohl an Kleinigkeiten. Die Entscheidung wird knapp vor dem Cup-Spiel fallen, aber auch danach sind noch genügend Tage bis zum Meisterschaftsstart, in denen sich alle beweisen können. Und auch wenn man Nummer 1 ist, muss man sich ohnehin auch die gesamte Saison über hart arbeiten.

LAOLA1: Wäre es für dich ein großes Problem, nicht gleich von Beginn weg Nummer 1 zu sein?

Gulacsi: Jeder Spieler will spielen und wenn er das nicht tut, dann ist es sein Ziel. Nicht zu spielen ist nie gut und macht einen nicht glücklich. Aber es geht darum, was das Beste für das Team ist. Man kann nicht nur auf sich schauen und sagen, für mich wäre es das Beste, am Feld zu stehen. Manchmal braucht ein neuer Spieler Zeit, sich dem Spiel der neuen Mannschaft anzupassen. Das betrifft auch die Sprache oder die neue Kultur. In erster Linie geht es um das Team, dann um die individuellen Ziele.

LAOLA1: Was denkst du über Trainer Roger Schmidt und Tormann-Coach Herbert Ilsanker?

Gulacsi: In den drei Tagen, die ich schon hier war, war ich von beiden persönlich als auch fußballerisch angetan. Das ist jetzt nicht anders. Es wird akribisch gearbeitet und das mag ich. Das tut dem Team und der Mannschaft gut. Es gilt auch für alle anderen Trainer und Betreuer. Es läuft alles sehr professionell ab, wir verbessern uns tagtäglich. Wenn wir das beibehalten, dann können wir sehr weit kommen.

LAOLA1: Müssen sich die Gegner vor einem Torhüter fürchten?

Gulacsi: Ich würde nicht fürchten sagen, aber er sollte schon etwas ausstrahlen. Wenn die gegnerischen Stürmer das Selbstvertrauen des Keepers spüren, dann beeinflusst sie das schon. Das ist dann auch eine gute Basis für das Team, wenn ein Tormann dominant auftritt.

LAOLA1: Ein Klischee besagt, dass Torhüter verrückt sind. Müssen sie das sein?

Gulacsi: Sie sind in erster Linie tapfer und man könnte sagen, sie sind verrückt, weil sie sich ins Getümmel werfen und vielleicht einen Schuss aus drei Metern ins Gesicht bekommen. Aber im Prinzip ist das einfach der Job. Wichtig ist auch, eine starke Rolle im Team zu spielen. Weil die Teamkollegen müssen auf dich hören, das kommt von Respekt und Charisma.

LAOLA1: Apropos: Steven Gerrard. Was ist er für ein Typ?

Gulacsi: Er ist eine Legende in Liverpool und ein großartiger Kapitän. Er ist nicht sehr laut, eigentlich sehr ruhig, aber er genießt den Respekt des ganzen Vereins. Er hat einen starken Charakter und führt die Mannschaft toll. Er ist ein ausgezeichneter Fußballer und so hat er sich den Respekt verdient. Er wird sicher nie der lauteste oder lustigste Spieler in der Kabine sein, aber das ist nicht nötig, wenn man sieht, wie er spielt und alles für den Verein gibt.

LAOLA1: Kannst du dich an das erste Aufeinandertreffen erinnern?

Gulacsi: Absolut. Ich war zehn Tage auf Probe zu Gast und wartete auf die Spieler, aus der Kabine zu kommen. Er war der erste, der rauskam und stellte sich mir vor. Ich schaute ihn nur an und dachte mir, ich kenne dich, du brauchst dich nicht vorstellen (lacht). Ich brachte überhaupt kein Wort heraus, schwitzte und mein Herz klopfte. Er war einfach normal und das war sehr cool.

 

Das Gespräch führte Bernhard Kastler

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