"Darauf müssen wir Antworten haben"

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„Wie sollen die Leute, mit denen ich arbeite, daran glauben, wenn ich es selbst nicht kommunizieren kann?“

Nein, Peter Stöger hat nicht die geringste Angst davor, vom Meistertitel zu sprechen.

Vielmehr spricht der Trainer der Wiener Austria im LAOLA1-Interview davon, den Vorsprung von sieben Punkten noch auszubauen: „Unser Ziel ist, im Frühjahr noch einmal zwei, drei, vier Punkte auf Salzburg rauszuholen.“

Der Wiener redet außerdem über die Transfer-Gerüchte, die im Frühjahr auf die Violetten zukommen könnten und die neue Rolle als Gejagter.

LAOLA1: Wie ist die Mannschaft drauf? Der Tabellensituation entsprechend?

Peter Stöger: Ganz gut. Alle sind einigermaßen erholt und fit aus dem Urlaub zurückgekommen. Es ist auch im Laufe der bisherigen Vorbereitung noch niemand gekommen, um sich zu beschweren.

LAOLA1: Haben Sie das Gefühl, dass die Mannschaft wirklich hungrig auf den Titel ist?

Stöger: Ja, da bin ich mir ganz sicher. Der Mannschaft ist klar, dass sie sich mit diesem super Herbst eine tolle Ausgangsposition geschaffen hat und die Möglichkeit hat, nach vielen Jahren wieder Meister zu werden. Wer weiß, wie oft in den nächsten Jahren so eine Chance kommt? Es heißt jetzt, an dieses Ziel zu glauben. Mal sehen, wie die Mannschaft mit der Situation umgeht, als einer der Salzburg-Jäger gestartet zu sein und jetzt selbst der Gejagte zu sein. Sechs Mannschaften, die gegen uns noch keinen Punkt gemacht haben, werden sich fragen, wie sie uns ein Bein stellen können. Die Situation wird verändert sein.

LAOLA1: Hat diese neue Ausgangssituation den ein oder anderen Spieler verändert?

Stöger: Nein. Wir haben im Sommer unsere Ziele festgelegt. Da war die Wunschvorstellung des Vereins, international zu spielen, dabei. Und intern haben wir schon angesprochen, dass wir einen der zwei CL-Qualiplätze erreichen wollen. Das, was wir uns vorgenommen haben, und das, was ist, liegt nicht so wahnsinnig weit auseinander. Aber wir haben jetzt eben wirklich die Situation, dass wir nach dem Titel greifen können. Was sich schon verändert hat, ist, dass ihnen klar ist, dass das wirklich passieren kann. Gesprochen ist ja bald einmal etwas. Im Sommer war es noch ein bisschen verhalten, jetzt ist es eine ganz klare Zielsetzung. Ich sehe das positiv.

LAOLA1: Ändert sich dadurch in der Spielvorbereitung etwas?

Stöger: Nein. Wir haben seit dem Sommer eine Idee, wie wir spielen möchten, durchgezogen. In vielen Phasen haben wir das sehr gut umgesetzt. Also das offensive Spiel, in dem wir selbst aktiv sein wollen. Am schwierigsten war das in den beiden Partien gegen Salzburg, weil da geballte Qualität drinnen steckt. Da haben wir uns mit anderen Tugenden super aus der Affäre gezogen. Aber wir müssen darauf vorbereitet sein, dass die Gegner gegen uns vielleicht anders agieren werden. Deswegen müssen wir unser Spiel variantenreicher und variabler machen, um für unsere Gegner neue Herausforderungen zu haben. Studieren werden uns die Gegner nämlich sehr wohl. Ich glaube zwar, dass unser Spiel, wenn es funktioniert, sehr schwer zu kontrollieren ist, aber vielleicht hat ja der ein oder andere eine Idee. Und dann müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen.

LAOLA1: Das war ja auch eines der Ziele der Vorbereitung, dass die ein oder andere Variante noch ausgebaut wird. Wie klappt das bisher?

Stöger: Wir arbeiten daran. Bisher ist es nicht ganz so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt habe. Leider hat etwa Roman Kienast immer wieder kleinere Blessuren, ist nicht andauernd im Trainingsbetrieb dabei. Die Bewegungsabläufe mit zwei echten zentralen Spitzen laufen noch nicht so flüssig. Wir werden auch etwas mit zwei klassischen Sechsern ausprobieren. Den wahnsinnigen Handlungsbedarf gravierende Sachen umzustellen, haben wir ja nicht. Wir haben nahezu alle Rekorde, die es bei der Austria gab, zertrümmert. Wir haben gerade über Goodies, kleinere Varianten gesprochen, die zu unserem funktionierenden Spiel dazu kommen.

LAOLA1: Sie haben schon gesagt, dass Salzburg als klarer Favorit in die Meisterschaft gestartet ist. Ist das immer noch so oder hat sich das verschoben?

Stöger: Das hat sich verschoben. Sie haben zwar viele Punkte gemacht, aber wir haben noch einige draufgelegt. Logisch, dass sich bei sieben Punkten Vorsprung die Ausgangslage verändert hat. Unsere Vision ist, dass wir uns nicht fragen, wie wir das verteidigen können. Unser Ziel ist, im Frühjahr noch einmal zwei, drei, vier Punkte auf Salzburg rauszuholen. Warum sollte das nicht möglich sein? Wir wollen nicht schauen, dass wir einen Punkt Vorsprung ins Ziel retten. Das mag überheblich klingen, aber jeder, der mich kennt, weiß, dass ich das nicht bin.

LAOLA1: Hat sich die Ausgangsposition auch für die Gegner verschoben? Ist nicht mehr Salzburg das Team, das man unbedingt schlagen will, gegen das man noch ein paar Prozent mehr gibt, sondern die Austria?

Stöger: Ich glaube, das sind jetzt beide. Ich will nicht vom Faktor Neid sprechen, was Red Bull mit seinen Möglichkeiten betrifft. Aber das steht immer im Raum. Jeder will den Liga-Krösus schlagen, ihm ein Bein stellen und zeigen, dass man diese Mannschaft mit einem wesentlich geringeren Budget auch schlagen kann. Das ist ähnlich wie bei Bayern München in Deutschland. Und dann gibt es mit uns eben noch eine zweite Mannschaft, gegen die viele nicht einmal einen Punkt gemacht haben. Wenn ich Trainer eines solchen Klubs bin, überlege ich mir klarerweise, wie ich uns zumindest einen Punkt abringen kann. Alle werden mehr als im Herbst darauf fokussiert sein, uns Punkte wegzunehmen. Darauf müssen wir Antworten haben.

LAOLA1: Spieler einer Mannschaft, die so stark spielt, wecken bei anderen Vereinen natürlich Begehrlichkeiten. Ist das eine der Gefahren im Frühjahr, dass einige Kicker wegen diverser Gerüchte abgelenkt werden könnten?

Stöger: Die Spieler wissen schon, dass Angebote kommen, wenn sie gut spielen. Aber wenn sie weiterkommen wollen, müssen sie weiterhin gut spielen. Das sollte kein Problem sein. Mit Ausnahme von Marin Leovac haben alle Spieler Verträge über den Sommer hinaus und wir eine Option. Andererseits wissen wir auch, dass wir uns im Sommer irgendwann damit auseinandersetzen müssen, sollten Top-Angebote für Spieler kommen. Bei den Spielern selbst sehe ich überhaupt kein Problem. Sie wissen, dass sie nur mit Leistungen interessant werden. Letzten Sommer hat kein Mensch nachgefragt, als sie den Europacup verpasst haben. Für den Verein ist außerdem klar: Wenn wir tollen Fußball bieten und vielleicht Meister werden, bleibt das nicht aus. Man kann nicht von Sieg zu Sieg eilen und kein Angebot für einen Spieler kriegen. Da sind uns zehn, 15 Angebote für Spieler schon recht.

LAOLA1: Sie kommunizieren sehr klar, dass sie Meister werden wollen. Nervt es sie, dass das andere Vereine in der Vergangenheit nicht so gemacht haben?

Stöger: Jeder macht das anders. Ich habe im Laufe der Zeit festgestellt, dass ich von einer Mannschaft, den Fans und dem ganzen Umfeld nicht verlangen kann, dass wir Meister werden und alle alles dafür unternehmen, wenn ich als Führungskraft nicht selber den Mut aufbringe, zu sagen, dass das mein Ziel ist. Wie sollen die Leute, mit denen ich arbeite, daran glauben, wenn ich es selbst nicht kommunizieren kann? Mir sind diese Aussage und das, wofür ich stehe, für die Umsetzung wichtiger, als die Angst davor, dass mich jemand in der Öffentlichkeit zerreißt, wenn es nicht funktioniert. Ich weiß, was auf uns zukommt, wenn wir nicht Meister werden. Dazu stehe ich dann auch, dann wird es eine Analyse geben, dann können sie mich hinterfragen, dann können sie mir erzählen, dass das erste Halbjahr super und das zweite eine Katastrophe war, dass ich doch nicht so gut bin, wie es ausgeschaut hat. Okay. Das gehört zum Geschäft. Ich kann eben nichts damit anfangen, wenn jemand sagt, er nimmt das Wort mit M nicht in den Mund. Gut, dann nimmt er es halt nicht in den Mund, aber in den meisten Fällen wird er es dann auch nicht werden.


Das Gespräch führten Harald Prantl und Bernhard Kastler

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