"Wir haben zu viele Vorurteile!"

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Moniz: "Es geht einfach zu langsam!"

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Immer im Vordergrund stehen. Alles erklären müssen. Die ganze Verantwortung übernehmen.

Ricardo Moniz weiß mittlerweile, wie sich Trainersein anfühlt.

Mit erst 47 Jahren ist er in seine erste volle Saison als Proficoach gegangen, die Kehrseite der Medaille hat er aber schnell kennen gelernt.

Darum kann er das Burnout von Ralf Rangnick, der letztlich bei Schalke zurückgetreten ist, sehr gut nachvollziehen.

Im großen und persönlichen LAOLA1-Interview erklärt der Salzburg-Coach, wie er mit dem Druck im Fußball-Business umgeht, was Österreichs Probleme sind und warum er schwierige Spieler liebt.

LAOLA1: Herr Moniz, gegen die Admira setzte es die erste Niederlage in der Liga. Wie lange nagen Niederlagen an Ihnen?

Ricardo Moniz: Sehr lange. Bei einem Verein mit unseren Ambitionen muss das auch so sein. Sonst denken die Spieler vielleicht, dass Niederlagen nicht so tragisch sind.

LAOLA1: Sie haben die Einstellung ihrer Mannschaft kritisiert. Wie kann es sein, dass hochbezahlte Kicker einfach nicht genug geben?

Moniz: Darum bin ich auch so böse, weil das einfach nicht sein kann. Wir sind alle Menschen und da können Fehler passieren. Das ist okay. Aber du musst immer alles geben – das ist das Mindeste. Doch da gibt es bei uns noch einen großen Mangel an Persönlichkeit. Darum war die Niederlage gegen die Admira auch eine Katastrophe. Ich habe langsam keine Geduld mehr und muss mir überlegen, ob ich die richtigen Leute habe.

LAOLA1: Der „Fall Rangnick“ hat erst kürzlich wieder gezeigt, wie hart das Fußball-Business sein kann. Können Sie seinen Rücktritt nachvollziehen?

Moniz: Es war eine sehr mutige Entscheidung und ich kann auch verstehen, wenn man mit dem Druck nicht mehr umgehen kann. Du wirst in diesem Business einfach schnell alt. Darum ist es wichtig, dass du offensiv mit den Problemen umgehst, sie ansprichst und dementsprechend handelst. Wenn du introvertiert bist, geht das natürlich schwerer.

LAOLA1: Sie müssen als Trainer jede Personalie, jeden Wechsel, jede Umstellung erklären. Wie anstrengend ist der Trainer-Beruf?

Moniz: Natürlich zehren diese Dinge an dir. Du musst auch immer die Verantwortung übernehmen. Wenn die Mannschaft nach Niederlagen kritisiert wird, muss ich das auf meine Kappe nehmen. Denn dann habe ich offenbar etwas nicht richtig rübergebracht.

LAOLA1: Wie versuchen Sie der Mannschaft ihre Ideen richtig rüberzubringen?

Moniz: Ich halte ihr immer wieder Messi vor. Er ist unglaublich, oder? Er macht in einem Spiel ein Tor und einen Assist, im nächsten Spiel drei Tore. Er bringt es jede Woche und du weißt nicht wie. Das ist Klasse. Er ist immer mit Freude dabei und arbeitet am härtesten von allen an sich. Das müssen die Jungs hier noch begreifen. Es geht einfach zu langsam. Das ist aus meiner Sicht auch der Grund, warum Österreich international nicht stärker ist.

Moniz mag Instinkt-Kicker wie Alan

LAOLA1: Wie bringen Sie schwierige Spieler auf den richtigen Weg?

Moniz: Du musst zu ihnen stehen, viel Geduld aufbringen und ihnen mehr Verantwortung geben. Ibrahim Afellay galt auch immer als schwieriger Typ. Auch er wurde zu schnell abgeschrieben. Heute spielt er in Barcelona. Er hat gelernt, dass er seine große Individualität in den Dienst der Mannschaft stellt. Dafür muss ein guter Trainer sorgen. Ein Nesta, ein Davids, ein Kahn waren auch keine einfachen Spieler, aber sie gehörten auf ihren Positionen zu den besten der Welt. Du darfst als Trainer nicht vor schwierigen Spielern weglaufen. Es ist doch eine Herausforderung.

LAOLA1: Haben Sie ein Faible für Instinkt-Fußballer, weil Sie selbst auch einer waren?

Moniz: Ich mag Instinkt-Fußballer, aber sie müssen auch zu einem gewissen Grad abgebrüht und analytisch agieren. Ich will, dass sich individuelle Klasse auch in der Verteidigung widerspiegelt. Jeder glaubt, dass wir nur offensiv denken. Das stimmt nicht. Du musst als Verteidiger das Spiel aufbauen und den Hunger haben, den Ball zu erobern.

LAOLA1: Wie sind Sie eigentlich zum Fußball gekommen?

Moniz: Interesse ist immer dann da, wenn es Ausnahmen gibt. Als ich jung war, hatte gerade Ajax seine goldene Zeit. Spieler wie Cruyff oder Neeskens haben mir imponiert. Auch Krankl, Prohaska oder Pezzey waren Ausnahmeerscheinungen. Sie waren richtige Spieler-Persönlichkeiten. Darum kämpfe ich dafür, dass wir solche Typen wieder bekommen. Wenn du solche Spieler hast, kannst du auch taktisch hervorragend arbeiten.

LAOLA1: Wie schafft man es, solche Typen zu kreieren?

Moniz: Als Jugendtrainer musst du dafür sorgen, dass Persönlichkeiten entstehen. Persönlichkeiten, Ausnahme-Erscheinungen machen den Fußball so interessant. Wegen Leuten wie Cruyff oder Prohaska bin ich Fußballer geworden.

LAOLA1: Wie haben Sie begonnen?

Moniz: Zuerst haben wir die Helden im TV bewundert, dann sind wir auf die Straße gegangen, jeden Tag mindestens zwei, drei Stunden. Wir brauchten keinen Trainer, haben uns alles selbst organisiert. Du hast die Jacke hingeschmissen, der Beste bekam den Ball. Wir haben auch in der Ausbildung bei Red Bull geschaut, dass der Straßenfußball wieder zurückkommt. Da lernen sie Initiative zu übernehmen, da sind sie frei – ein Trainer muss nicht immer alles organisieren.

LAOLA1: Ist die Jugend also eine Zeit, an die Sie sich gerne zurückerinnern?

Moniz: Auf jeden Fall. Das war die schönste Zeit. Du hast jeden Tag zwei, drei Stunden den Ball an den Füßen und arbeitest an deinem Traum, Profi-Fußballer zu werden. Ich habe auch als Akademieleiter von Red Bull versucht, das zu vermitteln. Wichtig ist das Kind und nicht der Trainer. Bei den Profis ist das nicht anders.

Das Interview führte Kurt Vierthaler

LAOLA1: Was meinen Sie genau?

Moniz:
Man kann Junuzovic, Leitgeb oder Jantscher nicht vorwerfen, dass sie nicht kreativ genug sind. Aber haben sie auch die mentale Stärke und den absoluten Willen, alles aus sich heraus zu holen? Können Sie jeden Tag ihre Leistung abrufen? Ich muss in Salzburg diesen Druck aufbauen, da sie sonst in ihrer Entwicklung stehen bleiben. Es wird interessant, ob Leitgeb oder Jantscher diesen Schritt gehen können. Sie müssen einfach Verantwortung übernehmen.

LAOLA1: Ist es wirklich so, dass ein Trainer 24 Stunden an Fußball denkt?

Moniz: Ja, absolut.

LAOLA1: Aber wie halten Sie das mental aus?

Moniz: Es ist mein Hobby. Wenn es nicht dein Hobby ist, du den Fußball nicht liebst, kannst du den Beruf auch nicht ausüben.

LAOLA1: Kann man als Cheftrainer überhaupt mal richtig abschalten?

Moniz: Schwer, aber bei Spielern ist das nicht anders. Wenn du einen Profi fragst, was er noch hat, wenn du ihm den Fußball wegnimmst, was sagt er dann? Wir haben dem Fußball alles zu verdanken, darum muss man den Alltag auch als Acht-Stunden-Tag sehen. Natürlich musst du mal abschalten, aber im Prinzip beschäftigt dich der Fußball immer. Spätestens als Trainer. Das ist dann der zweitschönste Beruf nach Spieler.

LAOLA1: Sie sind mit 47 Jahren zum ersten Mal als Cheftrainer in eine Saison gegangen. Sehen Sie das auch als Vorteil, da Sie noch nicht so „abgenutzt“ sind?

Moniz: Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren auch noch frisch bin. Es wird eine interessante Erfahrung, denn du lernst in keinem Trainer-Kurs, wie man nicht ausbrennt. Ich muss mich selbst immer weiter entwickeln und Wege finden, wie ich physisch und mental fit bleibe. Aber wenn du die Passion hast, dann brennst du auch nicht so schnell aus. Sollte ein Trainer merken, dass die Leidenschaft fehlt, muss er aufhören.

LAOLA1: Haben Sie nicht auch Angst, dass Ihnen das auch passieren könnte?

Moniz: Natürlich, ich habe ja selbst Trainer miterlebt, die sehr schnell alt und verbittert geworden sind. Ich versuche, analytisch zu bleiben und Dinge knallhart anzusprechen. So werde ich etwaige Belastungen schnell los. Aber es stimmt: Das Business kann sehr schnell müde machen.

LAOLA1: Sie sind auch ein Risiko eingegangen und haben sich anfangs angreifbar gemacht, indem Sie Leonardo geholt haben. Er galt immer als schwieriger Spieler.

Moniz: Aber die schwierigsten Spieler sind doch meist die besten, oder? Wir gehen immer weiter davon weg, die Leute so zu lassen, wie sie sind. Wir haben zu viele Vorurteile. Mich regt es irrsinnig auf, wenn Leute zu schnell abgeschrieben werden. Robin van Persie war damals bei Feyenoord auch schwierig. Ihm wurden in allen Nachwuchsteams mehr Steine in den Weg gelegt, als dass ihm geholfen worden ist. Und wo ist er jetzt?

LAOLA1: Bei Arsenal und einer der Stars.

Moniz: So ist es. Vielleicht sind Spieler extra empfindlich oder extra emotional – aber sind sie deswegen gleich schwierig? Ich habe lieber einen schwierigen Spieler, der sein Herz am rechten Fleck trägt, als einen Mitläufer. Man muss nur unterscheiden können zwischen einem guten Individualisten und einem Individualisten, der nur an sich denkt. Ich will auf die Spieler ganz genau eingehen, um das herauszufinden.

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