Krammer: "Uns geht der Stoff nicht aus"

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Wie die Zeit vergeht!

Vor einem Jahr trat Michael Krammer sein Amt als Rapid-Präsident an, um als Nachfolger von Rudolf Edlinger eine neue Ära einzuläuten.

Seitdem hat sich das Leben des 54-jährigen Top-Managers in allen Belangen verändert. Und auch bei den Grün-Weißen blieb in der bisherigen Amtszeit kein Stein auf dem anderen.

Der Stadion-Neubau und sechs weitere Projekte wurden vorangetrieben, doch in einigen Bereichen (Internationalisierung, Strukturreform) gibt es noch Aufholbedarf. Trotz neuerlicher Fan-Probleme sowie der sportlichen Achterbahnfahrt fällt die Bilanz positiv aus.

„Mehr wäre in diesem Jahr nicht gegangen“, trotzdem bleibt Krammer nach einem intensiven Jahr keine Zeit zum Verschnaufen. Die nächsten Projekte stehen bereits vor der Tür.

LAOLA1 traf einen gut gelaunten Rapid-Präsidenten zum ausführlichen Interview über die persönliche Doppelbelastung, Bedenken, das alles überstrahlende Stadion, Aufholbedarf, Fans und die Verteidigung von Werner Kuhn.

LAOLA1: Inwieweit wurde Ihr Leben im letzten Jahr auf den Kopf gestellt bzw. mussten Sie Kompromisse eingehen?

Michael Krammer: Das Leben hat sich schon verändert! Neben dem beruflichen ist ein zweites großes Engagement dazugekommen. Man wird dadurch nicht nur zeitlich in Anspruch genommen, man hat auch gedanklich zwei Kategorien, in denen man permanent hin- und herswitcht. Das ist schon eine neue Erfahrung. Die emotionale Bindung gibt es sowieso als Rapidler, in dem Fall kommt aber die rationale Herausforderung dazu, weil man den Verein auch führen, Projekte umsetzen und was weiterbringen muss. Es ist in Wahrheit wie ein zweiter Beruf.

LAOLA1: War diese Intensität, dieser Aufwand im Vorfeld für Sie absehbar?

Krammer: Ehrlich gesagt, nicht. Natürlich könnte man es auch anders machen, aber das ist nicht unser Stil. Wir als Präsidium haben uns vorgenommen, verschiedene Ziele zu erreichen. Dafür muss man auch einen gewissen Aufwand betrieben, auch einen persönlichen. Darüber beschweren wir uns nicht.

LAOLA1: Wie viel Zeit nimmt ihr Amt als Rapid-Präsident tatsächlich aktiv in Anspruch?

Krammer: Ganz sicher zwischen 20 und 30 Stunden in der Woche.

LAOLA1: Bleibt bei dieser Auslastung überhaupt noch Zeit für Freizeit, Familie und Freunde?

Krammer: Man muss dann schon Prioritäten setzen. Zum Glück habe ich bei Rapid viele Freunde (lacht), daher lässt sich das ganz gut verbinden. Aber man muss schon sehr aufpassen, dass die Familie nicht zu kurz kommt und das Leben nicht aus der Balance gerät. Ich habe Gott sei Dank eine sehr tolerante und verständnisvolle Frau, die dann aber auch sagt: ‚Jetzt ist einmal genug, wir machen auch einmal wieder ein Wochenende ohne Fußball.‘

LAOLA1: Gab es irgendwann den Gedanken: Was habe ich mir da eigentlich aufgehalst?

Krammer: Natürlich denkt man sich das ab und zu, um ehrlich zu sein. Aber auf der anderen Seite überwiegen so viele positive Dinge, nämlich zu sehen, wie viele Menschen an einem Strang ziehen – die hauptamtlichen Mitarbeiter, das Präsidium, viele Mitglieder, die sich in Arbeitsgruppen engagieren. Man kriegt auch viel positives Feedback, nicht nur aus der großen Rapid-Familie. In der U-Bahn kommen Leute zu mir und sagen: ‚Danke für das neue Stadion.‘ Das überwiegt dann schon, dann weiß man, wofür man das tut.

Präsident Krammer mit seinem Vorgänger Rudi Edlinger

LAOLA1: Es war ein Jahr, in dem viele Hindernisse überwunden werden mussten, zB. im Bezug auf den Stadionbau. Denkt man sich da: Wer will mir noch Steine in den Weg legen?

Krammer: Das habe ich gar nicht so schlimm empfunden. Bis zu unserer großen Stadion-Präsentation am 10. Juni ging der Tenor in Rapid-Kreisen doch eher in die Richtung: ‚Ob das alles funktioniert? Der Zeitplan wird nicht einzuhalten sein. Kriegt ihr überhaupt eine Finanzierung?‘ Ab dem Zeitpunkt der Visualisierung hat sich die Einstellung verändert zu ‚Wie machen wir das möglich?‘ Dann war es immer noch keine g‘ mahte Wies‘n, aber es war angenehmer zu arbeiten.

LAOLA1: Würden Sie eine positive Bilanz ziehen oder wäre aus ihrer Sicht sogar noch mehr möglich gewesen?

Krammer: Wirklich schwierig. Ich bin nie restlos zufrieden, aber mehr wäre nicht gegangen. Vielleicht wäre einiges besser gegangen, aber ich glaube, wir haben richtig priorisiert, da man nicht viele Dinge gleichzeitig machen kann. Aber man wird bei der Hauptversammlung sehen, dass schon einiges passiert ist - nicht nur das Stadion. Das Thema Mitgliedschaft ist intensiv weiterentwickelt worden, wir werden zum Thema Organisation etwas präsentieren. Das hätte ich mir etwa einfacher vorgestellt. Die Umwandlung des Profibetriebs in eine Kapitalgesellschaft ist immer noch ein „Moving Target“, da tut man sich schon etwas schwerer, die Dinge konkret anzusprechen.

LAOLA1: Ist dieses Jahr in puncto Neuerungen und der entstandenen Dynamik im Verein somit aus ihrer Sicht in den nächsten drei, fünf oder zehn Jahren schwer zu toppen?

Krammer: Uns geht der Stoff jetzt aber nicht aus (lacht). Wir haben das Stadion zwar jetzt im Bau, aber es muss auch vermarktet werden. Da sind schon die nächsten sieben Projekte im Laufen, um die optimale Vermarktung sicherzustellen. Da gibt es ein Projekt, das sich mit Business-Logen und Hospitality-Bereich beschäftigt, wir müssen Catering festlegen, Partner auswählen und für Sicherheit sorgen, usw. Die nächsten zwei, drei Jahre, viel weiter kann man in Wirklichkeit eh nicht planen, sehe ich da keine Langeweile am Horizont (lacht). Es ist halt das zentrale Zukunftsprojekt für Rapid. Wenn wir das gut machen, erhöht sich der verfügbare Finanzrahmen für den Sport um vier Millionen im Jahr. Dafür kann man schon ein bisschen was tun.

LAOLA1: Sie suchen oft die Nähe zu Mitgliedern und Fans, sind eher ein Präsident zum Anfassen. Wird das gewürdigt und positiv aufgenommen?

Krammer: Ich glaube schon, man müsste aber die Leute fragen. Das Feedback, das ich kriege – ob in der U-Bahn, am Fußballplatz oder bei sonstigen Veranstaltungen - , ist durchwegs positiv. Man merkt, dass Rapid schon etwas Besonderes ist, dass es eine Kraft hat und die Leute sich engagieren und etwas bewegen wollen. Das ist toll.

Das im November 2013 angetretene Rapid-Präsidium

LAOLA1: Auch das Ziel, mit Rapid die Top 50 Europas zu stürmen, wurde von vielen skeptisch beäugt. Ist das für Sie weiterhin realistisch?

Krammer: Wir schreiben das Jahr 2014 und das Ziel ist 2019. Natürlich wird so eine Aussage in schnelllebigen Zeiten nach drei Niederlagen geprägt. Aber da ist ein Plan dahinter. Das Stadion wird dafür sorgen, dass sich der Cashflow erhöht. Der Sportdirektor hat bei allen neuen Engagements darauf geachtet, dass wir keine Ausstiegsklauseln mehr haben, sondern unsere Spieler mittel- und langfristig an uns binden, damit die Mannschaft weiterentwickelt werden kann. Wir gehen diesen Weg, das ist die klare Philosophie. Ich kann keine Garantie dafür abgeben, aber wenn man sich kein Ziel setzt, weiß man auch keinen Weg. Wir wissen, was wir dafür tun müssen. 2017 wird es noch nicht reichen, aber 2019. Wir sind ja Rapid. Sollen wir sagen, dass wir froh sind, wenn wir jedes Jahr Dritter werden? Nein.

LAOLA1: Auch wenn es ein längerfristiger Prozess ist: War das Aus im Europa-League-Playoff bisher der schwärzeste Tag für Sie?

Krammer: Wirtschaftlich war es der schwärzeste Tag. Wenn man sich ansieht, wieviel Ausfälle wir im Herbst gehabt hätten, wäre es mit der Doppelbelastung vielleicht noch kritischer geworden. Trotzdem hätte ich lieber an sechs Donnerstagen Rapid-Spiele besucht.

LAOLA1: Wirtschaftlich wird es sich im nächsten Geschäftsbericht niederschlagen, die Einnahmen aus dem internationalen Geschäft werden Rapid sicherlich abgehen.

Krammer: Alle wissen es ja jetzt schon, dass dann ein dickes Minus stehen wird, die ganzen Hochrechner. Glauben Sie wirklich, dass es unser Anspruch sein kann, dass es ohne Europa League drei oder gar fünf Millionen minus sein werden? Ich kann nicht garantieren, dass es ein dickes Plus wird, aber wir werden alles tun, um nicht ein Minus zu schreiben. Voraussetzung ist, dass alle mitwirken. Dass sie ins Stadion kommen, Mitglieder dazukommen, usw. Wir nehmen das nicht als gegeben an, dass wir ohne EL ein Minus machen. Definiertes Ziel ist es auch, spätestens in der Saison 2016/17 im nationalen Bereich ausgeglichen zu bilanzieren, ohne positive Transfererlöse. Strategisch gesehen, kann man durchaus entscheiden, in der Transferbilanz ein Minus in Kauf zu nehmen, da man sich sportlich verstärkt. Andererseits kann es aber auch so sein, dass man überproportional Geld macht. Diese Position muss man herausstreichen, dann sieht man die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Rapids.

LAOLA1: Wie bewertet man den im Geschäftsbericht veröffentlichten Gewinn aus dem Vorjahr von 180.179 Euro?

Krammer: Es ist ein geringfügiger Gewinn, der uns gelungen ist, obwohl die Einnahmen aus der Europa League mehr als mit dem Geisterspiel im Jahr davor, aber im Vergleich zu den vorangegangen Saisonen mit Teilnahmen an der EL-Gruppenphase geringer waren. Wir haben in diesem Jahr auch viele finanzielle Vorkehrungen treffen müssen, die im Zusammenhang mit dem neuen Stadion nicht budgetiert waren, wie Beratungsdienstleistungen, Rückstellungen oder Auflösungen. Als ich übernommen habe, war noch ein Umsatzziel von 1,2 Mio. drin für ein ausgeglichenes Budget. Da war das noch gar nicht berücksichtigt. Wir haben schon eine ordentliche Lücke geschlossen. Wir haben auch strukturell einiges verändert, so dass wir uns auf dem richtigen Pfad befinden.

LAOLA1: Gerade im nationalen Bewerb wurde ein Anstieg von 103 Prozent von -2.786.784 auf -5.652.415 Euro verzeichnet. Wie ist das zu erklären?

Krammer: Dort werden die gesamten Vorbereitungen für den Stadionbau eingerechnet. Das ist sozusagen unsere Substanz, das rechnen wir nicht anteilig in den internationalen Bereich hinein. Wir existieren deswegen, weil es eine Meisterschaft gibt. Dafür haben wir die Strukturen, dafür bauen wir auch das Stadion. Deshalb sind dort auch alle Kosten drin.

LAOLA1: Das Projekt „Internationalisierung“ wurde evaluiert. Inwieweit kann ein Schritt in diese Richtung für einen österreichischen Verein Sinn machen?

Krammer: Da war große Begeisterung da. Die großen Vereine Europas haben unglaublich viele Potenzialspieler, von denen es aber womöglich nur ein oder zwei in die eigene Profimannschaft schaffen. Für den Rest wird irgendeine Verwendung gesucht. Im Idealfall bei einem ausländischen Klub in einer ersten Liga, wo sie ihn zwischendurch parken. Im Idealfall spielt er dann auch, dann werden die Kosten übernommen. Wenn er gut ist, ist er nach einem halben Jahr wieder weg. Was bedeutet das für Rapid? Man macht konsequente Nachwuchs-Arbeit, wo es die größte Motivation ist, irgendwann einmal in der ersten Mannschaft zu spielen. Wenn ich mich als junges Talent hochkämpfte, am Sprung in die Kampfmannschaft bin und dann wird mir einer von irgendwo vor die Nase gesetzt, dann spricht sich das herum. Wir haben auch das Ziel, mittelfristig die besten österreichischen Talente zu Rapid zu holen. Das sind zwei Zielkonflikte. Was mir auch nicht so bewusst war, ist, wie lange es dauert, bis sich jemand, der die Sprache nicht kann und für kurze Zeit hierher kommt, eingewöhnt hat. Das ist ja keine reife Persönlichkeit, die schon im Nationalteam gespielt hat und die große weite Welt kennt. Das ist ein junger Spieler, der hier nichts und niemanden hat. Dafür müsste man eine Infrastruktur schaffen, im Idealfall zwei nehmen, einen Betreuer bereitstellen, der sie integriert. So einfach ist das nicht.

LAOLA1: Das Grundproblem ist somit der Konflikt zwischen der eigenen Philosophie von der Jugend bis zur Kampfmannschaft und dem Spielertausch mit anderen Vereinen?

Krammer: Im Idealfall holen wir uns die Spieler noch viel früher. Cheftrainer Barisic und Sportdirektor Müller sind da sehr nah dran und wissen genau, wo wir in drei Jahren ein Defizit haben werden. Da müssen wir schon anfangen, mit 16 oder 17 Jahren die richtigen Talente auszuwählen und bei uns zu integrieren. Je später man sie holt, desto größer sind die Anpassungsschwierigkeiten bei Rapid. Da ist eine ganz andere Öffentlichkeit, es wird sehr schnell gespielt, es ist ein eigener Spielstil und es ist ein größerer Druck als bei anderen heimischen Vereinen da.

LAOLA1: Ist die Kooperation mit einem Top-Klub für einen österreichischen Verein überhaupt zielführend, bisher waren diese meist zum Scheitern verurteilt?

Krammer: Ich glaube schon, wenn man die Rahmenbedingungen richtig definiert. Nämlich, wenn eine Nachhaltigkeit entsteht und man an der Weiterentwicklung des Spielers beteiligt ist, kann man das schon machen. Aber das ist halt nicht von heute auf morgen ausverhandelt. Das muss man sehr gut abwägen.

LAOLA1: Juventus Turin wurde mit Rapid in Verbindung gebracht. Wie konkret waren die Kontakte zur „Alten Dame“ tatsächlich?

Krammer: Wir haben uns schon orientiert. Es gab sehr positive Kontakte, die gibt es auch weiterhin. Das braucht man nicht verheimlichen. Aber es ist noch nichts daraus entstanden. Wir haben das Thema im Fokus, es kommen auch Kontakte mit anderen Ländern zustande, aber es obliegt ganz klar dem Sportdirektor, die Entscheidung zu treffen, denn er muss es auch umsetzen. Es bringt nichts, ihm das aufs Auge zu drücken, wenn die Rahmenbedingungen dafür nicht gegeben sind. Ich bin ein großer Freund davon, Kompetenzen und Verantwortung an die jeweiligen Fachleute zu delegieren.

LAOLA1: Gibt es die negativen Stimmen auch im direkten Gespräch mit Ihnen oder kommen die sonst nur hinterrücks?

Krammer: Im direkten Gespräch gibt es nur die konstruktiv-kritischen Stimmen. Das finde ich super, das schätze ich sehr. Man braucht nicht Ja-Sager um sich, sondern welche, die sagen: „Das sehe ich anders, das würde ich so oder so machen.“ Solche wichtigen Beiträge nehmen wir in die Entscheidungsfindung auf. Die anonymen Stimmen in irgendwelchen Foren lese ich gar nicht. Die, die nur sudern, haben für mich keine Relevanz. Wenn sie eine haben wollen, sollen sie sich herstellen. Meine Nummer haben sehr viele, meine E-Mailadresse ist ohnehin allseits bekannt, ich bin bei jedem Heimspiel, ich bin eine öffentlich zugängliche Person. Wenn jemand wirklich etwas verändern will, soll er es mir sagen.

LAOLA1: Das Stadion-Projekt überstrahlt alles in ihrer bisherigen Amtszeit. Sind Sie sich bewusst, dass sie sich damit ein Denkmal setzen?

Krammer: Das wird vielleicht schon so sein, aber es ist mir eigentlich egal. Mir ist viel wichtiger, dass wir im Sommer 2016, wenn wir erstmals in diesem Stadion spielen, wissen, dass alle Logen verkauft sind, wir einen super Business-Klub haben, 20.000 Fix-Abos verkauft haben, die Hütt’n für die nächsten drei Jahre ganz sicher ausgebucht ist und Rapid dadurch wirklich diese vier Millionen lukrieren kann, um sich sportlich weiterzuentwickeln und 2019 das Ziel, die Top 50 Europas, zu erreichen. Das ist mir viel wichtiger als ein Denkmal.

LAOLA1: Wie viel Risiko ist man in der Stadionfrage beim frühen Vorpreschen an die Öffentlichkeit eingegangen und was war für Sie schlussendlich die größte Erleichterung?

Krammer: Bei der Stadionpräsentation war ich mir zumindest zu 80 Prozent sicher, dass auch der Zeitplan hält. Das ist schon ein Wert, ab dem etwas geht. Die größte Erleichterung war es, als mir Nikolaus Rosenauer (Anm. d. Red.: Finanzreferent Stellvertreter und Geschäftsführer der Rapid Sportstättenbetrieb GmbH) nach der Bauverhandlung die SMS mit „Kein Einspruch“ geschrieben hat. Das war Ende September. Alles andere geht dann nach Plan.

LAOLA1: Mit Beginn der Abrissarbeiten am Hanappi-Stadion war dann auch für die Öffentlichkeit ersichtlich, dass es nun ernst wird.

Krammer: Genau! Die Abrissparty war toll und ein großartiges Zeichen der Rapid-Familie, eine richtig familiäre Volksfest-Atmosphäre. Die Leute haben ihre Sitze abgeschraubt, Fotos wurden gemacht. Gleichzeitig war zu erkennen, dass es einerseits die Verabschiedung ist, andererseits aber auch der Aufbruch in Richtung neues Stadion.

LAOLA1: In dieser Hinsicht ist Tradition vs. Kommerz ein heikles Thema bei Rapid. Wie überzeugt sind Sie, dass auch die Letzten verstehen werden, dass es im heutigen Fußball nur mehr mit diesen Methoden geht?

Krammer: Es geht schon auch ohne, aber dann spielt man irgendwo in der Regional- oder gar Landesliga. Wir haben aber bei Rapid einen Weg gefunden, der nicht den Ausverkauf des Vereins betrifft. Wir sind ein Mitgliederverein, haben 11.500 und wollen 20.000 bis 30.000 Mitglieder. Wir haben Strukturen, wo die Mitglieder auch das Fundament der Gesinnungsgemeinschaft sind. Das ist schon ein großer Unterschied. Wir haben keinen Besitzer, der die Farben ändern lässt und sind auch nicht die Marketingabteilung von irgendeinem Konzern, weil wir uns einfach für den anderen Weg entschieden haben. Ich habe schon vor meiner Zeit als Präsident bei einem Sponsorengespräch mit der aktuellen Fanszene gesagt, dass es nicht ohne Namensgeber gehen wird, wenn wir ein neues Stadion wollen. Das ist vielleicht noch immer nicht überall durchgedrungen. Ich verstehe schon, dass es schöner wäre, wenn wir es nach einem verdienten Spieler benennen könnten. Aber das ist Faktum: Wenn wir eine Weiterentwicklung für uns als Mitgliederverein haben wollen, dann ist das Naming Right ein ganz wichtiger, entscheidender Baustein.

LAOLA1: Sie sind mit sieben Projekten angetreten. Bei den Mitgliedern hat man sich mit der „Mission +10.000“ weit aus dem Fenster gelehnt. 4.500 Neue sind es bisher. Stimmt trotz allem die Richtung?

Krammer: Ende 2015 haben wir ganz sicher 10.000 dazu gewonnen, wenn nicht mehr. Ich bin absolut optimistisch. Die Arbeitsgruppe hat das unter der Schirmherrschaft von Andy Marek und der Beteiligung von vielen Mitglieder-Vertretern eigenständig weiterentwickelt. Ohne die entsprechende Marketing-Maschinerie anzuwerfen und Testimonials zu schaffen, geht es einfach nicht. Es ist nicht nur die Offensive mit ehemaligen Stars und Spielern, die alle kennen, sondern dafür ist richtig viel gemacht worden.

Präsident Krammer unter grün-weißen Kollegen und Freunden

LAOLA1: Im Geschäftsbericht gibt es unter „Risikoanalyse“ eine eigene Kategorie „Imageschaden durch Ausschreitungen“. Wie negativ wirken sich die Derby-Ausschreitungen aus?

Krammer: Es ist unerfreulich! Es ist auch ganz klar, wo der Ausgangspunkt war. Eigentlich will ich gar nicht mehr darüber reden. Welcher Fußballklub dieser Welt hat dieses Risiko nicht? Außer den sogenannten Retortenvereinen? Damit muss man umgehen und es erkennen, dann kann man handlen. Das ganze Thema rund um Fans ist eines, das man ganz sicher nicht über öffentliche Kommunikation lösen kann. Dadurch wird es nur aufgeschaukelt, da gewisse Mechanismen erst dadurch entstehen. Das will ich vermeiden. Man muss etwas machen und möglichst wenig darüber reden.

LAOLA1: Sie haben gesagt: „Wir tun so viel, aber vielleicht ist es noch zu wenig.“ Man geht auf die Fans zu, hat Aktionen, dann ist es wieder eine Zeit lang ruhiger, ehe erneut etwas vorfällt. Fühlen Sie sich von Leuten, die wissen, was sie damit anrichten, hintergangen?

Krammer: Dieses Zitat ist richtig. Aber man muss sich davon verabschieden, dass man alles kontrollieren kann. Das geht nicht. Dazu ist auch das jetzige Stadion viel zu groß, das ist nicht homogen. In Wahrheit ist es ein gesellschaftliches Thema und keines, das ausschließlich den Fußball betrifft. Diejenigen, die jetzt supergescheit daherreden, dass die Fußballvereine das lösen müssen, sollen sich einmal ganz ruhig hinsetzen und länger darüber nachdenken, woher das Problem tatsächlich kommt. Und wie viel von diesen Problemen wir trotz allem abfangen. Wir machen das bei weitem nicht perfekt und werden permanent nach Möglichkeiten suchen, um die Situation weiter zu verbessern. Das Problem wurde erkannt, nur ich will nicht groß über Maßnahmen und Ähnliches reden. Das bringt nichts, dadurch wird es nur aufgeschaukelt.

LAOLA1: Zum Sportlichen: Wie positiv stehen Sie dem eingeschlagenen, sportlichen Weg und der aktuellen Entwicklung gegenüber?

Krammer: Erstens ist der Weg alternativlos. Zweitens wird er von jenen, die ihn umsetzen, mit vollster Überzeugung in hervorragender Art und Weise umgesetzt, auch wenn es Rückschläge gibt. Ich glaube auch zu hundert Prozent an den Erfolg dieses Weges. Dass ich natürlich jedes Spiel gewinnen will, steht auf einem anderen Blatt Papier. Und dass mir jedes Gegentor, jedes Unentschieden und jede Niederlage als Rapidler weh tun, ist einfach so. Aber damit muss man auch leben. Gemeinsam, kämpfen, siegen – zwei davon müssen immer stattfinden. Wenn ich das Gefühl habe, kann man eine Niederlage leichter verkraften.

LAOLA1: Rückschläge sind in dieser Entwicklung einberechnet. Zu oft wird jedoch die Ausrede verwendet, noch eine zu junge, unerfahrene Mannschaft zu haben.

Krammer:Sie ist jung, aber nicht unerfahren. Man darf ihnen auch nicht immer einreden, dass sie noch jung sind. Im Gegenteil, es geht schon um etwas. Man sieht auch die Entwicklung - zwar noch nicht stabil, aber immer besser. Ein Stefan Schwab ist etwa ein richtig stabilisierender Faktor, ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft geworden. Robert Beric hat schon neunmal getroffen und ein Comeback im Nationalteam seiner Heimat gefeiert, um nur zwei zu nennen!

LAOLA1: Ist es trotz dieser Philosophie das Ziel, in den kommenden Jahren wieder vom Sparkurs abzukommen und gezielt Verstärkungen zu holen?

Krammer: Wir haben im sportlichen Bereich keinen Sparkurs. Das eine ist das Thema Transfers, das andere die Kaderkosten, die viel nachhaltiger und nicht reduziert wurden. Wir haben uns etwa mit Beric, Kainz und Schwab gut verstärkt. So einen Qualitätsverlust haben wir nicht gehabt. Noch dazu haben wir alle Neuen zumindest bis Ende 2017 verpflichtet und zahlreiche Verträge verlängert. Unser Sportdirektor hat auch sehr früh begonnen, unsere anderen Schlüsselspieler zu fixieren und zu stabilisieren, um eben eine Entwicklung möglich zu machen.


Das Gespräch führte Alexander Karper

LAOLA1: Wie ist der Fortschritt bei der Umwandlung des Profibetriebs in eine Kapitalgesellschaft und wie eng hängt diese mit dem neuen Stadion zusammen?

Krammer: Während dieses Jahres haben sich die Voraussetzungen mehrmals verändert. Wir haben intensive Gespräche mit dem Finanzministerium gehabt, wie wir das am besten lösen können. Wir haben daran geglaubt, dass eine Konstruktion mit Verein und Sportstättengesellschaft möglich ist, das hat sich im Sommer dramatisch verändert. Aller Wahrscheinlichkeit soll künftig per Gesetz ein Profisportbetrieb überhaupt nur mehr in Kapitalgesellschaften ermöglicht werden. Wenn das so in Kraft tritt, wäre der richtige Zeitpunkt für die Umwandlung der Sommer 2016 mit dem Spielbetrieb im neuen Stadion.

LAOLA1: In dieser Hinsicht stehen auch Personalentscheidungen an. Der sportliche Vorstand ist mit Andreas Müller besetzt, Raphael Landthaler soll Finanzchef, Christoph Peschek Manager werden.

Krammer: Das gesamte Team der hauptamtlichen Mitarbeiter macht einen super Job. Ganz besonders will ich Werner Kuhn hervorheben. Unglaublich, was er im letzten Jahr geleistet hat. Die endgültige Personalentscheidung soll bei der Hauptversammlung bekanntgegeben werden.

LAOLA1: Sie haben es im vergangenen Jahr tatsächlich geschafft, den Druck von Werner Kuhn zu nehmen und die ganze Unruhe im Umfeld zu beruhigen.

Krammer: Darüber bin ich auch sehr froh. Das war so was von unfair und ungerechtfertigt. Das war Diffamierung der ärgsten Sorte. Das war wie im Mittelalter. Ich weiß nicht, ob sich da ein paar Leute überhaupt noch in den Spiegel schauen können. Ich kenne ihn schon aus meiner Zeit als Sponsor und weiß, mit welcher Beharrlichkeit und Professionalität er an die Dinge herangeht und sie umsetzt. Das Dramatische dabei ist, dass man, obwohl man die Person kennt, bei den Kampagnisierungen gegen Kuhn selber schon zum Nachdenken anfängt. Gott sei Dank hatte ich jetzt die Möglichkeit, ein Jahr unmittelbar mit ihm zusammenzuarbeiten. Jene, die damals so laut geschrien haben, sollen sich ganz stark genieren. Man kann davon ausgehen, dass er weiter eine Zukunft und wichtige Rolle bei Rapid hat.

LAOLA1: Thema Fans. Die Übersiedlung ins Happel-Stadion war notwendig, der erhoffte Zuschauerschnitt von 20.000 wurde bisher aber noch nicht erreicht.

Krammer: Mit 17.600, einem Plus von 27,6 Prozent, ist es trotzdem der höchste Schnitt seit den 1950er Jahren und höher als die Kapazität im Hanappi-Stadion. Das ist einmal ein positives Zeichen. Dass es nicht automatisch ein wirtschaftlicher Erfolg ist, ist auch klar, da es viel mehr günstige Plätze und Abos gibt und wir auch regelmäßig Kinder und Jugendliche mit Freikartenaktionen zu Rapid bringen wollen, was recht gut gelingt. Daher ist es wirtschaftlich schon eine schwierige Zeit, im Happel zu spielen. Die Zuschaueranzahl ist aber nicht schlecht und selbst mit 15.000 produzieren die Fans gute Stimmung.

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