"Das Mentale ist das Wichtigste"

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"Diese Diskussion ist komplett wurscht"

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„Na, du traust dir was.“

Hat es Sportmanager Günter Kreissl etwa nicht gefallen, dass ich beim Training von Wiener Neustadt in Belek über das leere Halbfeld gegangen bin, um ihn zu begrüßen?

„Nach so einer Saison mit einem Jets-Cap herumzulaufen, ist mutig“, setzt er lächelnd fort. Alles klar.

Wir reden noch lange über American Football, die NFL, die schlechte Saison der New York Jets und natürlich über die Super Bowl am Sonntag. Aber nicht nur Kreissl ist ein glühender NFL-Fan.

Auch sein ehemaliger Schützling als Tormann-Trainer, Jörg Siebenhandl. Den Keeper des Tabellen-Neunten der Bundesliga hat auch schon vor längerer Zeit das Football-Fieber erwischt.

Das spiegelt sich etwa wider, wenn er in der Vorbereitung auf diese Saison mit einem Jets-Shirt zu sehen war. „Es taugt mir einfach“, freut sich der Keeper schon auf die Super Bowl.

Siebenhandl selbst bleibt aber Tormann, auch wenn er mit seinem Weitschuss-Tor in Mattersburg vor mehr als eineinhalb Jahren eine unabsichtliche Talentprobe als Football-Kicker abgegeben hat.

Bei LAOLA1 spricht der frischgebackene 23-Jährige über den Verlauf seiner Karriere, warum Größe nicht alles ist, wer seine Idole sind und wieso er den Ravens den Super-Bowl-Sieg gönnt.

LAOLA1: Vor wenigen Tagen bist du 23 Jahre alt geworden. Verläuft deine Karriere nach Wunsch?

Jörg Siebenhandl: Sowieso. Wenn man im Nachwuchs spielt, träumt man immer davon, dass man irgendwann in der Bundesliga spielt. Dass es so schnell geht, habe ich nicht erwartet. Ich freue mich einfach, dass es für mich so super läuft und hoffe, dass es so weitergeht.

LAOLA1: Du bist erst eineinhalb Saisonen Bundesliga-Keeper, wirkst aber sehr abgeklärt.

Siebenhandl: Früher war ich eigentlich schon immer ein wenig nervös, aber seit meiner Zeit bei Columbia in der Regionalliga (2010/11) ist es dann super gelaufen. Dann bin ich auch immer wichtiger geworden, dass ich spiele entscheide und wir in der Liga geblieben sind. Damit ist es besser geworden. In der Bundesliga bin ich dann gleich gut eingestiegen. Mit dem gewissen Selbstvertrauen spielt es sich leichter.

LAOLA1: Dein Startelf-Debüt in der Bundesliga begann mit deinem unglaublichen Freistoß-Tor aus rund 80 Metern nach wenigen Sekunden. Mehr Selbstvertrauen kann man eigentlich nicht tanken.

Siebenhandl: Dass wir die Partie damals gewonnen haben, war auch sehr wichtig. Gleich danach gegen Rapid ist es auch gut für mich gelaufen. Und dann wieder und wieder. Irgendwann denkt man sich halt, man ist doch nicht so schlecht. Das Selbstvertrauen schaukelt sich einfach auf.

LAOLA1: Selbstvertrauen ist im Sport ein sehr strapaziertes Wort. Ist dieses zu haben für einen Goalie noch entscheidender als für Feldspieler?

Siebenhandl: Auf jeden Fall. Wenn überhaupt nichts zusammenläuft, dann traust du dir nicht einmal ordentlich zu den Bällen hingehen. Sonst denkst du dir, das könnte jetzt eng werden, aber ich erwische ihn noch. Wenn du zurückziehst, stehst mittendrin und schaust gleich einmal deppert aus.

LAOLA1: Apropos „deppert“: Goalies wird nachgesagt, verrückt zu sein. Wie verrückt bist du?

Siebenhandl: Jeder hat seine Eigenheiten. Ein klassisches Beispiel wie Oliver Kahn oder Jens Lehmann bin ich nicht, dass ich jetzt einmal in einer Partie komplett auszucke und jemand zusammenschneide. Aber Eigenheiten muss man als Tormann schon haben, die gehören dazu.

LAOLA1: Von wem hast du dir sportlich gesehen am meisten abgeschaut?

Siebenhandl: Früher habe ich mir Edwin Van der Sar viel angeschaut. Der war vom Fußballerischen, das in unserer heutigen Zeit sehr wichtig ist, einer der Vorreiter. Er hat viel mit beiden Beinen gemacht, die Ausschüsse waren perfekt platziert. In den letzten Jahren ist Iker Casillas zu einem großen Idol geworden. Er bringt seit vielen Jahre super Leistungen, ich bin ihm vom Spielstil ähnlich. Ich bin auch nicht der Größte, er hat fußballerisch etwas drauf, ist beidbeinig. Er taugt mir einfach.

LAOLA1: Inwieweit kann fehlende Größe kompensiert werden?

Siebenhandl: Man muss sie gar nicht kompensieren. In manchen Situationen ist es sicher ein Vorteil, aber manchmal tust du dir mit einer gewissen Größe auch schwerer. Es ist alles Einstellungssache. Wenn du voll entschlossen auf einen Ball gehst, dann wirst du ihn genauso fangen wie jemand, der 1,95m ist. Ich habe damit nie Probleme gehabt und auch nie ein Tor bekommen, weil ich „nur“ 1,83 bin. Für mich macht das keinen Unterschied. Ich weiß auch nicht, warum das in allen Köpfen so ist. Es hat in der Vergangenheit immer wieder kleinere gute Tormänner gegeben. Casillas ist alleine in den letzten fünf Jahren fünf Mal als Welttorhüter ausgezeichnet worden.

Siebenhandl zeigt sein NFL-Interesse auch

LAOLA1: Abschließend das Thema Super Bowl: Woher rührt das Interesse an der NFL?

Siebenhandl: Es kommt über meinen Bruder und Stefan Knaller (Rangers-Kicker, Anm.), über den bin ich überhaupt dazu gekommen. Wir haben dann immer gemeinsam geschaut, daher hat sich das entwickelt. Irgendwann kam der Augenblick, wo ich mich entschied, eine Mannschaft wirklich zu supporten. Das macht einfach Spaß.

LAOLA1: Was ist für dich das Faszinierende an American Football?

Siebenhandl: Diese mentale Stärke. Etwa in den Playoffs: Sie haben nur diese eine Partie, wenn sie die verlieren, sind sie raus. Da müssen sie voll da sein und alles reinwerfen. Etwa wenn der Quarterback nur mehr zwei Minuten und einen Drive hat und das Spiel noch gewinnt. Das ist einfach faszinierend. Oder auch die physische Stärke. Sie laufen Schädel auf Schädel zusammen und spielen dann den nächsten Spielzug. Das ist echt geil.

LAOLA1: Mit deinem Tor damals gegen Mattersburg hast du eigentlich so etwas wie eine Talentprobe als Kicker abgegeben. Hast du schon das Video den NFL-Teams zukommen lassen?

Siebenhandl: (lacht) Nein, das habe ich nicht. Das ist auch ein wenig was anderes. Stefan Knaller ist ja ein Kicker, der hat mir erzählt, wie das ist und es ist nicht einfach. Das sieht man ja etwa an David Akers (49ers-Kicker, Anm.). Der macht nichts anders, hat aber heuer zwölf oder 13 verkickt. Das ist eben das Mentale, das sehr entscheidend ist.

LAOLA1: Am Sonntag geht die Super Bowl XLVII über die Bühne. San Francisco oder Baltimore?

Siebenhandl: Ich hoffe, dass die Ravens gewinnen. Ich finde die 49ers ein bisschen unsympathisch und es wäre schön, wenn es ein Happy End für Ray Lewis auf Seiten Baltimores gibt.

LAOLA1: Wie sieht das Training am Montag aus?

Siebenhandl: Möglich, dass wir erst am Nachmittag trainieren. Wenn schon früher, dann werde ich wohl ein wenig unausgeschlafen sein (lacht). Danach kann ich mich eh wieder hinlegen.

 

Das Gespräch führte Bernhard Kastler

LAOLA1: Ist es also eine sinnlose Diskussion, weil es ohnehin nicht entscheidend ist?

Siebenhandl: Sie ist komplett wurscht. Als Tormann brauchst du jetzt schon so viele Aspekte, eben auch vom Spielerischen her. Ich brauche nicht 1,95m sein, wenn ich dann nicht einmal einen geraden Pass spielen kann und über meine Füße stolpere. Da bin ich lieber kleiner und bringe meine Leistungen als umgekehrt.

LAOLA1: Kurz noch zu Casillas: Hat es dich getroffen, als er zur Nummer 2 degradiert wurde?

Siebenhandl: Eigentlich nicht, weil eh jeder wusste, dass das nur irgendeine Spielerei von Jose Mourinho war, um endlich von Real wegzukommen. Mit normalen Erklärungen kann man nicht sagen, dass Antonio Adan besser ist. Das ist ja kompletter Blödsinn. Auch wenn Iker davor nicht so souverän wie schon einmal war, kann man ihn nicht auf die Bank setzen. Ich glaube auch nicht, dass Adan der Welttorhüter der nächsten zehn Jahre sein wird.

LAOLA1: Macht einen guten Tormann der Mix an Fähigkeiten aus oder eine spezielle Komponente?

Siebenhandl: Ich glaube, das Wichtigste ist der mentale Aspekt. Du musst immer an dich glauben und darfst dich nie aufgeben. Du musst immer voll da sein. Der Rest kommt von selbst. Körperlich sind etwa alle schon auf einem sehr guten Level, es spielt sich einfach sehr viel im Kopf ab.

LAOLA1: Würdest du im Fall der Fälle auch einen Mentaltrainer zu Rate ziehen?

Siebenhandl: Bislang war das kein Thema, denn ich bin so ziemlich gut gefahren. Wenn ich mal wirklich eine richtig schlechte Phase habe, dann kann man darüber aber auch einmal nachdenken.

LAOLA1: Imponieren dir auch Kollegen aus der Bundesliga?

Siebenhandl: Es ist ohnehin das allgemeine Thema, dass Alex Walke immer gute Leistungen bringt. Bei dem merkt man auch, dass er im Kopf sehr stark ist. Er lässt sich nicht deppert machen, spielt immer sein Spiel runter. Wer auch noch extrem faszinierend ist, ist Szcabolcs Safar. Mit 38 Jahren noch solche Leistungen zu bringen, ist einfach unglaublich. Wie ich bei der Austria in der U17 war und er in der Ersten -  ja, oft hat er nicht geschwitzt, so ruhig war er (lacht). Wir plaudern auch jetzt vor den Spielen gegeneinander noch ein wenig.  

LAOLA1: Viele Ex-Austrianer haben den Weg zurückgefunden. Ist das auch dein Traum?

Siebenhandl: Dadurch, dass sie eigentlich nie wirklich auf mich geschaut haben, nachdem ich aus der Akademie gekommen bin, ist das nicht das erklärte Ziel. Sollte es sich ergeben, würde ich es aber sicher auch mitnehmen.

LAOLA1: Ich höre Kritik heraus.

Siebenhandl: Es war so: Die Akademie ist übergegangen zu Wiener Neustadt und da war ich dann dort, von der Austria hat sich eigentlich nie jemand gemeldet, zumal sie mit Heinz Lindner schon wen aus meinem Jahrgang heraufgezogen hatten. Da war für mich klar, dass sie einen Zweiten aus dem Jahrgang nicht dazu nehmen werden. Von Wiener Neustadt kam eben das Angebot, weil die Akademie auch schon dazugehörte und das hat dann gepasst. Über diese Schiene hat es dann auch geklappt, bin sehr zufrieden. Ich kann aber den Weg der Austria nachvollziehen.

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