Scouting? "Da sind andere Länder viel weiter"

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Charles Amoah, David Badia oder Javad Razzaghi.

Drei Transferflops von vielen, die Sturm Graz auf dem Gewissen hat. Vor allem in der Kartnig-Ära machten die Blackys mit kuriosen Verpflichtungen auf sich aufmerksam.

Diese Zeiten gehören mittlerweile aber der Vergangenheit an. „Ich-AGs und One-Man-Shows gibt es bei Sturm nicht mehr“, erklärt Gerhard Goldbrich im LAOLA1-Interview. Auch die Grazer setzen mittlerweile auf eine eigene Scouting-Abteilung, die mögliche Neuzugänge nach einem gewissen Anforderungsprofil finden soll und diese genau unter die Lupe nimmt.

Neben Chefscout Imre Szabics umfasst das Team drei Personen: Ex-Amateure-Trainer Stojadin Rajkovic (für Südosteuropa), der auch in der Gegneranalyse mitarbeitet, sowie einen deutschen (für Westeuropa) und einen ungarischen (für Mittel- und Osteuropa) Spielerbeobachter.

Auf diese Weise sollen neue Amoahs, Badias und Razzaghis verhindert werden. Wie die Transfers bei Sturm zustande kommen, erklärt General Manager Goldbrich:

 

LAOLA1: Wie funktioniert das Scouting bei Sturm?

Gerhard Goldbrich: Grundsätzlich gibt es wöchentliche Meetings, in denen wir das Anforderungsprofil möglicher Neuverpflichtungen klar definieren. Die Scouts haben Bewertungsbögen in allen Bereichen. Zunächst wird einmal grob gescoutet. Dann schaut man sich an, ob der Spieler vertragstechnisch und von der Ablöse her finanziell für uns stemmbar ist. Danach geht es noch weiter ins Detail bis hin zu Trainingsbeobachtungen. Schlussendlich kommen die Empfehlungen mit den Bewertungen zu mir und dem Cheftrainer. Wir schauen uns die Spieler entweder vor Ort noch einmal an, oder laden sie zu einem Probetraining ein.

LAOLA1: Sturm arbeitet mit einem deutschen und einem ungarischen Scout zusammen. Sind diese Spielerbeobachter beim Verein angestellt oder operieren sie auch für andere Vereine?

Goldbrich: Es sind verschiedene Konstellationen, auf eine rechtliche Form will ich nicht eingehen. Einer von ihnen scoutet auch für einen großen Verein. Das spießt sich aber nicht mit Sturm, weil für uns natürlich andere Spieler interessant sind als für einen Top-Klub.

LAOLA1: Sie sind 2012 zum Verein gestoßen. Welchen Anteil haben Sie an diesem Scouting-Netzwerk? Wie viel war vorher schon da?

Goldbrich: In Wahrheit war nur das Jugendscouting schon da. Richtig strategisch aufgebautes Scouting hat es vorher nicht gegeben.

LAOLA1: Das Scouting wird also erst seit zwei, drei Jahren aufgebaut. Da müssen Daten natürlich erst gesammelt werden. Braucht so eine Arbeit Zeit, bis sie sich Ergebnisse bemerkbar machen?

Goldbrich: Natürlich dauert das. So richtig gestartet haben wir das Projekt mit Szabics‘ Wechsel vom Fußballfeld ins Büro im September 2013. Da haben wir angefangen, das Scouting-Team aufzubauen. Die ausländischen Kollegen arbeiten überhaupt erst seit ungefähr einem halben Jahr für uns. Scouting ist natürlich ein Thema, das erst nachhaltig wirksam wird. Zum einen über Datenbanken, die jetzt befüllt werden und zum anderen bist du im Fußball trotz allem von Transferzeiten abhängig.

LAOLA1: Welche Spieler-Märkte sind für Sturm interessant?

Goldbrich: Der wichtigste Markt ist unsere Jugend-Abteilung. In unserem Kader der letzten Saison standen alleine zwölf Spieler, die in unserer Akademie ausgebildet wurden. Das ist für mich der wichtigste Faktor überhaupt. Bei Neuverpflichtungen liegt unser Hauptaugenmerk auf jungen Spielern, wir haben unsere Mannschaft in den letzten Jahren verjüngt. In weiterer Folge ist natürlich der einheimische Markt sehr wichtig, auch aufgrund der Ausländer-Beschränkung. Grundsätzlich ist die Nationalität aber nicht von Bedeutung, es geht darum, wer das Anforderungsprofil am besten erfüllt.

LAOLA1: Kommen wir zum Finanziellen: Sie investieren bedeutend mehr Mittel in Scouting als Ihre Vorgänger. Liegt das vielleicht auch daran, weil das Thema Scouting in Österreich – abseits von Salzburg – in den letzten Jahren ein wenig stiefmütterlich behandelt wurde?

LAOLA1: Vor einigen Wochen hat beispielsweise der ehemalige Porto-Innenverteidiger Tiago Ferreira bei euch ein Probetraining absolviert. Wie wird man auf solche Spieler aufmerksam?

Goldbrich: Das war eine Mischung aus allem. Grundsätzlich ging das über eine Agentur, dann haben wir ihn beobachten lassen, bevor er schließlich ein Probetraining bei uns absolvierte.

LAOLA1: Wenn einem Sturm-Mitarbeiter ein Spieler positiv in Erinnerung bleibt, werden dann sofort Aufzeichnungen über ihn gemacht? Wie werden die Informationen weitergegeben?

Goldbrich: Grundsätzlich agieren wie da nicht wie Beamte. Nicht jeder muss einen Bericht schreiben. Das funktioniert anders: Wenn jemandem ein Spieler auffällt, dann wird das in der Scouting-Sitzung bekanntgegeben und das Scouting-Team kümmert sich dann darum.

LAOLA1: Diese Meetings sind von großer Bedeutung, um sich gegenseitig auszutauschen.

Goldbrich: Die Kommunikation ist sehr wichtig. Ich-AGs und One-Man-Shows gibt es bei Sturm nicht mehr. Die Abteilungen kommunizieren miteinander und das ist gut so.

Goldbrich: Nein, wir machen das nicht, weil wir uns von anderen Klubs abheben wollen, sondern deswegen, weil wir unseren Verein voranbringen wollen. Man sieht ja an den letzten Transfers, dass sich das Scouting bezahlt macht. Wir haben jetzt eine junge und gute Mannschaft, obwohl wir fast nie eine Ablösesumme bezahlen mussten. Das rechnet sich auf jeden Fall.

LAOLA1: „Es gibt auch in Österreich Scouting, aber kaum strukturierte Arbeit“, bemängelte Rapid-Chefscout Bernard Schuiteman zuletzt bei uns im Interview. Wurde da in den letzten Jahren einiges verpasst?

Goldbrich: Definitiv! Bevor Schuiteman zu Rapid gekommen ist, haben wir uns regelmäßig ausgetauscht. Er ist ein Top-Mann und hat zu hundert Prozent Recht. Wir müssen in ganz Österreich schauen, dass wir uns in diesem Bereich weiterentwickeln. Es macht einfach Sinn und da sind andere Länder viel weiter.

LAOLA1: Was kann man noch besser machen?

Goldbrich: Daran arbeiten wir jeden Tag. Aber das ist keine Geschichte, die in zwei Sätzen erklärt ist.

LAOLA1: Braucht es einfach mehr finanzielle Investitionen, oder gibt es noch woanders Potenzial?

Goldbrich: Es liegt nicht immer am Geld. Um effizient zu sein, muss man nicht mehr Geld investieren, sondern einfach mehr richtig machen. Wir sind momentan auch erst am Weg dazu, das Scouting ständig zu optimieren.

LAOLA1: Was ist die Optimalvorstellung?

Goldbrich: Die gibt es nicht. Dieser Bereich entwickelt sich immer weiter. Wichtig ist das Zusammenspiel. Es reicht nicht, dass du Fußballer gewesen bist. Du musst verschiedene Qualitäten haben. Eine Datenbank gehört gut gepflegt, sonst ist das Ganze nur die Hälfte wert. Gleichzeitig musst du aber das richtige Auge für die Spieler haben. Und was natürlich ein ganz wichtiger Faktor ist: Das Netzwerk. Wir haben uns mittlerweile solche Kontakte aufgebaut, dass wir schon über die Vereine Informationen bekommen, wenn zum Beispiel ein Spieler aus der zweiten Mannschaft eines deutschen Bundesligisten für uns interessant ist.

 

Das Gespräch führten Jakob Faber und Peter Altmann

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