Wohlfahrts Sicht der Dinge

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Franz Wohlfahrts Sicht der Dinge

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Franz Wohlfahrt legt zwei dicke Notizbücher auf den Tisch. Als er eines davon kurz durchblättert, erkennt man sofort, dass es vollgeschrieben ist.

Kein Zweifel, der Kärntner ist in seinem neuen Job als Sportdirektor der Wiener Austria schon voll angekommen.

„Das sind keine Worthülsen, wir werden wirklich sehr viel arbeiten“, sagt der 50-Jährige am Ende des LAOLA1-Interviews. Und man glaubt es ihm. Der frühere Tormann ist voller Tatendrang.

Doch wie sieht seine Philosophie aus? Wie legt er seine Position an? Wo soll die Austria hin? Wohlfahrt hat sich all diesen Fragen gestellt.

LAOLA1: Wie waren die ersten Tage als Sportdirektor der Austria? Wie weit sind Sie schon ins Tagesgeschäft integriert?

Franz Wohlfahrt: Es war auf jeden Fall gut, dass es schnell ins Trainingslager gegangen ist. Dadurch war sofort die Nähe zur Mannschaft und zum Trainerteam da. Hier ist viel Zeit, um mit allen meine Ideen zu besprechen.

LAOLA1: Es hat nach Ihrer Bestellung Kritik gegeben. Verstehen Sie das?

Wohlfahrt: 80 bis 90 Prozent der Reaktionen waren positiv – das sehe ich in erster Linie. Aber natürlich akzeptiere ich die Meinung aller Menschen, wir leben ja Gott sei Dank in einem offenen und freien Land. Es ist durchaus verständlich, dass es Kritik von Menschen, die sich für die Austria interessieren und mich nicht so genau kennen, gibt.

LAOLA1: Gibt es eine Ausbildung, die man als Sportdirektor haben kann, haben muss?

Wohlfahrt: Das kann ich nicht beurteilen. Es gibt mehrere Möglichkeiten, zu dieser Position zu kommen. Ich bin kein Akademiker, wenngleich ich meine Kinder gerne auf höhere Schulen schicke. Bei mir war es aber eben nicht so, weil ich mit 17 Jahren meinen ersten Profi-Vertrag bei der Austria unterschrieben habe. Ich war 21 Jahre lang Profi-Fußballer, danach zehn Jahre Trainer. Ich habe viel Erfahrung gesammelt und viele Menschen, die jetzt in führenden Positionen sind, kennengelernt.

LAOLA1: Wofür steht die Austria?

Wohlfahrt: Die bekannten Spieler in der Geschichte der Austria seit 1911 waren immer jene, die fantasievoll, technisch begabt, innovativ und vorausdenkend gespielt haben. Von Sindelar über Stojaspal bis Prohaska. Das waren Spieler, die hohes Talent in den Genie-Bereich hatten. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir das wieder fördern. Damit meine ich nicht nur, dass wir solche Spieler von außen zu uns holen, sondern auch, dass wir im Nachwuchsbereich diese Art von Fußball fördern wollen.

LAOLA1: Das heißt, die Austria soll in den kommenden drei Jahren, unter Ihrer Ägide, wieder jemanden nahe des Genie-Bereichs produzieren?

Wohlfahrt: Die Garantie kann ich Ihnen nicht geben. Ich kann Ihnen aber die Garantie geben, dass ich sehr hohen Einsatz zeigen werde, um mit der Austria auf diese Spur zum Erfolg zu kommen. Dazu gehört aber nicht nur ein Detail, sondern viele Details. Wir wissen, dass die Profi-Mannschaft das Aushängeschild, an dem gemessen wird, ist. Aber meine Aufgabe sind auch die Amateure, die Akademie und der Nachwuchs.

LAOLA1: Die Kommunikation zwischen Profis, Amateuren und Akademie soll also verbessert werden.

Wohlfahrt: Ich weiß nicht, ob sie verbessert werden muss. Ich weiß nur, dass es meine Aufgabe ist, mich als sportlich Verantwortlicher über alle Aktive und Betreuer, nicht nur die Profis, zu bewegen. Dass da viel Kommunikation notwendig ist, ist klar.

LAOLA1: Werden diese Leute dann auch Personalentscheidungen eingebunden? Folgendes Beispiel: Es zeichnet sich ab, dass Linksverteidiger Markus Suttner nicht über sein Vertragsende hinaus zu halten ist. Fragen Sie dann zuerst bei Amateure-Coach Andreas Ogris und Akademie-Leiter Ralf Muhr nach, ob intern etwas nachkommt, ehe Sie sich umschauen, ob ein externer Spieler geholt wird?

Wohlfahrt: Wenn ein Spieler geht, ist es in erster Linie eine Entscheidung des Spielers. Aber wenn etwa Suttner, bei dem ich sehr froh bin, dass er noch bis 2016 Vertrag hat, ein Thema wäre, würden wir uns sehr zeitig überlegen, was wir brauchen. Haben wir selbst jemanden zur Verfügung, der schon so weit ist? Wenn nicht, muss man schauen, ob man jemanden findet. Primär will ich aber Spieler wie Suttner lange an den Verein binden.

LAOLA1: Mitunter gestaltet sich die Überführung junger Spieler in den Profi-Bereich schwierig. Wie ist Ihre Herangehensweise – müssen Spieler einfach ins kalte Wasser geworfen werden?

Wohlfahrt: Man kann da nicht alle über einen Kamm scheren. Ich würde das situativ sehen. Wie stark ist der Junge mental? Es gibt viele unterschiedliche Charaktere. Natürlich gibt es auch Spieler, die man ohne weiteres sofort bringen kann. Jeder Junge wird irgendwann in ein Tief kommen. Es gibt Spieler, die das Talent haben, Krisen schnell zu bewältigen. Wir als Verein sind jedenfalls dahinter, den Spieler in einem Tief zu unterstützen, nicht über ihn drüber zu fahren – die Kritik kriegt der Junge eh von außen, aber sicher nicht von uns.

LAOLA1: Braucht ein Verein eine durchgängige Spielphilosophie?

Wohlfahrt: Flexibilität ist immer sehr, sehr wichtig. Es gibt Vereine, die bestellen ihren Trainer nach einem bestimmten Spiel-System. Ich sehe das zu Beginn nicht wirklich so. Die italienischen Vereine machen taktisch wesentlich mehr als andere in Europa – die stellen sich im taktischen Bereich wirklich immer auf den nächsten Gegner ein, müssen bereit sein, andere Systeme und eine andere Taktik spielen zu können. Ich würde es nicht bevorzugen, stur auf etwas zu beharren. Im Fußball geht es schnell, Spieler wechseln oft den Verein. Dann kommt es zu Situationen, wo du im Winter einen Spieler brauchst, der genau reinpasst, aber nicht unbedingt ins Spielsystem. Da sollte man im Gedanken frei bleiben.

LAOLA1: Sie werden also nicht hergehen und sagen: „Baumgartner, Ogris, Muhr, lasst alle dasselbe spielen!“

Wohlfahrt: Diese Idee habe ich nicht, nein. Wir haben ja schon vorher besprochen, dass fantasievolle Spieler unsere Vision sind. Sindelar, Stojaspal und Prohaska waren ja auch nicht in ein Konzept gepresst. Aus meiner Sicht werden den Jungs im Nachwuchsbereich oft zu viele Aufträge gegeben. In der Akademie gibt es immer Aufträge: Schule, Training, Schule, Training, Termin, Taktik,… Die Spieler werden im Alter von 14 bis 18 Jahren mit Befehlen bombardiert. Und wir hoffen dann, dass sie zu den Profis kommen und fantasievoll spielen. Ich glaube, das ist der falsche Weg.

LAOLA1: Eine grundsätzliche Spielidee bleibt bei der Austria aber schon bestehen, oder? Der Verein ist ja dafür bekannt, dass ihm schmutzige Siege nicht so stehen und dass es gerne der ein oder andere Schnörkel mehr sein darf.

Wohlfahrt: Ich würde mich über jeden schmutzigen Sieg freuen. Für Siege gibt es keinen Ersatz. Wie der Sieg zustande kommt, ist nicht das große Thema. Es wird nicht reichen, wenn wir mit Fantasie, Schnörkel, Kunst und Genie spielen, wenn wir nicht die zusätzlichen Aspekte zeigen – Kondition, Einsatz, Zweikampf. Unsere Vision sollte immer bleiben, den ein oder anderen tollen Spieler zu kreieren, aber auch in den Zeiten Sindelars, Stojaspals und Prohaskas hat es nicht viele mehr gegeben, die so gespielt haben wie die drei. Auch da gab es Arbeiter.

LAOLA1: Ist es einem Verein wie der Austria langfristig möglich, einem Konzern wie Red Bull Paroli zu bieten?

Wohlfahrt: Natürlich! Es gab auch Zeiten, in denen die Austria finanziell in der Lage war, in der Red Bull heute ist. Auch damals haben andere Vereine der Austria Paroli bieten können. Salzburg hat Vorteile, das ist klar. Aber es gibt noch etwas Anderes als das Finanzielle – Herz und Hirn. Das spreche ich Salzburg nicht ab, aber das ist ein Bereich, in dem man viel ausgleichen kann.

LAOLA1: Wo muss die Austria am Ende der Saison stehen?

Wohlfahrt: Es wäre vermessen, zu sagen, wir wollen Erster werden. Eigentlich entspricht das aber nicht meinem Naturell, ich möchte nämlich immer Erster sein. Wir sind aber mitten in der Saison und weit hinter Salzburg. Es wäre aber auch nicht gut, zu sagen, dass wir Vierter werden wollen. Das Ziel ist der zweite Platz. Ich denke, dass wir uns für diesen Weg sehr gut aufgestellt haben. Und wir werden sehr viel dafür machen. Das sind keine Worthülsen, wir werden wirklich sehr viel arbeiten.

LAOLA1: Und 2015/16 ist dann der Meistertitel das Ziel?

Wohlfahrt: Darüber können wir im Sommer sprechen.

Das Gespräch führte Harald Prantl

LAOLA1: So mancher Manager versucht aber, den Jungen schon zu einem anderen Verein zu bringen, ehe dieser sein erstes Tief überhaupt durchtaucht hat.

Wohlfahrt: Wir wissen, dass jeder Spieler einen Berater hat, in dieser Beratung gibt es auch viele Vorteile. Uns ist auch klar, dass die Berater nicht immer denselben Weg gehen wollen, wie wir als Verein. Aber da sind wir wieder beim Thema Kommunikation. Die ständige Kommunikation mit den Agenturen ist immens viel wert. Man muss nicht immer einer Meinung sein, aber man muss Verständnis füreinander haben. Der große Auftrag ist die gemeinsame Unterstützung des Spielers.

LAOLA1: Sie verstehen sich also als verbindendes Element innerhalb des Vereins?

Wohlfahrt: Das ist eine meiner Aufgaben. Die Nähe zur Mannschaft muss da sein. Ich bin auch vom Naturell so, dass ich mich trotz meines fortgeschrittenen Alters noch sehr als Spieler fühle. Mir ist meine neue Position aber schon klar. Ganz wichtig ist auch die Beziehung zum Trainerteam. Ich beobachte viele Sachen und werde unter vier Augen Tipps geben, aber ich bin nicht der Trainer.

LAOLA1: Wann würden Sie als Sportdirektor in die Kabine gehen?

Wohlfahrt: (grinst) Wenn wir drei Runden vor Schluss als Meister feststehen, gehe ich in die Kabine und habe ein bisschen etwas zum Trinken mit.

LAOLA1: Aber sonst ist die Kabine Sache der Spieler und des Trainerteams?

Wohlfahrt: Nicht nur. Es gibt sicher Situationen, in denen es notwendig ist, in die Kabine zu gehen. Seien es organisatorische Sachen. Es kann auch sein, dass ich einen Appell an die Mannschaft richte – aber nur in Absprache mit dem Trainer.

LAOLA1: Bleiben wir beim Trainer. Warum ist Gerald Baumgartner der richtige Mann für die Austria?

Wohlfahrt: Der Verein hat schon vor meiner Zeit gesagt, dass er sich für einen Trainer, der mit einem Verein aus der zweiten Liga sehr erfolgreich war, entschieden hat. Ich kenne ihn noch aus der Zeit, als wir gemeinsam für die Austria gespielt haben. So, wie ich ihn bisher bei seiner Arbeit beobachtet habe, kann ich nur bestätigen, dass die Austria den richtigen Mann gefunden hat. Wenn er Unterstützung von Seiten des Klubs braucht, wird er sie kriegen. Dafür bin ich da.

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