Die nackte Wahrheit

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Vor etwas mehr als drei Monaten und nach einer Amtszeit von 244 Tagen wurde Trainer Nenad Bjelica bei der Wiener Austria beurlaubt.

Nachdem Nachfolger Herbert Gager einen internationalen Startplatz mit den Veilchen verfehlte, endete auch das Dienstverhältnis zwischen den Wienern und dem Kroaten, da sich sein Vertrag nur mit dem Erreichen des Europacups automatisch um eine weitere Saison verlängert hätte.

Für den 42-Jährige überhaupt kein Drama: „Ich hätte mich auf diesem Vertrag nicht ausgeruht. Ich will nicht zu Hause herumsitzen. Ich will arbeiten.“

Der ehemalige violette Chefcoach ist bereit für neue Aufgaben. Doch bevor es so weit ist, spricht er im LAOLA1-Interview an, woran es in Wien-Favoriten unter seiner Leitung haperte.

LAOLA1: Vor etwas mehr als drei Monaten wurden Sie bei der Austria beurlaubt. Was haben Sie seit dieser Zeit gemacht?

Nenad Bjelica: Ich habe sehr viel Zeit mit meiner Familie verbracht und komplett vom Fußball abgeschaltet. Wir waren zwei, drei Mal auf Urlaub. Das war einfach notwendig.

LAOLA1: Ich nehme an, Sie werden die Zeit auch genutzt haben, um nachzudenken, warum es mit der Austria nicht gepasst hat?

Bjelica: Ich weiß genau, was nicht gepasst hat. Ich möchte die Gründe aber für mich behalten, will diese nicht in die Öffentlichkeit tragen. Es wurden bereits im Herbst sehr intensive Gespräche geführt. Die Austria-Verantwortlichen wussten genau über meine Pläne mit dem Klub bescheid. Sie haben mich meine Arbeit aber nicht fertig machen lassen. Das kurzfristige Ziel wurde mit den Leistungen in der Champions League übertroffen, das langfristige Ziel – zumindest Platz drei in der Liga  zu erreichen – durfte ich nicht mehr bewältigen.

LAOLA1: Die Austria war ihr erster Großklub in Österreich. Wie schwer war es, so einen Verein zu trainieren?

Bjelica: Es ist egal, ob es ein großer oder kleiner Klub ist. Es kommt auf das jeweilige Umfeld an. Und das Umfeld bei der Austria ist einfach anders als bei anderen Großklubs. Es ist kompliziert und erschwert die tägliche Arbeit – nicht nur für Nenad Bjelica, sondern auch für Herbert Gager, Ivica Vastic, Peter Stöger, Karl Daxbacher… Einfach für jeden Trainer, der dort tätig ist. Das Problem ist nie der Trainer, sondern immer das Umfeld.

LAOLA1: Was ist kompliziert am Umfeld?

Bjelica: Es gibt sehr viele Einflüsterer. Da sind Leute dabei, die nie selber Fußball gespielt bzw. nie etwas mit dem Fußball zu tun gehabt haben. Diese Personen fühlen nicht wie Fußballer, Trainer oder sportliche Leiter. Deswegen ist dieses Umfeld für mich einfach inkompetent. Dennoch beschließen diese Herrschaften Urteile und präsentieren die Entscheidungen.

LAOLA1: Dass bei Niederlagen gleich alles schlecht geredet und bei Siegen alles in den Himmel gelobt wird, ist aber ein allgemeines Problem in Österreich…

Bjelica: Richtig, dieses Syndrom kann ich nicht kurieren. Ich bin aber anders, denke vor allem in eine andere Richtung. Für mich gibt es nicht nur Schwarz und Weiß. Ich habe nach den fünf Punkten in der Königsklasse nicht gedacht, dass ich ein Champions-League-Trainer bin. Auf der anderen Seite glaube ich auch nicht, dass ich nach zwei Niederlagen in Serie ein schlechter Trainer bin. Doch einige Leute sehen die Dinge einfach anders. Da kann man nichts machen.

LAOLA1: Es wurde immer von Differenzen mit einem Teil der Mannschaft gemunkelt. Jetzt bietet sich für Sie die Möglichkeit, dieses Gerücht zu widerlegen.

Bjelica: Darüber sind sehr viele Lügen in der Öffentlichkeit erzählt worden. Ich bin weiterhin in Kontakt mit einigen Spielern. Das Kompliment, das ich vom Spielerat über meine Arbeit bekam, habe ich noch nie bekommen. Wenn es so große Probleme gegeben hätte, hätten die Spieler nicht so eine Meinung über mich. Ich bin ein Trainer, der schaut, dass er Leistungen von seinen Akteuren bekommt. Wenn das auf eine aggressive Art ist – was nicht bedeutet, dass ich die Spieler nicht respektiere – muss man damit umgehen können. Der eine braucht Streicheleinheiten, der andere eine lautere Ansprache. Das ist in diesem Geschäft so. Manche Leute brauchen nur ein Gespräch und verstehen, um was es geht, manche brauchen eben fünf Gespräche. Ich glaube nicht, dass es da Probleme gab. Dass mich der eine oder andere nicht ins Herz geschlossen hat, ist klar. Ich wollte jedenfalls nur das Beste aus jedem Einzelnen herauskitzeln. Ich habe aber nie jemanden beleidigt oder war respektlos. Ich bin ein Mensch, der sich mit Problemen auseinandersetzt. Das mache ich mit meiner Frau, meinen Kindern  oder meinem Arbeitgeber. Ein Problem erledigt sich nicht von selbst. Man darf es nicht unter den Teppich kehren. Manche Spieler hören nicht gerne die Wahrheit. Das ist das Problem. Ich wollte mit Wahrheit die Spieler retten. Wenn jemand schlecht spielt, dann versuche ich, durch meine Kritik eine bessere Leistung im nächsten Spiel zu bekommen. Mit Lügen geht das nicht. Ich kann nicht sagen, dass XY super gespielt hat, wenn es nicht der Fall ist. Es ist doch wie bei Ihnen. Wenn Sie einen schlechten Bericht schreiben, kommt Ihr Chef und sagt, dass Sie es das nächste Mal besser machen sollen, weil Sie jetzt Scheiße gebaut haben. Gerade im Sport, wo es um viel Geld geht, muss man an die Leistungsgrenze gehen. Ich versuche auf meine Art diese Leistungsgrenze zu heben. Manchmal gelingt es mir besser, manchmal schlechter.

LAOLA1: Von welchen Spielern haben Sie ein Kompliment bekommen und wie lautete es?

Bjelica: Fragen Sie Suttner, Ortlechner, Mader, Holland, Dilaver und Lindner, wie Sie meine Arbeit beurteilt haben und wo es angeblich Probleme gab. Ich möchte darauf nicht näher eingehen. Ich bin aber sehr stolz auf die Aussagen.

LAOLA1: Die Austria steht vor einem Neustart. Sie wollten nach dem verlorenen Heimderby am 27. Oktober 2013 bereits einen Umbruch einläuten. Doch daraus wurde nichts. Warum?

Bjelica: Auch das müssen Sie die Vereins-Verantwortlichen fragen. Ich hätte damals einen anderen Weg eingeschlagen. Doch ich war nur der Trainer. Es gibt da einen sportlichen Leiter, einen Präsidenten – die treffen letztendlich die Entscheidungen. Sie hatten scheinbar kein Vertrauen in mich, dass ich das hinbekomme. Ich musste das respektieren und mit minimalen Mitteln das Maximum herausholen. Das war nicht nur im Frühjahr so, sondern schon im Herbst. Wir hatten viele Verletzte, aber der Verein wollte keine Spieler verpflichten, obwohl wir in der Champions League waren. Ich wollte nach den schweren Verletzungen von Alex Gorgon und Alex Grünwald neue Leute holen. Dann wurde der Trainer kritisiert. Jetzt wird der Neustart mit einem neuen Mann gemacht. Ich wünsche ihm und dem Klub alles Gute.

 

Das Gespräch führte Martin Wechtl

LAOLA1: Ihr Nachfolger Herbert Gager hat einen internationalen Startplatz verpasst. Empfinden Sie eine gewisse Art von  Genugtuung?

Bjelica: Nein. Ich hätte mich gefreut, wenn die Austria für die nächste Saison einen Europacup-Platz erreicht hätte – egal mit welchem Trainer. Es ist ihnen aber nicht gelungen.

LAOLA1: Und damit ist ihr Dienstverhältnis mit den Wienern beendet, da sich ihr Vertrag nur bei einem EC-Startplatz verlängert hätte.

Bjelica: Stimmt. Ich hätte mich auf diesem Vertrag aber nicht ausgeruht. Ich will nicht zu Hause herumsitzen. Ich will arbeiten. Ich bin überzeugt, dass sich schon bald etwas Passendes ergeben wird. Ich hatte schon ein paar Gespräche. In den nächsten Wochen werden diese intensiviert. Sobald ich von einem Verein überzeugt bin, werde ich das Angebot annehmen. Ich werde nicht lange pokern und hoffen, dass vielleicht noch etwas Besseres kommt.

LAOAL1: Gibt es eine bevorzugte Destination?

Bjelica: Spanien oder Deutschland wären ein Traum. Dort will ich hin. In diesen Ländern werden auch die Gespräche geführt. Es ist gut möglich, dass etwas passiert.

LAOLA1: Noch einmal zurück zur Austria. Als Sie beurlaubt wurden, wirkten Sie nach außen hin nicht geknickt, Sie gaben sich in der Öffentlichkeit richtig emotionslos. Irgendetwas müssen Sie aber schon gefühlt haben, oder?

Bjelica: Es hat mir Leid getan, dass diese Entscheidung getroffen wurde. Ich habe es eben akzeptiert.  Bei meiner Bestellung habe ich nicht anders reagiert. Ich bin dem Klub auch dankbar dafür. Ich trauere der Beurlaubung nicht hinterher. Ich habe mein Bestes für die Austria gegeben – wenn es zu wenig war, ist es die Meinung des Klubs. Es war eine ehrliche Arbeit. Und ich bin überzeugt, dass wir alle unserer Ziele erreicht hätten. Ich möchte für die Zukunft aus meinen Fehlern bei der Austria lernen.

LAOLA1: Haben Sie einen Ratschlag für den kommenden Austria-Trainer? Was soll er machen, was muss verhindert werden?

Bjelica: Nein. Der neue Mann wird wissen, was zu tun ist. Er wird sich auf das Umfeld einstellen müssen. Aber eines kann ich sagen: Sollte ich noch einmal Austria-Trainer werden, würde ich mich nicht darauf einstellen. Ich würde authentisch sein und so arbeiten, wie ich es immer getan habe. Das ist die einzige Möglichkeit, um erfolgreich zu sein. Wenn man so sein muss, wie es andere gerne hätten, ist man zum Scheitern verurteilt.

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