Kapfenbergs neue Realität

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Tag der Unentschieden

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Mit Taktik und Selbstvertrauen

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Im Eingangsbereich zum VIP-Klub hängt noch ein Foto von Werner Gregoritsch.

Er lächelt. Ein Bild aus besseren Tagen. Die Realität sieht anders aus.

Der 53-Jährige ist nicht mehr Trainer des Kapfenberger SV. Der Nachfolger ist am Dienstag in der Steiermark angekommen. Sein Name: Thomas von Heesen.

Geld spielt keine Rolle

„Für den ein oder anderen ist es verwunderlich, warum man hier Trainer wird“, weiß der Deutsche.

Warum er diese Aufgabe übernimmt, ist rasch erklärt: „Der Reiz liegt darin, mit einem Verein, der wenig Budget hat, viel zu erreichen.“

Beschränkte finanzielle Mittel bedeuten auch, dass der 50-Jährige mit seinem Engagement in der Bundesliga gewiss nicht reich wird. „Finanzen spielen überhaupt keine Rolle. Geld interessiert mich wirklich nicht“, stellt er fest.

Mitten im Leben

Doch welche Beweggründe hatte KSV-Boss Erwin Fuchs, von Heesen zum neuen Chefcoach zu bestellen?

„Er bringt entsprechende Erfahrung mit, steht mitten im Leben. Obwohl die jungen Trainer gerade am Vormarsch sind, ist in so einer Situation ein bisschen Lebenserfahrung schon gut“, meint der Klub-Präsident.

Happel war sein Ziehvater

Tatsächlich hat der Trainer im Fußball schon einiges erlebt. Seine erste Profi-Station als Kicker war der Hamburger SV. Dort stand er unter den Fittichen von Ernst Happel.

„Er war Trainer, als ich 18 Jahre alt war. Ich habe ihn einige Jahre erlebt, er war praktisch mein Ziehvater, hat mich entwickelt und begleitet“, beschreibt von Heesen den Einfluss, den der Wiener auf ihn hatte.

Von den Tagen unter Happel zehrt er heute noch: „Seine Mannschaftsführung hat mich sehr stark beeindruckt. Vor allen Dingen, wie er mit den Menschen umgegangen ist, um ihnen zu zeigen, wie man taktisch spielen kann – das war ganz großes Niveau.“

Alles nachmachen könne er dem „Wödmasta“ aber nicht: „Er hat immer sehr offensiv gespielt. In dieser Situation, in der das Team Letzter ist, kann ich nicht so agieren wie er damals mit dem HSV.“

Die Zielsetzungen könnten unterschiedlicher auch nicht sein. Die Hamburger wurden unter Happel Meister und Europacup-Sieger, die Kapfenberger kämpfen unterdessen ums Überleben in der höchsten Spielklasse.

Hauptproblem Gegentore

„Wenn man Letzter ist, muss der Klassenerhalt das Ziel sein. Alles andere wäre vermessen“, lacht von Heesen, wenn er auf seine Ziele angesprochen wird. Neun Punkte aus 16 Spielen, vier Zähler Rückstand auf das rettende Ufer – in der Obersteiermark brennt der Hut.

Das Hauptproblem hat der Deutsche mit einem Blick auf die Tabelle sofort ausgemacht: „Die Anzahl der Gegentore spricht eine eigene Sprache. Da muss man im taktischen Bereich viel arbeiten, damit das nicht so weitergeht. Es kann nicht sein, dass man in 16 Spielen weit über 30 Gegentore kassiert.“

Wo er die Hebel ansetzen will, ist schnell erklärt: „Es ist eine relativ junge Mannschaft. Da ist es letztendlich eine Frage des Selbstvertrauens. Dampf haben sie. Die Schnelligkeit ist da. Die Frage ist, wie schnell man die Mannschaft in ein taktisches Konzept, das auch umsetzbar ist, bekommt.“

Die Rolle der Taktik

Dass Taktik eine große Rolle spielt, wird bereits nach einem kurzen Gespräch mit dem Neo-KSV-Coach klar.

Auch den Spielern ist das sofort aufgefallen. „Er legt viel Wert auf Taktik. Wir studieren Laufwege ein und so weiter. Natürlich braucht das Zeit, aber man kann die Ansätze schon erkennen“, berichtet Robert Gucher nach den ersten Einheiten.

Wohin die Reise gehen soll, hat sich auch schon herauskristallisiert. Die „Falken“ werden aller Voraussicht nach ein 4-4-2-System praktizieren.

Eine Frage des Selbstvertrauens

Neben der taktischen Festigung des Schlusslichts hat der 50-Jährige die Psyche der Spieler als größte Baustelle ausgemacht. „Diese 0:6-Niederlage steckt in den Kleidern. Es ist ja nicht so, dass man das einfach rauswischt. Sechs Gegentore sind hart“, spricht er die Niederlage in Salzburg an.

„Es ist eine relativ junge Mannschaft. Da ist es letztendlich eine Frage des Selbstvertrauens. Es gilt, der Mannschaft Selbstvertrauen und den Glauben, dass der Klassenerhalt möglich ist, zu geben“, sagt er.

Wie will er das erreichen? „Die jungen Spieler brauchen Einzelgespräche. Es ist aber auch wichtig, auf dem Platz das Teambuilding zu forcieren. Wir können sechs Stunden Kaffee trinken, aber das hilft nichts, wenn keiner weiß, wie er sich auf dem Platz bewegen muss.“

Ein ruhiger Typ

Manager Herbert Wieger berichtet von der ersten Ansprache vor der Mannschaft: „Er hat gesagt, dass keiner Angst haben muss, dass er niemanden beißen wird und jeder versuchen soll, sein Bestes zu geben.“

Rasch wird klar: Gregoritsch ist von Heesen keiner. Das haben auch die Spieler sofort erkannt. „Ein ganz ruhiger, sachlicher Typ. Auch auf dem Platz gibt er ruhige Anweisungen“, erzählt Gucher.

Wieger ist ebenfalls begeistert: „Man hat der Körpersprache entnehmen können, dass er den Jungs einiges beibringen will. Und die Spieler wirken sehr wissbegierig.“

Die Aufbruchsstimmung in Kapfenberg ist also erkennbar. Auch, wenn noch nicht alle alten Zöpfe abgeschnitten beziehungsweise Bilder abgehängt wurden.


Harald Prantl

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