Kein "Zufallsgenerator" mehr

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"Es gehören ganz andere Faktoren dazu als nur Talent"

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Sturm Graz ist für Kristijan Dobras bereits der zweite Anlauf bei einer der großen Fußball-Adressen in Österreich.

Mit 17 Jahren wechselte er aus der Akademie in Linz zu Rapid Wien. Bei den Hütteldorfern avancierte er zwar zur fixen Größe bei den Amateuren, in der Kampfmannschaft reichte es jedoch nur für einen Bundesliga-Kurzeinsatz.

Diesmal soll es klappen. Der 22-Jährige präsentiert sich entschlossen, die Chance in der steirischen Landeshauptstadt am Schopf zu packen.

„Als ich vom Angebot von Sturm Graz hörte, habe ich nicht lange überlegt. Es ist ein Topverein in Österreich. Auch der Gedanke, dass die Meisterschaft meiner Meinung nach in dieser Saison nicht so eindeutig wird und wir da mitspielen werden, war ausschlaggebend“, zögerte Dobras nicht lange, den schwarz-weißen Lockrufen zu folgen.

Kein Zufallsgenerator mehr

Der Edeltechniker übersiedelte als Absteiger von Wiener Neustadt an die Mur, wo seine Qualitäten besser zur Geltung kommen könnten als in den vergangenen beiden Jahren im Tabellenkeller. Von der Spielanlage her sollte ihm der Grazer Stil entgegenkommen:

„Das sowieso. Ich habe jetzt zwei Jahre gegen den Abstieg gespielt und dabei eher mit hohen Bällen und dem Zufallsgenerator zu tun gehabt. Diese Saison wird es für mich ganz anders. Das hatte ich schon bei Rapid, auch bei den Amateuren, dass man die Partien spielerisch gewinnen will. Ich denke, dass wir in unserem System vor allem in der Offensive sehr variabel sind und rotieren werden. Das kommt mir und auch der Mannschaft zu Gute.“

Dobras ist in der offensiven Dreierreihe hinter der Solo-Spitze auf allen drei Positionen einsetzbar, bietet Trainer Franco Foda also diverse Optionen.

Beim 6:0-Cup-Kantersieg in Hartberg lieferte er mit einem Doppelpack eine Kostprobe seines Könnens ab: "Für mich persönlich war es ein super Einstand, aber das Wichtigste ist, dass wir gewonnen haben. Man sieht, die Mannschaft funktioniert."

„Einen Abstieg hat keiner gerne im Lebenslauf stehen“

Nun kann es Dobras kaum erwarten, seine Fähigkeiten auch im Meisterschaftsbetrieb unter Beweis zu stellen: „Die Spielfreude bei einem guten Verein in einem super Stadion mit tollen Fans ist einfach riesig. Man hat 18 Heimspiele und da die Sturm-Fans auch auswärts immer dabei sind, kommen noch ein paar ‚Heimspiele‘ dazu. Es ist für jeden Fußballer ein Traum, da zu spielen und nicht vor 2000 wie in Wiener Neustadt. Wenn man in der 87. Minute nicht mehr kann, aber von den Fans noch einmal nach vorne gepeitscht wird, läuft man von ganz alleine.“

Auch wenn das Ambiente nur bedingt den Charme der großen Fußball-Welt versprühte, missen will Dobras die zwei Jahre in Wiener Neustadt nicht. Bei den Niederösterreichern bekam er schließlich seine erste wirkliche Chance im Oberhaus.

„Für mich war es ein super Sprungbrett. Wir haben zwei Jahre gegen den Abstieg gespielt – im ersten haben wir es geschafft, im zweiten leider nicht. Einen Abstieg hat kein Spieler gerne im Lebenslauf stehen, aber irgendjemanden muss es leider erwischen, diesmal waren es wir“, meint der Oberösterreicher, der in Wiener Neustadt auch lernte, dass Talent alleine im Profibetrieb nicht ausreicht.

Immer wieder warfen ihn in seiner Karriere Verletzungsprobleme zurück – so auch bei seinem leihweisen Engagement beim SV Grödig im Frühjahr 2013, als er am Weg zum Aufstieg nur vier Mal das Trikot des Salzburger Dorfklubs tragen konnte.

Der Kampf gegen das „Baucherl“

Während seiner Zeit in Neustadt stellte er schließlich seine Ernährung um: „Es gibt zwei Arten von Verletzungen – entweder man hat wirklich Pech wie bei einer Knieverletzung oder muskuläre. Bei mir war es so, dass wir viel trainiert haben, ich aber trotzdem ein bisschen ein Baucherl hatte. Unser Physio hat immer gesagt: ‚Das geht nicht! Ich verstehe nicht, warum das so ist!‘“

Ein radikaler Einschnitt im Ernährungsplan brachte Besserung, auch wenn der Verzicht auf die eine oder andere Sünde schwer fiel. „Wenn ich jetzt im Nachhinein denke, dass ich inzwischen seit zehn Monaten keine Pizza und keine Schokolade gegessen habe, bin ich sehr stolz auf mich. Vor allem würde ich es nicht machen, wenn es mir nicht so gut gehen würde wie jetzt“, gesteht Dobras, der in der Tat austrainierter denn je wirkt.

Für ihn ist auch diese Entwicklung abseits des Rasens Teil eines Reifeprozesses. Auf je höherem Level man kickt, desto schwieriger wird es, mit Talent alleine über die Runde zu kommen.

„Früher dachte ich mir: Pizza, Eis – alles kein Problem! Aber inzwischen weiß ich, wie wichtig Ernährung und Regeneration sind, vor allem wenn man wie im Trainingslager zwei Mal am Tag trainiert und dann noch bei 35 Grad ein Spiel hat. Es gehören ganz andere Faktoren dazu als nur Talent.“

Sturm als Sprungbrett oder längerer Aufenthalt?

Mit Foda ist er nun in der Obhut eines eher asketisch veranlagten Coaches, der diese Entwicklung tendenziell weiter verfeinern wird.

Noch wichtiger erscheinen jedoch Fortschritte auf dem Platz. Geht die Aktie Dobras wie erhofft auf, könnte Sturm früher oder später ein Transfererlös winken. Wenngleich der 22-Jährige das Thema Ausland defensiver angeht als andere Kicker in seinem Alter.

„Nein, das habe ich überhaupt nicht“, antwortet er auf die Frage, ob er ein Dasein als Legionär in seiner Karriere fix eingeplant habe, „ich habe hier drei Jahre Vertrag und freue mich auf diese Aufgabe. Wir sind in der Europa League dabei, spielen um Meistertitel und Cup mit – da ist alles möglich! Man bleibt lieber länger bei Sturm Graz als zum Beispiel in Wiener Neustadt, das für mich ein, zwei Jahre lang ein Sprungbrett war. Aber Sturm Graz ist eine Top-Adresse, da steht wahrscheinlich nur Salzburg drüber.“

Das klingt nach dem Plan eines längeren Graz-Aufenthalts. Ob das Ausland denn wirklich kein Thema sei? „Das Ausland ist sicher das Ziel eines jeden Fußballers, aber wenn es bei einem Verein gut läuft und man sich wohl fühlt, warum kann man dann nicht länger dort bleiben?“

St.Pauli-Interesse im Sommer

Neu ist der Blick über die Landesgrenzen hinaus für Dobras indes nicht. In der Jugend lockte unter anderem Aston Villa, im Sommer 2014 bekundete Eintracht Braunschweig Interesse. „Braunschweig war jedoch nicht so konkret wie in diesem Sommer St. Pauli. Aber am Ende ist es nichts geworden“, beschäftigte ihn erst kürzlich eine Deutschland-Offerte.

Sollte eines Tages doch der Sprung ins Ausland anstehen, sei Deutschland aufgrund der Sprache und der Qualität der Liga eine gute Option: „Aber ich will mich eigentlich nicht so sehr auf ein Land einengen. Wenn etwas kommt, schaut man sich an, ob drumherum alles passt und entscheidet dann.“

Dies ist jedoch Zukunftsmusik. Derzeit gilt der Fokus dem Start in eine Saison, in der Sturm genauso wie die beiden Wiener Vereine Double-Gewinner Red Bull Salzburg das Leben schwerer machen will.

Enttäuschung über Rapid verflogen

„Bei Salzburg gab es wie jedes Jahr einen Umbau. Wir sollten uns jedoch nicht zu sehr auf andere konzentrieren. Schon die letzte Saison von Sturm war sehr gut. Das könnten wir dieses Jahr bestätigen und noch besser machen. Es sind eigentlich alle Spieler an Bord geblieben, die Mannschaft wurde gut verstärkt. Das ist eine gute Mischung“, sieht die Offensivkraft ihren neuen Arbeitgeber gut gerüstet.

Neben Salzburg wird Dobras tendenziell auch mit einem Auge auf Rapid schielen. Dem früheren Herzensklub ein Bein zu stellen, wäre vermutlich ein Anliegen. Wobei die Enttäuschung, keine echte Chance bekommen zu haben, inzwischen verflogen sei:

„Ich bin ehrlich: Während des ersten Jahrs bei Neustadt war ich extrem enttäuscht. Ich habe immer gesehen, welche Spieler bei den Profis sind, die alle mit mir bei den Amateuren gespielt haben. Nach diesem ersten Jahr habe ich mir gedacht: Es ist vorbei – vielleicht komme ich noch einmal zurück, aber jetzt muss ich auf mich selbst schauen. Jetzt gehe ich einen anderen Weg mit Sturm Graz – dem nächsten Traditionsverein.“


Peter Altmann

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