"Eigentlich gehört er hierher"

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"Werde in den nächsten Tagen Bescheid bekommen"

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Im Fußball der Gegenwart ist man gerne auf der Suche nach Typen.

Sie sind Mangelware geworden in einer Zeit, in der die PR-Abteilungen vieler Vereine ganz offenkundig versuchen, die Ecken und Kanten der jeweiligen Persönlichkeiten so gut es geht wegzuschleifen.

Donis Avdijaj hat sich bislang definitiv nicht verbiegen lassen. Zumindest scheut er sich nicht, seinen Lausbuben-Charme zur Schau zu stellen - auch nicht nach dem 0:0 von Sturm Graz gegen Red Bull Salzburg.

„Man sieht, dass eine Mannschaft wie Salzburg 90 Prozent ihrer Schüsse aus 80.000 Metern hatte. Ich glaube, drei Freistöße aus 30 Metern, mehr war da nicht aus dem Spiel.“

Wie akkurat diese Analyse war, sei dahingestellt. Auf jeden Fall wollte der 18-Jährige zum Ausdruck bringen, wie aufopferungsvoll die Steirer in der Defensive kämpften – erst zum dritten Mal in 34 Runden gelang den „Bullen“ kein Treffer.

„Die Mannschaft mit dem größeren Herz“

„Wir wussten, aufgrund unserer Verletzten im Offensivbereich wird es gegen eine spielerisch so starke Mannschaft darauf ankommen, dass wir Leidenschaft zeigen. Das haben wir getan. Meiner Meinung nach sind wir die Mannschaft mit dem größeren Herz, das haben wir eindrucksvoll bewiesen“, behauptete Avdijaj.

Herz musste die Leihgabe von Schalke 04 in seiner ungewohnten Rolle beweisen. Trainer Franco Foda bot ihn diesmal an vorderster Front auf. Aufgrund der Personalknappheit assistierten ihm mit David Schloffer und Marc Andre Schmerböck zwei Akteure, die in dieser Saison wenig Spielpraxis sammeln durften.

„Wir haben taktisch ein wenig umgestellt. Wir waren zu dritt vorne, ich als 1,70-Mann alleine gegen zwei Hünen. Aber der Trainer weiß, was er macht, er hat uns vertraut. Wir haben versucht, umzuschalten, auf die zweiten Bälle zu gehen. Das ist uns phasenweise sehr gut gelungen.“

Aus der Sicht neutraler, österreichischer Menschen

Da mit dem SCR Altach und dem Wolfsberger AC die beiden direkten Konkurrenten verloren haben, kam Sturm auch mit dem Remis dem Ziel Rang drei einen Schritt näher.

Wie lange Avdijaj noch seine Spuren bei Sturm hinterlassen kann, ist indes nicht sicher. Der Leihvertrag mit Schalke läuft zwar bis Sommer 2016, die „Knappen“ haben jedoch ein Rückholrecht zum Ende dieser Saison. Konkret müssen sie bis 31. Mai Bescheid geben, ob sie das Offensivtalent schon zur kommenden Spielzeit wieder in ihren Reihen haben wollen.

Das Heft des Handelns hält also mit Schalkes Sportvorstand Horst Heldt ein ehemaliger Sturm-Kicker in seinen Händen, den Grazern und auch Avdijaj selbst sind selbige gebunden.

„Ich selber weiß noch nichts, habe mich damit aber auch noch nicht so befasst. Ich werde jedoch bestimmt in den nächsten Tagen Bescheid bekommen“, kann die Leihgabe bezüglich ihrer Zukunft nur mit den Schultern zucken.

„Meine Präferenz sind viele Einsätze“

Eine klare Ansage, welche Adresse er präferieren würde, ist in dieser Situation schwierig. Worauf es ihm ankommt, ist jedoch leicht erklärt:

Avdijaj hält seine Sicht der Dinge auf den Dreikampf um Europa nicht hinter dem Berg: „Ich finde, man kann sich als neutraler, österreichischer Mensch nur eine Mannschaft wünschen, die in den Europacup kommt, und das ist Sturm Graz, weil wir eben auch Fußball spielen. Haben Sie das Spiel letztes Wochenende gesehen? Eine Mannschaft wie Wolfsberg gewinnt, spielt aber eben keinen Fußball. Wenn man so in den Europacup kommt, ist das schade, also finde ich es dementsprechend gut, dass wir auf Platz drei stehen. Von den Spielern, der Qualität, der Spielweise und allem Drumherum her sind wir da, wo wir hingehören.“

Ansichten wie diese mögen polarisieren, aber sie sind zumindest ehrlich. Viele Spieler mögen ähnliche Gedanken haben, aber trauen sie sich selbige im Zeitalter der Floskeln auch auszusprechen?

In Graz hat Avdijaj mit seiner direkten und stets positiven Art viele Herzen erobert und vor allem viele Zweifler verstummen lassen. Bei seiner Verpflichtung eilte ihm der Ruf des Enfant terribles voraus. Seine Ausstiegsklausel auf Schalke von 49 Millionen Euro bescherte ihm Schlagzeilen, die ihm nicht wirklich recht waren, und rief Neider auf den Plan.

Von etwaiger Arroganz oder jugendlicher Überheblichkeit ist in Graz bislang jedoch keine Spur. Auf Auftreten Avdijajs kommt bei den „Blackies“ bestens an, wie Gerhard Goldbrich betont.

„Ein total klasser Bursch“

„Er ist menschlich einfach top! Zur Erfahrung mit ihm in diesen vier Monaten kann man nur ganz klar sagen: Er straft allen Unkenrufen, was seine Persönlichkeit betrifft, zum Trotz alle Kritiker Lügen. Denn er ist genau das Gegenteil, er ist ein total klasser Bursch, ein super Typ. Vielleicht trägt auch das Umfeld von Sturm Graz dazu bei, aber es gibt null Probleme. Ganz im Gegenteil. Mit seinen Sieger-Selfies oder ähnlichen Dingen trägt er extrem zur positiven Stimmung bei uns bei“, gerät der General Manager im Gespräch mit LAOLA1 ins Schwärmen.

„Ich habe mich super eingelebt. Für mich ist es wichtig, da zu bleiben, wo man mich gerne haben möchte. Im Endeffekt würde für mich alles positiv sein – nur eben mit der Präferenz, dass man spielt und viele Einsätze bekommt.“

Wie sehr diese Voraussetzung auf Schalke gegeben wäre, lässt sich schwer abschätzen. Aufgrund des enttäuschenden Saisonverlaufs sind in Gelsenkirchen personelle Rochaden keineswegs auszuschließen.

Wie intensiv Avdijaj das Frühjahr seines Stammvereins eigentlich verfolgt hat? „Ich habe da lange gespielt, dort den Hauptteil meines Lebens verbracht. Natürlich schielt man in seiner Freizeit – die Betonung liegt auf Freizeit – rüber und guckt, was da los ist. Privat interessiert es mich ein bisschen, da ich mit den ganzen Leuten zu tun hatte. Aber sportlich darf mich das momentan nicht interessieren, weil ich mich hierauf konzentrieren muss und wir unsere Ziele haben. Ich muss Sturm mit 100 Prozent zur Verfügung stehen und nicht mit 99.“

Ja, auch Avdijaj kann die Rolle des Diplomaten, wenn es von Nöten ist.

„Eigentlich gehört er hierher“

Man darf gespannt sein, wie die Entscheidung ausfällt. Laut Goldbrich steht in der kommenden Woche ein Gespräch mit Schalke auf dem Programm, in dem die Zukunft der Offensivkraft, die es in 15 Frühjahrs-Einsätzen bislang auf fünf Tore und drei Assists gebracht hat, geklärt wird.

„Es gibt bislang weder ein Signal nach links, noch nach rechts“, kennt der GM die königsblauen Pläne nicht. Die Position von Sturm liegt indessen auf der Hand: „Na klar möchten wir ihn noch ein Jahr in Graz sehen. Ohne Wenn und Aber! Im Verein und um den Verein herum kann man nur das Beste über ihn sagen. Eigentlich gehört er hierher!“

Und dies nicht nur aus Sympathie-Gründen, sondern auch aus sportlichen Überlegungen, was die Entwicklung des Edeltechnikers betrifft. Diesbezüglich wiederholt Goldbrich seine Einschätzung aus dem LAOLA1-Interview im April:

„Es gilt das Gleiche wie vor einem Monat: Er hat alle Anlagen, aber ich glaube, dass der Schritt nach Deutschland in die Bundesliga zu früh wäre und er das Jahr bei uns noch braucht. Es wäre für beide Seiten die richtigste Entscheidung, wenn er bleibt, sich bei uns in der Bundesliga etabliert und dann mit 19 den Schritt in die deutsche Bundesliga macht. Für seine Entwicklung wäre es das Beste.“

Und für Sturm Graz selbstredend auch.

Peter Altmann

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