Sturms Kaltstart

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Inzwischen weiß man, wie man gegen Sturm Graz spielen muss, oder?

Die Admira hat es vorgezeigt, der SV Grödig hat es nachgemacht – und auch wenn Rubin Kazan im Spiel nach vorne über deutlich mehr Klasse verfügt, standen die Russen im Hinspiel in der Defensive ebenfalls sehr kompakt.

Man muss bei den Steirern vielleicht noch nicht von einem Fehlstart sprechen, definitiv jedoch von einem Kaltstart.

Wer die Saison mit Heimspielen gegen die beiden am öftesten genannten Abstiegskandidaten eröffnet, rechnet unter dem Strich mit sechs Punkten – ohne Wenn und Aber. Geworden sind es deren zwei. Entsprechend groß ist die Nervosität im schwarz-weißen Umfeld bereits.

Das Rückspiel in der Europa-League-Qualifikation in Kazan bietet nun die Chance auf einen Befreiungsschlag (Do., 6.8., ab 18 Uhr im LAOLA1-Live-Ticker).

Gelingt es in Russland, die durchaus vorhandenen positiven Ansätze konsequenter auf den Platz zu bringen? Oder schleichen sich wieder die „Folgefehler“ der vergangenen Partien ein?

LAOLA1 zieht ein Zwischenfazit nach den drei Heimspielen zum Saison-Auftakt.

ALLGEMEINE FAKTEN:

  • Sturm lag in dieser Saison noch nicht ein einziges Mal in Führung.
  • Stattdessen geriet Sturm gegen die Admira, Kazan und Grödig insgesamt fünf Mal in Rückstand.
  • Positiv: Vier dieser fünf Rückstände konnten die Grazer egalisieren. Lediglich gegen Rubin scheiterte eine dritte Aufholjagd.

Das Problem: Foda legt großen Wert auf schnelles Umschaltspiel. Wer nie in Führung geht, provoziert tief stehende Gegner nicht, Räume zu öffnen. Wer vielmehr stets in Rückstand gerät, darf sich nicht wundern, wenn ein Kontrahent in der Folge noch kompakter steht. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Eine Problemstellung, von der Angriff und Verteidigung gleichermaßen betroffen sind. Eine Bestandsaufnahme der beiden Formationen:

DIE OFFENSIVE:

„Die Scheiße ist, dass Mannschaften wie Grödig die ganze Zeit so einen Grottenkick raushauen“, ärgerte sich Donis Avdijaj bei „Sky“ über die Spielweise der Salzburger. Nachvollziehbar, aber nun mal nicht richtig. Jeder Mannschaft steht es frei, die aus ihrer Sicht erfolgversprechendste Taktik zu wählen. Die Schalke-Leihgabe sagte jedoch auch etwas völlig Richtiges: „Wir müssen uns selbst an die eigene Nase fassen und versuchen, ein System zu finden, wie wir diese Abwehr-Bollwerke knacken.“

  • Gegen die Admira hatte Sturm 68,7 Prozent Ballbesitz.
  • Gegen Grödig waren es 66,7 Prozent.
  • Kam man gegen die Admira kaum zum Abschluss (nur 11 Torschüsse), nahm man gegen Grödig das Tor gleich 25 Mal ins Visier. Gegen Kazan waren es immerhin deren 14.
  • Statistiken sind das eine, 25 Torschüssen klingen auch nicht schlecht. Aber wie viele Topchancen waren darunter? In Wahrheit war Grödig angesichts einiger aussichtsreicher Möglichkeiten dem Sieg näher.

Das Problem: Sturm schafft es derzeit nicht, aus einer optischen Überlegenheit Kapital zu schlagen. Die „Blackies“ spielten in diesen drei Partien schlichtweg zu wenige Großchancen heraus, ihre wenigen nutzten sie aber verhältnismäßig konsequent.

Dabei versuchte man mit der Transferpolitik genau hier, den Hebel anzusetzen. Gerade Kristijan Dobras, aber auch Sascha Horvath bringen sowohl technische Stärke, als auch Dynamik und Tempo mit, um gegnerische Defensivreihen auszuhebeln. In Kombination mit der Spielfreude von Donis Avdijaj und dem Auge von Thorsten Schick, der 2014/15 immerhin zwölf Assists lieferte, bietet vor allem die offensive Dreierreihe mehr Potenzial, als sie bislang abliefert. Dobras agiert dem ersten Eindruck nach eine Spur zu kompliziert, Avdijaj bringt altersbedingte Leistungsschwankungen mit sich – gegen die Admira lief das Spiel beispielsweise völlig an ihm vorbei.

Auch wenn man differenzierend feststellen muss, dass das Spiel nach vorne gegen Kazan nicht so schlecht war, sticht die Schwierigkeit, im vordersten Drittel Lösungen zu finden, ins Auge. Dabei gilt: Es wird der Regelfall sein, dass die vermeintlichen Underdogs in Graz eine Defensiv-Taktik bemühen.

Hier ist Foda gefordert, Lösungen zu präsentieren. Bislang setzte er hauptsächlich auf sein bewährtes Konzept, große systematische oder taktische Experimente sind nicht sein Ding. Das ist sein gutes Recht, limitiert jedoch auch die Chancen, einen Gegner zu überraschen. Durch die Neuzugänge wurde mehr Variabilität erhofft, es wird auch mehr rochiert, bislang jedoch ohne den gewünschten Erfolg.

Funktioniert Plan A nicht wie erhofft, stellt Foda gerne auf ein 4-4-2 um und gibt dabei die offensive Mittelfeldzentrale auf, um es angesichts von zwei Stürmern im Zentrum vermehrt über die Flanken zu probieren. Eine Variante, über die sich angesichts des Potenzials auf der Zehn trefflich streiten lässt.

Man nehme als Beispiel das Admira-Spiel: Unmittelbar nach dem Ausgleich kam Roman Kienast für Avdijaj. Die kopfballstarken Südstädter „bedankten“ sich in der Folge für das berechenbare Spiel der Grazer (siehe Grafik). Zwar wurde das Tor von Josip Tadic per Hereingabe von der Seite vorbereitet, ansonsten segelten die Grazer Flanken mehrheitlich ins Leere.

Anmerkung: Erfolglose Flanken aus dem Spiel heraus (rot) dominieren das Bild gegen die Admira, erfolgreich (grün) war kaum eine, ebensowenig resultierten daraus wirklich Torschussvorlagen (gelb). Wobei jedoch eine Flanke die Torvorlage (blau) bildete - jedoch vor der Umstellung auf die Doppelspitze Tadic/Kienast.

Gegen Grödig gelang mit Bright Edomwonyi und Tadic auf dem Feld zumindest der Ausgleich, deutlich spielstärker wurde man jedoch nicht gerade. Die Variante, einen der beiden defensiven Mittelfeldspieler herauszunehmen und ein 4-4-2 mit Raute zu spielen, packt Foda nur selten aus – und wenn relativ spät wie in der Schlussphase gegen die Admira, als Horvath das Spiel durchaus noch einmal belebte.

Extrem wichtig für das Sturm-Spiel wäre, wenn Kienast wieder jenen Rhythmus finden würde, der ihn im Frühjahr ausgezeichnet hat. Bislang scheute sich Foda, ihn konstant von Beginn an einzusetzen und baute ihn nach seiner Verletzung eher langsam auf. Da Tadic seinen Torriecher gefunden hat, hielt sich der Schaden in Grenzen.

Dennoch lässt sich mit einem Kienast in Normalform anderer Fußball spielen. Der Routinier weiß Bälle zu sichern und auch seine Mitspieler einzusetzen. Qualitäten, die man von Tadic so kaum zu sehen bekommt. Kann der Kroate jedoch seinen Aufwärtstrend bestätigen, ist er eine wertvolle Alternative, um Kienast Pausen zu gönnen. Und in Kombination mit dem schnellen Edomwonyi könnte Sturm an vorderster Front besser als vielerorts erwartet aufgestellt sein – sofern man die Angreifer richtig in Szene setzt.

FAZIT: Adaptionen im Offensivspiel sind definitiv von Nöten, bislang trat man für die Konkurrenz offenkundig zu berechenbar auf, bisweilen ist auch mehr Mut oder vielleicht auch eine unerwartete Variante gefordert. Nach drei Spielen die Nerven wegzuschmeißen, wäre jedoch viel zu früh. Die Forderung, die Ruhe zu bewahren, ist im Fußball bekanntlich die unattraktivste. Dennoch scheint nach wie vor genügend Potenzial vorhanden. Notwendig wäre, bei 0:0 mit jener Konsequenz nach vorne zu spielen, mit der man Rückständen hinterherläuft, und endlich wieder einmal in Führung zu gehen.

DIE DEFENSIVE:

  • Das 0:1 gegen die Admira fiel unmittelbar vor dem Pausenpfiff.
  • Das 0:1 gegen Grödig fiel in Minute 41, also ebenfalls kurz vor dem Gang in die Kabine.
  • Die Entstehungsgeschichte der drei Gegentore gegen Kazan wurde zu Genüge diskutiert, Martin Ehrenreich sprach selbst vom schlimmsten Spiel seiner Karriere.

Stehen in der Öffentlichkeit die unglücklichen Offensivbemühungen im Fokus, gilt es definitiv ein genaueres Auge auf die Defensivleistungen der Grazer zu werfen. Die interne Forderung, die „Eigenfehler, die zu unnötigen Gegentoren führen“, abzustellen, kann man nur unterschreiben. Muss man nicht in jeder Partie einem Rückstand hinterherlaufen, tut man sich vielleicht auch im Spiel nach vorne leichter. Foda: „Wer zurückliegt, muss immer doppelt so viel investieren.“

Alleine die vermeidbaren Gegentore in den Mittelpunkt zu rücken, greift jedoch zu kurz. In der Rückwärtsbewegung der Sturm-Elf greift generell noch nicht ein Rad ins andere.

Schon die Admira kam vor ihrem Führungstreffer zur einen oder anderen Großchance. Dies klappte gegen Grödig besser. Lange Zeit hatte man den Underdog im Griff, dieser scorte dafür mit dem ersten Torschuss aus dem Nichts. Nach der Pause durfte man sich jedoch beim Unvermögen der Salzburger beziehungsweise bei Goalie Michael Esser, der bis dato die an seine Verpflichtung geknüpften Erwartungen durchaus erfüllt, bedanken, dass man nicht als Verlierer vom Platz ging.

Und Kazan war auch abseits der viel diskutierten Fehler bei den Gegentoren ein eigenes Thema. Nicht umsonst schimpfte Kapitän Michael Madl über die Abstimmungsprobleme, die den Osteuropäern immer wieder Räume und daraus resultierend auch Chancen eröffneten.

Auffällig: Bislang konnte oder wollte Foda noch nicht mit derselben Viererkette antreten. Lukas Spendlhofer verpasste Admira und Kazan krankheitsbedingt. Das Ehrenreich-Manöver gegen Kazan ging in die Hose.

  • Admira: Potzmann – Madl – Kamavuaka – Klem
  • Kazan: Ehrenreich – Madl – Kamavuaka – Klem
  • Grödig: Potzmann – Madl – Spendlhofer - Klem

Die Wechselspielchen werden weitergehen. Linksverteidiger Christian Klem fällt mit einem Muskeleinriss im Oberschenkel aus, was zumindest ermöglichen dürfte, dem griechischen Neuzugang Charalampos Lykogiannis genauer auf die Beine zu schauen. Zudem ist Marvin Potzmann beim Gastspiel in Altach am kommenden Sonntag gesperrt.

Eine gut stehende Abwehr ist in der Spielphilosophie von Foda die Basis. Nimmt man andernorts, wie etwa in Salzburg, mehr Risiko und somit Gegentore auch eher in Kauf, gehört das Augenmerk auf eine geordnete Defensive zu den Grundprinzipien des Deutschen.

Noch ist die Saison zu jung, um von einem Trend zu sprechen. Das bisher schlampige Auftreten in der Defensive ist jedoch nicht gerade ermutigend. Dies hat Foda erkannt und bekräftigt, mehr Augenmerk darauf zu legen.

FAZIT: Die alte Geschichte von der Null, die steht, kommt nicht von ungefähr. Sturm sollte schleunigst schauen, in der Rückwärtsbewegung wieder zu einem Bollwerk zu werden. Nicht ausgeschlossen, dass Foda in Kazan reagiert und eine Variante mit Madl, Spendlhofer und Kamavuaka aufbietet - möglich wäre etwa Kamavuaka im Mittelfeld oder Spendlhofer wieder einmal rechts in der Viererkette. Es wäre so oder so ein Signal für mehr Augenmerk auf die Defensive. Auf den Außenpositionen wiederum hat man durch Sperren, Verletzungen oder Formschwächen schon früh in der Saison mehr Fragezeichen als erhofft. Ob Lykogiannis ein Gewinn ist, lässt sich noch nicht seriös beurteilen. Diese Antwort sollte man jedoch in den kommenden Wochen bekommen.

ENTTÄUSCHTE ERWARTUNGEN:

Sturm bietet ein emotionales Umfeld. Dies birgt zahlreiche Vorteile. Läuft es nicht wie erwünscht, wächst die Ungeduld jedoch schneller als bei anderen Vereinen. Dass die Fans mit der Ausbeute aus den drei Heimspielen zum Start in die neue Spielzeit nicht zufrieden sind, liegt auf der Hand.

Noch dazu, weil sie bereits seit 18. April auf einen Sieg in der UPC Arena warten. Dem damaligen 2:1 gegen Grödig folgten in der Liga inzwischen saisonübergreifend fünf Unentschieden, die beiden letzten Heimspiele der Spielzeit 2014/15 endeten jeweils mit Nullnummern.

Konnte man im Finish der vergangenen Saison noch die Personalknappheit als Ausrede heranziehen, warum die Luft ausging, spielt man derzeit trotz guter Kadersituation nur unwesentlich besser.

Eine erste Enttäuschung, nachdem man extern wie intern mit ganz anderen Erwartungen an die Saison herangegangen ist – wobei, und diese Anmerkung sei erlaubt, sich die breite Masse von der vielzitierten Euphorie wenig bis gar nicht anstecken ließ. In keinem der drei Heimspiele wurde die Marke von 10.000 Zuschauern geknackt, was vor allem auf Europa-League-Ebene eine Enttäuschung darstellt.

Nach einem Kaltstart ist freilich noch nichts verloren, dennoch steht Sturm nun bereits früh in der Saison wieder in der Bringschuld. Vielleicht hilft dieser Druck, nachdem demonstratives Selbstbewusstsein bislang nicht die gewünschten Resultate brachte.

Es fällt beispielsweise eher unter die Kategorie Rätsel, warum mit Foda sogar ein „Mister Understatement“ ausgerechnet vor dem Spiel gegen Kazan davon sprach, dass „ein Heimsieg keine Überraschung“ wäre. Schon in seiner letzten Amtszeit warf er vor internationalen Auftritten bisweilen seine Bescheidenheit über Bord.

Seit seiner Rückkehr musste der 49-Jährige kaum eine hartnäckige Krise durchtauchen. Nun bieten die Gastspiele in Kazan, Altach und Wolfsberg die Gelegenheit, selbige abzuwenden – und womöglich tut sich Sturm mit seinem Spielstil derzeit in der Fremde sogar leichter.

Man darf gespannt sein, welche Lehren der Sturm-Coach aus den jüngsten Erkenntnissen zieht. Gefordert ist er allemal. An Zuversicht hat Foda freilich nichts eingebüßt:

„Solche Phasen gibt es im Fußball. Es gibt keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen. Wir müssen ruhig bleiben und klaren Kopf bewahren.“

Eine sinnvolle Devise. Am besten, man setzt sie gleich in Kazan um.

Peter Altmann

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