Szenen einer komplizierten Ehe

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Szenen einer komplizierten Ehe

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Übrigens: Am Samstag spielt Sturm Graz in Ried.

Das eigentliche Brotgeschäft des steirischen Traditionsvereins ist in den vergangenen Tagen und Wochen – wieder einmal – in den Hintergrund gerückt.

Es ist beinahe schon ein leidiges Markenzeichen der jüngeren Sturm-Vergangenheit, dass Personaldebatten, persönliche Eitelkeiten und regelmäßige Krisensitzungen die Schlagzeilen dominieren.

Der Schein, dass diese Probleme von außen in den Verein getragen werden, lässt sich schon seit geraumer Zeit nicht mehr aufrechterhalten. Diese Probleme sind zudem sehr facettenreich.

In dieser Woche haben die Grazer die richtungsweisende Entscheidung getroffen, an Trainer Peter Hyballa festzuhalten. Jene bezüglich seines Kumpels, Geschäftsführer Sport Ayhan Tumani, steht kurioserweise noch aus.

LAOLA1 arbeitet auf, wie es zur komplizierten Beziehung mit den beiden Verantwortlichen für den sportlichen Bereich kommen konnte – eine Bewertung ausschließlich nach sportlichen Kriterien und aufgrund des Fehlstarts ins Frühjahr würde jedenfalls zu kurz greifen.

DIE ERWARTUNGSHALTUNG: Attraktiver und offensiver Fußball. Hyballa selbst schraubte nach seinem Amtsantritt im vergangenen Sommer die Erwartungen hoch und wehrte sich damals in einem LAOLA1-Interview auch gegen den Begriff „Übergangsjahr“ – mit einer nachvollziehbaren Begründung aufgrund seiner persönlichen Vergangenheit: „In Aachen hatten wir auch ein Übergangsjahr, und dann war ich in der zweiten Saison nach sieben Spieltagen weg. Da merkst du schon, dass dich der Alltag als Profitrainer oft einholt. Wichtig ist einfach: Wie geduldig sind die Verantwortlichen?“ Mangelnde Geduld im sportlichen Bereich kann man den Grazer Entscheidungsträgern derzeit nicht vorwerfen. Dass man mit Platz vier im Plansoll liegt, ist ohnehin eines der derzeitigen Hauptargumente – auch von Hyballa selbst. In der Tat hatte man in der vergangenen, gänzlich missglückten, Spielzeit nach 24 Runden um vier Punkte weniger zu Buche stehen, dafür interessanterweise mit plus 5 die gleiche Tordifferenz (heuer wurden je zwei mehr Tore erzielt und kassiert). Den Vergleich mit den Jahren davor sollte man indes eher scheuen (siehe Tabelle).

Fazit: Gesteht man sich ein, dass man sich in einem Übergangsjahr befindet, sind Platzierung und Punktausbeute gerade noch akzeptabel, wenngleich mit Platz vier von vornherein das unterste Ende der Zielsetzung gewählt wurde. So gesehen soll es im Fußballgeschäft Vereine geben, wo der Druck größer ist. Denn mit diesem Kader und dem Potenzial des Vereins nicht mindestens Platz vier anzustreben, wäre verglichen mit der Konkurrenz lachhaft.

DER FAKTOR ZEIT: Das niedrige Platzierungsziel wurde bislang nicht unterboten. Zu hoch war die Zielsetzung wohl in punkto Spielstil. Kaum ein schwarz-weißer Fan, der nach den marktschreierischen Ansagen des vergangenen Sommers nicht von Gala-Fußball in Graz-Liebenau träumte. So mancher erinnert sich wohl noch verschämt an die Ankündigung von „Kernöl-Tiki-Taka“. Davon ist man weit entfernt, viel zu oft stand im Saisonverlauf statt Augenschmaus nur Magerkost auf dem Programm. In punkto taktischer Ausrichtung ging Hyballa einen Schritt zurück, lässt seine Elf inzwischen bisweilen tiefer und kompakter stehen. Gegen Mannschaften, die selbst wenig zum Spiel beitragen, hat Sturm dafür augenscheinliche Probleme. Nun ist es kein wirklich neues Phänomen im Fußball, dass es dauert, bis ein neuer Trainer seine Spielphilosophie implementiert hat – noch dazu, wenn sie sich derart von jener des Vorgängers, der noch dazu jahrelang im Amt war, unterscheidet. Es war wohl ein Fehler von Hyballa, öffentlich zu viel Gusto auf jene Art Kick, wie er ihn spielen lassen möchte, zu machen. Intern wusste man schon letzten Sommer, dass dies mit dem bestehenden, großteils von Franco Foda übernommenen Kader, schwer sein würde. Dies ahnte wohl auch Hyballa insgeheim, wenn man folgendes Zitat aus vergangenem Juli heranzieht: „Wir müssen ja auch mit ein paar Spielern arbeiten, die hier noch Vertrag haben. Nach einem Jahr haben die Spieler, die schon ein Jahr hier sind, die Idee kapiert, und du kannst noch mehr den Spielermarkt sichten.“

Fazit: Hyballa wurde vom Typ her gerne mit Dortmunds Meistermacher Jürgen Klopp verglichen. Auch der schaffte es bei der Borussia naturgemäß nicht, von Beginn seiner Amtszeit an Zauberfußball zu bieten. Dies entwickelte sich über die Jahre und die diversen Transferperioden, in denen der Kader nach seinen Vorstellungen geformt wurde. Rein fachlich betrachtet, würde wohl auch Hyballa diese Zeit brauchen.

DIE PERSONALFRAGE: „Jeden Spieler besser machen!“ Mit dieser Devise trat Hyballa an. Positiv kann man diesen Punkt bislang keineswegs abhaken. Bei einigen jungen Spielern ist es durchaus gelungen. Linksverteidiger Christian Klem hat beispielsweise einen großen Schritt nach vorne gemacht. Die Spielanlage unter Hyballa liegt der gelernten Offensivkraft sicherlich mehr als jene Fodas. Richard Sukuta-Pasu hat zumindest seine Torflaute aus Kaiserslautern-Zeiten abgelegt. Den Stürmer wollte Hyballa auf Vordermann bringen, weil er genau wusste, dass die „Rettung“ dieses DFB-Talents auch in seiner Heimat auffallen würde. Die Zahl der Spieler, die stagnieren oder sich sogar zurückentwickelt haben, ist jedoch nicht zu unterschätzen. Dass etwa ein Manuel Weber im Vergleich zu den Jahren davor kaum wiederzuerkennen ist, ist kein gutes Zeichen und spricht auch nicht für den Trainer. Grundsätzlich hat Hyballa die Mannschaft verjüngt, was zu begrüßen ist – in der späten Foda-Ära trat Sturm noch mit einer eher routinierten Mannschaft an. Auch spricht nichts dagegen, größere Namen aus sportlichen Gründen auf die Bank zu setzen. Es gelingt dem 37-Jährigen jedoch nicht immer, den Eindruck zu vermeiden, dass persönliche Animositäten seine Entscheidungen beeinflussen, und das ist selten ein gutes Zeichen.

Fazit: Wenn Hyballa ehrlich zu sich selbst ist, sind viele Kaderspieler nicht augenscheinlich besser als im vergangenen Sommer. Wenn doch, verstecken sie die neu erworbenen Qualitäten bislang noch zu oft gekonnt. Zudem wäre es nicht verboten, auch Leistungsträger der Vergangenheit sportlich voranzubringen. Es spricht nichts dagegen, alte Hierarchien aufzubrechen – im Gegenteil, dies wirkt oft belebend. Im konkreten Fall scheint es Hyballa jedoch ein wenig übertrieben zu haben. Denn die Mehrheit potenzieller Führungsspieler wirkt aktuell verunsichert. Dabei wären genau diese in sportlichen Krisenzeiten von besonderer Bedeutung. Dass Mitglieder der Mannschaft ihren angeschlagenen Coach allzu vehement verteidigen, kann man auch nicht gerade behaupten.

Jauk und Co. ließen ein Machtvakuum in der sportlichen Leitung aufkommen

DAS MACHTVAKUUM: Hyballa ist, zumindest in der Theorie, ein Trainer-Typus, dem die Spieler aus der Hand fressen müssten. Das genaue Gegenteil zu Kontrollfreak Foda. Sturm engagierte auch bewusst einen extrovertierten Charakter wie den Deutschen, der mit seinem offenherzigen Auftreten einen gewissen Mief vertreiben und frischen Wind in den Verein bringen sollte. Diese Idee hatte durchaus Charme und hätte funktionieren können, wenn sich Hyballa auf seine Stärken im sportlichen Bereich konzentriert hätte bzw. konzentrieren hätte können. Anfangs schien die Idee auch aufzugehen. Doch irgendwann kippte die Stimmung, wohl ein Zusammenspiel diverser Faktoren. Dies nur dem schroffen Auftreten Hyballas zuzuschreiben, wäre zu billig – auch Foda wurde kein allzu inniges Verhältnis mit seinem Team nachgesagt. Ein Faktor war wohl die Bestellung von Ayhan Tumani - erst zum Co-Trainer, im Herbst zum Geschäftsführer Sport. Gemeinsam statt einsam - plötzlich war das Duo Hyballa/Tumani geboren, und gerade bei Letzterem heißt es, dass sein internes Gesicht der freundlichen Fassade nach außen nicht gerade zum Verwechseln ähnlich sieht. Dies ging Hand in Hand mit dem Umstand, dass nach dem Abgang von Geschäftsführer Sport Paul Gludovatz auf sportlicher Ebene ein Machtvakuum entstand, auf das die Vereinsverantwortlichen um Präsident Christian Jauk viel zu lange nicht reagierten. Für Hyballa und Tumani, beide vom Ehrgeiz getrieben, ihre Karriere mit aller Macht voranzutreiben, bot sich die Chance, sich abseits des sportlichen Bereichs mehr einzubringen (oder einbringen zu müssen), als dies in einer funktionierenden Vereinsstruktur gesund ist. Beide rühmten sich gerne dafür, wie sehr sie die Transferaktivitäten forcieren – nicht zwingend die Hauptaufgabe eines Co-Trainers. Die menschliche Führung für die beiden Neuankömmlinge - sprich ein Vorgesetzter, der im Tagesgeschäft im Bedarfsfall von vornherein Grenzen setzt und aufkeimende Brandherde löscht - fehlte komplett. Vielleicht wäre mit „Coaching für die Coaches“ die eine oder andere gefährliche Strömung frühzeitig zu verhindern gewesen. Denn warum sich ein sportlich Verantwortlicher in sinnlose Kleinkriege mit Vertretern anderer Abteilungen, zum Beispiel einer Marketingmitarbeiterin, begeben muss, bleibt ein Rätsel. Der internen Stimmung war dies nicht zuträglich.

Fazit: Zwei vermeintliche „Ego-Shooter“ in einem sensiblen Gebilde, das sich im Neuaufbau befindet und deswegen keine stabilen Strukturen bietet – dieser Schuss kann nach hinten losgehen. Die Indizien, dass Sturm in dieser Saison ein zwischenmenschliches Stimmungstief droht, waren schon im Sommer abzusehen. Eingegriffen hat niemand. Im Gegenteil. Dass keine Besserung eingetreten ist, ließ sich seit dem Frühjahrs-Start wunderbar beobachten. Die Frage ist, ob schon zu viel Porzellan zerschlagen wurde, oder ob es noch einen Ausweg aus dem Stimmungstief gibt? Bezüglich Hyballa scheint der Verein an eine Trendwende zu glauben.

DAS TUMANI-MYSTERIUM: Glaubt man auch bei Tumani, dessen Charakter hinter vorgehaltener Hand ungleich kritischer besprochen wird als Hyballa, an einen Ausweg? Der 41-Jährige befindet sich seit knapp zwei Wochen im Krankenstand. Laut Jauk „soll es ihm wirklich schlecht gehen.“ Das ist bedauerlich, müsste Sturm jedoch nicht daran hindern, klare Worte zu seiner Zukunft zu finden. Denn dass die Personalie Tumani beim Krisengipfel am Mittwoch nicht besprochen wurde, glaubt niemand. Plant man weiter mit dem Geschäftsführer Sport, würde der simple Hinweis, dass man sich bereits auf die Rückkehr von Tumani aus seinem Krankenstand und die Wiederaufnahme seiner Arbeit freut, reichen, um die derzeitigen Spekulationen – und davon gibt es reichlich – im Keim zu ersticken. Diese Causa erinnert an zwei Fälle aus dem letzten Sommer: Auch Gludovatz war offiziell lange auf Krankenstand – intern hatte man sich jedoch längst darauf verständigt, dass er nicht in seinen Job als Geschäftsführer Sport zurückkehren soll. Geschäftsführer Wirtschaft Christopher Houben war Ende August laut offizieller Kommunikation nur auf Urlaub, obwohl er längst seine Kündigung eingereicht hatte. Wäre dies publik geworden, wäre Sturm in den Augen der Öffentlichkeit ohne Geschäftsführer dagestanden.

Fazit: Eine klare Ansage bezüglich Tumani steht aus. Man wolle seine Rückkehr und ein darauffolgendes Gespräch mit dem Aufsichtsrat abwarten. Was auch immer dies bedeuten soll. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass der Aufsichtsrat für Bestellung oder Abberufung der Geschäftsführung zuständig ist. Kehrt Tumani an seinen Schreibtisch zurück, hätte man sich jedenfalls viel Theater ersparen können. Wenn nicht, tritt wohl so eine Art Plan B in Kraft und Generalmanager Gerhard Goldbrich übernimmt auch die sportlichen Agenden. Möglich, dass Sturms Verantwortliche derzeit die Strategie fahren, das Duo Hyballa/Tumani zu sprengen, um wenigstens bei Ersterem mehr aus dem durchaus vorhandenen Potenzial herauszuholen. Der letzte Rettungsversuch einer einstmals charmanten Idee?

Peter Altmann

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