"Ich bin nicht der Wunderwuzzi"

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Am Sonntag gehen Menschen in die Kirche.

Vor allem im Heiligen Land, das sich in Österreich Tirol nennt. Aber nicht nur, um für etwas zu beten, sondern auch, um für etwas zu danken. Und Roland Kirchler will sich dieser Tage für vieles bedanken.

1:0 gegen Ried, 2:1 in Mattersburg, 2:1 in Graz, 1:0 in Wiener Neustadt. Seit der 42-Jährige Trainer des FC Wacker Innsbruck ist, läuft es wie am Schnürchen. Vier Spiele, vier Siege. Davor gab es unter Vorgänger Walter Kogler in insgesamt 13 Pflichtspielen nur einen vollen Erfolg nach 90 Minuten.

Warum ist das so? „Ich weiß es nicht“, zuckt Kirchler mit den Schultern. „Meine Mannschaft gewinnt und nicht ich. Ich bin nicht der Wunderwuzzi, die Mannschaft ist für die vier Siege verantwortlich.“

Folgt „Kirchling“?

Einen Ansatz hat der 490-fache Bundesliga-Spieler dann aber doch: „Ich glaube, ich war in meinem Leben ein so braver Mensch, dass der liebe Gott ein wenig auf mich herunterschaut.“

Einen Ansatz, an dem er seit seinem ersten Sieg mit Wacker festhält. Vor dem Spiel gegen Ried war der Neo-Coach mit seiner Mannschaft in der Kirche. Seither haben die Innsbrucker nicht verloren. Praktisch nach jeder Partie weißt der Tiroler auf die "Hilfe von oben" hin.

Mit dem Glauben ist der Glaube an den Klassenerhalt zurückgekommen. Roland Kirchler ist eine Art Tim Tebow des heimischen Fußballs. Der Quarterback gilt als „Apostel“ des American Footballs, sein öffentliches Beten nennt sich „Tebowing“ und er hat es sich schon als Trademark sichern lassen.

„Kirchling“ gibt es nicht, das wird es in dieser Form wohl auch nie geben. Der Ex-Wattens-Trainer geht für Gebete in die Kirche. Auch sonst will der 28-fache Teamspieler nicht im Rampenlicht stehen. Als ihn ein TV-Kollege salopp als „Chef“ anspricht, kontert Kirchler: „Der bin ich noch lange nicht.“

„Es gibt keine Gesetze“

Auch hat sich der Trainer seit seinem Aufstieg vom Regionalliga- zum Bundesliga-Coach nicht verändert: „Ich bin der Gleiche wie vorher, ich gehe jetzt nicht durch die Straßen oder in die Kirche, damit mich alle feiern. Ich werde der Gleiche bleiben, auch wenn wir zehn Mal gewinnen.“

Doch wie gelingen nun plötzlich vier Siege in vier Spielen? Wie kann sich die Mannschaft so wandeln? „Es gibt keine Gesetze im Fußball. Der eine holt einen Mentalbetreuer, der andere geht in die Kirche, der nächste macht einen Kegelabend“, benennt Kirchler diverse Möglichkeiten für so eine Situation.

„Fußball ist nicht erklärbar, vielleicht in gewissen taktischen Dingen, aber nicht, was die mentale Komponente betrifft. Das sieht man auch bei anderen Sportlern. Erst gewinnt der Skifahrer nichts und dann drei Mal Gold bei Olympia. Im Fußball spielt sich vieles im Kopf ab.“

Kirchler findet die richtigen Worte

Offenbar. Und offenbar findet Kirchler auch die richtigen Worte.

„Das ist einfach mein Zugang. Etwa auch bei meinem Kind. Ich rede viel mit Leuten, die mich mögen. Ich bin ein optimistischer Mensch, der gerne redet, aber keinen Blödsinn, sondern einer, der sich einfach unterhält. Auch mit Spielern – und sie unterhalten sich mit mir“, hält der Trainer fest.

So sehen es auch die Protagonisten auf dem Rasen.

„Roli redet viel mit den Spielern und hat natürlich einen Schwung gebracht. Er hat gewisse Sachen umgestellt, denn jeder Trainer hat eine andere Philosophie“, erklärt Roman Wallner, zuletzt zweifacher Siegtorschütze in Graz und in Wiener Neustadt.

„Er ist authentisch, verstellt sich nicht, er ist, wie er ist. Er ist sehr positiv, ist gut drauf. Er hat einen guten Schmäh, übertreibt es aber nicht. Er weiß, wie er die Spieler nehmen muss.“

Prudlo teilt Hackmairs These

Das erkennt auch Oliver Prudlo, der diese Serie noch nicht ganz glauben kann: „Es ist unglaublich, vier Spiele, vier Siege, das ist eine sensationelle Bilanz.“

Wie Wallner hätte auch der Sportdirektor wohl noch gerne länger mit Kogler zusammengearbeitet. Doch irgendwo gab es den Point of no return: „Wenn der Erfolg ausbleibt, ist man gezwungen, zu handeln.“

Prudlo weiter: „Man hat das bei vielen Teams schon sehen können. Wenn ein Trainer zusammen mit einer Mannschaft über längere Zeit einen negativen Lauf hat, entsteht einfach negative Spannung. Wenn dann ein Teil wegfällt, fällt auch irgendwo eine Last weg. Man hat gesehen, dass die Mannschaft zuletzt befreiter aufgetreten ist. Roli hat einen guten, frischen Wind reingebracht.“

LAOLA1-Experte und Ex-Wacker-Profi Peter Hackmair hat in seiner letzten Kolumne von einem „Spieler-Effekt“ gesprochen (Hier geht’s zur Kolumne). Prudlo teilt diese Meinung: „Peter hat Recht, wenn ein neuer Trainer da ist, müssen sich die Stammspieler beweisen, jene die draußen sind, versuchen, den Coach von sich zu überzeugen. So kommen diese Dinge zusammen.“

Qualitäten entwickelt

Auch, dass Wacker nach grottenschlechten Spielhälften, wie zuletzt in Wiener Neustadt, reüssieren kann. „Aktuell haben wir die Qualität, dass wir uns irgendwann wieder zusammenreißen können. Es muss irgendetwas passieren, der Pausenpfiff oder das 0:1. Dann wachen wir auf“, weiß Kirchler.

Wacker ist aufgewacht. Und wie! Auch wenn Kirchler es nicht erklären kann, so hat er doch einen großen Anteil. „Mit den Siegen ist wieder die Lockerheit gekommen“, konstatiert Christoph Saurer, der diesbezüglich eine Phrase drischt: „Solche Geschichten schreibt der Fußball.“

Fest steht, Wacker hat sich eindrucksvoll im Kampf um den Klassenerhalt zurückgemeldet. Prudlo rechnet mit mehr als nur einem Duell mit Wiener Neustadt: „Wenn man sich die Tabelle ansieht, sind die anderen Teams nicht so weit weg.“

Kirchler rechnet indes „mit allem im Fußball“. So bleibt er auch nach dieser Serie, die höhere Mächte scheinbar involviert, am Boden, oder wie er es formuliert: „Wir lassen die Kirche im Dorf.“

 

Bernhard Kastler

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