Die Erfolgsfaktoren des neuerlichen Herbstmeisters

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„Von den letzten fünf möglichen österreichischen Titeln haben wir vier geholt“, schmunzelt Stefan Reiter.

Der Manager der SV Ried hat dieser Tage allen Grund zum Lachen. Zum zweiten Mal in Folge hat sich der Underdog aus dem Innviertel zum Herbstmeister gekrönt.

Nicht Salzburg, Austria, Rapid oder Meister Sturm – die Spielvereinigung aus der 11.408-Einwohner-Stadt Ried steht nach 18 Runden ganz oben in der Tabelle. Schon wieder.

Vor einem Jahr holten die Oberösterreicher schon das „Double“ bestehend aus Halbzeit-Sieger und Winterkönig, am Ende jubelten die „Wikinger“ über den Cup-Sieg samt Einzug in den Europacup:

LAOLA1 blickt mit Stefan Reiter auf die Gründe für diesen neuerlichen Coup:

Siege

Nach vier Runden waren die Innviertler mit zwei Punkten Letzter der Bundesliga, hatten dabei allerdings auch gegen alle vier vermeintlichen Großklubs gespielt. In den folgenden 14 Partien folgten acht Siege, fünf Remis und nur eine Niederlage. Die Rieder nutzten die Patzer der Konkurrenz eiskalt aus. U21-Teamchef Andreas Herzog meinte, einige der besagten Teams sollten sich aufgrund der Rieder Tabellenführung zur Halbzeit genieren. Reiter: „Das sehe ich nicht so. Wir haben kontinuierlich gearbeitet, die anderen haben es auch versucht, aber es nicht geschafft.“ Generell stört es den Manager, dass Rieds Pole-Position als Schwäche der Liga ausgemacht wird: „Das kränkt schon. Außerdem glaube ich das nicht, weil unsere Klubs international mehr oder minder auch erfolgreich sind. Salzburg, Austria oder Sturm sind ja keine schwachen Mannschaften. So einfach kann man es sich nicht machen.“

 

Verpflichtungen

Vor allem kann es sich die Konkurrenz nicht so einfach machen, wenn sie sich die Abgänge vor und während dieser Saison bei den Oberösterreichern ansieht: Kapitän und Abwehrchef Oliver Glasner musste nach seiner Not-Operation seine Karriere beenden. Zudem gingen mit Thomas Schrammel, Martin Stocklasa, Daniel Royer und Ewald Brenner vier weitere Leistungsträger. Was macht Ried? Sie verpflichten die richtigen Spieler: Lukas Rotpuller und Marco Meilinger spielen ihre jeweils erste Bundesliga-Saison tadellos. Mit Casanova wurde der nächste sehr gute spanische Griff getätigt. Bienvenue Basala-Mazana ermöglichte mit seiner Verpflichtung auch eine Kooperation mit dem 1. FC Köln. Emanuel Schreiner war beim LASK kein Mann für die Startelf, in Ried wurde er zum Bundesliga-Spieler geformt. Ein Daniel Beichler, der nominell stärkste Zugang, ist aktuell nur Joker. Zudem rücken immer wieder eigene junge Spieler nach. Reiter bleibt bescheiden: „Es ist eine Bestätigung eines langfristigen Weges. Darüber kann man sich freuen, weil alles perfekt funktioniert hat.“

 

Routine

Zwei Personen sind federführend für diesen Erfolg: Manager Reiter, der – wie bereits geschildert – das wohl beste Einkaufs-Händchen der Liga hat, und Trainer Paul Gludovatz. Letzterer meint: „Es gibt kein Geheimnis für den Erfolg von Ried.“ Da hat der 65-Jährige Recht. Denn es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass der Burgenländer zu den besten österreichischen Trainern gehört. Seine Erfolge lassen sich nicht nur mit einem vierten Platz bei einer U20-WM oder einem Cupsieg bemessen, sondern auch mit der Entwicklung von Spielern. Rotpuller, Ziegl, Reifeltshammer, Meilinger, Karner, Schreiner etc. – gemeinsam mit seinem kongenialen Partner Gerhard Schweitzer fertigt Gludovatz Bundesliga-Spieler. Das wiederholt sich Jahr für Jahr. Ob auch nächste Saison? Der Vertrag des Cheftrainers läuft im Sommer aus. Gespräche sollen im Laufe des Frühjahrs folgen. „Ich bin mir relativ sicher, dass er darüber noch nicht nachgedacht hat“, meint Reiter zur Gludovatz’schen Zukunftsplanung. Gut möglich, dass Sturm auf den Burgenländer zu sprechen kommen könnte. „Es werden immer Trainer gesucht“, befasst sich Reiter mit dem Thema gar nicht und hält nur fest: „Im Gegensatz zu einem Spieler ist es so: Wenn ein Trainer gehen will, dann hilft auch der ganze Vertrag nichts.“ Wann der Zeitpunkt auch immer kommen mag, der Abgang von Gludovatz in Ried wird so oder so ein wehmütiger…

 

Interessen

„Bei uns geht es immer um die Weiterentwicklung, wir geben nie eine Tabellenplatzierung als Zielvorgabe aus. Was herauskommt, nehmen wir an – natürlich auch den ersten Platz“, ist Reiter dankbar und schließt einen weiteren Erfolgslauf nicht aus. „Wir sind nach 18 Runden Erster. Was spricht dagegen, nicht auch im Frühjahr erfolgreich zu sein? Wir können auch dann unser Leistungsniveau erreichen. Wenn die anderen das toppen können, liegt es nicht an uns.“ Die Mentalität, immer am Boden zu bleiben, zeichnet Ried ebenso aus und macht sie Jahr für Jahr so stark – natürlich im Kontext mit einer langfristigen Planung: „Es macht mich stolz und glücklich, dass man mit einem langfristigen Weg Erfolg haben kann. Dafür braucht es auch die tägliche Arbeit.“ Letztere wird im beschaulichen Innviertel groß geschrieben, diese ist das Haupt-Interesse aller Beteiligten. Abseits des großen Medientrubels können sich Trainer und Spieler perfekt auf ihre Aufgaben einstellen. Und was sie mit dieser Arbeit zu leisten im Stande sind, haben sie auch im Europacup gezeigt. Stichwort: Bröndby.

 

Eigener Linie treu bleiben

Kann Ried Meister werden? „Jeder, der in die Meisterschaft geht, will Meister werden. Aber man muss realistisch bleiben. Andere werden jetzt nachjustieren, das wird bei uns nicht der Fall sein. Dann werden wir sehen, wie man die „Bürde“ des Herbstmeistertitels mitnimmt ins Frühjahr. Wir sind knapp bei hundert Prozent, die anderen haben noch Luft nach oben. Es wird sicher ein spannendes Frühjahr“, schildert Reiter. Anders gefragt: Würde Ried alles auf eine Karte setzen, um Meister zu werden? „Dann würden wir uns massiv widersprechen. Wir haben unseren Weg und den würden wir verlassen. Dann komme ich mit meiner jahrelangen Philosophie ins Schmeißen. Damit kann ich nicht umgehen“, lässt der Manager Wissen. Die Rieder wissen, wer sie sind und wie ihre Möglichkeiten ausschauen. Es gibt kein Hasardieren. Deswegen bleiben die Innviertler ihrer Linie treu und Reiter hält hinsichtlich des Titels fest: „Wenn es machbar ist, dann ist es auch so machbar.“

 

Defensive

Nicht zuletzt auch noch ein sportlicher Aspekt. Wer hat die wenigsten Gegentore der Liga kassiert? Richtig, die SV Ried. Nur siebzehn Mal musste Thomas Gebauer in den 18 Spielen hinter sich greifen. Das spricht erstens trotz mancher Patzer für den Torhüter, zweitens auch für seine junge Abwehr davor. Thomas Reifeltshammer (23) mutierte nach Glasners Karriereende zum Abwehrchef, gemeinsam mit Rotpuller (20) und Riegler (23) wurde in der Folge kaum etwas zugelassen. Was dem Kinder-Riegel dahingehend natürlich zu Gute kommt, ist das 3-3-3-1-System der Rieder, das im Defensiv-Verhalten eine Fünferkette vorsieht. Auch im vierten Jahr trägt diese Art zu spielen Erfolg, die Konkurrenz wird weiterhin genarrt. Die junge Abwehr wurde nach dem Abgang Glasners mit keinem Routinier gestärkt, das wird auch so bleiben. „Dann würde ich ja der Mannschaft ein Misstrauen aussprechen“, erklärt Reiter. Seit Sommer suchen die Innviertler jemanden für die linke Seite, da wurde noch nichts Passendes gefunden. Ansonsten wird sich im Winter nichts ändern. Auch die Tatsache nicht, dass Ried wieder als Herbstmeister ins neue Jahr geht…

 

Bernhard Kastler

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