Euro-Krise als Transfer-Vorteil

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Ein Wechselkurs mischt im Transferpoker mit

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Über drei Millionen Euro bietet Brentford für Philipp Schobesberger.

Ein anderer englischer Zweitligist, der FC Reading, streckt seine Fühler nach Robert Beric aus. 5,4 Millionen Euro soll Rapid für ihn verlangen.

Eine Klasse höher hat Liverpool bereits 41 Millionen für Hoffenheims Roberto Firmino ausgegeben.

Egal ob in der Premier League oder in der Championship – bei den englischen Vereinen sitzen die Geldscheine locker. Die Klubs wollen in talentierte Spieler vom europäischen Festland investieren, denn die Zeit dafür ist so günstig wie selten zuvor. Das hat auch mit der aktuellen Lage der Weltwirtschaft zu tun.

Anders ausgedrückt: Klubs wie Rapid oder Hoffenheim können indirekt von der Politik der Europäischen Zentralbank profitieren.

Englische Vereine zahlen ein Fünftel weniger als vor zwei Jahren

Möglich macht dies der schwache Wechselkurs des Euro. Die europäische Gemeinschaftswährung hat in den letzten beiden Jahren gegenüber dem britischen Pfund ordentlich an Wert verloren.

„Im März 2013 stand der Wechselkurs noch bei 0,86, jetzt liegt er nur noch bei 0,72. Das ist eine Abwertung von rund 20 Prozent“, erklärt WIFO-Ökonom Marcus Scheiblecker im Gespräch mit LAOLA1.

Im Klartext heißt das, dass in Euro getätigte Spieler-Verpflichtungen für britische Klubs heuer rund ein Fünftel billiger sind als vor zwei Jahren.

Ein Beispiel: Angenommen Reading überweist Rapid für Beric tatsächlich 5,4 Millionen Euro. Umgerechnet in Pfund würde der Zweitligist aktuell rund 3,8 Millionen zahlen. Vor zwei Jahren hätte genau derselbe Transfer Reading jedoch noch 800.000 Pfund mehr gekostet (siehe Tabelle).

Der schwache Euro erlaubt es den englischen Klubs also momentan, zu vergleichsweise günstigen Konditionen am europäischen Festland einzukaufen.

Nächste Transferzeit noch attraktiver

Umgekehrt profitieren freilich auch exportierende Vereine wie Rapid von dieser Situation. Wird in Pfund über den Transfer verhandelt, schauen am Ende mehr Euros dabei heraus, als das noch vor ein oder zwei Jahren der Fall gewesen wäre.

In der nächsten Transferzeit könnten Geschäfte mit englischen Klubs sogar noch einmal an Attraktivität gewinnen. „Wir gehen davon aus, dass der Euro in den kommenden Monaten schwächer wird. Im Jänner könnte die Lage für britische Investitionen in Euro-Länder also noch günstiger sein“, sagt Wirtschaftsexperte Scheiblecker.

Grund dafür sei der massive Ankauf von Staatanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB), wodurch das Zinsniveau gesenkt und die Währungs-Nachfrage gedämpft wird.

Rapid könnte von Grexit profitieren

Ein unberechenbarer Faktor in diesem Zusammenhang ist die Griechenland-Krise. Es bleibt unklar, wie sich ein mögliches Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone, der sogenannte Grexit, auf den Euro-Wechselkurs auswirken könnte. „Das ist eine gute Frage. Der Euro-Raum ist stabil, langfristig würde es die Währung wohl stärken, aber kurzfristig könnte eine Schwächung eintreten.“

Kommt in den nächsten Tagen keine Einigung zustande und Griechenland fliegt aus dem Euro, dann könnte die europäische Währung gegenüber dem Pfund Anfang nächster Woche noch einmal an Wert verlieren. Dieser Zeitpunkt wäre dann für Transfergeschäfte mit englischen Klubs besonders günstig.

Umgelegt auf das Beispiel des Beric-Transfers bedeutet dies, dass Rapid von einem Grexit profitieren könnte. Fällt der Euro-Kurs, dann würde eine in Pfund ausverhandelte Ablösesumme nächste Woche mehr Euros in die Kassen spülen, als das in dieser Woche der Fall wäre.

Englische Dominanz

Auch Alexander Sperr schlägt sich momentan mit dem Euro-Pfund-Wechselkurs herum. Der Spielerberater von Philipp Schobesberger streicht den Vorteil eines starken Pfunds für die Profis hervor: „Für den Spieler ist es natürlich angenehm, sein Gehalt in einer harten Währung zu bekommen.“

Dass die Vereine den Wechselkurs bei den Transfergeschäften im Blick haben, glaubt er allerdings nicht. „Das spielt keine Rolle. Die englischen Klubs haben aufgrund der lukrativen TV- und Werbeverträge sowieso so viel Geld.“

Sperr spricht damit eine Entwicklung an, die nicht zuletzt durch das neue Premier-League-TV-Paket offensichtlich wurde. Insgesamt 6,9 Milliarden Euro zahlen Sky und BT Sport für die Fernsehrechte von 2016 bis 2019. Jedem Klub wird das pro Saison mindestens 130 Millionen Euro sichern. Damit baut die Premier League die wirtschaftliche Dominanz gegenüber den anderen Top-Ligen noch einmal aus.

Angesichts dieser Summen verkommen die Vorteile, die der schwache Euro-Wechselkurs englischen Vereinen bringt, zu Peanuts. Dennoch trägt auch dieses Puzzlestück zur englischen Vorherrschaft am Transfermarkt teil.

Das zeigt sich nicht zuletzt an jenen Summen, die englische Zweitligisten für Beric und Schobesberger bieten sollen.

 

Jakob Faber

Spieler (Verein) Mögl. Ablöse (€) Juli 2015 (£) Juli 2014 (£) Juli 2013 (£)
Roberto Firmino (Liverpool) 41 Mio. € 29,4 Mio. £ 32,7 Mio. £ 35,2 Mio. £
Memphis Depay (Man Utd.) 27,5 Mio. € 19,5 Mio. £ 21,9 Mio. £ 23,6 Mio. £
Shinji Okazaki (Leicester) 11 Mio. € 7,8 Mio. £ 8,8 Mio. £ 7,8 Mio. £
Kevin Wimmer (Spurs) 7 Mio. € 5 Mio. £ 5,6 Mio. £ 6 Mio. £
Robert Beric (Reading) 5,4 Mio. € 3,8 Mio. £ 4,3 Mio. £ 4,6 Mio. £
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