Der Mann der Stunde

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Jakob Jantscher ist der Mann der Stunde

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Leonardo spielt den Ball in den Rücken der Abwehr an die Strafraumgrenze.

Ibrahim Sekagya hat eigentlich die perfekte Schussposition. Doch er hört Schreie. Jakob Jantscher kommt hinter ihm angerauscht und will diesen Schuss abfeuern. Er will es unbedingt.

Sekagya spielt mit, lässt den Ball instinktiv durchlaufen und Jantscher versenkt das Leder mit aller Präzision und 106 km/h ins rechte untere Eck des Gehäuses. Mit aller Selbstverständlichkeit, mit allem Selbstvertrauen.

Tage am Meer

Rückblende. Es ist rund um Weihnachten und Neujahr. Jakob Jantscher liegt auf den Malediven, blickt auf das Meer raus. Die tausenden Kilometer weg von zu Hause helfen in diesem Fall nichts, die Gedanken kommen automatisch. Und das ist alles andere als verwunderlich.

Mit damals nur 22 Jahren musste  der Fußballspieler wenige Wochen zuvor den schwersten Schicksalsschlag seines Lebens hinnehmen. Sein Vater hatte den Freitod gewählt.

Der Urlaub abseits tat dem Offensivspieler von Red Bull Salzburg gut. Mit dabei war auch Stefan Maierhofer. Zufällig hatte der Teamkollege dasselbe Hotel auf derselben Insel gebucht.

„Wir haben in dieser Zeit über vieles gesprochen. Man sieht auch jetzt, dass er gefestigt ist“, so der Stürmer, der zu Jantscher schon länger einen guten Draht hatte.

„Er war schon vor meiner Zeit in Salzburg ein guter Bekannter von mir, jetzt ist er ein guter Freund geworden. Ich gönne ihm die Tore, denn er hat keine einfache Zeit hinter sich.“

Perfektes Umfeld für Verarbeitung

Das Verarbeiten dieser tragischen Situation war freilich alles anderes als einfach, doch Jantscher hatte das perfekte Umfeld dafür: „Ich habe sehr viel Unterstützung von meiner Verlobten und meiner Familie gehabt. Das ist für einen Fußballer sehr wichtig, so einen Halt zu haben. Damit du dich auch in so einer Zeit weiter konzentrieren kannst.“

Der 14-fache Saisontorschütze ist auch dem Verein für den Umgang mit dieser Situation dankbar. Trainer Ricardo Moniz lieferte ebenfalls Unterstützung: „Ich habe mitgelebt, ihm das Gefühl gegeben, so dass er spürt, was du sagst. Es ist gut, wenn er das zurückspürt. Was er erlebt hat, ist unglaublich.“

Noch unglaublicher ist die Reaktion auf diese tragische Geschichte.

„Wenn du so etwas in positive Energie umsetzen kannst, dann ist das ein Vorbild für jeden. Woher er die Kraft hergeholt hat, weiß ich nicht“, zieht Moniz vor seinem Schützling den Hut.

Jantscher habe das hinter sich gelassen, weiß sein Trainer. Der Niederländer kennt auch die Gründe für den aktuellen Lauf, der sich in Zahlen aktuell wie folgt ausdrückt: In den vergangenen vier Spielen hat der 23-Jährige immer getroffen, in den letzten acht Partien sieben Mal.

„Dass er diesen Lauf hat, ist sein Verdienst. Das ist auch Training, das vergessen viele. Das Tor wie gegen Mattersburg hat er oft geübt. Zweitens hat er einen erwachsenen Schritt gemacht.“

Immer hohe Ziele setzen

Allgemein hat Jantscher gegenüber seiner ersten Saison bei Red Bull nach seinem Wechsel  von Sturm nach Salzburg einen großen Sprung gemacht.

„Im ersten Jahr ist es immer nicht einfach, du musst dich umstellen. Bei Red Bull spielen zusätzlich Faktoren mit, an die du dich erst gewöhnen musst. Ich habe aber auch in der ersten Saison einige gute Spiele absolviert, habe sehr viele gespielt. Jetzt habe ich eben eine Konstanz drinnen“, analysiert der neunfache ÖFB-Nationalspieler.

Aus Sicht seines Trainers gibt es allerdings noch genügend Arbeit, auch mentaler Natur.

„Jakob muss mit beiden Füßen am Boden bleiben und Woche für Woche für die Mannschaft kämpfen. Aber da mache ich mir keine Sorgen“, so Moniz, der Spielern mit solchem Potenzial nur eines ans Herz legt: „Solche Spieler müssen immer hohe Ziele haben, das versuchen wir zu pushen.“

Eines seiner Ziele könnte Platz eins in der Torschützenliste sein, den Platz an der Sonne hat Jantscher aktuell inne. Vier Spiele vor Schluss liegt der Beidfüßige vier Tore vor einem Trio, unter anderem auch vor Maierhofer.

„Ich würde mich freuen, wenn Jakob den Torschützen-Pokal holt“, wünscht der „Lange“ seinem Kumpel diesen Titel. Jantscher könnte nach Rapid-Kapitän Steffen Hofmann 2010 der erst zweite Nicht-Angreifer sein, dem dieses Husarenstück gelingt.

Torschützenkönig Jantscher?

„Ich bin ein offensiver Mittelfeldspieler und kein Stürmer, der unbedingt Torschützenkönig werden muss. Ich versuche natürlich so viele Tore wie möglich zu erzielen, dann schauen wir, was herauskommt“, so Jantscher, der ein anderes Ziel viel intensiver verfolgt.

Schließlich war der gebürtige Grazer noch nie Meister.

„Ich bin mit Sturm schon Cupsieger geworden, es wäre jetzt schön die Meisterschaft zu holen – und noch schöner natürlich das Double. Das haben wir bei Red Bull noch nicht gehabt.“

Um dann ins Ausland zu gehen? Jantscher hat eine Ausstiegsklausel für eben jenes, aber keine Eile: „Ich habe überhaupt keinen Stress, ich habe noch zwei Jahre Vertrag. Was im Sommer ist, schauen wir dann.“

Am Dienstag gastiert Salzburg im Cup-Halbfinale bei Erste-Liga-Schlusslicht Hartberg, am Sonntag kommt es in Wien-Hütteldorf zum großen Liga-Gipfel mit Rapid.

Für die Woche der Wahrheit ist Jakob Jantscher perfekt in Schuss. Sein Goldtor in Mattersburg ist Beweis genug.

„Wenn’s laft, dann laft’s“, sagen die Bewohner der Steiermark zu solch einer Situation. Und dieser Steirerman ist aktuell very good, vor allem in einer Saison, die für ihn alles andere als nur Höhen zu bieten hatte.

 

Bernhard Kastler

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