Vom missglückten Debüt und dem Fersler des Jahres

Aufmacherbild
 

Über 500 Spiele hat Mario Haas für seinen SK Sturm bestritten. Dazu kommen 43 Einsätze im Nationalteam und 27 beziehungsweise 48 bei seinen Gastspielen in Straßburg und Ichihara.

LAOLA1 hat sich elf der zahlreichen Meilensteine in der Karriere des Grazer Urgesteins herausgepickt.

GAK – Sturm Graz 4:0 – 8. Mai 1993 – 15:30 Uhr – Casino-Stadion, Graz

Mario Haas kam, als sein SK Sturm ging. Vermeintlich zumindest.  Nach einer desaströsen Derby-Niederlage im Mittleren Playoff gegen den GAK schien der bittere Gang der „Blackys“ in die zweite Division besiegelt. Ausgerechnet in einer der dunkelsten Stunden der Vereinsgeschichte trat der 18-jährige Teenager erstmals ins Rampenlicht. In Minute 62 wurde er beim Stand von 0:2 für den enttäuschenden Kroaten Igor Calo eingewechselt, konnte dem Spiel jedoch auch keine Wendung mehr geben.

"Das wird Konsequenzen geben", schäumte Präsident Hannes Kartnig und kündigte an, routinierte Kräfte wie Calo, Walter Hörmann oder Klaus Spirk in die Wüste zu schicken. Im Gegenzug wolle man verstärkt auf den eigenen Nachwuchs setzen, man habe schließlich ein gutes U21-Team, nur Darko Milanic sollte unbedingt gehalten werden.

In der Rückblende kann man behaupten: Aus der Emotion heraus alles richtig gemacht. Sturm schaffte dank eines legendären Schlussspurts, unter anderen wurde der FavAC 8:0 aus der Gruabn geschossen, doch noch den Klassenerhalt – Haas trug dazu seinen ersten Liga-Treffer im Steirer-Derby gegen Leoben bei. Und mit besagten Youngsters hatte Sturm in den folgenden Jahren bekanntlich noch viel Freude.

Sturm Graz – Austria Wien 5:0 – 13. April 1998 – 18:00 Uhr – Arnold-Schwarzenegger-Stadion, Graz

Österlicher Feiertag in Graz-Liebenau. Sturm war endgültig zum Krösus des Österreichischen Fußballs auferstanden. Mit einem 5:0 gegen die Wiener Austria an jenem Ostermontag nützte die Osim-Elf den Patzer des Stadtrivalen am Vortag in Linz, um sich sieben Runden vor Schluss uneinholbar von der Konkurrenz abzusetzen. Zum ersten Mal war ein steirischer Verein österreichischer Fußballmeister. Sturm trug sich damals auch europaweit in Geschichtsbücher ein. Nur Ajax Amsterdam schaffte es bis zu diesem Zeitpunkt einmal, früher den Meistertitel zu fixieren.

"Ich hab eben Visionen - vielleicht werden wir auch Europacupsieger..." kannte der Jubel, der Überschwang und der Realitätssinn beim wortgewaltigen Präsidenten Hannes Kartnig nach Schlusspfiff keine Grenzen mehr. Der Sekt floss in Strömen, die Fans stürmten den Rasen. Nur Ivan Osim war "geflüchtet" und genoss allein in der Kabine bei einem Stamperl Sekt seinen ersten Meistertitel.

Mario Haas trug sich natürlich auch in die Schützenliste ein und erzielte nach Pass von Hannes Reinmayr das 2:0. Haas war in dieser Saison mit 17 Treffern bester Torschütze seiner Mannschaft. Geschlagen geben musste er sich nur Geir Frigard vom LASK mit 23 Toren.

Österreich – Frankreich 2:2 – 19. August 1998 – 20:45 Uhr – Ernst-Happel-Stadion, Wien

"Österreich sollte mit einer solchen Leistung kein Problem haben, sich für die EM zu qualifizieren, Vastic und Haas haben mir am besten gefallen", sagte Frankreichs Trainer Roger Lemerre nach diesem Spiel. Es war das erste Ländermatch nach der WM in Frankreich und es war der "Sturm-Block" Ivica Vastic, Hannes Reinmayr und Mario Haas, der in diesem Spiel zu begeistern wusste.

Was in Graz funktionierte, sollte auch beim Nationalteam klappen. Ivica Vastic sah Mario Haas, der Lilian Thuram enteilte, ein Superpass, ein Superschuss von Haas mit dem linken Pratzerl und Bernard Lama war geschlagen. Nach der Pause hatte Haas binnen 60 Sekunden noch zwei weitere Chancen, nicht von ungefähr urteilte die "Kleine Zeitung" nach dem Spiel über den damals 23-Jährigen: "Er spielte die französische Abwehr schwindlig und hätte den Weltmeister im Alleingang k.o. schießen können." Erstes Interesse in Frankreich hat er mit diesem Auftritt mit Sicherheit geweckt.


Sturm Graz – FC Tirol 3:0 – 29. Mai 1999 – 17:15 Uhr – Arnold-Schwarzenegger-Stadion, Graz

Wenn ein König ruft, kann nicht einmal ein Mario Haas widerstehen. Claude Le Roy, seines Zeichens während der WM 1998 auf der Kameruner Trainerbank, widmete sich nach einer erfolglosen Weltmeisterschaft Racing Straßburg und wollte Haas um jeden Preis.  Sogar der französischen Sport-Bibel „L’Equipe“ war das eine Schlagzeile wert. So trafen sich Sturm-Manager Heinz Schilcher und Le Roy für lange Verhandlungen.

Und das ausgerechnet zwei Tage vor einem Herzschlagfinale in der Bundesliga, vor dem sich Sturm erst durch einen 2:1-Sieg in letzter Sekunde gegen den GAK einen entscheiden Vorteil für den Schlussgang verschaffte. Mario Haas wusste vor dem Spiel, dass er sich danach verabschieden würde und er sollte es standesgemäß tun. Elfte Minute, Günther Neukirchner schickte Haas in die Gasse – und als ob er den Treffer erzwingen wollen würde, knallte der „Bomber“ den Ball mitten ins Tor. 

Es sollte noch nicht alles gewesen sein. In Minute 73 umkurvte Haas Stanislaw Tschertschessow und traf zum 3:0. Als wäre für die 90 Minuten ein Drehbuch verfasst worden, wechselte Ivan Osim seinen Stürmer unmittelbar danach aus. Unter Tränen schlich sich Haas applaudierend vom Feld um danach seinem Trainer um den Hals zu fallen. Danach wurde der zweite Meistertitel in der Vereinsgeschichte gefeiert.

Racing Straßburg – RC Lens  1:0 – 31. Juli 1999 – 20 Uhr – Stade de la Meinau, Straßburg

Es war nicht unbedingt Liebe auf den ersten Blick, sondern vielmehr "Hass". Als solcher wurde Neuzugang Mario Haas den 25.941 Zuschauern im Stade de la Meinau zu Straßburg auf der Anzeigentafel vorgestellt – natürlich nur ein Tippfehler.

Unter das Publikum mischte sich auch Prominenz aus Graz, um dem Meisterschafts-Debüt von Haas für seinen neuen Arbeitgeber live beizuwohnen. Unter anderen beobachtete Ivan Osim, in den 70er-Jahren selbst als Kicker bei Straßburg aktiv, dass aller Anfang für seinen ehemaligen Lieblingsschüler schwer war. In einer hektisch geführten Partie kam Haas kaum zu auffälligen Szenen, nach 70 Minuten wurde er ausgetauscht.

Straßburgs Siegtreffer fiel unmittelbar nach Wiederanpfiff, als viele Anhänger sich noch gar nicht wieder auf ihren Plätzen eingefunden hatten. „Mario hat seine Qualitäten, seine Schnelligkeit bewiesen und gut gekämpft“, lobte Osim, "beide Teams haben sich neutralisiert, zum Start wollte niemand verlieren. Dazu kam, dass Straßburg nach zehn Minuten den Spielmacher durch Verletzung verloren hat. Das war auch ein Handicap für Mario."

Sturm Graz – Panathinaikos Athen 2:0 – 14. Februar 2001 – 20:45 Uhr – Arnold-Schwarzenegger-Stadion, Graz

"Die angestrebte Rückkehr zu Sturm wird zu einem Wettlauf mit der Zeit", schrieb die "Kleine Zeitung" am 1. Februar 2001. Tatsächlich verlief die Rückkehr in die Heimat spannender als so manches Meisterschaftsfinale. Hannes Kartnig wollte Haas unbedingt zurück, gab vom Argentinien-Urlaub aus das Okay. Kostenpunkt: 21 Millionen Schilling (rund 1,5 Mio Euro). Nach langem Hin und Her waren sich die Klubs einig, doch der französische Verband stellte den Fax-Verkehr ein. So musste Haas-Anwalt Christian Flick auf die Freigabe mit der Post warten.

Sie kam, Haas kam und Sturm war mit dem „Atom-Sturm“ (Zitat „Krone“) Amoah-Haas, trotz Platz fünf in der Tabelle und neun Punkten Rückstand auf Tirol, plötzlich wieder Meisterschaftsfavorit. Nach einem kurzen Camp in Holland feierte Haas in der Champions-League-Zwischenrunde sein Debüt gegen Panathinaikos. Und was für eines. Vier Minuten nach seiner Einwechslung in Minute 56 spielte Gilbert Prilasnig den öffnenden Pass in den Strafraum, Haas startete in die Lücke, ging an Keeper Antonios Nikopolidis vorbei und schob zur Führung ein. Zum Drüberstreuen lieferte er auch noch den Assist zum 2:0 von Tomislav Kocijan. „Es war ein Tor für den Präsidenten, aber auch für die Fans“, ließ Haas später in den Medien ausrichten. 

Sturm Graz – GAK 1:0 – 17. Mai 2007 – 15:30 Uhr – UPC-Arena, Graz

„Ganz Graz trägt schwarz“ – dieser doppeldeutige Slogan stand nicht nur auf eigens gedruckten T-Shirts, sondern auch als Motto für  diesen Nachmittag im Mai. Fußball-Graz war finanziell an der Talsohle angekommen. Der GAK stand nach mehrfachem Punktabzug als Absteiger fest, doch im allerletzten Aufeinandertreffen mit dem Stadtrivalen, wollten sich die Rotjacken noch einmal aufbäumen.

Mario Haas machte nicht mit und versenkte den Ball nach 37 Minuten mit einem Weitschuss per Spitz im Netz. „Die Stimmung war wie zu unseren Champions-League-Zeiten“, sagte Trainer Franco Foda nach dem Spiel.  Haas traf in seiner Karriere acht Mal gegen den GAK, seine Bilanz ist mit 10 Siegen, sieben Remis und 12 Niederlagen jedoch knapp negativ.

Rapid Wien – Sturm Graz 1:5  – 15. September 2007 – 18:30 Uhr – Gerhard-Hanappi-Stadion, Wien

Manchmal deponiert man Wünsche, manchmal lässt man sich überraschen und manchmal beschenkt man sich einfach selbst. So wie Mario Haas am Vorabend seines 33. Geburtstages. Und lange wollte er dabei auch nicht warten:  Ankick für Rapid. Der Ball wurde zurückgespielt. Linksverteidiger Mario Sara spielte auf Innenverteidiger Jürgen Patocka, der wieder auf Sara. Der ließ sich Zeit, spielte noch einmal zu Patocka – und dann reichte es Mario Haas, sprintete in den ungenauen Ball und versenkte ihn unhaltbar für Helge Payer im langen Eck. 17 Sekunden waren da gespielt. Noch nie zuvor hat ein Bundesliga-Team mit seiner ersten Ballberührung ein Tor erzielt.

Es war der Auftakt für eine Gala in Schwarz-Weiß. Klaus Salmutter (2), Jürgen Säumel und Samir Muratovic legten noch vier Treffer drauf, am Ende hieß es 5:1 für Sturm. Rapids stolze Heimserie von 21 Spielen ohne Niederlage fand ein deftiges Ende. Während sich Peter Pacult nach dem Spiel bei den Fans entschuldigte, gab Franco Foda seinen Schützlingen frei. „Denn sie feiert ja mit Mario Haas Geburtstag.“

Austria Wien – Sturm Graz 1:3 – 2. November 2008 – 18:30 Uhr – Franz-Horr-Stadion, Wien

"Den Schwierigen macht er, den einfachen zuvor nicht!", urteilte Premiere-Kommentator Martin Konrad. Szabolcs Safar und Kollegen schauten sich verdutzt an, Haas streckte die Arme aus, machte ein paar Meter, drehte sich um und deutete voll Stolz auf seine Rückennummer.

Was war passiert? Wohl eines der elegantesten Tore der Bundesliga-Geschichte. Sturm führt bei der Austria mit 2:1 und kontert. Andreas Hölzl zieht von rechts zur Mitte, passt den Ball durch die Beine von Jocelyn Blanchard in den Strafraum,  Haas nimmt sich den Ball an, geht an, damals noch, Austria-Verteidiger Joachim Standfest vorbei, steht parallel zum Tor lupft den Ball mit einem Über-Kreuz-Schritt per Ferse über Safar hinweg ins lange Eck.

Zu Recht erhielt er für diesen Prachttreffer die Auszeichnung für das Tor des Jahres. 

Sturm Graz – SC Wiener Neustadt  - 1:0 -  16. Mai 2010 – 16:30 Uhr – Hypo Group Arena, Klagenfurt

Abgesehen von den Spielen bei der Europameisterschaft 2008 war es wohl die größte Faninvasion, die Klagenfurt je erlebte. 25.000 Schwarz-weiße Fans wollten sich das erste Cup-Finale ihres Klubs nach sechs Jahren nicht entgehen lassen. 

Sie sollten keinen fußballerischen Leckerbissen zu sehen bekommen, dafür aber neun Minuten vor dem Abpfiff die Statik des Bauwerks auf die Probe stellen. Und Mario Haas war mit schuld. Als Joker sollte er das Ruder vor einer möglichen Verlängerung herumreißen. Gesagt, getan. Dribbling auf der linken Seite, Zuspiel auf Joker-Kollege Muratovic, der flankt auf den Kurzzeit-Sturmtank Klemen Lavric, der per Kopf für ein kleines Erdbeben und den vierten Cup-Sieg in der Vereinsgeschichte sorgte.

"Ich habe gezeigt, dass ich immer noch schnell bin“, sagte Haas nach der Partie. Zwei Wochen später sollte er seinen Vertrag ein vorletztes Mal verlängern. 

Sturm Graz – FC Wacker Innsbruck – 25. Mai 2011 – 20:30 Uhr – UPC-Arena, Graz

Durch die Lautsprecher des Liebenauer Stadions tönte die inoffizielle Landeshymne "Steiermark" von STS, im euphorisierten Publikum wechselten sich feuchte Augen, Umarmungen wildfremder Leute und grenzenloser Jubel munter ab, auf dem Rasen ließen die Sturm-Kicker ihrer Freude freien Lauf.

"Nur für diesen Moment bin ich ein Jahr lang nicht weggegangen", strahlte Haas. Der SK Sturm war soeben zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte Meister geworden, zum dritten Mal mit dem Goalgetter, der als einziger Kicker an allen Titeln beteiligt war. Gegen den FC Wacker bereitete der inzwischen 36-Jährige, als Joker auf das Feld gekommen, in Minute 84 den alles entscheidenden Treffer von Samir Muratovic vor.

"Jeder Meistertitel ist ein Wahnsinn. Der erste war natürlich der Schönste, weil Sturm noch nie zuvor einen gehabt hatte. Dieser ist jetzt einfach eine Sensation, weil keiner daran geglaubt hat“, jubelte Haas, der es sich selbstverständlich nicht nehmen ließ, den Zeremonienmeister zu geben – und den Frisör von Neo-Glatzenträger Franco Foda. "Wir werden ordentlich feiern, es wird richtig tscheppern", kündigte er an. Ein "Befehl" der Legende, dem die meisten Mitglieder der Sturm-Familie an diesem Abend Folge leisteten.

 

Andreas Terler / Peter Altmann

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen