"Habe in den USA nie wirklich eine Chance bekommen"

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Wahrzeichen Wasserturm statt Freiheitsstatue, Arena Nova statt Madison Square Garden, Stadtpark statt Central Park.

Es ist schon eine andere Welt, in die Conor O’Brien – nicht zu verwechseln mit US-Talkshowmaster Conan O’Brien - vor knapp zwei Monaten eintauchte. Der US-Boy, wie er im Buche steht, zog vor einigen Jahren aus, um in Europa Karriere zu machen.

Seine Heimat Long Island/New York ließ der heute 25-Jährige hinter sich, bis es ihn nach Stationen in Dänemark erst kürzlich nach Wiener Neustadt verschlug.

Das soll allerdings nicht das Ende der Fahnenstange sein, denn der ehemalige College-Star hat den Traum noch nicht aufgegeben, einmal mit dem Star-Spangled Banner auf der Brust aufzulaufen.

Austria, not Australia

Für das Team von Heimo Pfeifenberger ist der technisch versierte Mittelfeld-Stratege wahrlich eine Bereicherung, die Eingewöhnung fiel ihm leicht.

„Ehrlich gesagt waren meine ersten Eindrücke sehr positiv. Meine ersten beiden Spiele haben wir gewonnen, auch sonst ist es noch ein positiver Start“, blickt O’Brien im LAOLA1-Interview auf die Anfänge in Niederösterreich zurück.

Während Amerikanern oftmals nachgesagt wird, Österreich gerne einmal mit Australien zu verwechseln, war die neue Adresse für ihn kein gänzlich unbeschriebenes Blatt.

Seinen Stationen in Dänemark sei Dank. In Odense kickte er an der Seite von Ex-Sturm-Akteur Darko Bodul, bei SönderjyskE traf er auf Florian Hart und Trainer Lars Söndergaard.

Gut vorbereitet ins neue Abenteuer

Allesamt Persönlichkeiten, die hautnah mit der Bundesliga in Kontakt kamen und von denen der US-Boy einen ersten Eindruck bekommen konnte.

„Ich wusste zwar nicht viel über Wiener Neustadt, aber auf jeden Fall ein bisschen über den österreichischen Fußball. Man sieht RB Salzburg in der CL-Quali oder Europa League und kennt Rapid als großen Klub. Außerdem haben die drei immer wieder davon gesprochen.“

Zudem verfolgt er das US-Nationalteam, in dem mit Andreas Herzog als Co-Trainer und Ex-Rapid-Stürmer Terrence Boyd zwei Personen mit rot-weiß-roten Connections agieren.

Ersterer hat auch seinen Teil dazu beigetragen, dass der Deal überhaupt zustande kam. Bleibt die Frage, warum O’Brien in Wiener Neustadt anstatt in der MLS auf Torejagd geht?

Am College unter Top-15-Talenten der USA

Schließlich wurde er als erster Spieler der Bucknell University in Lewisburg/Pennsylvania seit 33 Jahren ins All-America-Team gewählt und zählte zu den 15 größten Talenten des Landes.

Zudem stellte er in der Geschichte des Colleges den zweitbesten Wert an Asissts (25) und den neuntbesten an Toren (26) auf.

„Das war eine wirklich riesige Ehre für mich. Meine einzige Vorstellung war, professionell in den USA zu spielen. Aber ich habe, nachdem ich das College verlassen habe, nie wirklich die Chance bekommen“, trauert der Profi der MLS nach.

Also wurde das Flugticket nach Europa gelöst, Dänemark galt als Auffangbecken. „Dort habe ich mich innerhalb von zwei Jahren von der dritten Liga zu einem Team, das CL-Qualifikation spielt, hochgearbeitet. Das war sehr gut für meine Karriere.“

Eine Entscheidung für Soccer und Neustadts Vision

Die Entscheidung für den Fußball, in einem Land, in dem traditionell American Football, Basketball, Baseball und Eishockey regieren, hat er trotz Flucht aus der Heimat nie bereut.

„Ich war nie groß genug, um Basketball oder American Football zu spielen. Außerdem bin ich in einer Soccer-Familie aufgewachsen, meine Familie ist sehr exotisch und liebt Sport. Ich habe früher auch andere Sportarten gemacht, wie Baseball, Golf, Tennis oder Skifahren. Als ich älter geworden bin, habe ich mich in Fußball verliebt und mich dafür entschieden.“

In Dänemark lief es schon ganz gut, nach seiner Zeit bei Odense wog O’Brien jedoch die Möglichkeiten sorgfältig ab und entschied sich für Bundesliga-Nachzügler Wiener Neustadt.

Herzog hatte seinen Anteil, doch vor allem überzeugte ihn die Vision von Manager Günter Kreissl und Trainer Heimo Pfeifenberger – sowohl was seine Person als auch den Verein betrifft.

„Ich wollte zu einem Klub, wo meine Fähigkeiten und das, was ich anbieten kann, geschätzt werden. Es hatte einfach den Anschein einer Win-Win-Situation. Sie suchten einen Leader, als der ich bei meinen letzten Klubs bekannt war.“

„Kein Kulturschock, aber komplett anders zu New York City“

Somit ging es in die zweitgrößte Stadt Niederösterreichs, die 42.000 Einwohnern als Zuhause dient. Für O’Brien eine Umstellung, aber kein großer Kulturschock.

„Irgendwie schon, aber ich habe ja zuletzt schon vier Jahre in Dänemark gelebt, unter anderem in Kopenhagen. Und auch hier ist Wien nicht weit weg. Dieser Typ Stadt ist etwas ähnlich, aber natürlich komplett anders im Vergleich zu New York City.“

Dafür ist er der Ansicht, dass Wiener Neustadt fußballerisch aktuell die richtige Adresse ist. Um die mannschaftliche Qualität zu steigern, will der US-Amerikaner sein Können einbringen.

„Ich will diese zentrale Rolle spielen, fordere den Ball und will, dass meine Teamkollegen meine Energie spüren. Ich bin zwar nicht der auffälligste, größte oder stärkste, aber ich will die Spieler um mich herum besser machen.“

Mit dieser Einstellung ergibt sich irgendwann womöglich doch noch die Möglichkeit, in der MLS oder sogar im US-Nationalteam aufzulaufen – über den Umweg Wiener Neustadt.


Alexander Karper

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