Abkippende Sechs: Hemmschuh?

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Die abkippende Sechs: Ein Hemmschuh?

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Arbeiter gegen Bürgerliche.

Hütteldorf gegen Verteilerkreis.

Grün gegen Violett.

Rapid gegen Austria. Kaum ein Fußballspiel in Österreich wird durch so viele Gegensätze geprägt. Und dennoch sind sich die Wiener Klubs in dieser Saison so ähnlich wie schon lange nicht mehr.

Seit der Bestellung von Thorsten Fink setzt auch die Austria auf dominanten Ballbesitzfußball. Rapid hat sich dieser Spielphilosophie sowieso schon länger verschrieben. Zum herausragenden Merkmal beider Teams wurde dabei ein spezielles taktisches Mittel: Die abkippende Sechs.

Eine durchaus umstrittene Variante, wie die Pfiffe beim letzten Austria-Spiel (LAOLA1-Infos) zeigen. Auch bei Rapid wird immer wieder Kritik laut, dass das Aufbauspiel zu behäbig verliefe.

Zusätzliche Hilfe im Spielaufbau

Man kennt das: Raphael Holzhauser lässt sich zwischen die Innenverteidiger fallen, um von dort die Spieleröffnung zu übernehmen. Auch Alexander Grünwald, der seit neuem weiter zurückgezogen agiert, kommt dafür in Frage. Bei Rapid sind Thanos Petsos und Srdjan Grahovac die Männer für diese Aufgabe. Doch was für einen Sinn hat das Abkippen der Sechs überhaupt?

„Dieses Mittel wird oft eingesetzt, wenn der Gegner mit zwei Spitzen attackiert. Die drei Spieler stellen im Spielaufbau Überzahl her, gleichzeitig können die Außenverteidiger weiter nach vorne stoßen“, weiß Thomas Janeschitz, der Chef der ÖFB-Trainerausbildung. „Beim Herausspielen aus der Abwehr ist die abkippende Sechs somit eine zusätzliche Hilfe.“

En vogue gemacht wurde diese taktische Variante – wie so viele Innovationen der jüngeren Vergangenheit (falsche Neun, Gegenpressing,…) – von Pep Guardiola. Der aktuelle Bayern-Coach vertraute in seiner Anfangszeit beim FC Barcelona Yaya Toure und Sergio Busquets diese Aufgabe an. Letzterer führte Spanien in dieser Rolle sogar zum WM-Titel.

Verkehrter Libero

Im Prinzip griff Guradiola aber nur eine alte Idee neu auf. Denn wer so will, kann die abkippende Sechs auch als „verkehrten Libero“ bezeichnen. Der alte Abwehrchef, der durch die flächendeckende Umstellung von Mann- auf Raumdeckung obsolet wurde, stieß früher im Aufbauspiel gerne mit nach vor. Quasi die umgekehrte Richtung der modernen Sechser.

Rapid-Trainer Zoran Barisic erinnert sich: „Der Libero war eine Art Absicherung für die anderen Verteidiger. Im Spielaufbau ist er schon auch oft ins Mittelfeld gerückt, um weniger ausrechenbar zu sein. Er hat weite Pässe nach links oder rechts gemacht, ist aber nie in die nächste Zone nach vorne gestoßen.“

Gut 15 Jahre später übernimmt bei einigen Teams der Tormann die Agenden des Liberos. Das hat auch Auswirkungen auf die abkippende Sechs. „Manche Vereine nutzen den Tormann als ersten Spieleröffner. Das Paradebeispiel dafür sind die Bayern, bei denen Manuel Neuer oft den direkten, scharfen Vertikalpass ins Mittelfeld spielt“, meint Janeschitz.

In Österreich ist diese Entwicklung mangels Weltklasse-Torhüter noch kein großes Thema. Bei Rapid und der Austria treiben die defensiven Mittelfeldspieler das Angriffsspiel nach vorne. Barisic will, dass seine Mannschaft den Gegner dominiert. Deswegen legt er großen Wert auf die Ballsicherheit, die eine abkippende Sechs bringt.

„Ja, das kann zu einem Hemmschuh werden“

Bei Rapid setzte der 45-Jährige von Anfang auf dieses Mittel. Schon Vorgänger Peter Schöttel nutzte Muhammed Ildiz das ein oder andere Mal in dieser Rolle, vertraute aber nicht konsequent darauf.

Barisic meint: „Für mich ist das Aufbauspiel irrsinnig wichtig, um das Spiel zu kontrollieren. Man muss versuchen, in die nächsten Zonen zu kommen, Überzahlspiele zu kreieren. Da geht es nicht nur um die abkippende Sechs, man muss flexibel agieren.“

Flexibilität ist das Stichwort. Denn wird die abkippende Sechs in jedem Spiel stur durchgezogen, ohne auf den jeweiligen Gegner einzugehen, kann sie im Spielaufbau zu einem öden Herumgeschiebe führen.

„Der Nachteil davon ist, dass hinter der ersten Linie des Gegners eine zusätzliche Anspielstation fehlt“, meint Trainerausbildner Janeschitz. Auch Barisic gibt zu: „Ja, die abkippende Sechs kann zu einem Hemmschuh werden, wenn wir das Spiel nicht gut genug lesen können.“

Holzhausers Heatmap beim 2:1 gegen Grödig

Fink als Spezialist

Der Rapid-Trainer hat diese Erfahrung genauso wie sein Gegenüber bei der Austria schon einige Male machen müssen. Am Ende des Spiels steht viel Ballbesitz für die eigene Mannschaft, aber nur wenig Output in Form von Torschüssen und Treffern. Das Leder wird zwischen Innenverteidigern und Sechsern umhergepasst, ohne vorne Anspielstationen zu finden (siehe LAOLA1-Analyse des Austria-Spielaufbaus).

Eine mühsame Tortur, die bei den Austria-Anhängern zuletzt gegen Grödig für Frustration sorgte. Dabei hat Coach Fink mit der Hereinnahme von Roi Kehat statt Ognjen Vukojevic bereits auf die Umstände reagiert. Er versuchte damit, in der Offensive mehr Passmöglichkeiten zu schaffen.

Fink, der gegenüber LAOLA1 zu diesem Thema nicht Stellung beziehen wollte, gilt überhaupt als Spezialist für die abkippende Sechs. Schon bei vorangegangenen Stationen, wie Basel oder Hamburg, vertraute er auf dieses Mittel.

Einmal mit mehr, ein anderes Mal mit weniger Erfolg. Während er in der Schweiz zwei Mal Meister wurde, stellten sich die Gegner in der deutschen Bundesliga nach starkem Beginn immer besser auf seine Strategie ein. Zumal sich Systeme mit einer abkippenden Sechs aufgrund der hoch stehenden Außenverteidiger auch im Konter immer wieder als anfällig erweisen.

„Hängt auch von der Qualität der Innenverteidiger ab“

ÖFB-Experte Janeschitz beurteilt es grundsätzlich positiv, dass die beiden Wiener Vereine mit ihren Systemen versuchen, von sich aus das Kommando zu übernehmen.

Gleichzeitig meint er aber: „Rapid und die Austria könnten vielleicht noch spielbestimmender sein, wenn die Innenverteidiger alleine den Spielaufbau übernehmen. Die jeweiligen Trainer wissen aber am besten Bescheid, welches taktische Konzept sie ihrer Mannschaft geben - und das hängt natürlich auch von der individuellen Qualität der Innenverteidiger ab, vor allem von der deren technischen Fähigkeiten. Sie müssen scharfe, präzise Pässe nach vorne spielen können.“

Im Nationalteam stehen Marcel Koller mit Aleksandar Dragovic und Martin Hinteregger zwei Abwehrspieler mit diesen Qualitäten zur Verfügung. Nicht nur deswegen gilt der Schweizer eher als Gegner der abkippenden Sechs.

Koller kein Freund dieser Variante

Das weiß auch Janeschitz, der Koller bei der Nationalmannschaft als Assistent zur Seite steht: „Im ÖFB-Team versuchen wir, dass sich die Sechser zwischen den Linien des Gegners anbieten, um dort als Verbindungsspieler zwischen Verteidigung und Angriff zu agieren.“

Gegen defensive Gegner kann es jedoch schwierig sein, in diesen Regionen freie Räume zu finden. Dann weichen selbst Julian Baumgartlinger und David Alaba nach hinten aus. Zumeist aber nicht zwischen die Innenverteidiger, sondern hinter die Außenverteidiger.

„Manchmal müssen die Spieler selbst darüber entscheiden. Gegen defensive Mannschaften kann es schwierig sein, sich freizulaufen. Da ist es vielleicht sinnvoll, nach hinten abzukippen, um sich anschließend zwischen den Linien neu in Position zu bringen. Wichtig ist, ein Bewusstsein zu schaffen, wie man spielen möchte“, so Janeschitz.

Ist die abkippende Sechs nun also ein Zaubermittel gegen Fore-Checking oder ein Hemmschuh im Spielaufbau?

„Da gibt es kein richtig oder falsch“, meint Österreichs oberster Trainerausbildner. „Die Ausführung ist entscheidend.“

 

Jakob Faber

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