Das Offensiv-Problem

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Ein Saison-Fazit aus taktischer Sicht

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Spannend war sie allemal, diese Bundesliga-Spielzeit. An spielerischer Qualität ließ sie jedoch zu wünschen übrig.

Ein Defizit, das auch aus taktischer Sicht im Mittelpunkt des Saison-Fazits steht. „Grundsätzlich haben sich sehr viele Mannschaften defensiv weiterentwickelt. Die Grundlagen der Raumdeckung werden gut umgesetzt. Im Spiel nach vorne ginge aber sicher noch mehr“, weiß Thomas Janeschitz.

Der Chef der ÖFB-Trainerausbildung und Co-Trainer von Teamchef Marcel Koller begibt sich gemeinsam mit LAOLA1 auf Ursachenforschung.

Spiel nach vorne als taktisches Problem

Geht es nach der österreichischen Öffentlichkeit, so spielt Taktik ausschließlich in der Defensive eine große Rolle: Werden wenige Tor-Chancen herausgespielt, spricht man von einer von Taktik geprägten Partie. Lässt ein Team hinten wenig zu, so ist es taktisch gut eingestellt. Dabei entspricht dieses Klischee so gar nicht der Wahrheit.

„Das ist natürlich ein großer Irrglaube. Taktik heißt, Spielsituationen zu lösen. Dazu gehören auch Offensiv-Situationen. Wie ich einen Gegner ausspiele, das ist genauso Taktik“, stellt Janeschitz klar.

Ist das mangelnde Niveau der Bundesliga-Spiele also auch ein taktisches Problem?

In Anlehnung an ein Zitat von Aleksandar Dragovic könnte man diese Frage mit ja beantworten. „Bei Basel legen wir viel mehr Wert auf das Spielsystem, den Aufbau und die Laufwege. Ich will nichts schlechtreden, aber in Österreich wird doch viel statischer gespielt. Es werden kaum Laufwege entwickelt“, meinte der Schweiz-Legionär zuletzt gegenüber der „Presse“.

"Offensive ist schwerer zu trainieren"

Janeschitz will sich dieser Aussagen nicht anschließen, räumt aber Verbesserungspotenzial ein: „Aus der Ferne kann ich sowas nur schwer beurteilen. Vielleicht müsste man in der Offensive aber noch konsequenter arbeiten: Noch mehr Spielanlagen einarbeiten und den Spielern auch mehr Freiheiten geben, um Kreativität zuzulassen“, sagt der 45-Jährige, um gleichzeitig hinzuzufügen: „Ich glaube aber auch, dass die Offensive einfach schwerer zu trainieren ist.“

Ein Umstand, der den jungen Trainern der österreichischen Bundesliga nicht entgegen kommt, befanden sich doch viele von ihnen heuer in einer Debüt-Saison. In einer solchen Situation wird das Hauptaugenmerk zunächst oft darauf gelegt, hinten gut zu stehen.

Unterschied zum ÖFB-Team

In der Trainerausbildung würden die Trainer jedenfalls das nötige Rüstzeug für offensiven Fußball mitbekommen, versichert Janeschitz: „Das ist ein großer Schwerpunkt in der Ausbildung aller Stufen. Wir haben hier in den letzten Jahren einen Schwenk vollzogen. Es dauert jedoch immer ein bisschen, bis sich das in der Praxis durchsetzt.“

Das Nationalteam als Aushängeschlid des ÖFB soll hier mit gutem Beispiel vorangehen. Deswegen werde ein spielbestimmender und attraktiver Fußball angestrebt, wie der Co des Teamchefs erläutert. Dazu gehöre auch das vom ÖFB-Team zuletzt intensiv betriebene Gegenpressing (siehe Spiel gegen die Ukraine). Gemeint ist damit, den Ball so schnell wie möglich schon in der gegnerischen Hälfte zurückzuerobern.

Diese offensive Verteidigungsweise, die beispielsweise auch Borussia Dortmund verfolgt, kommt bei anderen österreichischen Mannschaften aber bisher noch nicht zum Einsatz. „In der Bundesliga geht es verhaltener zu. Die meisten Teams ziehen sich nach Ballverlust schnell zurück. Das sind aber natürlich auch taktische Überlegungen der einzelnen Trainer.“

Admira positiv hervorgehoben

Insgesamt werde aus taktischer Sicht in Österreich viel Potenzial noch nicht ausgeschöpft: „Das muss man realistisch sehen. Bei uns ist in allen Belangen noch viel Luft nach oben. Das ist nicht negativ gemeint. Ich glaube, einige Trainer sind sich dessen auch bewusst und leisten in diesem Zusammenhang gute Arbeit. Schöttel, Stöger, Kogler, Kühbauer – da sind gute Leute am Werk.“

Die Mannschaft des letztgenannten Coaches hebt Janeschitz im Hinblick auf die gerade zu Ende gehende Saison besonders hervor. „Die Admira hat mir gut gefallen. Sowohl, was die defensive Organisation betrifft, als auch die Offensive. Da sind schon Dinge zu erkennen, auf die im Training Wert gelegt wird.“

Doch auch bei anderen Teams sieht der ÖFB-Cup-Sieger (1988 mit Krems) eine Weiterentwicklung. „Bei Rapid hat man gesehen, dass es seine Zeit braucht, bis gewisse Mechanismen greifen. Ebenso hat sich Salzburg im Laufe der Saison gesteigert. Aber auch Mannschaften, wie Wacker, Mattersburg oder Neustadt arbeiten gut für die Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen.“

Uns als Fans bleibt letztlich nur die Hoffnung, dass die Entwicklung in der nächsten Saison Richtung Offensive geht. Sonst erwarten uns wieder einige sogenannten „von Taktik geprägten“ Spiele.

 

Jakob Faber

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