„Es war bisher ein besseres Warm-Up“

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16 Partien wurden bei der Europameisterschaft bisher bestritten.

Mehr als die Hälfte der EURO ist damit passé.

Eigentlich der perfekte Zeitpunkt, um ein erstes Resümee zu ziehen.

„Es sind bisher nur erste Tupfer abgegeben worden. Die großen Entscheidungen stehen noch aus“, spricht sich Matthias Sammer gegen derartige vorzeitige Schlussfolgerungen aus.

14 von 16 Teams haben immer noch Chancen auf das Viertelfinale. Lediglich Irland und Schweden dürfen sich bereits fix nach dem dritten Gruppen-Spieltag aus Polen und der Ukraine verabschieden.

Der Sportdirektor des DFB habe in seiner persönlichen Analyse lediglich erkannt, „dass es keine Übermannschaft gibt.“

Spanien nicht überzeugend

Ein Favorit lässt sich nach Ansicht des 44-Jährigen, der in seiner Funktion als Koordinator der deutschen Nachwuchs-Nationalteams in Wien verweilte, nicht ausmachen.

Weder will er die eigene Elf über den Klee loben und damit in alte deutsche Muster verfallen, noch habe ihn etwa Titelverteidiger Spanien überzeugt:

„Sie haben gegen Irland zwar deutlich gewonnen. Diesen Sieg kann man durch die rosarote Brille betrachten, oder ein paar Dinge sehen, die man anmerken kann.“ Welche „Dinge“ das sind, will Sammer nicht offenbaren, klare Veränderungen im Vergleich zur Weltmeisterschaft seien aber aufgefallen.

Niederlande nicht überraschend

So wenig sich der Deutsche von den sechs Punkten der Löw-Elf blenden lässt, so wenig verwundert der Nuller beim Erzrivalen Holland.

Sammer attestiert dem Gruppengegner, WM-Finalist von 2010 und Mitfavorit auf den Titel bei der aktuellen Endrunde nicht nur mangelnde Qualität („Es ist mutig, zu behaupten, dass die beiden Sechser, die Innenverteidiger und ein Neuling auf links europäische Spitze sind“), sondern auch ein Versäumnis, dem bereits andere Teams zuvor erlegen sind: „Es treten Veränderungen ein, die die Holländer 2010 verpasst haben, so wie wir 1990 oder die Franzosen 2000.“

Die Probleme beim liebsten Nachbarn seien auch an der medialen Vorberichterstattung abzulesen gewesen: „Es ist viel vor dem Spiel geredet worden. Auch Huub Stevens hat sich mit einem Rundumschlag zu Wort gemeldet. Das ist verwundernswert. Da hatte ich das Gefühl, dass in der Chemie zwischen Land und Truppe vielleicht noch nicht das richtige Mittel gefunden wurde.“

Teams nicht geschlossen

Die Meinung, „dass solche Mannschaften in der Vergangenheit nie die große Geschlossenheit an den Tag gelegt haben, ihre individuelle Stärke zu demonstrieren“ legt das Mitglied der letzten deutschen Europameister-Mannschaft von 1996 sowohl auf die Niederländer als auch auf den zweiten unterlegenen Gruppengegner, Portugal, aus.

Bei den Iberern sei es vor allem eine Personalie, die über allem steht und das Mannschaftsgefüge entscheidend stört.

Cristiano Ronaldo hat – auch in der allgemeinen Wahrnehmung – eine Rolle erreicht, der kannst du nicht gerecht werden. Eine derart exorbitante Stellung einer Persönlichkeit kann eine Mannschaft nicht vertragen.“

EM nicht auf Top-Niveau

Insgesamt kritisiert der ehemalige Defensiv-Spezialist, dass „die eine oder andere gute Mannschaft im Verhalten gegen den Ball recht große Defizite erkennen lässt.“

In galanter Art und Weise vermeidet Sammer, Namen zu nennen, erwähnt jedoch im Gegenzug Italien, das aus der Not eine Tugend gemacht hat, positiv:

„Es ist erstaunlich, dass die Italiener im Prinzip zu einem 3-5-2 zurückkehren. Da muss man sich dann gedanklich auseinandersetzen - wo liegen Vorteile, wo sind die Nachteile - um in detaillierten Sequenzen zu erkennen, dass Veränderungen nicht schlecht sind.“

Aufgrund von Details wie dieser bisher einzigen taktischen Besonderheit verdient die Endrunde das Prädikat „Interessant“, für „Top-Niveau“ reicht es indes noch nicht.

Aber, so hält der 51-fache DFB-Teamspieler abschließend fest: „Die Leben-oder-Sterben-Spiele kommen ja noch.“


Christian Eberle

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