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Türkei

Bild: GEPA

"Im Leben muss man oft einen Schritt zurück gehen"

Wien, 04.09.2012, 16:14 Uhr
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Trabzon, eine Hafenstadt am Schwarzen Meer, rund 230.000 Einwohner – für viele Österreicher eine eher exotische Destination, für Marc Janko die neue sportliche Heimat.

In der vergangenen Woche zog der ÖFB-Teamspieler ob nicht zufriedenstellender Perspektive beim FC Porto die Reißleine, brach seine Zelte in Portugal ab und übersiedelte zum türkischen Traditionsverein Trabzonspor.

„Im ersten Moment würde man sagen, die türkische Liga ist ein vermeintlicher Rückschritt, aber oft muss man im Leben einen Schritt zurück gehen, um wieder weiter nach vorne zu kommen“, erklärt der 29-Jährige im Gespräch mit LAOLA1 zu seinem Transfer.

Porto, ein Weltklub, Champions-League- und Europa-League-Sieger, jedermann ein Begriff. Im Vergleich dazu ist Trabzonspor im internationalen Fußball eine graue Maus.

Bastion gegen Istanbuler Großklubs

Ein Umstand, weshalb Janko bezüglich seines Wechsels offenkundig eine Art Marketingproblem ortet: „Mein Problem ist jetzt, dass Trabzon den meisten Leuten kein Begriff ist. Aber die Insider wissen, dass Trabzon zu den Top-Klubs in der Türkei zählt. Der Verein hat natürlich nicht so einen klingenden Namen wie Galatasaray oder Fenerbahce, spielt aber jedes Jahr vorne mit.“

In der Türkei galt der Klub jahrelang als Bastion gegen die Istanbuler Vorherrschaft in der Süper Lig. Bis 2010, als Bursaspor mit dem Exil-Österreicher Turgay Bahadir sensationell den Titel eroberte, war Trabzonspor der einzige Verein außerhalb der Bosporus-Metropole, der die Meisterschaft erringen konnte.

Und zwar immerhin sechs Mal, zwischen 1976 und 1984. Während der letzte Meistertitel also schon 28 Jahre lang zurückliegt, konnte man den Cup letztmals 2010 für sich entscheiden. In der Liga belegte Trabzonspor 2011/12 den guten dritten Platz.

Mit der Qualität des Kaders von Porto können Jankos neue Kollegen tendenziell nicht mithalten, von No-Names kann man jedoch beileibe nicht sprechen. Die beiden slowakischen Teamspieler Robert Vittek und Marek Cech sind hierzulande ebenso ein Begriff wie Halil Altintop oder Didier Zokora, der jahrelang für Tottenham und Sevilla spielte.

„Es ist nicht irgendeine Liga“

„Die türkische Liga ist vielleicht eine Spur schlechter als die portugiesische, aber mit den großen Klubs aus Istanbul gibt es schon heiße Duelle auf einem guten Niveau. Die Atmosphäre ist weltbekannt, sehr aufgeheizt. Das wird sehr aufregend. Es sind dort aktuell viele Stars vorzufinden. Vor kurzem hat etwa Raul Meireles bei Fenerbahce unterschrieben. Das zeigt schon, dass es nicht irgendeine Liga ist.“

Trabzonspor war nicht zum ersten Mal an einer Verpflichtung Jankos interessiert. In der Winter-Transferperiode gab der Goalgetter jedoch Porto den Vorzug gegenüber den Türken.

Für die Portugiesen erzielte der Niederösterreicher in zehn Liga-Spielen vier Treffer und durfte sich über den Gewinn des Meistertitels freuen. Im Sommer legte Porto jedoch kolportierte 8,8 Millionen Euro Ablöse für den Kolumbianer Jackson Martinez auf den Tisch – ein Konkurrent, der in der internen Hackordnung vor Janko platziert wurde:

„Man hat mir bei Porto die ganze Zeit erzählt, dass ich gute Chancen habe zu spielen. Sechs Tage vor Transferschluss hat man mir dann aber mitgeteilt, dass der neue Stürmer gesetzt ist, und ich mehr oder weniger machen kann, was ich will, spielen wird immer er.“

„Ich habe noch wertvolle Jahre vor mir“

Dabei war der frühere Salzburg-Kicker ursprünglich fest entschlossen, den Konkurrenzkampf aufzunehmen. Nach diesem Hinweis des Sportdirektors sah er jedoch Handlungsbedarf, auch im Hinblick auf die WM-Qualifikation mit dem Nationalteam.

„Bei Porto ist das Hauptaugenmerk irgendwo schon auf Ein- und Verkauf gelegt. Martinez ist ein junger Spieler, der auf jeden Fall sehr viel Potenzial hat. In dieses Anforderungsprofil passe ich mit 29 Jahren nicht ganz so hinein“, erläutert Janko.

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Soll heißen: Beim 25-jährigen Martinez wittert Porto die Chance, dessen Marktwert zu steigern und ihn gewinnbringend an den Mann zu bringen. Für Janko wiederum war es keine leichte Übung, binnen kurzer Zeit einen Käufer zu finden – mit Betonung auf Käufer, denn ein Leihgeschäft schloss der 1,96-Meter-Hüne von vornherein kategorisch aus.

„Trabzonspor hat sich irrsinnig um mich bemüht. Die Perspektive zu spielen, ist dort um einiges größer“, betont der 27-fache Internationale, der in seiner Karriere noch einiges vor hat: „Es war eine Entscheidung für den Sport. Ich möchte mich nicht mit der Nummer zwei zufrieden geben. Ich bin jetzt auch nicht mehr der Jüngste, aber ich habe noch wertvolle Jahre vor mir. Die möchte ich nicht auf der Bank oder der Tribüne verbringen.“

„Hätte auch meinen Vertrag absitzen können“

„Ich hätte auch in Porto bleiben, meinen Vertrag absitzen und vielleicht ab und zu mal in einer Partie reinschnuppern können. Aber ich habe andere Ambitionen. Ich bin in erster Linie Fußballer, weil ich dieses Spiel liebe, und das kann ich nicht von der Tribüne aus machen.“

Mit Senol Günes soll ihm ein erfahrener Coach zu Einsatzzeiten verhelfen. Der 60-Jährige war schon als Spieler eine Trabzonspor-Legende, als Trainer erlangte er internationale Berühmtheit, als er die Türkei 2002 bei der WM in Japan und Südkorea sensationell zum dritten Platz führte.

Viel kann Janko über seinen neuen Chef noch nicht berichten, da er erst eine Trainingseinheit unter ihm absolviert hat, zudem sein Liga-Debüt bei der 0:1-Niederlage bei Gaziantepspor (Einwechslung in Minute 72): „Der erste Eindruck ist aber positiv. Er ist ein sehr erfahrener Mann, der probiert, seine Visionen umzusetzen.“

Trabzon ist im positiven Sinne eine fußballverrückte Stadt
Marc Janko

„Ich bin kein Tourist“

Abseits des Sports ist Janko bekannt dafür, über den Tellerrand hinauszublicken, sich auch für Land und Leute zu interessieren. Nach Portugiesisch wartet mit Türkisch eine weitere knifflige Sprache auf ihn.

„Ich fühle mich sehr gut aufgehoben, die Leute sind irrsinnig herzlich und probieren einem alles von den Lippen abzulesen. Trabzon ist im positiven Sinne eine fußballverrückte Stadt“, erzählt Janko, der auch schon eine Wohnung gefunden hat.

Vorerst müssen die Sehenswürdigkeiten der Hafenstadt Trabzon aber hintenanstehen: „Ich bin in erster Linie Fußballer und kein Tourist. Natürlich ist es eine komplett andere Kultur, die da auf mich zukommt, aber ich bin generell ein sehr offener Mensch und sehe das als Bereicherung und Horizonterweiterung. Dennoch: Das Wichtigste ist der Fußball.“

Das hat Janko mit diesem „Schritt zurück“ bewiesen.

Peter Altmann

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