"Kann mir nicht vorstellen, dass etwas passiert ist"

- Abstieg! Torhüter Heinz Lienhart befand sich mit Namur im freien Fall
Wien – Die Suche nach den Hintergründen im Wettskandal.
Während man in Österreich bezüglich möglicherweise manipulierter Spiele noch im Dunkeln tappt, gibt es in anderen Ländern erste Hinweise auf verdächtige Partien.
So legte am Wochenende die „Süddeutsche Zeitung“ einen Auszug mit angeblich betroffenen Begegnungen vor.
Dabei stechen zwei Matches eines Vereins ins Auge, der zum fragwürdigen Zeitpunkt sehr wohl eine rot-weiß-rote Connection hatte.
Und zwar der belgische Zweitligist UR Namur, bei dem im Frühjahr 2009 der steirische Goalie Heinz Lienhart unter Vertrag gestanden ist.
Goalie beim „verdächtigen“ 0:2 gegen Leuven
Sowohl beim 0:3 bei Olympique Charleroi am 14. März als auch bei der 0:2-Heimniederlage gegen Leuven am 21. März sollen Kicker von Namur geschmiert gewesen sein, damit genau diese Ergebnisse zustande kommen.
Gegen Charleroi sollen sich Wettbetrüger bei einem Einsatz von 50.000 Euro einen Gewinn von 17.500 Euro ergaunert haben, gegen Leuven sollen bei einem Einsatz von 100.000 Euro gar 39.000 Euro herausgeschaut haben.
Während Lienhart das Match gegen Charleroi verletzungsbedingt verpasste, stand er gegen Leuven 90 Minuten lang im Tor.
„Ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass bei uns etwas passiert wäre“, glaubt der frühere GAK- und Kärnten-Keeper im Gespräch mit LAOLA1, dass trotz der Gerüchte alles mit rechten Dingen zugegangen ist.
„Habe definitiv kein schlechtes Gewissen“
„Die Partie gegen Leuven war recht eng, wir haben in der ersten Halbzeit sogar einen Stangenschuss gehabt. Nach der Pause sind wir durch einen Elfmeter in Rückstand geraten. Das zweite Gegentor war ein Freistoß von der rechten Seite, der scharf in die Mitte gekommen und an drei oder vier Spielern vorbeigeflogen ist, bevor an der zweiten Stange ein Spieler abgestaubt hat“, erinnert sich der 30-Jährige.
Seine erste Reaktion, als er von den dunklen Wolken, die sich über dieser Partie zusammenbrauen, hörte, sei „Fassungslosigkeit“ gewesen:
„Weil ich mir so etwas, von mir selbst ausgehend, nicht vorstellen kann. Ich habe auch definitiv kein schlechtes Gewissen. Sport ist für mich alles, mein ganzes Leben. Dafür habe ich alles hinten angestellt. Ich könnte mir nicht einmal im Entferntesten vorstellen, so etwas auch nur ansatzweise in Betracht zu ziehen.“
Nun war es in der Saison 2008/09 nicht so, dass eine Wette auf eine Niederlage von Namur ein großes Risiko darstellte – wenn, machten eben nur Tipps auf konkrete Ergebnisse „Sinn“. Der Verein aus Wallonien stieg nämlich sang- und klanglos ab.
„Es war generell eine ganz düstere Saison“
Zur Verdeutlichung: Mitabsteiger Deinze brachte es in 36 Saison-Spielen auf 36 Punkte, Namur hatte am Ende deren 13 (!) zu Buche stehen. Mehr als zwei Siege und sieben Remis gab es nicht zu bejubeln.
„Es war generell eine ganz düstere Saison“, meint Lienhart, der in der Winterpause in die 100.000-Einwohner-Stadt übersiedelte und von zwölf möglichen Frühjahrs-Spielen zehn bestritt.
„Die Mannschaft war für diese Liga schon sehr schlecht. Ich habe mir das auch anders vorgestellt, war aber froh, dass ich spielen konnte, da ich zuvor ein halbes Jahr vereinslos war."
Wenig private Kontakte
Als Lienhart Ende Jänner zum Kub stieß, habe der Rückstand auf die Relegationsplätze bereits knapp 20 Punkte betragen:
„Die Stimmung im Verein war generell nicht einfach. Man wollte irgendwie oben bleiben, hat aber schon die Aussichtslosigkeit gesehen. In so einer Situation ist es schwierig, die Mannschaft bei Laune zu halten. Das habe ich schon bei Kärnten miterlebt, wobei es dort nie so aussichtslos war. Bei Namur war das Thema Klassenerhalt dann bald erledigt, sieben oder acht Runden vor Schluss hatten wir nicht einmal mehr eine Chance auf die Relegation.“
Privat habe er zu den Kollegen wenig Anschluss gefunden: „Ich bin dort eher zurückgezogen gewesen, habe ganz wenig Kontakt gehabt. Französisch ist auch nicht meine Stärke, dadurch war es mit der Verständigung nicht so einfach. So viele sprechen dort nicht gut Englisch.“
Nach dem Abstieg folgte für Lienhart der Abschied aus Namur, seither ist er vereinslos und hält sich beim steirischen Landesligisten Pachern fit: „In Belgien hat sich nichts mehr ergeben. Dann bin ich retour nach Österreich.“
„Für den Sport ist es eine Katastrophe“
Dort habe sich aufgrund der angespannten finanziellen Situation vieler Vereine bislang kein Arbeitgeber auftreiben lassen, ab dem Winter will er jedoch wieder seinem Job nachgehen – egal ob in der Heimat oder im Ausland:
„Es ist extrem schwierig, aber es kann immer einen Lucky Punch geben, dass sich etwas Passendes ergibt, sodass ich weiter als Profi tätig sein kann. Sonst muss ich mir etwas anderes überlegen, mit 30 bin ich nicht mehr der Jüngste.“
Vorher verfolgt jedoch auch Lienhart die weiteren Erkenntnisse im größten Wettskandal, den der Fußball je erlebt hat.
„Für den Sport ist es eine Katastrophe“, befürchtet der Keeper, „ich bin schon ein bisschen schockiert, dass es scheinbar viele involvierte Spieler gibt. Das ist für mich irgendwie erschütternd.“
Peter Altmann
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