Sturm auf Schnäppchen- und Aufholjagd
Wien – Das Geburtstags-Jahr ist Geschichte, die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der steirischen Nummer eins im Fußball sind abgeschlossen.
Party-Stimmung soll beim SK Sturm nun nur noch auf dem Spielfeld herrschen.
Ein turbulenter Herbst voller Höhen und Tiefen liegt hinter den Grazern – sehr respektablen Europa-League-Auftritten folgte ein wenig zufriedenstellendes Finish in der Liga, weswegen man die Top 3 ein wenig aus den Augen verloren hat.
Am offiziellen Saison-Ziel hat sich bei den „Blackies“ indes nichts geändert. „Wir wollen wieder ins internationale Geschäft kommen“, betont Trainer Franco Foda.
Vor der Aufholjagd ging Sturm auf Schnäppchenjagd und verpflichtete mit Roman Kienast, Klaus Salmutter und Christian Prawda drei Österreicher, deren Engagement längerfristig angelegt ist.
In der traditionellen LAOLA1-Bundesliga-Vorschau nehmen wir die wichtigsten Brennpunkte aus Sicht des SK Sturm vor dem Saisonstart unter die Lupe:
Vermeidung eines Fehlstarts: Kärnten, Mattersburg, LASK. Die ersten drei Gegner machen Hoffnung darauf, dass Sturm diesmal nicht von „Frühjahrs-Müdigkeit“ gepackt wird. In den letzten beiden Jahren verschliefen die Grazer bekanntlich den Start ins neue Fußball-Jahr. Von einer Pflichtübung will Foda auch diesmal nichts wissen: „Das ist ja das Problem, dass alle glauben, das sind leichte Spiele, dabei sind genau das die schwierigsten. Denn gerade am Anfang kämpft jeder noch ums Überleben, vor allem Kärnten. Linz hat einen neuen Trainer, und Mattersburg ist immer schwer zu spielen. Aber wir wollen natürlich so viele Punkte wie möglich holen.“ Das wäre auch notwendig, will man zumindest eine Aufholjagd auf Rang drei starten. Nach sechs sieglosen Partien am Herbst-Ende liegt man bereits sechs Punkte hinter der Austria. Leader Rapid ist gar schon um elf Punkte enteilt.
Schnäppchenjagd: Mit Roman Kienast, Klaus Salmutter und Christian Prawda ergänzen gleich drei neue heimische Kräfte den Kader. Das Trio spielt in den perspektivischen Planungen eine große Rolle, laut Foda sind diese Spieler im Hinblick auf den Sommer, wo der eine oder andere Abgang droht, wichtig: „Wenn es solche Schnäppchen gibt, muss man jetzt zuschlagen.“ Zum Beispiel Prawda. „Ein Spieler, der bei Kärnten unterschätzt wurde. Aufgrund seiner Verletzung hat ihn Kärnten jetzt schon hergegeben.“ Bei Kienast lässt es den 43-Jährigen kalt, dass dieser bei manchen Kritikern nicht den besten Ruf genießt: „Es gibt immer Leute, die mit irgendetwas nicht zufrieden sind. Mein Eindruck ist, dass er sehr lernwillig ist und viel Leidenschaft an den Tag bringt.“ Foda betont, dass Sturm nicht die Top-Kategorie an Spielern bekomme, aber dafür jene, die wissen, dass man sich bei den „Blackies“ weiter entwickeln könne: „Kienast und Salmutter sind Spieler, die schon einmal sehr weit oben waren, die bereits Teamspieler waren. Meine Aufgabe wird es sein, diese Spieler wieder dort hinzubringen.“
Die Rückkehr des Klaus S.: Nach eineinhalb verkorksten Jahren in Linz steht der „verlorene Sohn“ Salmutter wieder in Diensten seines Stammvereins. Foda erinnert daran, dass die Offensivkraft schon einmal nach einer Rückkehr (aus Schalke) bei Sturm durchgestartet ist. „Ich glaube, er ist ein Spieler, der die nötige Wärme benötigt, der Rückendeckung des Trainers braucht. Jetzt wird es wichtig sein, dass er geduldig bleibt. Wir probieren, ihn so schnell wie möglich auf den Level der anderen Spieler zu bringen. Dann bin ich zu 100 Prozent überzeugt, dass er wieder an die gleichen Leistungen, die er gezeigt hat, bevor er nach Linz gegangen ist, anknüpfen kann“, setzt der Deutsche auf den Faktor Zeit.
Bevorstehender Konkurrenzkampf: Die erste Startelf der Frühjahrs-Saison dürfte wohl jener des Herbstes ähneln (siehe Wunschelf & Kaderbewertung). Am Papier liest sich der Kader zwar sehr gut, bloß hat der eine oder andere Spieler noch mit körperlichem Rückstand zu kämpfen. Prawda kam verletzt, Kienast und Salmutter haben lange nicht gespielt. Kienzl und Hassler sind noch rekonvaleszent. „Mario Haas ist auf dem Weg der Besserung, braucht aber natürlich noch etwas Zeit“, kann Foda auch beim Kapitän noch keine Entwarnung geben. Zudem kämpften auch andere Spieler in der Vorbereitung mit Blessuren. „Deswegen konnten wir oft nicht in gewissen Formationen spielen“, beklagt Foda, wohlwissend, dass er über kurz oder lang über die Qual der Wahl verfügen könnte: „Alle Spieler müssen erst einmal zu 100 Prozent in einem körperlich fitten Zustand sein. Wenn das der Fall ist, haben wir den Konkurrenzkampf, den ich mir wünsche.“
Interne „Qualifikation“: Im Sommer laufen bei Sturm einige Verträge aus. So halten zum Beispiel Haas, Hlinka, Kandelaki, Lavric oder Lamotte noch keinen neuen Kontrakt in Händen, während die Verhandlungen mit Mario Sonnleitner bezüglich einer Verlängerung schon weit fortgeschritten sind. Foda wehrt sich jedoch dagegen, dass das Frühjahr für den einen oder anderen eine Art „Qualifikation“ darstellt: "Wir wissen, was die Spieler können, sie sind ja alle schon eine Zeit bei uns. Es gibt einige, denen Oliver Kreuzer bereits ein Angebot gemacht hat. Wir wollen uns weiter entwickeln, und wir werden dann schauen, wer für uns in Frage kommt.“
Suche nach der Heimstärke: Die Festung Liebenau? Das war einmal. Während Sturm die Auswärtstabelle nach Verlustpunkten (ein Spiel weniger als Salzburg) anführt, rangiert man in der Heimtabelle nur auf dem 7. Platz – nur Mattersburg, Kapfenberg und Kärnten schnitten vor heimischem Publikum schlechter ab. Laut Foda ist mehr Konzentration von Nöten: „Wir haben zu Hause viele Spiele aus der Hand gegeben, in denen wir sehr euphorisch gespielt haben.“ Als Beispiele nennt er das 3:3 gegen den LASK nach 3:0-Führung, das 2:2 gegen die Austria, wo man einen Vorsprung nicht über die Zeit retten konnte, und das 0:1 gegen die Veilchen trotz drückender Überlegenheit. „Man muss auch zu Hause konzentriert spielen, selbst wenn man 2:0 führt. Ich bin überzeugt, wenn alle Mann wieder an Bord sind, und wir auch die Möglichkeit haben, von der Bank noch etwas zu wechseln, dann sieht die Sache sicher anders aus“, so der Coach.
Keine Tore am Fließband: 28 Tore, 19 Gegentore. Während zweitere Zahl absolut im Rahmen ist, zeugt erstere davon, dass der SK Sturm der Saison 2009/10 bislang nicht für Tore am Fließband steht. Dass dieser Umstand kritisiert wird, liegt für Foda „in der Natur des Menschen.“ Aber auch Chelsea oder Arsenal könnten nicht jedes Mal fünf oder sechs Tore erzielen: „Die Erwartungshaltung wird natürlich immer größer. Man muss aber auch zufrieden sein, wenn man zu Hause einmal nur 1:0 gewinnt. Wichtig ist außerdem, dass sich die Mannschaft Torchancen erarbeitet.“ Am Ende der Saison zähle zudem, wie viele Punkte man am Konto habe und auf welchem Platz man stehe: „Ich denke, da haben wir in den letzten paar Jahren die Erwartungen immer weit übertroffen.“
Potenzielle Shootingstars: Auch wenn Sturm am Transfermarkt aktiv ist, will man in Graz auf den eigenen Nachwuchs nicht vergessen. Marvin Weinberger, Sandro Foda und Christian Klem, der laut Foda in der Vorbereitung einen guten Eindruck hinterließ, bekamen bereits im Herbst vereinzelt Einsatzzeit. Mit Florian Kainz wurde ein 17-jähriges Talent in den Profi-Kader befördert. „Ich denke schon, dass wieder der eine oder andere Junge eine Chance bekommt. Deshalb haben wir die Akademie, deshalb bilden wir Spieler aus“, meint der Coach. Chancen auf den Titel des Shootingstars hat auch der 21-jährige Haris Bukva, der im Sommer aus Kärnten kam, in der Liga bislang aber nur einmal in der Startelf stand. Foda fordert: „Das ist ein Spieler, der großes Potenzial besitzt. Es liegt an ihm, es im Spiel, und vor allen Dingen im Training, immer wieder zu zeigen.“
Titel-Chance im Cup: Während in der Liga der Rückstand auf die Spitze wohl schon zu groß ist, lebt im Cup die Chance auf einen Titel. Große Kampfsansagen sind aus Graz diesbezüglich aber nicht zu hören, wartet doch bereits am Mittwoch im Achtelfinale mit Red Bull Salzburg ein großes Kaliber. Foda greift daher auf das bewährte Mittel, von Spiel zu Spiel zu denken, zurück: „Wir haben die Möglichkeit, gegen Salzburg zu Hause zu spielen, wo wir wissen, dass wir jeden Gegner schlagen können. Unser Ziel ist es, eine Runde weiter zu kommen.“
LAOLA1-Fazit: Aller schlechten Dinge sollten nicht drei sein. In den vergangenen beiden Jahren verpatzte Sturm den Start ins neue Jahr, erfing sich jeweils erst im Laufe des Frühjahrs, um am Ende Rang vier zu sichern. Der große Unterschied zu heuer? 2008 als Winterkönig und auch 2009 war man zumindest auf Tuchfühlung zur Konkurrenz, Titel-Träume waren keine Seltenheit. Letztlich eine Ablenkung. Derzeit findet das Wort „Meistertitel“ keinen Platz im Grazer Wortschatz, zu groß ist der Rückstand. Groß ist dafür, zumindest sobald bei einigen körperliche Defizite ausgemerzt sind, auch der Kader. Neuer Realismus und interner Konkurrenzkampf sind keine schlechten Voraussetzungen, um diesmal den nächsten Schritt nach vor zu machen – und das wäre bereits ein dritter Platz.
Peter Altmann
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