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10.07.2009, 08:47 Uhr

Erik Dekker und "die richtigen Umstände"

Ein Sturz bei der Tour de France beendete Erik Dekkers erfolgreiche Karriere

St. Pölten - Freud und Leid liegen manchmal so nah beieinander.

Diese Erfahrung macht aktuell das Team Rabobank.

Während der niederländische Rennstall sich bei der Österreich Rundfahrt hervorragend schlägt,kämpft er bei der Tour de France gegen eine Pechserie an.

"Du brauchst die richtigen Umstände", erklärt Erik Dekker, legendärer Ausreißerkönig, gegenüber LAOLA1.

Der Niederländer fuhr zwischen 1996 und 2006 für Rabobank und feierte zahlreiche hochrangige Siege. Neben dem Amstel Gold Race und der Clasica San Sebastian holte sich der nunmehr 38-Jährige gleich vier Etappensiege bei der Tour de France.

Unvergessen die Grande Boucle 2000, als Dekker gleich dreimal als Ausreißer gewann. Ein Kunststück, das seither keinem Fahrer seines Renntypes gelang.

"Dabei hatte ich noch weitere Chancen auf einen Etappensieg." Inzwischen ist er als Sportlicher Leiter für die Equipe tätig und darf sich aktuell über starke Leistungen seiner Fahrer bei der Ö-Tour freuen.

Im LAOLA1-Interview spricht Erik Dekker über das aktuelle Wechselbad der Gefühle im Team Rabobank, seine Glanzzeit als Profi, Spielchen zwischen Lance Armstrong und Alberto Contador sowie über die beiden Österreicher bei der Tour de France, Peter Wrolich und Bernhard Eisel.

LAOLA1: Erik, welches Resümee würdest du bisher über die Leistungen deiner Rabobank-Fahrer bei der Ö-Tour ziehen?

Erik Dekker: Ich bin sehr zufrieden. Wir hatten auf der 3. Etappe einen sehr guten Tag und konnten mit Koos Moerenhout und Pieter Weening aufzeigen. Moerenhout wurde Glocknerkönig und Weening gewann die Etappe. Dazu war Bram Tankink bisher sehr stark und mit Graeme Brown haben wir auf der ersten Etappe nur ganz knapp einen Etappensieg verpasst. Ich bin wirklich sehr glücklich bislang.

LAOLA1: Mit welchen Erwartungen geht ihr in die letzten drei Etappen?

Dekker: Wir wollen noch eine Etappe gewinnen, ganz klar. Unser Team ist top motiviert, dazu haben wir mit Moerenhout, Tankink und Weening, die nur knapp einen Startplatz bei der Tour verpasst haben. Sie sind also sehr gut in Form. Das Gesamtklassement spielt für uns nur eine kleine Rolle, aber im Zeitfahren in Podersdorf haben wir mit Moerenhout und Rick Flens zwei gute Leute.

LAOLA1: Während es in Österreich sehr gut läuft, wird das Team bei der Tour de France arg gebeutelt. Gesink musste aufgrund der Nachwirkungen eines Sturzes aufgeben, Menchov verlor wertvolle Zeit auf die Favoriten.

Dekker: Das kann man so sagen. In Frankreich läuft es nicht gut. Zumindest konnte Oscar Freire ein gutes Ergebnis einfahren (Etappenzweiter in Barcelona, Anm.).

LAOLA1: In der Gesamtwertung sieht es düster aus, Menchov liegt knapp fünf Minuten hinter „Gelb“. Pickt er sich nun einige Etappe heraus, oder fährt er weiter aufs Gesamtklassement?

Dekker: Wir müssen aber erst einmal schauen, wie er mental so drauf ist. Wenn alles so schlecht läuft, ist es auch schwierig, sich von so einem Tief zu erholen. Er hat aber die Klasse, um wieder zurück zu kommen. Vielleicht kann er jetzt, wo er klar zurückliegt, am Berg attackieren und die eine oder andere Etappe für sich entscheiden. Für die Mannschaft ist es sehr schwer.

LAOLA1: Hat Menchov vielleicht auch zu viel Kraft beim Giro, den er gewinnen konnte, verpulvert?

Dekker: Das ist schwer zu sagen. Im letzten Jahr hat er es ähnlich gemacht und war bei beiden Rundfahrten sehr stark. Wenn es ihm in der dritten Woche schlecht geht – okay, aber schon in der ersten Woche so viel zu Zeit zu verlieren? Das ist nicht gut.

LAOLA1: Du musstest deine Karriere nach einem Sturz 2006 beenden und bist seither Sportlicher Leiter. Würdest du lieber noch selbst im Peloton fahren?

Dekker: Das Ende nach dem Sturz bei der Tour 2006 war so nicht planbar, aber die aktive Karriere habe ich hinter mir. Nun bin ich froh, dass ich jetzt als Sportlicher Leiter arbeiten kann. Der Job macht mir auch sehr viel Spaß. Natürlich ist es nicht dasselbe, wenn man selbst ein Rennen gewinnt. Aber es ist auch schön, wenn du im Auto sitzt und einer deiner Fahrer siegt. Ich bin glücklich, dass ich noch immer im Radsport tätig sein kann.

LAOLA1: Du hast unter anderem das Amstel Gold Race gewonnen, besonders in Erinnerung blieben aber deine Etappensiege bei der Tour 2000, die du als Ausreißerkönig gewinnen konntest. Heute ist das nahezu unvorstellbar.

Dekker: Ja, dabei hatte ich 2000 noch weitere Chancen auf einen Etappensieg. So wurde ich einmal kurz vor dem Ziel mit meinem Fluchtkollegen Jens Voigt gestellt.

LAOLA1: Warum kommen Ausreißer nur noch so selten durch?

Dekker: Du brauchst die richtigen Umstände. Neben dem nötigen Quäntchen Glück fehlten 2000 auch einige Sprinter wie Mario Cipollini. Dadurch gab es viele Attacken und nur wenige Teams, die auf Massensprints fokussiert waren. Inzwischen gibt es kaum noch Chancen auf Ausreißersiege, das ist unglaublich.

LAOLA1: Um diese zu erhöhen, wagt die Tour ein Experiment und verbietet auf zwei Etappen die Funkverbindung zu den Fahrern. Was hältst du von dieser Maßnahme?

Dekker: Für das Publikum ist das sicher eine tolle Maßnahme. Für die Teams ist es aber nicht so toll, weil du dich plötzlich auf etwas ganz Neues einstellen musst. Dabei geht es um so viel Geld. Und nun kann es sein, dass man eine Etappe verliert, weil die Tour ein Experiment wagen will. Für das Rennen selbst ist es bestimmt ein toller Zug, weil es die Spannung erhöht. Es ist nun mal so, dass der Sport immer mehr zum Business wird. Da gehört eben auch eine gewisse Show dazu.

LAOLA1: Bei der Tour geht es am Freitag erstmals in die Berge. Welche Fahrer hast du besonders auf der Liste?

Dekker: Einen Armstrong muss man sicher beachten. Er ist einfach zu gut, um zu sagen, er wäre kein Favorit. Auch, wenn er lange weg war. Topfavorit ist aber sicher Alberto Contador. Die Frage ist auch, welches Spiel zwischen ihm und Armstrong gespielt wird.

LAOLA1: Nach der dritten Etappe, auf der Astana für Armstrong Tempo machte, obwohl Contador in der zweiten Gruppe war, gab es heftige Diskussionen. Deine Meinung?

Dekker: Johan Bruyneel (Sportlicher Leiter, Anm.) hat die richtige Entscheidung getroffen. Das war doch ganz normal, dass Bruyneel seine Leute in die Führung schickte. Er musste so reagieren, da außer Armstrong kein Favorit in der Spitzengruppe war. Wäre ein Schleck oder ein Evans vorne gewesen, hätte Astana keine Tempoarbeit geleistet. Aber so: Ihm muss es egal sein, ob Armstrong gewinnt oder Contador.

LAOLA1: Abschließend noch eine Frage zu den beiden Österreichern Bernhard Eisel und Peter Wrolich. Wir würdest du die beiden charakterisieren?

Dekker: Peter Wrolich kenne ich nicht so gut, aber er macht bei Milram gute Arbeit. Bernhard Eisel sieht man ja jeden Tag vor dem Peloton arbeiten (lacht). Es war richtig, ihn zur Tour mitzunehmen. Er ist explosiv und hat große Erfahrung. Er ist ein guter Fahrer.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christoph Nister

Quelle: LAOLA1.at

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