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21.07.2009, 10:03 Uhr

Eisel: "Ich brauche keine Schulterklopfer"

Arbeitsbiene Bernhard Eisel holt beim Teamfahrzeug Getränke-Nachschub

Wien - Endlich ein Tag, um zu regenerieren.

Die Profis der Tour de France genießen ihren zweiten Ruhetag und versuchen, die Akkus wieder aufzuladen.

Österreichs einzig verbliebener Fahrer, der Steirer Bernhard Eisel, tut dieser freie Tag besonders gut.

Gehört er doch zu jenen Athleten, die bislang die meiste Tempoarbeit im Feld verrichten mussten. Das "Mädchen für alles" nahm seinen Job sehr ernst und bewies Teamspirit und Leidensfähigkeit.

Stundenlang sorgte er im Peloton für die Pace und war sich nicht zu schade, für seine Teamkollegen die "Drecksarbeit" zuverrichten.

Im LAOLA1-Interview spricht Eisel über die Höhen und Tiefen während der Tour, eine "unverschämte" Aktion der Konkurrenz sowie seine Gemütslage.

Weiters fühlt er sich in seinem Favoritentipp bestätigt und kann sich unter gewissen Umständen vorstellen, dass Lance Armstrong noch einmal in Gelb nach Paris fährt.

LAOLA1: Bernhard, zwei Wochen Tour sind passé, die schweren Alpenetappen warten noch auf euch. Wie ist dein Gemütszustand?

Bernhard Eisel: Ja, jetzt beginnen die richtigen Tour-Etappen. Die ersten Tage war es noch relativ ruhig, doch seit einigen Tagen ist hier die Hölle los. Nach dem Motto 'Achtung, fertig, los' gab es hier richtig was zu tun. Ständige Attacken und viel Wind machen es ziemlich schwer.

LAOLA1: In den letzten Tagen spielte auch einige Male die Kälte eine wichtige Rolle. Keine angenehme Situation für die Fahrer.

Eisel: So ist es, aber das ist eben die Tour. Es gibt Tage, an denen du nicht aufstehen und lieber im Bett bleiben willst. Aber das gehört dazu.

LAOLA1: Viele Fahrer haben mit körperlichen Problemen zu kämpfen. Wie ist es um deine Gesundheit bestellt?

Eisel: Mir geht es richtig gut. Ein kleines Problem habe ich, mein Bein schmerzt. Aber auch der Tour-Arzt hat gemeint, da kann man nichts machen. Ansonsten fühle ich mich wirklich sehr, sehr gut.

 

LAOLA1: Für das Team Columbia gab es viel zu feiern, doch auch Grund zum Ärgern. Wie fällt deine Bilanz bislang aus?

Eisel: Ganz gut. Die Sprints verlaufen ja hervorragend, Mark (Cavendish) hat vier Etappen gewonnen. Es ist nur schade, dass wir kein Trikot mehr haben und wir auf der nach Besancon keinen glorreichen Tag hatten.

LAOLA1: Du sprichst die Situation an, dass Hincapie um fünf Sekunden das Gelbe Trikot verpasste.

Eisel: Genau. Die andere amerikanische Mannschaft hat sich wohl gedacht, es wäre nicht so gut für sie, wenn wir Gelb hätten, darum haben sie Tempo gemacht. Es war unverständlich und unverschämt, was Garmin da gemacht hat. So etwas hätte nicht passieren dürfen.

LAOLA1: Zudem wurde Cavendish auch noch bestraft und an die letzte Stelle des Klassements gereiht.

Eisel: Das war meiner Meinung nach eine komplette Fehlentscheidung der Jury. Cav hat sich nur nach Hushovd umgedreht. Wenn das nicht mehr erlaubt ist, dann weiß ich auch nicht. Wir haben in den letzten Jahren schon deutlich rüdere Geschichten erlebt. Aber wir müssen es hinnehmen, wie es kam. Die Tour geht trotzdem weiter.

LAOLA1: Wie ging Hincapie mit der Enttäuschung um?

Eisel: Es war ihm völlig unverständlich. Eine Attacke von amerikanischen Freunden. Es war eine persönliche Attacke, die nicht mehr rückgängig zu machen ist.

LAOLA1: Du selbst hattest aufgrund deiner unermüdlichen Tempoarbeit bislang eine TV-Präsenz, die ihresgleichen sucht. Wie zufrieden ist die sportliche Leitung mit dir?

Eisel: Die Teamführung ist happy. Ich habe bislang keine Beschwerden gehört (lacht). Ich brauche aber auch nicht jeden Tag irgendwelche Schulterklopfer, die meine Leistung würdigen. Ich wusste im Vorfeld, warum ich nach Frankfreich komme. Der Radsport ist eine Teamsportart und bei vier Etappensiegen dürfen wir uns nicht beschweren.

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LAOLA1: Sechs harte Etappen stehen euch noch bevor, darunter die Bergankunft am Mont Ventoux. Was kann man vom Team Columbia noch erwarten?

Eisel: Ich hoffe doch, dass zumindest noch ein Etappensieg dazukommt. Wir haben alle eine gute Form, gute Beine und die richtige Einstellung. Denn im Gegensatz zu anderen Teams fahren wir Radrennen, um sie zu gewinnen und nicht, um andere um den Ruhm zu bringen.

LAOLA1: Gewinnen will auch Alberto Contador, der in Verbier eine Machtdemonstration ablieferte. Hättest du ihm diesen Husarenritt zugetraut?

Eisel: Für mich war Contador von Beginn an der Stärkste. Er ist super drauf, das hat er in Verbier bewiesen.

LAOLA1: Lance Armstrong musste – natürlich auf hohem Niveau – eine Niederlage hinnehmen. War damit zu rechnen?

Eisel: Zunächst einmal große Hochachtung vor seiner Leistung. Er ist 37, Contador erst 26. Ich habe öfter mit Lance gesprochen und er ist immer noch ein toller Rundfahrer. Im Moment allerdings muss er sich Contador beugen.

LAOLA1: Kann Armstrong – sofern er 2010 tatsächlich noch am Start ist – die Tour noch einmal gewinnen?

Eisel: Er hat den nötigen Killerinstinkt, davon kann man sich viel abschauen. Aber die Zeit spielt eben gegen ihn. Ich gehe schon davon aus, dass Lance stärker sein wird als in diesem Jahr, aber Contador ist für mich der Paradekletterer. Eine wichtige Rolle spielt bestimmt auch die Streckenführung. Wenn die ASO (Tour-Organisator, Anm.) sagt, wir brauchen einen achten Tour-Sieg und die Strecke danach ausrichtet, ist ein Sieg durchaus möglich. Aber es gibt auch Leute wie Andy Schleck oder Tony Martin, die immer stärker werden.

LAOLA1: Wer sind für dich die großen Tour-Enttäuschungen, wer die Überraschungen?

Eisel: Von Sastre, Menchov, Evans oder Karpets hätte ich deutlich mehr erwartet. Die haben aber schon auf den ersten Etappen zu viel Zeit verloren. Sehr überrascht bin ich von Bradley Wiggins, der eine sensationelle Tour fährt. Ich kenne aber sein Talent, daher weiß ich, dass er es wirklich drauf hat.

LAOLA1: Abschließende Frage: Ist Contador der Tour-Sieg noch zu nehmen?

Eisel: Ich glaube nicht. Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, holt er sich den Sieg.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christoph Nister

Quelle: LAOLA1.at

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