

Die Zukunft der Olympischen Spiele

- In Kopenhagen werden wichtige Weichen für die Zukunft Olympias gestellt
Gastkommentar von Markus Redl
Am 2. Oktober 2009 befinden die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) anlässlich ihrer Session in Kopenhagen darüber, in welcher Host City die Olympischen Spiele 2016 stattfinden werden.
Trotz der weltweiten Aufmerksamkeit, die dieser Entscheidung zu Teil wird, trotz der geballten Präsenz der politischen Eliten bis hin zu US-Präsident Barack Obama, steht eines dabei gewiss nicht auf dem Spiel: die Zukunft der Olympischen Spiele.
Erstens sind aller Voraussicht nach alle vier Finalkandidaten – Chicago, Madrid, Rio de Janeiro und Tokio (in alphabetischer Reihenfolge) – mit Hilfe des IOC organisatorisch in der Lage, das Megaprojekt Olympische Spiele zu stemmen.
Einmal auserwählt bleibt auch dem Gastland gar nichts anderes übrig, als die notwendige Infrastruktur bereitzustellen und für die Sicherheit der Veranstaltung zu sorgen. Zweitens hat die Marke „Olympische Spiele“ auch schon in der Vergangenheit nicht ganz so stimmungsvoll oder perfekt organisierten Ausgaben standgehalten.
Die wahren Fragen zur olympischen Zukunft werden direkt im Anschluss an die Host City-Entscheidung bei einer medial weit weniger beachteten Konferenz behandelt: In großen Zeitabständen organisiert das IOC einen Olympischen Kongress (der letzte fand 1994 in Paris statt) um sich als Olympische Bewegung den wichtigsten strategischen Themen zu stellen.
Die Diskussion selbst wird eher eine trockene Angelegenheit, denn wie bei diplomatischen Zusammentreffen üblich, werden die Vertreter der Nationalen Olympischen Komitees, der Internationalen Sportverbände und anderer IOC-Partner wenig überraschende Positionen austauschen.
Auch das Schlussdokument wird wohl bereits vorbereitet sein. Interessant ist jedoch, welche Themen IOC-Präsident Jacques Rogge – am Übergang von seiner ersten, acht Jahre dauernden Amtsperiode zu einer in Kopenhagen beginnenden vierjährigen Verlängerung – setzt. An prominenter Stelle gibt Rogge dabei die Frage vor, wie die Olympischen Spiele für eine Mehrheit der jungen Menschen relevant bleiben oder überhaupt erst werden können.
Genau dies scheint nicht zuletzt aufgrund massiver Veränderungen im Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen (stagnierender TV-Konsum und florierende Internet-Nutzung auf verschiedenen Plattformen) gefährdet.
Junge wenden sich von strukturkonservativem IOC ab
Wer verstehen will, wie das IOC derartig strukturkonservativ werden konnte, blickt am besten auf Anfang der 1980er-Jahre zurück, als der finanzielle Ruin für den Sportriesen greifbar nahe war. Die West-Ost-Boykottpolitik hatte außerdem dazu geführt, dass sich für die Olympischen Spiele beinahe keine Organisatoren mehr fanden.
Trotz dieser Ausgangssituation schafft der Spanier Juan Antonio Samaranch als IOC-Präsident gemeinsam mit seinem Rechtevermarkter, dem kanadischen Rechtsanwalt Dick Pound, den Umschwung. In den folgenden zwei Jahrzehnten lebte das IOC vor allem von rasant steigenden Erlösen aus dem Verkauf seiner TV- und Marketing-Rechte.
Die meisten der insgesamt 33 olympischen Sportverbände – vom Bogenschießen bis zum Rodeln – können mit ihren eigenen Weltmeisterschaften bei weitem nicht mithalten, sodass eine doppelte Abhängigkeit entsteht. Viele Strukturen im internationalen Sport werden überwiegend durch das IOC finanziert. Gegen jede neu für das das olympische Programm angedachte Sportart, wie beispielsweise Skateboarden, regt sich daher sofort interner Widerstand.
Alles, was vordergründig das eigene Stück am Kuchen verkleinert, wird bekämpft und abgelehnt. Zudem war der olympische Sport viel zu lange auf die sprudelnde Einnahmequelle Fernsehen fixiert. Heutzutage werden zwar auch Multimediarechte vermarket, vom IOC sehr häufig jedoch etwas stiefmütterlich behandelt und im Paket mit den TV-Rechten vergeben.
Die olympischen Werte „Streben nach Exzellenz“, „Freundschaft“ und „Respekt“ beispielsweise über soziale Netzwerke im Internet zu kommunizieren, ist bisher nicht gelungen.
Wenig überraschend kritisieren junge Zielgruppen die Inszenierung der Olympischen Spiele als altbacken, sofern sie überhaupt noch wahrgenommen wird. Hinter dieser Krise verbirgt sich jedoch weit mehr als ein bloßes Vermittlungsproblem.
Das IOC definiert sich vorrangig über seine sportpädagogische Mission, will tatsächlich der Jugend der Welt die Olympische Idee näher bringen und sieht sich dabei mit einem massiven Glaubwürdigkeitsproblem konfrontiert. Junge Menschen haben heute ein feines Gespür für die vielfach unmenschlichen Praktiken des olympischen Spitzensports.
Sie haben kein Verständnis für heroische Allüren, die Leben und Gesundheit gefährden; die Jugend ahnt, dass die staatlichen Sportsysteme hinter den Kulissen alles andere als zimperlich agieren. Dazu kommen offensichtliche Unvereinbarkeiten wie die ständige Rhetorik für ausgewogene Ernährung bzw. Initiativen gegen Fettleibigkeit einerseits und dem traditionellen Sportsponsoring der Fast Food- und Soft Drink-Industrie andererseits.

- Die Arbeit von IOC-Präsident Jacques Rogge ist in Zukunft noch mehr gefordert
Erbe von IOC-Präsident Rogge
Rogge weiß, dass die nächsten Jahre sein olympisches Erbe – einmal abgesehen von der strikten Anti-Doping-Politik – endgültig prägen werden.
Er steht in Abkehr der autoritären Zirkel rund um Samaranch mit seinem Führungsverständnis für mehr Partizipation (gerade auch von Athletinnen), für den Dialog mit der Europäischen Union – die schon einmal kritisch die sogenannte Autonomie und Selbstregulierung des Sports hinterfragt – sowie IOC-intern für eine Aufwertung der technischen Experten und Expertinnen.
Alles trug zu seinem Ruf bei, sportpolitisch wenig durchsetzungsstark zu sein. Der große Wurf ist Rogge bisher tatsächlich nicht gelungen. Bei der Session in Kopenhagen werden voraussichtlich Rugby und Golf wieder olympisch, eine richtige Programmreform bleibt weiter aus.
Heiße Eisen wie strukturelle Defizite in der leider nur scheinbar demokratischen Governance des Sports oder auch Korruption in den eigenen Reihen werden nur sehr zaghaft angepackt. Das Problem des sinkenden Interesses der Jugend an den Olympischen Spielen will Rogge jedoch nicht auf sich beruhen lassen. Persönlich setzte er gegen den anfänglichen Widerstand vieler IOC-Mitglieder Olympische Jugendspiele durch, möglicherweise ein dauerndes Zeugnis seiner Präsidentschaft.
An den „Youth Olympic Games“ (YOG), deren Sommer- und Winterausgabe jeweils im Abstand von vier Jahren stattfinden werden, nehmen 15- bis 18-jährige Leistungssportler/-innen teil.
Die ersten Sommerspiele finden 2010 in Singapur, die ersten Winterspiele 2012 in Innsbruck statt. Rogge möchte die YOG vor allem auch als eine Plattform für Veränderung innerhalb der Olympischen Bewegung nutzen. Es darf und soll mit neuen Ansätzen experimentiert werden. Gleich bei den Sportarten musste er allerdings auf Druck der olympischen Sportverbände einen Rückzieher machen.
Zur Austragung gelangen erst wieder nur bereits etablierte Sportarten und Disziplinen. So stürzt sich Rogge und sein Führungsteam auf das sogenannte „Culture and Education Program“ für die Aktiven, das auch gut als „Inspiration and Empowerment Program“ durchgehen könnte.
Die Teilnehmer/-innen sollen nämlich nicht nur um Medaillen ringen, sondern auch für Themen wie Anti-Doping und die Vereinbarkeit von Sport und Bildungskarriere sensibilisiert werden. Damit wirklich ein institutioneller Lerneffekt entsteht, müssen dabei potenzielle Skeptiker wie Funktionäre/-innen und Coaches mit einbezogen werden.
Überhaupt steht und fällt der innovative Wert der YOG mit der Einbindung von Partnern: die Internationalen Verbände mit ihren Olympiasiegern/-innen, die World Anti-Doping Agency, das Internationale Paralympische Komitee, die Sponsoren und Rechteinhaber des IOC – sie alle sollen Verantwortung für konkrete Aufgaben vor Ort übernehmen.
Olympische Jugendspiele als Experimentierfeld
Mit den Olympischen Jugendspielen – die natürlich auch beim Olympischen Kongress in Kopenhagen debattiert werden – hat Rogge einen Nebenschauplatz geschaffen, auf dem die olympischen Zukunftsfragen durchexerziert werden müssen.
Welche Anschauungen sind heute noch wertvoll und zeitgemäß, wo müssen wir uns von liebgewonnen Verhaltensmustern verabschieden? Natürlich ergibt das alles nur dann einen Sinn, wenn Erkenntnisse von den Jugendspielen auch Eingang in die Olympischen Spiele und die breitere Olympische Bewegung finden.
Was eine an einem Ort der Welt für zwei Wochen stattfindende Veranstaltung wohl auch in Zukunft nicht leisten kann, ist junge Menschen in großem Stil zu mehr Sport und Bewegung in ihrem eigenen Leben anzuregen. Außer das IOC denkt um und nimmt Anleihe an erfolgreichen Kampagnen wie „An Inconvenient Truth“ mit Al Gore, die unter Nutzung verschiedenster Kanäle für ein soziales Anliegen mobilisieren.
Dann würden wir vielleicht bereits im Zusammenhang mit den Olympischen Jugendspielen in Innsbruck 2012 eine Kampagne auf der Grundlage eines Dokumentarfilms in der Ästhetik und Sprache der Jugend sehen, über die Olympische Werte neu verhandelt werden können.
Markus Redl ist ausgebildeter Sportwissenschaftler und Unternehmensberater bei der ICG Infora GmbH. Er lehrt Sportmanagement an der Universität Innsbruck und der Fachhochschule Kufstein.





















Keine Kommentare vorhanden.